Freiwilligendienst

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Ein Freiwilligendienst oder Arbeitsdienst ist eine institutionalisierte Form ehrenamtlicher Arbeit, die zeitlich von vorneherein befristet ist und nach vorheriger Vereinbarung über Ausmaß und Art der Tätigkeit stattfindet. Dabei werden gemeinnützige Arbeitsaufgaben gegen eine gewöhnlich geringe oder auch gar keine Besoldung übernommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements setzt der Freiwilligendienst eine stärker formelle Festlegung von Zielen und Mitteln voraus.[1] Daher werden Freiwilligendienste normalerweise bei einer örtlichen Einrichtung als Gastorganisation in Zusammenarbeit mit einer Entsende- oder Koordinierungsorganisation umgesetzt. Freiwilligendienste gibt es auf nationaler oder auf internationaler Ebene, für Fachkräfte oder Laien, in Gruppen oder individuell und in unterschiedlicher Dauer.[2]

Freiwilligendienste wurden und werden oft für Jugendliche mit einer pädagogischen Zielsetzung entwickelt. Sie werden auch als Gemeinschaftsdienste für eine soziale Bewegung, das Volk, die Nation oder die internationale Verständigung (Völkerverständigung, Völkerfreundschaft) legitimiert.

Geschichte[Bearbeiten]

Internationale Freiwilligendienste als Friedensprojekte ab 1920[Bearbeiten]

Pierre Cérésole (links) mit zwei internationalen Freiwilligen in Esnes-en-Argonne (1920)

Der erste internationale Freiwilligendienst wurde 1920 vom Schweizer Pazifisten Pierre Cérésole als karitatives Friedensprojekt nach dem Ersten Weltkrieg organisiert. Er versammelte junge Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern in Esnes-en-Argonne in Frankreich, um den Wiederaufbau des durch den Krieg zerstörten Dorfes zu unterstützen und dadurch gleichzeitig durch das gemeinsame Arbeiten und Leben den Nährboden für zukünftige Konflikte in Europa zu nehmen, also zur Völkerverständigung beizutragen.[2]

Die Organisationen Service Civil International (SCI), Internationaler Versöhnungsbund und Youth Action for Peace wurden mit diesem Hintergrund gegründet, oft von Quäkern oder Mennoniten. Durch die Zulassung beider Geschlechter zu ihren Diensten sowie durch den Fokus auf zivilgesellschaftliche Prinzipien anstelle von militärischer Disziplin ungewöhnlich.[3] Die organisierten Projekte für Gruppen internationaler Freiwilliger wurden dabei als Workcamps bezeichnet.

In Deutschland war Eugen Rosenstock-Huessy an der Konzeption solcher Projekte beteiligt. Eines davon war die 1927 gegründete Löwenberger Arbeitsgemeinschaft.

Arbeitsdienste als Militärersatz ab 1920[Bearbeiten]

Als Folge davon, dass ihnen im Vertrag von Neuilly-sur-Seine 1919 der Militärdienst verboten wurde, dachten einige Staaten wie Österreich, Deutschland, Ungarn und Bulgarien über verpflichtende Arbeitsprogramme für junge Männer nach, die den erzieherischen Wert von Militärdiensten widerspiegeln sollte.[3] Tatsächlich zur Umsetzung hiervon brachte es 1920 der bulgarische Staat unter Aleksandar Stambolijski. Aus sozialpolitischen Motiven heraus führte er einen Zwangsarbeitsdienst ein, zu dem jährlich 30 Prozent der Bevölkerung eingezogen wurden, um gemeinnützige Arbeiten zu verrichten.

Das bulgarische Beispiel war in Deutschland in zahlreichen Kreisen beachtet worden: Bündische Jugendgruppen forderten 1924 die Einführung eines Arbeitjahres für Jugendliche. Eine wesentliche Bedeutung für die bündische Arbeitslagerbewegung hatte die Schlesische Jungmannschaft (SJ). Engagiert zeigten sich vor allem die etwa 200 älteren Führer des Wandervogels in der SJ für die Erziehungsarbeit, die durch Arbeitsdienste verwirklicht werden sollte. Seit 1925 begannen Bündische Gruppen nach einer Experimentierphase Arbeitslager einzurichten. Als eifrigster Verfechter einer „allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht“ trat allerdings schon seit 1924 Artur Mahraun, Vorsitzender (Hochmeister) des Jungdeutschen Ordens (J.O.) auf. Dieser Verband strebte sogar ein Volksbegehren zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht an, was aber wegen Finanzmangels und formaler Gesetzbestimmungen zu dieser Zeit nicht zustande kam[4].

