Fall-Kontroll-Studie

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Eine Fall-Kontroll-Studie ist eine Form der epidemiologischen Studien in der Medizin. Es handelt sich um eine retrospektive Untersuchung einer Stichprobe, die aus erkrankten Personen besteht (Fall), und einer Stichprobe, die aus gesunden Personen besteht (Kontrolle). Bei beiden Gruppen wird nun ermittelt, ob in der Vergangenheit eine Exposition gegenüber potentiellen Risikofaktoren vorlag. Ein signifikanter Unterschied zwischen beiden Gruppen bedeutet eine Korrelation zwischen Risikofaktor und Erkrankung. Keinesfalls kann man allerdings auf eine Ursache/Wirkungsbeziehung schließen. Eine retrospektive Studienanordnung wie die Fall-Kontroll-Studie eignet sich besonders zum Aufdecken der Ursachen von seltenen Krankheiten. Dabei werden Personen untersucht, die eine bestimmte Krankheit aufweisen, und mit geeigneten Kontrollgruppen verglichen. Von der Krankheit wird rückblickend nach einer Ursache gesucht.

Selektion von Fällen[Bearbeiten]

In einer Fall-Kontroll-Studie werden die Fälle aufgrund der Krankheit und nicht der Exposition ausgewählt. Bei der Auswahl gibt es unterschiedliche Quellen wie beispielsweise Krankenhauspatienten oder Patienten aus dem Niedergelassenenbereich. Um zu verhindern, dass die entdeckten Risikofaktoren lediglich auf ein spezielles Krankenhaus zurückzuführen sind, ist es ratsam, Fälle aus verschiedenen Krankenhäusern oder Bundesländern auszuwählen. Ebenfalls muss bei der Selektion der Fälle festgelegt werden, ob neue (inzidente) oder bereits existierende (prävalente) Fälle einbezogen werden. Bei Fall-Kontroll-Studien ist zu empfehlen, Inzidenzfälle einzubeziehen, denn bei Prävalenzfällen besteht die Gefahr, dass der entdeckte Risikofaktor auf einen Zusammenhang mit dem Überleben hinweist und nicht auf den Grund der Erkrankung. Wenn beispielsweise die Vielzahl der Erkrankten kurz nach der Diagnose versterben sollte, werden diese Patienten in der Untersuchung mit prävalenten Fällen unterrepräsentiert sein und letztlich das Ergebnis verzerren. Bei inzidenten Fällen ist jedoch festzuhalten, dass der Zeitraum, in dem eine Neuerkrankung auftritt, gegebenenfalls länger dauert als bei prävalenten Fällen. [1]

Selektion von Kontrollen[Bearbeiten]

Die Auswahl und Vergleichbarkeit der Kontrollen sind wichtige Kriterien zur Sicherstellung der Validität der Fall-Kontroll-Studie. Damit vergleichbare Expositionsannahmen getroffen werden können, sollten die Fälle und Kontrollen der gleichen Basis-Population angehören. [2] Die beste Möglichkeit, um eine Vergleichbarkeit sicherzustellen, ist die Auswahl der Kontrollen mithilfe des Bevölkerungsansatzes. Die Kontrollen werden dabei einer Zufallsstichprobe entnommen, die dabei derselben Population angehören wie die Fälle. Die Auswahl kann beispielsweise durch zufällig ausgewählte Telefonnummern derselben Region erfolgen. Ebenfalls gut vergleichbar sind Fälle und Kontrollen aus einer Kohorte. In dem Fall wird die Studie eingebettete Fall-Kontroll-Studie genannt. Insgesamt sollten Fälle und Kontrollen dieselben Einschlusskriterien erfüllen wie beispielsweise Region oder Alter.

