Elektrisch-akustische Stimulation

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Sprachprozessor und Cochleaimplantat für die elektrisch-akustische Stimulation

Beim Konzept der kombinierten elektrisch-akustischen Stimulation, kurz EAS genannt, werden die Hörgeräte- und Cochleaimplantat-Technologie (kurz CI) gleichzeitig im selben Ohr angewandt. Das Hörgerät verstärkt die tiefen Frequenzen akustisch, während das Cochleaimplantat die mittleren und hohen Frequenzbereiche elektrisch stimuliert. Dadurch kann das Innenohr die akustischen und elektrischen Reize simultan verarbeiten.

Ergebnisse internationaler Studien belegen den hohen Synergieeffekt von Hörgeräte- und Cochleaimplantat-Technologie, mit besonders guten Ergebnissen beim Sprachverständnis im Rauschen und in der musikalischen Wahrnehmung.

Konzept[Bearbeiten]

Die elektrische Stimulation des auditorischen Systems mit Hilfe eines Cochleaimplantats ist eine weit verbreitete Technik für Menschen mit einem mittelschweren bis schweren sensoneuralen Hörverlust, aber auch für Erwachsene und Kinder mit geringem Restgehör.

Normalerweise können Patienten, die unter einem leichten bis mittelgradigen Hörverlust leiden, von konventionellen Hörgeräten profitieren. Einerseits hat sich die akustische Verstärkung in den niederen Frequenzbereichen bewährt. Ein hochgradiger Hörverlust (> 70 dB) für Frequenzen über 1 kHz kann jedoch über dem möglichen Verstärkungsbereichs des Hörgeräts liegen. Andererseits können mit Hilfe eines Cochleaimplantates (CI) Frequenzen bis zu 8 kHz stimuliert werden.

Das Konzept der kombinierten elektrisch-akustischen Stimulation (EAS) wurde erstmals 1999 von C. von Illberg und J. Kiefer von der Universitätsklinik Frankfurt beschrieben. Noch im selben Jahr wurde der erste EAS-Patient implantiert.

Indikationen[Bearbeiten]

Es gibt Patienten, die für niedrige Frequenzen ein gewisses Restgehör und für hohe Frequenzen einen hochgradigen Hörverlust haben. Diese Personen können wegen des schweren Hörverlusts in den hohen Frequenzen nicht von der klassischen Verstärkung eines Hörgeräts profitieren, da sie trotz bester Anpassung des Hörgerätes kein ausreichendes Sprachverständnis haben. Aufgrund ihres guten Restgehörs in den niederen Frequenzen sind sie aber auch keine klassischen Kandidaten für ein Cochleaimplantat. Die Indikation für EAS basiert auf drei Faktoren:

  1. Audiogramm
  2. Sprachverständnistest
  3. Krankengeschichte

Audiogramm[Bearbeiten]

  • < 1.5 kHz kein oder geringer Hörverlust
  • > 1.5 kHz hochgradiger, bis an Taubheit grenzender, sensoneuraler Hörverlust / sensoneurale Hörschädigung

Sprachverständnis[Bearbeiten]

Der Freiburger Einsilbertest sollte ein Ergebnis gleich oder schlechter als 65 % Sprachverständnis bei 65 dB mit bestmöglicher Hörgeräteversorgung aufweisen.

Krankengeschichte[Bearbeiten]

Kontraindikationen:

  • Fortschreitender Hörverlust
  • Autoimmun-Erkrankung
  • Hörverlust aufgrund von Meningitis, Otosklerose oder Verknöcherung
  • Miss- oder Fehlbildung der Cochlea
  • Unterschied zwischen Luft- und Knochenleitung > 15 dB
  • Kontraindikationen des Außenohrs gegenüber Hörgeräten

Die hörerhaltende Implantation[Bearbeiten]

Eine spezielle Operationstechnik ist der Schlüssel zum Erhalt des Restgehörs, da bei einer normalen Cochleaimplantat-Operation das Restgehör mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zerstört wird. Wichtige Faktoren für den Erhalt des Restgehörs sind:

