Einstiegsdroge

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Unter Einstiegsdrogen werden illegale wie legale Drogen zusammengefasst, deren Nutzung eine erhöhte Koinzidenz für eine Drogenkarriere haben. Dies trifft vor allem auf die beiden Volksdrogen Tabak und Alkohol zu. Der Begriff der Einstiegsdroge wird jedoch von Laien erfahrungsgemäß im Zusammenhang mit Cannabis verwendet, oftmals von Gegnern einer Liberalisierung der Drogenpolitik, um das Verbot des Cannabis-Besitzes zu rechtfertigen.

Zusammenhänge[Bearbeiten]

Dem Begriff liegt die Tatsache zugrunde, dass in westlichen Ländern fast alle Konsumenten von harten Drogen ihren Konsum mit Alkohol, Tabak und/oder Cannabis begonnen haben. Allerdings kann daraus nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass ein nennenswerter Anteil der Alkohol-, Tabak- oder Cannabiskonsumenten in ihrem Leben zu Drogenabhängigen werden.

Meist geht diese These von Befragungen von abhängigen Opiatkonsumenten aus, und schliesst daraus, dass alle Konsumenten jeglicher Drogen einen ähnlichen Weg nehmen. Mittlerweile müsse aber angezweifelt werden, dass "die Vorstellung eines subkulturellen Drogenmilieus in Bezug auf Cannabis noch der Realität [entspräche]".[1] Jugendliche beziehen Cannabis hauptsächlich von Freunden und Bekannten und eben nicht im klassischen Fixermilieu. Somit ist die Trennung der Märkte bereits strukturell bedingt, wodurch die formulierte These an Gültigkeit verliere. Zu der pharmakologischen Schrittmacherfunktion muss konstatiert werden, dass der Forschungsstand derart schwach und uneindeutig ist, dass nicht von einem kausalen Zusammenhang gesprochen werden kann. In diesem Kontext müsse darüber hinaus zu klären, warum Cannabis nicht bei allen Cannabiskonsumenten die Drogenaffinität erhöhe. Somit ist die These, Cannabis als Einstiegsdroge anzusehen, wissenschaftlich nicht haltbar.[2]

Generell seien auserlesene, klinisch auffällige Untersuchungsstichproben (z. B. Psychiatrie-Patienten, straffällig gewordene Jugendliche oder Heroinabhängige) eindeutig nicht repräsentativ für "Cannabiskonsumenten" im Allgemeinen.[3]

Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein, so sei soziologisch gesehen der Cannabiskonsum ein vorwiegend jugendtypisches Verhalten, "das nach der Übernahme von Erwachsenenrollen von der Mehrheit beendet wird",[4] in medizinisch sinnvollener Gabe auch zur Therapie bei Opiatabhängigkeit[5] zum Einsatz kommen kann.

Empirische Studien[Bearbeiten]

Für Cannabis ist die Einstiegsdrogen-Theorie schon länger widerlegt, so heißt es in der vom Bundesgesundheitsministerium unter Horst Seehofer beauftragten Studie von Dieter Kleiber und Renate Soellner:

„Die Annahme, Cannabis sei die typische Einstiegsdroge für den Gebrauch harter Drogen wie Heroin, ist also nach dem heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand nicht haltbar.“

Cannabiskonsum: Entwicklungstendenzen, Konsummuster und Risiken, 1995[6]

Auch eine Studie von Peter Cohen und Arjan Sas aus 1997 am Beispiel von Amsterdam trug dazu bei, den Mythos „Einstiegsdroge Cannabis“ zu entkräften.[7]

Eine Studie vom 7. Januar 2010, welche Daten der World Mental Health (WMH) der Weltgesundheitsorganisation aus 17 Staaten ausgewertet hatte, kommt zu dem Schluss, dass die Anzeichen für eine Einstiegsdrogentheorie eher aus zufällig zusammenfallenden Faktoren bestehen als aus kausalen Zusammenhängen. So führe der Konsum einer Droge nicht automatisch zum Konsum einer anderen.[8]

