Berossos

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Berossos (Begriffsklärung) aufgeführt.

Berossos (akkadisch Bêl-re'ušunu; seltener Berosos, latinisiert Berossus) war ein im späten 4. / frühen 3. Jahrhundert v. Chr. lebender babylonischer Priester des Gottes Bēl-Marduk. Er ist bekannt als Verfasser eines historischen Werks in griechischer Sprache und als Begründer der hellenistischen Astrologie.

Leben und Werk[Bearbeiten]

In der Forschung herrscht über die genauen Lebensdaten des Berossos keine Einigkeit. Berossos war nach eigener Aussage ein Zeitgenosse Alexanders des Großen und wurde wohl zwischen 330 und 323 v. Chr. geboren. Manche Forscher nehmen aber auch eine Geburt um 340 v. Chr. an und interpretieren seine weiteren Lebensumstände unterschiedlich, etwa in Bezug auf seine astronomischen Interessen.[1] Er wurde jedenfalls Priester des Gottes Bēl-Marduk (Bēl war ein während dieser Zeit üblich gewordener Name dieses Gottes) und wurde wahrscheinlich Leiter des Esagila-Tempels. Berossos veröffentlichte wohl um 290 v. Chr. eine „Babylonische Geschichte“ (die vermutlich den Titel Babyloniaká trug) in griechischer Sprache. Das Werk war dem Seleukiden Antiochos I. gewidmet (damals Mitherrscher seines Vaters Seleukos I., später selbst König) und in drei Bücher unterteilt.[2] Behandelt wurde die Geschichte von der „Urzeit“ bis zum Tod Alexanders.

Von dem Werk sind nur Fragmente erhalten (Die Fragmente der griechischen Historiker Nr. 680); benutzt wurde es unter anderem von Alexander Polyhistor (welcher wiederum in der armenischen Fassung der Chronik des Eusebius zitiert wird), Flavius Josephus, Abydenos sowie Juba.

Eine Besonderheit dieser Chronik war die Verbindung mesopotamischer und griechischer Tradition zur Legitimierung der Seleukidenherrschaft. Buch 1 widmet sich der Geographie Babyloniens, wobei Berossos sich an der hellenistischen Ethnografie orientiert, der Kosmogonie und dem Fischmenschen (Synonym für Weiser) Oannes als Kulturbringer. Buch 2 beschäftigt sich mit 10 vorsintflutlichen Königen, schildert Flutberichte (nach der aus Uruk übernommenen babylonischen Tradition), sowie den nachsintflutlichen Dynastien und den Weisen bis zu Nabu-nasir im 8. Jhd. v. Chr.. Buch 3 schildert schließlich die assyrische Fremdherrschaft (nach babylonischer Tradition nur aus babylonischem Blickwinkel) seit Tiglat-pileser III., deren Niedergang, die Zeit des Chaldäers Nebukadnezar II., die Perserherrschaft bis zur griechischen Eroberung.

Berossos scheint sich bei seiner Darstellung auf Originalurkunden und einheimische Traditionen gestützt zu haben, wobei er insgesamt betrachtet recht zuverlässig ist. Sein Geschichtswerk stützt in vielen Aussagen sowohl die heutigen Funde archäologischer Natur als auch die antiken Keilschrifttexte. Er gilt für die mesopotamische Geschichte und Kultur als glaubhafter als Herodot.

Um 300 v. Chr. ließ Berossos sich auf der Insel Kos nieder und gründete dort die erste Astrologieschule der hellenistischen Welt.[3] Er erlangte als Astrologe großes Ansehen und gilt als Begründer der griechischen Astrologie. Von seinen astrologischen Lehren sind nur Fragmente überliefert.

Der Mondkrater Berosus ist nach ihm benannt.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist) Nr. 680 (Originaltext).
  • Stanley Mayer Burstein: The Babyloniaca of Berossus. 2. Aufl. Malibu/Calif. 1980.
  • Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho, introduced and translated. Native traditions in ancient Mesopotamia and Egypt. Ann Arbor 1996 (Nachdruck 2000).

Literatur[Bearbeiten]

  • Russell E. Gmirkin: Berossus and Genesis, Manetho and Exodus: Hellenistic Histories and the Date of the Pentateuch. New York/London 2006.
  • Johannes Haubold (Hrsg.): The World of Berossos. Wiesbaden 2013 (Classica et Orientalia, Bd. 5).
  • Amélie Kuhrt: Berossus’ Babyloniaka and Seleucid Rule in Babylonia. In: A. Kuhrt, S. Sherwin-White (Hrsg.): Hellenism in the East. The interaction of Greek and non-Greek civilizations from Syria to Central Asia after Alexander. Berkeley/Los Angeles 1987, S. 32–56.
  • Klaus Meister: Die griechische Geschichtsschreibung. Stuttgart 1990, S. 140f.
  • Eduard Schwartz: Berossos 4. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band III,1, Stuttgart 1897, Sp. 309–316.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Einen Überblick bietet unter anderem die Einleitung bei Verbrugghe/Wickersham, S. 13ff.
  2. Teils wird auch eine spätere Veröffentlichung angenommen: Verbrugghe/Wickersham, S. 14.
  3. Georges Minois: Geschichte der Zukunft, Düsseldorf/Zürich 1998, S. 86. Siehe auch Vitruv VI, 6, 2.