  • Verwendung von speziellen atraumatischen Elektroden
  • Kleinstmögliches akustisches Trauma beim Bohren der Cochleostomie
  • Kleinstmögliches mechanisches Trauma aufgrund der Öffnung der Cochlea und durch das Einführen der Elektroden
  • Verhindern von entzündlichen Reaktionen (Verunreinigung mit Blut, Bakterien aus dem Mittelohr, Knochenstaub, etc.)
  • Verwendung spezieller Medikamente zum Hörerhalt

Es gibt zwei gängige Methoden, die Elektroden in die Cochlea einzuführen:

  • Durch das runde Fenster
  • Durch eine Cochleostomie

In letzter Zeit erfreut sich die Warschauer Technik immer größerer Beliebtheit, da sie als weniger traumatisch angesehen wird. Die besten Ergebnisse wurden mit einer Elektroden-Einführtiefe von 18 mm erreicht, da diese Länge auch mit der physiologischen Position für die Frequenzaufnahme der Cochlea bei 1000 Hz übereinstimmt. Deshalb werden alle Frequenzen unter 1000 Hz akustisch und die darüber liegenden Frequenzen elektrisch stimuliert.

Um eine erfolgreiche Behandlung von EAS-Patienten zu gewährleisten, bieten Firmen, welche EAS als Behandlungsmethode anbieten, Chirurgen und Spezialisten die Möglichkeit, an Trainingskursen für diese spezielle Operationstechnik teilzunehmen.

EAS-Elektroden[Bearbeiten]

Langzeitstudien zeigen, dass ein möglichst geringer Kraftaufwand beim Einführen der Elektrode die Chancen erhöht, die leicht zerstörbaren Strukturen innerhalb der Cochlea zu erhalten. Somit ist die mechanische Flexibilität der Elektrode einer der Schlüsselfaktoren für den Erhalt des Restgehörs.

EAS-Audioprozessor[Bearbeiten]

EAS-Audioprozessor mit Ohrpassstück.

Zurzeit gibt es zwei CI-Hersteller, nämlich MED-EL und Cochlear.[1] Das Hörgerät ist im Ohrhaken integriert (HdO=Hinter-dem-Ohr-Prozessor oder BTE=Behind-the-ear), und die verstärkten Signale werden über das Maßohrpassstück in den Gehörgang weitergeleitet. Das Ohrstück, das für den akustischen Teil verwendet wird, ist identisch mit dem eines konventionellen Hörgeräts und kann dadurch leicht ausgetauscht werden. Die Schallaufnahme erfolgt wie beim CI über das Mikrophon des HdO-Prozessors. Das Signal wird getrennt und dann parallel für das akustische Hören (in den tiefen Frequenzen) und für die Cochleaimplantat-Stimulation (in den hohen Frequenzen) entsprechend optimiert. Das erlaubt dem Benutzer eine klare und präzise Lokalisation von Geräuschen.

Zulassung[Bearbeiten]

In Europa sind die EAS-Systeme bereits zugelassen, in den USA erfolgt zurzeit eine klinische Prüfung beider Systeme. [2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • V. Ilberg C., Kiefer J., Tillein J., Pfennigdorff T., Hartmann R., Stürzebecher E., Klinke R. (1999). Electric-acoustic stimulation of the auditory system. ORL 61:334-340.
  • Skarzynski H, Lorens A, Piotrowska A, Anderson I (2006). Partial deafness cochlear implantation provides benefit to a new population of individuals with hearing loss Acta Otolaryngol. 2006, Vol. 126/9: 934-40.
  • Gstoettner W., Helbig S., Maier N., Kiefer J., Radeloff A., Adunka O. (2006). Ipsilateral Electric Acoustic Stimulation of the Auditory System: Results of Long-Term Hearing Preservation. Audiology & Neurotology: 11 (suppl 1): 49-56.
  • Baumann, U., Helbig, S. (2009). Hören mit kombinierter elektrischer und akustischer Stimulation. HNO: 57/6: 542-550.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1][2]
  2. [3]