Doppelte Kontingenz

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Doppelte Kontingenz ist ein soziologischer Fachterminus im Strukturfunktionalismus und in der Systemtheorie, der von Talcott Parsons eingeführt und von Niklas Luhmann übernommen und abgeändert wurde.

Innerhalb einer sozialen Interaktion sind die ausgewählten Handlungsweisen zweier Interaktionspartner wechselseitig von den beiderseits ausgewählten Handlungsalternativen abhängig. Ein derartiger Kommunikationszusammenhang stabilisiert sich durch die Herausbildung von Erwartungsregeln, die über spezifische Handlungssituationen hinweg von den Interaktionspartnern verallgemeinert zu werden pflegen.[1]

[Bearbeiten] Näheres

Damit wird eine Situation bezeichnet, in der sich die Partner einer sozialen Begegnung befinden können. Jeder von ihnen betrachtet den noch ungewissen Fortgang des Verhaltens der jeweils anderen Seite (d. h. deren Kontingenz). Und jede Seite löst diese in Punkten auf (manchmal auch nicht – vgl. den Mikado-Effekt). Beide Seiten wählen im allerweitesten Sinne durch Vollzug ihres 'eigenen Geschehens', also durch ihr Handeln im Rahmen der Begegnung, auch den Fortgang des Geschehens im Lichte der anderen Seite. Und diese schließt mit einer wie auch immer zu deutenden Selektion von Handeln an. Kommunikation entsteht erst, wenn das gemeinsame Geschehen seiner generellen Beliebigkeit enthoben und von beiden Seiten dauerhaft auf etwas Bestimmtes geführt wird. Dieses Bestimmtsein, das eine beträchtliche Reduktion der ursprünglich als möglich erachteten Kombinationen aller Spielarten von Geschehen darstellt, ist Bedingung, Weise und Ergebnis der Kommunikation.

Luhmann betrachtet wie Parsons die Ausgangslage einer sozialen Begegnung als Problem doppelter Kontingenz. Luhmann sieht – im Gegensatz zu Parsons – die in einer solchen Lage vollzogene Kommunikation als aus sich heraus entstehendes Phänomen der Kontingenzreduktion (Unsicherheitsminderung), das keiner weiteren sozialen Vorbereitung bedürfe, ja bedürfen könne. Denn dies erfordere bereits eine weitere Begegnung oder interpretiere in die sozialen Partner ein Vorwissen oder eine Übereinkunft (Übereinwissen) hinein, die angesichts der Verschiedenheit (und der inneren Komplexität) der sozialen Partner illusorisch sei.

Da sich beide Seiten an dem Verhalten des jeweiligen Gegenübers orientieren, ergibt sich bei der doppelten Kontingenz eine „Nullstelle“, an der Kommunikation unwahrscheinlich ist. Das Verhalten ist sowohl für das Gegenüber als auch für die Seite selbst kontingent. Im Alltag wird diese Unsicherheit zum Beispiel durch die Geschichte der wechselseitigen Kontakte, der Sozialisation oder der Organisation überwunden.

In sozialen Systemen ist die Doppelte Kontingenz Ursache und Bedingung dafür, dass sich eine Grundordnung im Laufe der Zeit verändert. Es entsteht eine Emergente Ordnung.[2]

[Bearbeiten] Einzelbelege

  1. „There is a double contingency inherent in interaction. On the one hand, ego’s gratifications are contingent on his selection among available alternatives. But in turn, alter’s reaction will be contingent on ego’s selection and will result from a complementary selection on alter’s part. Because of this double contingency, communication, which is the precondition of cultural patterns, could not exist without both generalization from the particularity of specific situations (which are never identical for ego and alter) and stability of meaning which can only be assured by ‘conventions’ observed by both parties.” (General Statement. In: Talcott Parsons, Edward A. Shils: Toward a General Theory of Action. Cambridge, Mass. 1951, S. 16; zit. nach Niklas Luhmann: Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie. In: Emile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Suhrkamp Frankfurt am Main 1. Aufl. 1992. ISBN: 3-518-28605-6. S. 30, Anm. 19
  2. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. 1984, S. 154 f
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