Benimmbuch

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Ein Benimmbuch ist ein Leitfaden für „gutes Benehmen“, wobei „gutes Benehmen“ in unterschiedlichen Kulturkreisen zu unterschiedlichen Zeitepochen auch unterschiedliche Benimmregeln oder Umgangsformen hervorgebracht hat.

De civilitate von Erasmus von Rotterdam[Bearbeiten]

Eines der ersten Benimmbücher aus dem europäischen Kulturkreis ist De civilitate von Erasmus von Rotterdam (1466-1536), das er im Jahre 1529 dem Sohn des Fürsten Adolf von Burgund gewidmet hat. Es zeigt wie kein anderes Werk des Holländers seine pädagogische Intention, Bildung zu vermitteln und gilt als Basiswerk vieler nachfolgenden Benimmbücher oder Anstandsliteratur. Ein Auszug aus dem Buch [1] zeigt, mit welcher Formulierungskunst Erasmus hier ans Werk ging:

Die Gabe, Kinder zu erziehen, ist in sich sehr vielfältig. Vor allem muss man darauf achten, dass das zarte Kinder-gemüt die Vorschule der Frömmigkeit durchmacht. Die nächste Aufgabe ist die, dass der Zögling die freien Künste mit Lust und Liebe sich aneignet; die dritte, dass er lernt, das Leben zu meistern; die vierte, dass er schon in den kindlichen Anfängen sich daran gewöhnt, umgänglich zu sein.
Der Mensch sollte an Seele und Körper, in seinem Auftreten und seiner Haltung aus einem Guss sein, vor allem sollten alle zurückhaltend sein, besonders aber Menschen, die zu führenden Aufgaben berufen sind. Damit die wohlausgeglichene Seele des jungen Menschen sichtbar wird – sie spiegelt sich am stärksten in seinem Gesicht – soll er gelassen, ehrfürchtig und gesammelt dreinblicken, nicht grimmig, denn das ist ein Zeichen von Grobheit; nicht dreist, denn daran erkennt man Unklugheit; nicht fahrig und unstet, was auf Unbesonnenheit hinweist; nicht schielend, was Art der Argwöhnischen ist und jener Menschen, die dauernd etwas im Schilde führen; auch nicht mit weit aufgerissenen Augen, was die Beschränkten tun; nicht mit zusammengekniffenen Augen, wie es die Unzuverlässigen tun; nicht glotzend, wie es völlig Verdutzte machen, auch nicht allzu blitzend, was ein Zeichen für Jähzorn ist. Sie sollen auch nicht dauernd Zustimmung dokumentieren, woran man die Aufdringlichen erkennt. Sie sollen vielmehr so blicken, dass sie einen maßvollen und unaufdringlichen zutraulichen Sinn verheißen. Die alten Weisen haben es genau gewusst, dass der Sinn eines Menschen seinen Platz in den Augen habe [...]
Es ist ungehörig, einen anderen mit einem zugekniffenen Auge zu mustern. Die Augenbrauen sollen straff, nicht gekräuselt sein, denn das ist Zeichen eines grimmigen Gemüts. Man soll sie auch nicht hochziehen, was Anmaßung verrät, ebenso wenig herabziehen, was Leute mit einem finsteren Sinn tun. Die Stirn soll ebenfalls heiter und glatt sein, so wie es bei einem mit sich selbst einigen und freien Sinn der Fall ist, nicht zerfurcht wie bei Greisen, nicht unruhig wie bei Streitbaren und nicht kraus wie bei einem Stier [...]
Die Nase darf nicht triefen, denn das zeugt für ein schmuddeliges Wesen. Diesen Fehler hat man dem Sokrates nachgesagt. Sich mit der Mütze oder mit dem Rock zu schnäuzen ist Bauernart, und mit dem Arm oder dem Ellenbogen machen es die Fischhändler. Mit der Hand ist es kaum vornehmer, wenn man sie hinterher am Rock abwischt. Es ist auch lächerlich, nach Elefantenart durch die Nase zu trompeten, und nur Spötter und Hanswurste kräuseln die Nase [...]
Nur Dummköpfe belachen jedes Wort und jedes Vorkommnis, nur Stumpfsinnige lassen sich niemals ein Lächeln entlocken. Wer über Zoten und Obszönitäten lacht, ist ein Bruder Liederlich. Einen anderen mit ausgestreckter Zunge zu verlachen ist Clownsart [...]
Faule Menschen lassen Kopf und Schulter hängen, ein steil aufgerichteter Körper verrät Anmaßlichkeit, die richtige Haltung ist zwanglos aufrecht. Wer sich aus Trägheit daran gewöhnt, die Schultern hängen zu lassen, bekommt einen Buckel [...]
Die Schamteile soll ein gebildeter Mensch nur entblößen, wenn es notwendig ist. Ist das der Fall, soll man es, auch wenn niemand zugegen ist, mit der gebührenden Sachlichkeit tun, die Engel sind nämlich immer zugegen [...]
Wir haben zusammenfassend über den Körper gesprochen. Jetzt soll einiges über die Kleidung folgen; ist doch die Kleidung gewissermaßen der Körper des Körpers, und man kann auch von ihr auf die Gesinnung schließen.

