Abendmusiken

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Marienkirche zu Lübeck

Die Abendmusiken sind die traditionsreichste Folge von Kirchenmusikveranstaltungen in der Hansestadt Lübeck. Sie waren die ersten regelmäßigen Kirchenmusikveranstaltungen außerhalb des Gottesdienstes und kosteten keinen Eintritt, weil sie von der örtlichen Wirtschaft gesponsert wurden.

Die historischen Abendmusiken vom 17. bis zum 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Die Abendmusiken wurden von Franz Tunder in seiner Zeit als Organist an der Lübecker Marienkirche (1641–1667) begründet. Der Ursprung dieser Konzerte ging nicht von der Kirchengemeinde, sondern von der Kaufmannschaft aus, indem die „Commerzierenden Zünfte“ sich ab 1646 vor der Börse im nebenan gelegenen Lübecker Rathaus eine „Zeit-Kürzung“ durch sein Orgelspiel geben ließen. Tunder erweiterte die zunächst reinen Orgelkonzerte um Streichinstrumente und Gesang.

Blüte[Bearbeiten]

Dietrich Buxtehude, Tunders Nachfolger als Organist an St. Marien, übernahm diese von seinem Amtsvorgänger begründete Tradition und baute die Veranstaltungsreihe während seiner Amtszeit an dieser Kirche (1668–1707) weiter aus. Auf seine Initiative hin wurden 1669 die Sängeremporen im Mittelschiff der Kirche eingebaut. Seit 1673 wird der Begriff der Abendmusiken dann allgemein gebräuchlich. Buxtehude erweiterte das Programm um Chor und Orchester und nahm hierzu die Hilfe seines Schwagers Samuel Frank in Anspruch, der Kantor an St. Marien und am Katharineum zu Lübeck war. Es wird heute von bis zu 80 mitwirkenden Musikern ausgegangen, wobei Buxtehude sieben Ratsmusiker von der Stadt kostenlos beigestellt wurden. Für die gegebenenfalls notwendig werdende Bezahlung aller weiteren musste er zunächst selbst aufkommen. Der Organist trug also das Veranstalterrisiko; die entstehenden Unterdeckungen wurden jedoch regelmäßig durch private Spenden und Zuschüsse der Stadt abgedeckt.

Die Abendmusiken fanden zunächst an Donnerstagen statt, wurden jedoch bald auf die fünf Sonntage vor Weihnachten gelegt, an denen sie um 16 Uhr begannen.

Die Veranstaltungen können vom Ablauf her nicht mit heutigen Konzertveranstaltungen verglichen werden. Wegen der Finanzierung durch den Rat, die Kaufmannskorporationen, die Zünfte und Spenden der Familien des Patriziats hatten die Veranstaltungen einen außerordentlichen Zulauf aus allen Bevölkerungsschichten, nahmen nach den Berichten durchaus einen tumultartigen Verlauf und erforderten den ganzen Einsatz des Sicherungspersonals, das in Form der Ratswache von der Stadt ohne Kosten zur Durchführung der Abendmusiken abgestellt wurde. Die Sponsoren saßen erhöht auf dem Lettner und hatten so zweifelsfrei einen verbesserten Kunstgenuss bei gleichzeitigem Überblick über das turbulente Geschehen im Kirchenschiff. Anlässlich seines Besuchs bei Buxtehude in Lübeck im Jahr 1705 wird auch Johann Sebastian Bach an den „außerordentlichen“ Abendmusiken teilgenommen haben. Buxtehude nannte sie „extraordinaire“, weil sie in diesem Jahr nicht an den fünf Sonntagen stattfanden, sondern am Mittwoch und Donnerstag, 2. und 3. Dezember. Das erste – Castrum doloris (Schmerzenslager) – war eine Trauerfeier zum Gedenken an den verstorbenen Kaisers Leopold I.; das zweite – Templum honoris (Ehrentempel) – feierte die Thronbesteigung seines Nachfolgers Joseph I.. Die Textbücher dieser beiden Abendmusiken werden in einer Faksimileausgabe in der Stadtbibliothek aufbewahrt.[1]

Fortführung[Bearbeiten]

