Akademische Zeitangabe

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Vor der Universität Lund in Südschweden ist diese Meridian-Plakette zur scherzhaften Bestimmung des „Akademischen Viertels“ eingelassen.

Die akademischen Zeitangaben sind eine alternative Darstellung einer Uhrzeit. Diese sind besonders an Universitäten weit verbreitet (Akademische Viertelstunde oder Akademisches Viertel bzw. Akademisches Quart).

Als Akademisches Viertel bezeichnet man die Viertelstunde, die eine Vorlesung an einer Hochschule später beginnt als im Vorlesungsverzeichnis angegeben. So fängt beispielsweise eine Vorlesung, die mit 9 Uhr c. t. (lat.: cum tempore = „mit Zeit“) angegeben ist, tatsächlich erst um 9:15 Uhr an. Falls eine Veranstaltung pünktlich um 9:00 Uhr beginnen soll, wird die Uhrzeit üblicherweise mit 9 Uhr s. t. (lat.: sine tempore = „ohne Zeit“) angegeben. Die Angaben c. t. und s. t. können im Vorlesungsverzeichnis auch weggelassen werden, wenn die universitäre Praxis der jeweiligen Hochschule bekannt und einheitlich geregelt ist.

Während das Akademische Viertel in der Schweiz, Österreich und in Skandinavien üblich ist, beginnen in den meisten anderen Ländern die Vorlesungen genau zum angekündigten Zeitpunkt. In Deutschland gibt es sowohl Universitäten, an denen das Akademische Viertel üblich ist, als auch solche, die grundsätzlich sine tempore beginnen. Es gibt keine systematischen Studien darüber, welches Vorgehen inzwischen üblicher ist.

Sinn des „Akademischen Viertels“[Bearbeiten]

Die Akademische Viertelstunde soll Lehrenden und Studierenden eine kurze Pause zwischen zwei Vorlesungen ermöglichen, die im Vorlesungsverzeichnis immer zur vollen Stunde eingetragen sind. In dieser Pause kann man den Raum wechseln und sich kurz auf die bevorstehende Vorlesung vorbereiten.

Ursprung[Bearbeiten]

Über viele Jahrhunderte fand der Unterricht in den Privaträumen der Professoren statt, die verstreut in der Universitätsstadt lagen. Das wesentliche Zeitmaß in den Städten bestimmte sich nach dem Glockenschlag der Turmuhren und später des Stundenschlags der Wanduhren. Nach dem Stundenschlag hatten die Studenten noch Zeit, den Weg zu den Lehrveranstaltungen zurückzulegen.

In einigen Lehrveranstaltungen kam die Rekapitulation hinzu, also die Wiederholung des Stoffs der letzten Vorlesung, bevor der neue Stoff eingeführt wurde. So konnten Studenten, welche die vorherige Vorlesung bereits aufmerksam gehört hatten und die Wiederholung nicht benötigten, eigenständig eine Viertelstunde später erscheinen.

Schreibweise am Beispiel von 9 Uhr[Bearbeiten]

  • 9 Uhr sine tempore (dt. ohne Zeit) (abgekürzt: 9 Uhr s. t. oder 9 h st) = 9:00 Uhr
  • 9 Uhr cum tempore (dt. mit Zeit) (abgekürzt: 9 Uhr c. t. oder 9 h ct) = 9:15 Uhr
  • 9 Uhr magno cum tempore (dt. mit viel Zeit) (abgekürzt: 9 Uhr m. c. t. oder 9 h mct) = 9:30 Uhr
  • 9 Uhr maximo cum tempore (dt. mit größter Zeit) (abgekürzt: 9 Uhr mm. c. t. oder 9 h mmct) = 9:45 Uhr

Die letzten beiden Angaben findet man heute in der Praxis nur noch selten. Die hierbei allerdings ebenfalls häufig verwendete Form „magna cum tempore“ sowie das seltene „maxima cum tempore“ sind grammatikalisch falsch, da „tempus“ ein Neutrum der Konsonantischen Deklination ist und der Ablativ von „magnus“ bzw. „maximus“ daher eben „magno“ bzw. „maximo“ lautet.

Erweiterung des Begriffs[Bearbeiten]

Im deutschen Universitätsalltag hat sich die akademische Viertelstunde auch für zwei weitere Dinge etabliert:

  • Eine Veranstaltung endet meistens auch eine Viertelstunde vor dem im Verzeichnis angegebenen Zeitpunkt. Dies verkürzt die Dauer von theoretisch zweistündigen Veranstaltungen auf 90 Minuten. Die Pause zur nächsten Veranstaltung verlängert sich dadurch auf 30 Minuten.
  • Bei Verspätungen bzw. unangekündigtem Fehlen des Lehrenden wird auch mindestens eine Viertelstunde gewartet, bevor die Studierenden den Saal wieder verlassen.

In manchen Universitäten ist es zudem üblich, innerhalb der Veranstaltung von 90 Minuten eine Pause von 15 Minuten einzuschalten, was das Ende der Veranstaltung zum angegebenen Zeitpunkt garantiert. Allerdings liegt diese Pause im Ermessen der Lehrenden bzw. vermehrt auch der Studierenden.

In der Bevölkerung wird zudem unter Berufung auf das akademische Viertel scherzhaft die vermeintlich verlässliche Unpünktlichkeit von Akademikern angeprangert.

Vermutlich aufgrund dieser vollakademischen Erfahrung und Prägung wird auch bei der mündlichen Verhandlung vor deutschen Gerichten regelmäßig 15 Minuten auf das Erscheinen der ordnungsgemäß geladenen Parteien gewartet und erst nach Ablauf dieser Viertelstunde ein Antrag der erschienenen Partei, ein Versäumnisurteil gegen die nicht erschienene Partei zu erlassen, akzeptiert. Allerdings existiert keine geschriebene gesetzliche Grundlage für diese Praxis.