Arbeitsdienst

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Arbeitsdienst ist eine freiwillige Möglichkeit oder gesetzlich erzwungene Verpflichtung, öffentliche oder gemeinnützige Arbeitsaufgaben zu übernehmen, gegen eine (gewöhnlich geringe oder auch gar keine) Besoldung.

Arbeitsdienst allgemein[Bearbeiten]

Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entwickelten sich unterschiedliche Ansätze eines Dienstes, für den die freiwillige und nicht dem Lebensunterhalt dienende Arbeit zentral war, unterscheidbar nach ihren jeweiligen Motivlagen:

  • pazifistisch-international-caritative Motive und
  • volkserzieherisch-nationale Motive
  • sozialpolitisch Motive.

Organisationen mit pazifistisch-international-caritativen Motiven (Quäker, Mennoniten, Service Civil International) stellten die Freiwilligenarbeit in den Mittelpunkt ihrer Aktionen. Es galt, durch die schaffende Arbeit in Konflikt- oder Spannungsgebieten oder nach Naturkatastrophen Zerstörtes wieder aufzubauen und dabei auch völkerverbindend tätig zu sein, Feindbilder aufzubrechen und Vorurteile abzubauen.

Für die volkserzieherisch-national geprägten Organisationen stand die Volkserziehung (durchaus im positiven Sinn in der Art „Volkshochschulen für alle“) im Mittelpunkt - also schon hier ein pädagogischer Gedanke im Vordergrund, die Arbeit in den Gemeinschaftsdiensten war eher zweitrangig.

Die Idee eines nationalen Pflichtarbeitsdienstes übernahmen die nationalsozialistischen Machthaber aus Bulgarien, das bereits 1920 einen Pflichtdienst eingeführt hatte, zu dem pro Jahr 30 Prozent der Bevölkerung herangezogen wurden, um gemeinnützige Arbeiten zu verrichten. Das bulgarische Beispiel war in Deutschland in zahlreichen Kreisen beachtet worden, besonders Effekte der staatsbürgerlichen Erziehung und der körperlichen Ertüchtigung fanden Anklang.

1931 wurde in Deutschland - als Reaktion auf die hohe Arbeitslosenzahl im Rahmen der Weltwirtschaftskrise, die 1929 begonnen hatte - der „Freiwillige Arbeitsdienst FAD“ gegründet. Brüning ging damit auf eine Forderung unter anderem der NSDAP ein.

In den USA wurde im Frühjahr 1933 das „Civilian Conservation Corps“ (CCC) gegründet. Es war eine von der Bundesregierung der Vereinigten Staaten organisierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Arbeitslose in den Jahren 1933 bis 1942. Das CCC war das umfangreichste Programm im Rahmen des New Deal, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt die Great Depression in der Folge der Weltwirtschaftskrise bekämpfte. Während seines Bestehens leisteten 3.463.766 freiwillige Teilnehmer unter Anleitung von Reserve-Offizieren der US Army Arbeiten an der öffentlichen Infrastruktur.

Seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten (1933) diente der FAD (später umbenannt in Reichsarbeitsdienst) einem überwiegend militärisch definierten Nutzen. Er war Teil der Aufrüstung der Wehrmacht und der Erziehung im Nationalsozialismus.

Arbeitsdienstkonzepte wurden und werden oft für Jugendliche mit einer pädagogischen Zielsetzung entwickelt. Sie werden auch als Gemeinschaftsdienste für eine soziale Bewegung, das Volk, die Nation oder die internationale Verständigung (Völkerverständigung, Völkerfreundschaft) legitimiert.

Zur Geschichte in Deutschland[Bearbeiten]

Freiwilliger Arbeitsdienst im Dezember 1931 des Reichsbanners an der Talsperre Lehnmühle im Erzgebirge. Alle Arbeitsfreiwilligen sind Handwerker und erhalten außer freier Beköstigung und Unterkunft 50 Pf. täglich.

In den frühen 1920er Jahren wurden freiwillige soziale Dienste, auch zum Zweck der Begegnung von Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft, vor allem von Eugen Rosenstock-Huessy konzipiert. Einer davon war die 1927 gegründete Löwenberger Arbeitsgemeinschaft.

Bündische Jugendgruppen forderten 1924 die Einführung eines Arbeitjahres für Jugendliche. Eine wesentliche Bedeutung für die bündische Arbeitslagerbewegung hatte die Schlesische Jungmannschaft (SJ). Sie erkundete auch die Arbeitsdienste in Bulgarien, die - teils - als Ersatz für den 1919 im Frieden von Neuilly verbotenen Militärdienst eingerichtet worden waren. Engagiert zeigten sich vor allem die etwa 200 älteren Führer des Wandervogels in der SJ für die Erziehungsarbeit, die durch Arbeitsdienste verwirklicht werden sollte. Seit 1925 begannen Bündische Gruppen nach einer Experimentierphase Arbeitslager einzurichten.

Als eifrigster Verfechter einer „allgemeinen gleichen Arbeitsdienstpflicht“ trat allerdings schon seit 1924 Artur Mahraun, Vorsitzender (Hochmeister) des Jungdeutschen Ordens (J.O.) auf. Dieser Verband strebte sogar ein Volksbegehren zur Einführung der Arbeitsdienstpflicht an, was aber wegen Finanzmangels und formaler Gesetzbestimmungen zu dieser Zeit nicht zustande kam [1]. Erst im Laufe der Weltwirtschaftskrise mit weiter steigenden Arbeitslosenzahlen (bis 6 Mio) erließ die Reichsregierung unter Reichskanzler Heinrich Brüning dann 1931 ein Gesetz zur Einführung des freiwilligen Arbeitsdienstes (FAD), das am 3. August 1931 in Kraft trat. Das erste Arbeitsdienst-Projekt wurde vom J.O. in Zusammenarbeit mit der Kommune Bautzen/Sachsen mit der Regulierung des Albrechtsbaches durchgeführt. Bis zum Verbot des J.O. im Juli 1933 organisierte und leitete allein dieser Verein 454 derartige gemeinnützige Projekte, eine Zahl, die von keiner anderen Organisation erreicht wurde.

