Einfache Gewitter

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Einfache Gewitter (engl. Originaltitel: Ordinary Thunderstorms) ist die deutschsprachige Ausgabe des 2009 erschienenen zehnten Romans von William Boyd. Die deutsche Übersetzung von Chris Hirte erschien ebenfalls 2009.

Einfache Gewitter ist die als Thriller angelegte Geschichte einer Verfolgungsjagd durch London. Hintergrund ist die versuchte Vertuschung von Todesfällen bei Medikamententests.

Der Roman umfasst 60 Kapitel, sein Handlungszeitraum erstreckt sich über mehrere Monate.

Inhalt[Bearbeiten]

Der aus Amerika nach London zurückgekehrte Klimatologe Adam Kindred macht die Bekanntschaft des Chef-Entwicklers des Pharmakonzerns Calenture-Deutz, Philip Wang. Als er ihm seine liegengelassene Aktenmappe bringen will, findet er ihn in seiner Wohnung mit einem Messer in der Brust. Wang stirbt in seinem Beisein, und alle Indizien deuten auf Kindred als seinen Mörder. Kindred flieht mit der Mappe und versteckt sich fortan in einem Gebüsch an der Chelseabrücke am Themseufer. Die Polizei sucht ihn, und offenbar ist noch jemand anderer hinter ihm her.

Das Leben des Aufsichtsratsvorsitzenden und CEO von Calenture-Deutz, Ingram Fryzer, nimmt nicht mehr den von ihm gewünschten Verlauf, seine erwachsenen Kinder entfernen sich von ihm, seine Ehe ist zur Routine erstarrt und bei Calenture-Deutz, wo man kurz davor ist, das neu entwickelte, voll wirksame Asthmamittel Zembla-4 auf den Markt zu bringen, hat sich der großspurige amerikanische Pharma-Entrepreneur Alfredo Rilke eingekauft. Dessen Truppe macht sich Sorgen wegen verschwundener Akten. Fryzer wird immer mehr in die Enge getrieben, die Markteinführung von Zembla-4 von seiten Rilkes stark forciert, Entscheidungen werden über Fryzers Kopf hinweg getroffen; schließlich muss er einsehen, dass er die Kontrolle über viele Bereiche verloren hat. Außerdem beginnt ihn ein körperliches Problem zu plagen, er hat Sprachaussetzer und Konzentrationsschwächen. Am Ende des Romans, nachdem eine drohende Veröffentlichung der Dokumente über die Todesfälle in der Testphase von Zembla-4 die Markteinführung des Medikamentes endgültig verhindert und Rilke sich aus Calenture-Deutz wieder zurückgezogen hat, stirbt Fryzer an einem Gehirntumor.

Der ehemalige Soldat und Irak-Kämpfer Jonjo Case war damit beauftragt, Philip Wang zu ermorden und ist jetzt hinter Kindred und den Akten her. Mit der Verbissenheit eines Söldners gibt er niemals auf und kommt Kindred mehrmals gefährlich nahe, nur der Zufall verhindert den Erfolg. Schließlich wird er völlig überraschend und für ihn enttäuschend von seinem Kontrakt entbunden, was ihn allerdings nicht hindert, weiter an der Verfolgung zu bleiben.

Die Polizistin Rita Nashe, die soeben zur Wasserschutzpolizei versetzt wurde und mit ihrem Vater auf dem Themse-Hausboot Bellerophon lebt, wird mehrfach die Wege Kindreds kreuzen, sie wird ihm unwissentlich das Leben retten und später mit ihm eine leidenschaftliche Affäre anfangen.

Adam Kindred durchläuft als Verfolgter und Flüchtling durch London mehrere Stationen und Metamorphosen: zuerst versteckt er sich lediglich, dann als ihm das Geld ausgeht, beginnt er – sehr erfolgreich - zu betteln, im weiteren Verlauf kehrt er immer wieder in die Suppenküche der 'Church of John Christ', einer Sekte um den selbsternannten Bischof Yemis, zurück. Auf diese hatte ihn die Prostituierte Mhouse hingewiesen, für die er dann eine gewisse Zuneigung entwickelt und schließlich auch eine Zeitlang zu ihr und ihrem Sohn Ly-on in eine Sozialwohnung zieht. Als einer der Sektenanhänger stirbt, nimmt Kindred dessen Identität an, übernimmt seine Arbeit als Krankenpfleger und fängt schließlich damit an, den Medikamentenskandal – letztendlich auch erfolgreich – aufzudecken. Und obwohl er sogar noch zum Mörder wird, steht ihm in der neuen Identität als Primo Belem eine glückliche Beziehung mit Rita bevor.

Themen und Motive[Bearbeiten]

Boyd variiert in Einfache Gewitter das Thema der Verfolgungsjagd, zu dem John Buchan 1915 mit Die neununddreißig Stufen und Geoffrey Household 1939 mit Einzelgänger, männlich die beiden einschlägigen Meisterwerke lieferten. Im Gegensatz zu diesen Vorläufern spielt sich die Jagd hier jedoch in der Großstadt ab und nimmt das seit Edgar Allan Poe häufig verwendete Motiv des urbanen Dschungels auf. Neu ist dabei die durch flächendeckende Observierung und Datenspeicherung nötig gewordene Meidung der bislang als Vorteile der Großstadt geltenden Hilfsmittel öffentlicher Nahverkehr, Telefon und bargeldloser Zahlungsverkehr. Der Protagonist wird dadurch gezwungen, auf vormoderne Methoden von Transport und Kommunikation auszuweichen.

Kernthema des Romans ist jedoch wie schon in den letzten Büchern Boyds die Frage nach der Identität des modernen Menschen im Angesicht von Kontingenz und Zufall und einer zunehmend in sozial völlig unterschiedliche Gruppierungen zerfallenden Gesellschaft.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Englische Originalausgabe: Ordinary Thunderstorms bei Bloomsbury London 2009
  • Deutschsprachige Erstausgabe: Einfache Gewitter, dt. von Chris Hirte; Berlin: Berlin-Verlag 2009. ISBN 978-3-827-00878-7
  • Taschenbuch: Einfache Gewitter, gleiche Übersetzung; Berlin: Berliner Taschenbuch-Verlag 2010. ISBN 978-3-8333-0701-0

Weblinks[Bearbeiten]

  • [1] Video-Interview mit William Boyd auf t5m.com, 4. Dezember 2008 (englisch)
  • [2] Rezension in THE TIMES, London, 30. August 2009 (englisch)
  • [3] Interview mit Boyd auf edinburgh-festivals.com, 25. August 2009 (englisch)
  • [4] Interview mit William Boyd in THE GUARDIAN, 12. September 2009 (englisch)
  • [5] Rezension in THE GUARDIAN, London, 19. September 2009 (englisch)
  • [6] Rezension in der WELT, 31. Oktober 2009
  • [7] Rezension auf DEUTSCHLANDRADIO KULTUR, 20. November 2009
  • [8] Rezension in der BERLINER ZEITUNG, 25. November 2009
  • [9] Rezensions-Video auf DIE ZEIT.de, 8. Dezember 2009