Kontingenz (Soziologie)

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Kontingenz (lat. contingere: sich ereignen / spätlat.: Möglichkeit) ist ein in der Philosophie und in der Soziologie, vor allem der Systemtheorie (Niklas Luhmann, Talcott Parsons) gebräuchlicher Begriff, um die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen zu bezeichnen.

Kontingenz nach Luhmann[Bearbeiten]

Niklas Luhmann definierte den Begriff wie folgt: „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.“[1]

Selbst die Wahrnehmung der Welt ist kontingent, ein Individuum kann also beispielsweise den Wald so, aber auch anders wahrnehmen: Einer wird das zu verarbeitende Holz und den Gewinn daraus wahrnehmen, ein anderer die Idylle und das Vogelgezwitscher. Keiner kann von sich behaupten, seine Wahrnehmung sei die einzig mögliche und richtige. Und keiner kann sicher voraussehen, wie der andere diesen Wald nun wahrnimmt aufgrund der Kontingenz des anderen.

Kontingenz beruht also auf Unterscheidungen und Konstruktionen, welche immer so und auch anders sein und gemacht werden könnten. Der Begriff bedeutet insofern eine Negation von Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Die prinzipielle Offenheit menschlicher Einstellungen und Handlungen, die zu Komplexität und Unberechenbarkeit führt, soll in manchen Theorien durch eine feste soziale Ordnung überwunden werden.[2] Luhmann hingegen will sie durch Kommunikation überwinden, bei der durch Beobachtung und Versuch und Irrtum im Lauf der Zeit eine Emergente Ordnung entsteht. Diese emergente Ordnung nennt Luhmann „soziales System“.[3]

Erkenntnistheoretisch betrachtet ist Kontingenz das (seinerseits kontingente) Wissen darüber, dass jedes Wissen relativ ist. Absolutes Wissen ist prinzipiell unmöglich. „Es kann immer auch ganz anders sein“. Kontingenz hat sich zu einem zentralen Begriff der Erkenntnistheorie entwickelt. Er zeigt, dass in sich geschlossene und gleichzeitig universelle Theorien nicht möglich sind. Erkenntnis entsteht vielmehr in selbstreferentiellen Prozessen, auf der Basis vorheriger Erkenntnisse, die bei jeweiligen Wissenschaftsbereichen oder Individuen unterschiedlich sind. Daher kommen verschiedene Wissenschaftsbereiche oder Individuen auf der Basis ihrer bisherigen Erkenntnisse zu verschiedenen neuen Erkenntnissen.

Ein Spezialproblem der Kontingenz ist die doppelte Kontingenz. Sie beschreibt die zunächst scheinbare Unwahrscheinlichkeit von gelingender Kommunikation, wenn zwei Individuen ihre Handlungen jeweils von den kontingenten Handlungen des Gegenübers abhängig machen. Luhmann will die doppelte Kontingenz überwinden durch Kommunikation: Durch Beobachtung des Anderen sowie durch Versuch und Irrtum entsteht im Lauf der Zeit eine emergente Ordnung, die Luhmann „soziales System“ nennt (s.o.).[4]

Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann sieht eine Zunahme der Komplexität des Sozialen im Zuge der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften. Handlungsoptionen haben zugenommen, somit sind Kontingenzerfahrungen wahrscheinlicher geworden.

Luhmann nahm diesen Begriff im Sinne von Aristoteles auf, welcher Kontingenz als nicht notwendig und nicht unmöglich sah. Was wie oben schon angedeutet bedeutet: es könnte auch anders sein.

In der strukturalen Medienbildungstheorie nach Winfried Marotzki spielt der Begriff der Kontingenz eine entscheidende Rolle als auslösendes Moment für Bildungsprozesse.

Kontingenzbewältigung[Bearbeiten]

Kontingenzbewältigung ist die Einschränkung des Risikos, enttäuscht zu werden. Das Risiko der Enttäuschung entsteht durch Ungewissheiten, für die man keine Erklärung hat. In der Kulturgeschichte des Menschen wurden dazu viele Strategien entwickelt, um die Welt berechenbarer zu gestalten. Zentrale Bedeutung hat hier die Religion, bzw. deren Kontingenzunterdrückungs-Mechanismen. Es gab und gibt jedoch auch andere Systeme, die auf Kontingenzunterdrückung setzen, wie Kommunismus und Faschismus.

Religion[Bearbeiten]

Der Philosoph Hermann Lübbe beschreibt die Funktion von Religion folgendermaßen: „Religion ist Kontingenzbewältigungspraxis handlungssinntranszendenter Kontingenzen.“ Damit ist gemeint, dass Religion für die schlimmsten Abstürze des Lebens, den Tod, die Trennung nicht etwa Trost, sondern eine Form des Handelns bietet, die das Umgehen mit solchen Katastrophen überhaupt ermöglicht.

Die Strategien der Kontingenzbewältigung schließen gewissermaßen an die theologische Frage der sogenannten Theodizee an, d.i. die Frage, wie Gott gedacht werden kann in einer Welt des Übels. Eine mögliche Antwort ist seit Leibniz eine ethische: Unterstützung und Hilfe sind bei solchen Kontingenz-Erfahrungen angesagt. Alles andere – z.B. der Versuch der Erklärung – gilt theologisch als Blasphemie (Biblisches Ijob-Buch).

Religiöse Deutungssysteme versuchen Antworten auf die Existenz des Leidens zu geben. Im Christentum und auch bei Schopenhauer wurde die menschliche Existenz als etwas Sündhaftes gedacht, die durch das Dasein abgebüßt werden müsse. Während Paul Gerhardt diese Deutung noch akzeptiert, ist sie bei Leibniz nicht mehr vorhanden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Allgemein

  • Rüdiger Bubner/Konrad Cramer/Reiner Wiehl (Hrsg.): Kontingenz. Neue Hefte für Philosophie Nr. 24/25, Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 1985.
  • Elena Esposito: Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode. (Aus dem Italienischen von Alessandra Corti). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004.
  • Markus Holzinger: Der Raum des Politischen. Politische Theorie im Zeichen der Kontingenz. Wilhelm Fink Verlag, München 2006.
  • Markus Holzinger: Kontingenz in der Gegenwartsgesellschaft. Dimensionen eines Leitbegriffs moderner Sozialtheorie. Bielefeld 2007.
  • Wolfgang Knöbl: Die Kontingenz der Moderne. Wege in Europa, Asien und Amerika. Campus, Frankfurt/New York 2007.
  • Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 1993, 4. Auflage. In: Balgo, Rolf: Bewegung und Wahrnehmung als System. Dortmund 1998.
  • Michael Makropoulos: Modernität und Kontingenz. Wilhelm Fink Verlag, München 1997.

Kontingenzbewältigung

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Niklas Luhmann: Soziale Systeme, 1984, S. 152, Luhmann 1993 (4).
  2. Vgl. Parsons, Shils, 1951.
  3. Vgl. Luhmann 1993 (4), S. 156f. In: Balgo 1998, S. 206.
  4. Vgl. Luhmann 1993 (4), S. 156f. In: Balgo 1998, S. 206.