Neben romantischen bis emanzipatorischen Aspekten (z.B. hinsichtlich der Selbständigkeit von Jugendlichen, ihrer „Selbsterziehung“ durch Arbeit) und einer Klassen übergreifenden Verständigung wurden auch national-romantische Vorstellungen mit dem Arbeitsdienst verbunden:

„In den Bünden der Jugendbewegung sollte der Prozess der Volkswerdung vorbereitet werden. Hier wollte man „vom Gedanken des Volkstums her Staat und Gesellschaft neu ordnen und so das organische Zusammenwirken aller Teile über alle Klassen, Parteien und Konfessionen hinweg gewährleisten. … Der Bund als Gemeinschaftsform der bündischen Jugend war Mittel und Methode zur Erreichung des Erziehungszieles zugleich. Hier erfolgte die Konditionierung des jungen Menschen für seine politische Aufgabe, indem man in diesen Gemeinschaften “Volksgemeinschaft” vorlebte und den einzelnen dazu erzog, sein Tun bewußt als Dienst daran zu empfinden.“

Karl Bühler[5]

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als Folge der Weltwirtschaftskrise 1929[Bearbeiten]

Freiwilliger Arbeitsdienst im Dezember 1931 des Reichsbanners an der Talsperre Lehnmühle im Erzgebirge. Alle Arbeitsfreiwilligen sind Handwerker und erhalten außer freier Beköstigung und Unterkunft 50 Pf. täglich.

Als Reaktion auf die hohe Arbeitslosigkeit durch die Weltwirtschaftskrise ab 1929 gründeten mehrere Nationalstaaten Programme für Freiwilligendienste, um junge Arbeitslose einen Ersatz zu bieten.

In Deutschland wurde mit Inkrafttreten eines Gesetzes unter Reichskanzler Heinrich Brüning am 3. August 1931 der „Freiwillige Arbeitsdienst“ (FAD) gegründet, bei dem Arbeitslose unter 25 Jahren bis zu 20 Wochen vor allem in der Sozial- oder Jugendarbeit beschäftigt werden konnten. Das erste Arbeitsdienst-Projekt wurde vom J.O. in Zusammenarbeit mit der Kommune Bautzen/Sachsen mit der Regulierung des Albrechtsbaches durchgeführt. Bis zum Verbot des J.O. im Juli 1933 organisierte und leitete allein dieser Verein 454 derartige gemeinnützige Projekte. Ab der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 diente der Freiwillige Arbeitsdienst einem überwiegend propagandistisch und militärisch definiertem Nutzen. 1935 wurde er in einen Zwangsarbeitsdienst umfunktioniert, in Reichsarbeitsdienst umbenannt und war Teil der Aufrüstung der Wehrmacht und der Erziehung im Nationalsozialismus.

In den USA wurde im Frühjahr 1933 das „Civilian Conservation Corps“ (CCC) gegründet, ebenfalls als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Arbeitslose in den Jahren 1933 bis 1942. Das CCC war das umfangreichste Programm im Rahmen des New Deal, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt die Great Depression in der Folge der Weltwirtschaftskrise bekämpfte. Während seines Bestehens leisteten 3.463.766 freiwillige Teilnehmer unter Anleitung von Reserve-Offizieren der US Army Arbeiten an der öffentlichen Infrastruktur.

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg war nach 1945 der Bedarf nach Völkerverständigung und Hilfe beim Wiederaufbau hoch. Zahlreiche Organisationen für internationale Freiwilligendienste wurden gegründet. Die UNESCO schuf 1948 mit dem Co-ordinating Committee for International Voluntary Service (CCIVS) einen Dachverband für NGOs, die in diesem Bereich tätig waren.[6]

Durch die Nachklänge des Reichsarbeitsdienstes erhielt der Begriff „Arbeitsdienst“ in Deutschland seine negative Bedeutung. Einige Elemente der ursprünglichen Konzepte überlebten jedoch vielenorts unter anderen Namen, etwa als internationale Freiwilligeneinsätze in den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, in der Entwicklungshilfe und/oder dem US-amerikanischen Peace Corps als Konzept einer Hilfe zur Selbsthilfe sowie als regulative Maßnahme in der Gemeinwesenarbeit als Einsatz etwa von Sozialhilfeempfängern. Auch in der DDR wurde in den fünfziger Jahren unter dem Namen Dienst für Deutschland an die positiven Grundgedanken eines Arbeitsdienstes angeknüpft.