Aber auch schon ältere Studien kommen zu dem Schluss "Aufgrund weltweiter Befunde kann man eindeutig behaupten, daß Cannabis-Gebrauch nicht zu Heroin-Sucht führt."[9]. Der sogenannte Indische Hanf Bericht von 1894 konnte keine mentalen oder moralischen Veränderungen feststellen.[10]

Kritik[Bearbeiten]

Es muss festgehalten werden, dass laut Untersuchungen das Vertrauen von Jugendlichen in Erwachsene zerrüttet wird, wenn Autoritätspersonen die Gefahren von "Einstiegsdrogen" erfinden oder übertreiben, so dass sie zukünftig alle (präventiven) Botschaften rund um das Thema Drogen, vor allem über deren erfundene oder auch nichterfundene Wirkung, als Nonsense empfinden.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Nicole Krumdiek : Die national- und internationalrechtliche Grundlage der Cannabisprohibition in Deutschland. Lit, Münster 2006, ISBN 3-8258-9543-2, S. 130.
  2. W. Schneider: Aktuelle INDRO-Stellungnahme zur Cannabisdiskussion in der Bundesrepublik Deutschland - Cannabis: Gefahr für die Jugend? Eine drogenpolitische Reform ist überfällig! Münster 2007. zitiert in: Robin Christen, Sabine Sturm: Cannabis: Wie ein Land seine Jugend kriminalisiert - kritische Reflexion der Gesetzesänderungen in Nordrhein-Westfalen 2007. In: Akzeptanzorientierte Drogenarbeit/Acceptance-Oriented Drug Work. 2008, 5, S. 14-25
  3. Dieter Kleiber, Karl-Artur Kovar: Auswirkungen des Cannabiskonsums : eine Expertise zu pharmakologischen und psychosozialen Konsequenzen. 1998, ISBN 3-8047-1555-9, S. 98.
  4. Horn 2008, S. 99. Zitiert nach Christen und Sturm 2008
  5. Wilfrid Noel Raby, Kenneth M. Carpenter, Jami Rothenberg, Adam C. Brooks, Huiping Jiang, Maria Sullivan, Adam Bisaga, Sandra Comer, Edward V. Nunes: Intermittent Marijuana Use Is Associated with Improved Retention in Naltrexone Treatment for Opiate-Dependence. In: Am J Addict. 2009 Jul–Aug; 18(4), S. 301–308.
  6. Studien von Kleiber u. a.
  7. Peter Cohen, Arjan Sas: Cannabis use, a stepping stone to other drugs? The case of Amsterdam. In: Lorenz Böllinger: Cannabis Science. 1997.
  8. L. Degenhardt, L. Dierker, W. T. Chiu, M. E. Medina-Mora, Y. Neumark, N. Sampson, J. Alonso, M. Angermeyer, J. C. Anthony, R. Bruffaerts, G. de Girolamo, R. de Graaf, O. Gureje, A. N. Karam, S. Kostyuchenko, S. Lee, J. P. Lépine, D. Levinson, Y. Nakamura, J. Posada-Villa, D. Stein, J. E. Wells, R. C. Kessler: Evaluating the drug use "gateway" theory using cross-national data: Consistency and associations of the order of initiation of drug use among participants in the WHO World Mental Health Surveys. 2010.
  9. Der Britische Cannabis-Report, offiziell "Wootton Report (engl. WP), 1968 in BEHR, 6.Auflage 2000, Zweitausendeins Verlag
  10. Indian Hemp Drugs Commission (engl. WP), 1894
  11. Edward M. Brecher: Heroin on the youth drug scene - and in Vietnam. Verlag Brown Little, 1972, ISBN 0-316-10717-4.

Weblinks[Bearbeiten]

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