Auch die auf Buxtehude folgenden Marienorganisten Johann Christian Schieferdecker (1707–1732), Johann Paul Kunzen (1732–1757), Adolf Karl Kunzen (1757–1781) und Johann Wilhelm Cornelius von Königslöw (1781–1833) setzten die Abendmusiken fort und trugen mit jeweils eigenen Kompositionen zum Inhalt der Konzerte bei. Allerdings tritt schon unter Schieferdecker, der sich vom Werk Buxtehudes absetzt und keine von dessen Abendmusiken mehr aufführt, ein Veroperungsprozess ein, der von Kunzen fortgesetzt wird. Unter v. Königslöw, der zunächst auch eigene Kompositionen beiträgt, wandeln sich dann die Abendmusiken um 1791 mit der Aufführung des Messiah (1792) und Saul (1794) von Georg Friedrich Händel mehr zur reproduktiven Vermittlung von Oratorien. Auch der kirchliche Hintergrund trat zugunsten einer Verweltlichung zurück, ab 1800 fanden die Konzerte Freitags in der Börse im Rathaus statt. 1801 beschränkte der Rat die Zahl der jährlichen sonntäglichen Kirchenmusiken für ganz Lübeck auf nur 30 von maximal 1½ Stunden Dauer, die nach einem festgelegten Schlüssel den einzelnen Hauptkirchen zugewiesen werden.

Die damalige Popularität der Veranstaltungen ist heute daran zu ermessen, dass das erste Lübecker Adressbuch von 1798 die Abendmusiken in der Organistenzeit v. Königslöws in seinen Vermischten Lokalnotizen explizit aufführt und beschreibt: „Geistliche Oratorien, welche um die Adventszeit an fünf Freytag-Abenden in der Börse, und Sonntags Abends in der St. Marien Kirche jährlich aufgeführt, und wozu alsdann verschiedene Texte und Kompositionen geliefert werden.“

Das Ende[Bearbeiten]

In der Nachfolge Buxtehudes setzte sich die Tradition kontinuierlich und ungebrochen bis 1810 fort. Dann erlosch sie zunächst nicht nur infolge der schweren wirtschaftlichen Verhältnisse durch die Lübecker Franzosenzeit, sondern auch durch eine Verschiebung des geistigen Interesses infolge der bürgerlichen Aufklärung.

Wiederaufnahme im 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Im Jahr 1926 nahm der Marienorganist Walter Kraft die Tradition der Abendmusiken als Veranstaltung und als Komponist wieder auf. Sein Nachfolger Ernst-Erich Stender führt die Abendmusiken als Konzertreihe im Sommer bei Kerzenschein bis heute fort.

Abendmusik als Werkbezeichnung[Bearbeiten]

Der Name „Abendmusiken“ wird auch für die von Dietrich Buxtehude und seinen Nachfolgern anlässlich der Konzerte geschaffenen Werke verwendet. Keines dieser offenbar oratorienartigen Musikstücke Buxtehudes ist erhalten – lediglich eine nicht mit letztlicher Sicherheit Buxtehude zuzuschreibende Komposition mit dem Titel Wacht! Euch zum Streit gefasset macht! (erstmals 1939 unter dem modernen Titel Das Jüngste Gericht veröffentlicht) liegt vor. Einzelheiten im Buxtehude-Werke-Verzeichnis und bei den Organisten selbst.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dietrich Buxtehude: Castrum Doloris – Templum Honoris. Die „Extraordinairen Abendmusiken“ Lübeck 1705. Faksimile-Edition. Bibliothek der Hansestadt Lübeck, Lübeck 2002, ISBN 3-933652-14-6, (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Lübeck 3, 22, Faksimiles).
  • Fritz Jung: Die Musik in Lübeck. In: Fritz Endres (Hrsg.): Geschichte der freien und Hansestadt Lübeck. Quitzow, Lübeck 1926, S. 171–209 (179ff).
  • Wilhelm Stahl: Die Lübecker Abendmusiken im 17. und 18. Jahrhundert. In: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde 19 (1937), S. 1–64
  • Arndt Schnoor, Volker Scherliess: „Theater-Music in der Kirche“. Zur Geschichte der Lübecker Abendmusiken. Bibliothek der Hansestadt Lübeck u. a., Lübeck 2003. ISBN 3-933652-15-4, (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek Lübeck 3, 37, Kataloge), (Ausstellungskatalog).
  • Kerala Snyder, "Dieterich Buxtehude", Bärenreiter-Verlag, Kassel 2007, ISBN 978-3-7618-1836-7
  • Carl Stiehl: Die Organisten an der St. Marienkirche und die Abendmusiken zu Lübeck. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1886.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kerala Snyder: „Dieterich Buxtehude“, Bärenreiter-Verlag, Kassel 2007, S.92f.