Freiwilligendienstes in der aktuellen Diskussion[Bearbeiten]

Eine Neubelebung des Gedankens eines Arbeitsdienstes brachte bereits im Juli 2003 der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) mit seinem Vorschlag eines einjährigen Pflicht-„Gemeinschaftsdienstes“ für junge Leute ins Gespräch. Dies würde nebenbei die Wehrgerechtigkeit mit den Vorgaben unseres Grundgesetzes wieder in Einklang bringen (Bonner GA. v. 24. Juli 2003).

Einen erneuten Vorstoß in die gleiche Richtung machte im Oktober 2005 der spätere Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) mit seinem Vorschlag für eine „allgemeine Dienstpflicht“ für junge Männer und Frauen, die sowohl Wehrpflicht als auch alle anderen Sozial- und Entwicklungshilfsdienste mit beinhalten würde.

Der arbeitsmarktpolitische Obmann der CSU Stefan Müller forderte in einem Interview mit der Bild-Zeitung am 14. Juni 2006 die Einführung eines „Gemeinschaftsdienstes“ für alle „arbeitsfähigen“ Langzeitarbeitslosen, durch den Empfänger von Arbeitslosengeld II zu täglich achtstündiger unbezahlter Arbeit gezwungen werden sollen.

Die Träger der Freiwilligendienste, der Gemeinschaftsdienste und der Entwicklungsdienste haben sich wiederholt dagegen ausgesprochen, Pflichtdienste in Deutschland einzurichten.

Sozialpolitisch wurde 2005 der Arbeitsdienstgedanke von der Juristin, Soziologin und Publizistin Sibylle Tönnies wieder aufgenommen, mit eingehender Diskussion seiner soziologischen Komponenten und seines Missbrauchs im Nationalsozialismus.

Nationale Freiwilligendienste in Deutschland heute[Bearbeiten]

Hier gibt es etwa:

Bundesweite Freiwilligendienste sind etwa die Augustinum gGmbH - Philadelphischer Ring, München, die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA), das Gemeindejugendwerk des Bund Ev.-Freikirchl. Gemeinden, der Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland Diakonisches Jahr / FSJ in Witten, das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands, der CVJM-Gesamtverband, der Deutsche EC-Verband, die Evangelisch-methodistische Kirche, Kinder- und Jugendwerk Süd, die Global Volunteer Services, ein Ableger der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen, der ICJA Freiwilligenaustausch weltweit, netzwerk-m, ehemals Ring Missionarischer Jugendbewegungen, Offensive Junger Christen.[7]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Fischer, Jörn & Katja Clowes: Internationale Freiwilligendienste - Lernen und Helfen im Ausland. 3. Aufl., Verlag interconnections, Freiburg 2010, ISBN 978-3-86040-092-0.
  • Fischer, Jörn & Gräf, Oliver: Zivi Weltweit – Internationale Alternativen zum Zivildienst. 4. Aufl., Verlag interconnections, Freiburg 2006, ISBN 3-86040-079-7.
  • Joh. Hille, Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, Leipzig: R. Kittler (1933)
  • Henry W. Riecken, The volunteer work camp, Harvard University (1952)
  • Dieter Claessens, Dieter Danckwortt, Jugend in Gemeinschaftsdiensten, München: Juventa (1957)
  • F. Raabe, Die Bündische Jugend, Phil. Diss. Berlin (1959)
  • Henning Köhler, Arbeitsdienst in Deutschland, Schriften zur Wirtschafts- u. Sozialgeschichte Band 10, Berlin: Duncker & Humblot (1967)
  • Karl Bühler, „Arbeitsdienst als Erziehungsaufgabe in frühen Theorien der zwanziger Jahre“, in: Jb. d. Archivs d. deutschen Jugendbewegung 7 (1975)
  • Andreas Gestrich. Geschichte der Jugendgemeinschaftsdienste
  • Friedhelm Boll, Auf der Suche nach Demokratie, Bonn (1997)
  • Sibylle Tönnies, „Hartz IV braucht einen neuen Geist“, in: Uwe Carstens u.a., Neuordnung der sozialen Leistungen, Norderstedt (2006), S. 287-304, ISBN 3-8334-6477-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Arbeitsdienst – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tony Geudens: T-Kit No. 5. International voluntary service. 2013, S. 11.
  2. a b Geudens, S. 13.
  3. a b Geudens, S. 14
  4. Vgl. auch Joh. Hille : Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, a. a. O. Seite 36
  5. Karl Bühler 1975, dabei F. Raabe zitierend
  6. Geudens, S. 15.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatEvangelische Freiwilligen Dienste: Bundesweite. In: ev-freiwilligendienste.de. 08/28/2012 10:36:34, archiviert vom Original am 28. August 2012, abgerufen am 28. August 2012.