Im weiteren Verlauf führt Erasmus weitschweifig aus, was die Jugend sonst noch alles zu beachten hätte, beispielsweise solle man keinesfalls so kurzen Röcke tragen, dass beim Bücken die Sexualpartien entblößt werden, denn das sei unziemlich, wogegen geschlitzte Kleider nur Verrückte und buntgedruckte Kostüme nur Narren und Affen tragen würden.

Über den Umgang mit Menschen von Adolph Knigge[Bearbeiten]

Über den Umgang mit Menschen ist das bekannteste Werk des deutschen Schriftstellers Adolph Freiherr Knigge (1752–1796) und erschien im Jahre 1788. Es enthält nicht nur "Benimmregeln" sondern reflektiert zusätzlich die sozialen Zustände der damaligen Zeit. Es ist in drei Teile aufgeteilt:

1. Über den Umgang mit Menschen;
2. Über den Umgang mit sich selbst;
3. Über den Umgang mit Leuten von verschiedenen Gemütsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und Herzens.

Der Begriff "Knigge" wird heute allgemein für die unterschiedlichsten Formen von Benimmbüchern (bei Tisch, als Geschäftsmann, welche Kleider usw.) benutzt. Eine bekannte "Benimm-Autorin" war Erica Pappritz (1893-1972), die als Diplomatin unter Bundeskanzler Konrad Adenauer im Bonner Auswärtigen Amt das offizielle Protokoll gestaltete und fixierte. Sie wurde die offizielle Protokoll-Dame der Bundesrepublik und schrieb das "Buch der Etikette", das ein Bestseller wurde.

Literatur[Bearbeiten]

  • Katja Alves, Dawn Parisi: Darf man das? Ein Benimmbuch für unterwegs, 2. Auflage, Sanssouce, München 2006, ISBN 978-3-7254-1418-5.
  • Friedrich-Karl von Chasot: Knigge & mehr. Ein Ratgeber für fast alle Lebensfragen. 3., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Kloeden, Berlin 1996, ISBN 3-920564-36-7.
  • Willy Elmayer: Gutes Benehmen gefragt. Ein zeitgemäßer Ratgeber für Sie und Ihn [Illustriert von Hill Reihs-Gromes], Zsolnay, Wien / Hamburg 1957 (Erstausgabe) + ff.
  • Willy Elmayer: Früh übt sich ... Ein lustiges Buch über richtiges Benehmen [Illustriert von Karl Puchleitner], Kremayr & Scheriau, Wien 1959.
  • Cordula Frieser: Souverän bei Tisch. Sicheres Benehmen in Gesellschaft [Fotos: Clemens Nestroy]. Pichler, Wien / Graz / Klagenfurt 2008, ISBN 978-3-85431-475-2.
  • Cordula Frieser : Chic in Schale. Passend gekleidet in jeder Situation [Fotos: Christian Jungwirth]. Pichler, Wien / Graz / Klagenfurt 2009, ISBN 978-3-85431-511-7.
  • Markus Höffer-Mehlmer, Sara Mehlmer: Fettnäpfchenführer Mexiko. Meerbusch 2012. ISBN 978-3-943176-03-2.
  • Hannes Hüttner, Egbert Herfurth: Das große Benimmbuch. Faber & Faber, Leipzig 2006. ISBN 978-3-86730-005-6 (= Unsere Kinderbuch-Klassiker, Band 6).
  • Emma Kallmann: Der gute Ton. Handbuch der feinen Lebensart und guten Sitte. Nach den neuesten Anstandsregeln bearbeitet. Steinitz, Berlin 1892 (Erstausgabe), Reprint als Taschenbuch: Zenodot, Berlin 2011, ISBN 978-3-8430-6797-3.
  • Karl Kleinschmidt: Keine Angst vor guten Sitten. Ein Buch über die Art, miteinander umzugehen [Illustriert von Hans Hätzel]. Das Neue Berlin, Berlin (DDR) 1957 (aus den Anfangszeiten der DDR, aktuelle Neuauflage als MV-Taschenbuch. «Extra»: mit einem Vorwort von Reinhard Rösler. BS, Admannshagen-Bargeshagen 2011, ISBN 978-3-86785-121-3).
  • Adriano Sack: Manieren 2.0. Stil im digitalen Zeitalter [Illustriert von Janine Sack], Piper, München / Zürich 2007, ISBN 978-3-492-05050-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anton Gail (Hrsg): Ausgewählte pädagogische Schriften des Erasmus von Rotterdam, Paderborn 1963