Eine weitere Möglichkeit, Kontrollen zu generieren, stellen Krankenhauskontrollen und Kontrollen aus dem Krankenhauseinzugsgebiet dar. Bei der Auswahl ist darauf zu achten, dass die Kontrollen keine Krankheiten haben, die mit der Exposition oder der interessierenden Krankheit assoziiert werden. Jedoch ist diese Art der Kontrollen störanfälliger als die Auswahl aus der Bevölkerung. [3]

Um zu verhindern, dass die Fälle und Kontrollen in Eigenschaften und Expositionen Unterschiede aufzeigen, die eigentlich nicht im Fokus der Untersuchung stehen, werden die Teilnehmer bezüglich Merkmalen wie Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund, sozio-ökonomischer Status und Beruf verbunden. Sodass jeder Fall mit einer Kontrolle gematscht wird. Dieses Vorgehen wird in der Epidemiologie Matching genannt. [4]

Schwierigkeiten der Fall-Kontroll-Studien[Bearbeiten]

Die Hauptschwierigkeit bei Fall-Kontroll-Studien sind die Grenzen des Erinnerungsvermögens (Recalls) der Studienteilnehmer. Denn um Informationen über die Expositionen zu erhalten, werden die Personen rückblickend befragt. Die häufigste Form wird Recall-Bias genannt. Dabei können die Personen eine mögliche Exposition vergessen haben, denn betroffene Personen setzen sich häufig intensiver mit möglichen Ursachen der Erkrankung auseinander, die für die Kontrollen keinen Zusammenhang erkennen lassen oder vergessen wurden. Somit kann die unterschiedliche Erinnerungsfähigkeit zwischen den Fällen und Kontrollen zu möglichen Fehlinterpretationen führen.[5]

Bewertung[Bearbeiten]

Fall-Kontroll-Studien sind eine relativ preiswerte und oft angewandte Form epidemiologischer Studien, die durch kleine Gruppen oder einzelne Forscher in einzelnen Forschungseinrichtungen durchgeführt werden können, wie dies für strukturiertere Untersuchungen oft nicht möglich wäre. Sie haben mehreren wichtigen Entdeckungen und Fortschritten den Weg gewiesen, jedoch hat gerade ihr Erfolg dazu geführt, dass ihnen zu viel Vertrauen entgegengebracht wurde und ihre Glaubwürdigkeit dabei Schaden erlitt. Dies ist zu einem großen Teil auf fehlerhafte Annahmen über solche Studien zurückzuführen.

Beispiel Fall-Kontroll-Studien[Bearbeiten]

Ein großer Erfolg war der Fall-Kontroll-Studie beschieden, als Sir Richard Doll und andere nach ihm eine Beziehung zwischen Tabakrauchen und Lungenkrebs nachweisen konnten. Doll konnte in einer groß angelegten Fall-Kontroll-Studie einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs belegen. Skeptiker hatten, meist mit Unterstützung der Tabakindustrie, über viele Jahre (korrekt) argumentiert, dass diese Art von Studie keine Ursache/Wirkungskette (Kausalität) nachweisen kann, aber letzten Endes bestätigten Ergebnisse von Doppelblind-Längsschnittstudien die kausale Beziehung, die die Fall-Kontroll-Studien nahelegten, und es ist jetzt weithin anerkannt, dass Tabakrauchen ungefähr 87 % aller lungenkrebsbedingten Tode in den USA verursacht.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009; Robert H. Fletcher, Suzanne W. Fletcher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007, S. 180-185
  2. Robert H. Fletcher, Suzanne W. Fletcher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007, S. 134-136
  3. Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009, S. 180-185; Robert H. Fletcher, Suzanne W. Fletcher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007, S. 134-136
  4. Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009, S. 185-186; Robert H. Fletcher, Suzanne W. Fletcher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007, S. 135-137
  5. Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009, S. 190

Literatur[Bearbeiten]

  • Ruth Bonita, Robert Beaglehole, Tord Kjellström: Einführung in die Epidemiologie. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2008, ISBN 978-3-456-84535-7
  • Robert H. Fletcher, Suzanne W. Fletcher. Klinische Epidemiologie. Grundlagen und Anwendung. 2. Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2007
  • Leon Gordis: Epidemiology. Fourth edition. Sauders Elsevier, Philadelphia 2009
  • Oliver Razum, Jürgen Breckenkamp, Patrick Brzoska: Epidemiologie für Dummies. WILEY-VCH Verlag, München 2009