Neben romantischen bis emanzipatorischen Aspekten (z.B. hinsichtlich der Selbständigkeit von Jugendlichen, ihrer Selbsterziehung durch Arbeit) und einer Klassen übergreifenden Verständigung wurden auch national-romantische Vorstellungen mit dem Arbeitsdienst verbunden:

„In den Bünden der Jugendbewegung sollte der Prozess der Volkswerdung vorbereitet werden. Hier wollte man „vom Gedanken des Volkstums her Staat und Gesellschaft neu ordnen und so das organische Zusammenwirken aller Teile über alle Klassen, Parteien und Konfessionen hinweg gewährleisten. … Der Bund als Gemeinschaftsform der bündischen Jugend war Mittel und Methode zur Erreichung des Erziehungszieles zugleich. Hier erfolgte die Konditionierung des jungen Menschen für seine politische Aufgabe, indem man in diesen Gemeinschaften “Volksgemeinschaft” vorlebte und den einzelnen dazu erzog, sein Tun bewußt als Dienst daran zu empfinden.“

Karl Bühler[2]

Nach 1933 wurde der Arbeitsdienst vom Nationalsozialismus als Zwangsdienst und mit Weltanschauungspropaganda zum Reichsarbeitsdienst. Dadurch erhielt der Begriff „Arbeitsdienst“ in Deutschland seine negative Bedeutung. Einige Elemente der ursprünglichen Konzepte überlebten jedoch vielenorts unter anderen Namen, etwa als internationale Freiwilligeneinsätze in den Internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten, in der Entwicklungshilfe und/oder dem US-amerikanischen Peace Corps als Konzept einer Hilfe zur Selbsthilfe sowie als regulative Maßnahme in der Gemeinwesenarbeit als Einsatz etwa von Sozialhilfeempfängern. Auch in der DDR wurde in den fünfziger Jahren unter dem Namen Dienst für Deutschland an die positiven Grundgedanken eines Arbeitsdienstes angeknüpft.

Arbeitsdienst in der aktuellen Diskussion[Bearbeiten]

Eine Neubelebung des Gedankens eines Arbeitsdienstes brachte bereits im Juli 2003 der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) mit seinem Vorschlag eines einjährigen Pflicht-„Gemeinschaftsdienstes“ für junge Leute ins Gespräch. Dies würde nebenbei die Wehrgerechtigkeit mit den Vorgaben unseres Grundgesetzes wieder in Einklang bringen (Bonner GA. v. 24. Juli 2003).

Einen erneuten Vorstoß in die gleiche Richtung machte im Oktober 2005 der spätere Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) mit seinem Vorschlag für eine „allgemeine Dienstpflicht“ für junge Männer und Frauen, die sowohl Wehrpflicht als auch alle anderen Sozial- und Entwicklungshilfsdienste mit beinhalten würde.

Der arbeitsmarktpolitische Obmann der CSU Stefan Müller forderte in einem Interview mit der Bild-Zeitung am 14. Juni 2006 die Einführung eines „Gemeinschaftsdienstes“ für alle „arbeitsfähigen“ Langzeitarbeitslosen, durch den Empfänger von Arbeitslosengeld II zu täglich achtstündiger unbezahlter Arbeit gezwungen werden sollen.

Die Träger der Freiwilligendienste, der Gemeinschaftsdienste und der Entwicklungsdienste haben sich wiederholt dagegen ausgesprochen, Pflichtdienste in Deutschland einzurichten.

Sozialpolitisch wurde 2005 der Arbeitsdienstgedanke von der Juristin, Soziologin und Publizistin Sibylle Tönnies wieder aufgenommen, mit eingehender Diskussion seiner soziologischen Komponenten und seines Missbrauchs im Nationalsozialismus.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. auch Joh. Hille : Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, a. a. O. Seite 36
  2. Karl Bühler 1975, dabei F. Raabe zitierend

Literatur[Bearbeiten]

  • Joh. Hille, Mahraun, der Pionier des Arbeitsdienstes, Leipzig: R. Kittler (1933)
  • Henry W. Riecken, The volunteer work camp, Harvard University (1952)
  • Dieter Claessens, Dieter Danckwortt, Jugend in Gemeinschaftsdiensten, München: Juventa (1957)
  • F. Raabe, Die Bündische Jugend, Phil. Diss. Berlin (1959)
  • Henning Köhler, Arbeitsdienst in Deutschland, Schriften zur Wirtschafts- u. Sozialgeschichte Band 10, Berlin: Duncker & Humblot (1967)
  • Karl Bühler, „Arbeitsdienst als Erziehungsaufgabe in frühen Theorien der zwanziger Jahre“, in: Jb. d. Archivs d. deutschen Jugendbewegung 7 (1975)
  • Andreas Gestrich. Geschichte der Jugendgemeinschaftsdienste
  • Friedhelm Boll, Auf der Suche nach Demokratie, Bonn (1997)
  • Sibylle Tönnies, „Hartz IV braucht einen neuen Geist“, in: Uwe Carstens u.a., Neuordnung der sozialen Leistungen, Norderstedt (2006), S. 287-304, ISBN 3-8334-6477-1

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Arbeitsdienst – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen