Automatisiertes Fingerabdruckidentifizierungssystem

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Ein Fingerabdruckscanner für ein automatisiertes Fingerabdruckidentifizierungssystem an einem Notebook.
Einsatz eines mobilen Fingerabdruckscanners (Handheld Interagency Identification Detection Equipment) durch die U.S. Army im Irak, 2008.
Eine Adjudication-Workstation.

Ein Automatisierte Fingerabdruckidentifizierungssystem (AFIS) ist ein informationsverarbeitendes System der Biometrie zum automatisierten Vergleichen von Fingerabdrücken mit allen oder einer Untermenge von Fingerabdrücken eines (unter Umständen sehr großen) gespeicherten Referenzbestands von Fingerabdrücken. Wichtigste Elemente jedes AFIS-Systems sind

  • Algorithmen zur Vorverarbeitung von aufgenommenen Fingerabdrucksbildern als Vorstufe zur Merkmalsextraktion[1]
  • Algorithmen zur Extraktion von Merkmalen aus der Aufnahme eines Fingerabdrucks [2]
  • die Datenstrukturen zur Speicherung der extrahierten Merkmale von Fingerabdrücken (Template) sowie die Datenbank zur Speicherung
  • Algorithmen zur Suche von gespeicherten Fingerabdruck-Templates mit hoher Übereinstimmung zu einem gegebenen Fingerabdrucks-Template[3]
  • ein User-Interface zur Fingerabdruckserfassung, Fingerabdruckssuche und manuellen Bearbeitung von ungenauen Suchergebnissen (Adjudication)

Häufig werden Fingerabdruckscanner als Peripheriegeräte zum AFIS eingesetzt um Fingerabdrücke zu erfassen - sie können aber auch anders erfasst werden - strenggenommen sind Fingerabdruckscanner deswegen auch kein Teil eines AFIS.

Qualitätsmerkmale[Bearbeiten]

AFIS Systeme unterscheiden sich je nach Auswahl und Abstimmung der Algorithmen stark in Bezug auf Fehler 1. Art (false positiv - auf False Acceptance Rate - kurz "FAR" genannt) und Fehler 2. Art (falsch negativ - auf False Rejection Rate - kurz "FRR" genannt) Fehlerraten - weiterhin bezüglich ihrer Rotationsinvarianz (d.h. der Erkennung der Übereinstimmung zweier Fingerabdrücke, wenn eine der beiden Aufnahmen „verdreht“ ist) und Unabhängigkeit von Referenzpunkte (wie zum Beispiel dem Fingermittelpunkt).

Wesentliche spezifische Qualitätsmerkmale eines AFIS (neben den für alle Biometriesystem geltenden Qualitätsmerkmalen) sind neben den genannten Fehlerraten je nach Anwendungsfall außerdem die oben genannten Invarianzen, die Suchgeschwindigkeit insbes. bei großen Referenzdatenbeständen und die Robustheit der Suchqualität gegenüber qualitativ schlechten Fingerabdruckaufnahmen[4].

Anwendungsfälle[Bearbeiten]

Im Wesentlichen lassen sich alle Anwendungsfälle eins AFIS Systems in zwei Kategorien einteilen:

Fingerabdruck Verifikation[Bearbeiten]

Bei der Fingerabdruckverifikation (auch 1:1 Match genannt))[5] wird ein gegebener Satz von Fingerabdrücken gegen einen bekannten begrenzten Satz von Fingerabdrücken auf Übereinstimmung geprüft um z.B. Festzustellen ob die Angaben einer Person bezgl. ihrer Identität tatsächlich korrekt sind: Ein aufgenommener Fingerabdruck wird mit dem gespeicherten Fingerabdruck der Person verglichen, z.B. um einer Person Zugang zu einem Hochsicherheitsbereich zu gewähren.

Fingerabdruck Identifikation[Bearbeiten]

Bei der Fingerabdrucksidentifikation (auch 1:N Match genannt)[6] wird ein gegebener Satz von Fingerabdrücken mit allen gespeicherten Fingerabdrücken eines Referenzbestands auf Übereinstimmung verglichen, um z.B. Festzustellen ob die Fingerabdrücke eines Individuums sich bereits im Referenzbestand befinden: Ein aufgenommener Fingerabdruck wird mit allen gespeicherten Fingerabdrücken des BKA verglichen, um festzustellen ob die Person u.U. in Straftaten verwickelt war.

Bei der Fingerabdrucksidentifikation kann noch weiter unterschieden werden in Fälle bei denen das Individuum bei der Aufnahme von Fingerabdrücken kooperiert (bzw. kooperieren kann) – in diesem Fall werden in der Regel Aufnahmen aller 10 Finger in guter Qualität zur Verfügung stehen.

Im zweiten Fall liegen unter Umständen nur Teilfingerabdrücke einzelner Finger vor (z.B. Unfallopfer). Ist die Qualität wie im genannten Fall eingeschränkt werden spezielle Suchalgorithmen benötigt, die meist erheblich zeit- bzw. resourcenintensiver sind als Suchalgorithmen basierend auf hochwertigen Fingerabdrucksaufnahmen – während Suchläufe basierend auf qualitativ hochwertigen Aufnahmen meist Suchergebnisse nach Sekunden bzw. Minuten liefern können o.g. Suchläufe teilweise auch Tage benötigen bis eine Treffermenge identifiziert ist, die dann meist noch von einem hochspezialisierten Techniker weiter eingeschränkt werden muss (dieser Vorgang wird häufig auch als "Adjudication" bezeichnet). Beispielsweise betreibt der Flughafen von Los Angeles (LAX) eine Fingerprint Adjudication Abteilung die sich ausschließlich mit der sog. Adjudication befasst.[7]

Kommerzielle Systeme/Open Source Systeme[Bearbeiten]

Weltweit existieren zahlreiche Anbieter von AFIS Systemen – da viele dieser System mittlerweile auch Algorithmen zur Verarbeitung/Erkennung von Gesichtern beinhalten werden diese z. T. auch als Automatisierte Biometrieidentifizierungssystem abgekürzt ABIS bezeichnet. Große Anbieter sind u. A.

Daneben existieren auch einige OpenSource Implementierungen von AFIS Systemen bzw auch nur Systemteilen:

Einsatzgebiete[Bearbeiten]

Erkennungsdienstliche Systeme der Polizei[Bearbeiten]

Das erste AFIS der Polizei wurde in Deutschland 1993 in Betrieb genommen und hat dazu geführt, dass die Zeit zum Erfassen von einzigartigen Merkmalen der Fingerabdrücke lediglich drei Minuten (vorher 90) dauert, unvollständige Abdrücke verwertet werden können und häufiger Übereinstimmungen gefunden werden. Anfang 2004 sollen rund 3.000.000 Fingerabdrücke gespeichert worden sein, wobei jeden Tag etwa 1.400 hinzukommen. Um die Abdrücke zu digitalisieren, werden sie mit einer Videokamera aufgenommen und dann von speziellen Programmen verarbeitet. Ein Polizeimitarbeiter muss lediglich die Grundform angeben und gegebenenfalls die vom Programm festgestellten Merkmale korrigieren. Die Speicherung erfolgt zentral beim BKA, die Bearbeitung dezentral bei den LKA. Am 15. Januar 2003 wurde ein auf AFIS basierendes, europaweites Fingerabdruck-Identifizierungssystem, EURODAC (European Dactyloscopy)[11] [12], eingeführt. Erfasst werden dabei u. a. Asylbewerber und illegale Einwanderer, sofern diese das 14. Lebensjahr überschritten haben.

Fingerabdrucknahme für das automatisierte Fingerabdruckidentifizierungssystem IDENT für US-VISIT (U.S. Customs and Border Protection)[13]

Zugangs- und Kontrollsysteme[Bearbeiten]

Fingerabdruckscanner für ein automatisiertes Fingerabdruckidentifizierungssystem an einem Regierungsgebäude in Brasilien

Große Bedeutung haben AFIS Systeme bei der Gewährung von Zugang zu (Hoch-)Sicherheitsbereichen – hier wird neben der Identität der Person über den Fingerabdrucksvergleich aus gegebenem Anlass durch entsprechende Sensoren ggf. auch überprüft, ob der Finger durch eine lebende Person aufgelegt wird (Lebenderkennung) oder ob es sich um die Kopie (z.B. Wachsabdruck) eines Fingerabdrucks handelt (Kopienerkennung).

Wahlsysteme[Bearbeiten]

In zahlreichen Ländern werden derzeit sogenannte Voting Cards eingeführt um geordnete Wahlen sicherzustellen. In erster Linien dienen die Voting Cards der Begrenzung der Wähler auf tatsächlich existierende Personen und der eindeutigen Identifikation eines Wählers bei der Stimmabgabe – somit kann sichergestellt werden dass jeder Wahlberechtigte nur einmal sein Stimme(n) abgeben kann. Beispielsweise wurden in Kamerun[14] und Sierra Leone[15] solche Systeme implementiert.

Gesundheitssysteme[Bearbeiten]

Zunehmende Bedeutung gewinnen AFIS bzw. ABIS Systeme auch im Gesundheitssystem. Beispiele sind der Einsatz von AFIS Systemen in Krankenhäusern, um den Zugang zu Patienten und elektronischen Patientenakten[16] zu regulieren, sowie die Implementierung von Gesundheitskarten (ähnlich der deutschen elektronischen Gesundheitskarte) mit gespeicherten biometrischen Merkmalen, um Medikamentenmissbrauch oder Mehrfachinanspruchnahmen von Dienstleistungen zu vermeiden.

Herausforderungen[Bearbeiten]

Datenschutz[Bearbeiten]

Mittlerweile werden für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke Fingerabdrücke gespeichert - diesen unterliegen den Vorschriften des Datenschutzes gerade weil mißbräuchlich Verwendung einzelnen Personen, Gruppen und unter Umständen ganze Staaten erheblichen Schaden zufügen kann.

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten]

  1. [1] - Publikation des Bundesamts für Sicherheit in der Informationsverarbeitung (BSI)Fingerabdruckerkennung - Seite 2ff - abgerufen am 14. August 2014
  2. [2] - Publikation des Bundesamts für Sicherheit in der Informationsverarbeitung (BSI)- Fingerabdruckerkennung - Seite 2ff - abgerufen am 14.August 2014
  3. [3] - Publikation des Bundesamts für Sicherheit in der Informationsverarbeitung (BSI) - Fingerabdruckerkennung - Seite 9ff - abgerufen am 14.August 2014
  4. [4] Biometrische Authentisierung mit Fingerabdruckerkennung - 2.3 Leistungsfähigkeit eines biometrischen Systems - Seite 9ff - abgerufen am 14. august 2014
  5. [5] Biometrische Authentisierung mit Fingerabdruckerkennung - 2.1 Einleitung - Seite 6 - abgerufen am 14. august 2014
  6. [6] Biometrische Authentisierung mit Fingerabdruckerkennung - 2.1 Einleitung - Seite 6 - abgerufen am 14. august 2014
  7. [7] Fingerprint Administration and Adjudication Unit (FAAU) Overview - abgerufen am 14.August 2014
  8. [8] SourceAFIS Project Seite
  9. [9] Fingerprint Recognition SDK Project Seite
  10. [10] NBIS MINDTCT and Bozorth3
  11. [11] Darstellung von EURODAC durch die Europäische Kommission - Justiz und Inneres
  12. [12] Studie zur Verhandlung und Umsetzung der Eurodac Verordnung im Rat der Innen- und Justizminister der EU (auf Englisch), European Integration online Papers, Vol. 10 (2006)
  13. Fact Sheet: IDENT and IAFIS Interoperability, US-Visit
  14. [13] Cameroon prepares for biometric voter system - abgerufen am 13. August 2014
  15. [14] UNDP in Sierra Leone - New procedures contribute to credible elections, high voter turnout in Sierra Leone - abgerufen am 13. August 2014
  16. [15] Fingerprint recognition trialled in Lewisham PCT