Gesang der Jünglinge

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel erläutert das Werk Gesang der Jünglinge von Karlheinz Stockhausen, für den gleichnamigen Kurzfilm von Andree Korpys und Markus Löffler aus dem Jahr 2009 siehe Gesang der Jünglinge (Kurzfilm).

Gesang der Jünglinge im Feuerofen, meist auch offiziell nur als Gesang der Jünglinge bezeichnet, ist ein zentrales Frühwerk des Komponisten Karlheinz Stockhausen. Das Werk war bedeutend für die Entwicklung der elektronischen Musik. Es entstand 1955 im Studio für Elektronische Musik am Westdeutschen Rundfunk in Köln. Es wurde zusammen mit Gottfried Michael Koenig realisiert und am 30. Mai 1956 in Köln uraufgeführt. Die Vokalpartien sang der damals zwölfjährige Josef Protschka[1].

Das Werk wird häufig als frühes „Meisterwerk der elektronischen Musik“ bezeichnet.[2][3] Bedeutend ist insbesondere die Synthese von elektronischen/synthetischen Klängen mit der menschlichen Stimme, also mit gesungenen/natürlichen Klängen. Es wird damit oft als erste erfolgreiche Verknüpfung der zur damaligen Zeit in Deutschland avantgardistischen rein elektronisch erzeugten Musik und der in Frankreich entstandenen Musique concrète gesehen. Zur Klangerzeugung werden Sinus- und Impulsgeneratoren und mit Tonbandtechnik nachbearbeitete Knabenstimmen verwendet.

Das Werk verarbeitet ein biblisches Thema aus dem Buch Daniel. Der Grad der Textverständlichkeit der nachbearbeiten Gesangspassagen wird als kompositorischer Parameter verwendet. Es ist ein frühes Beispiel für die Momentform.

Stockhausen hatte sein Stück zu einer Zeit für fünf Kanäle konzipiert, als Rundfunk und Schallplatte noch einkanalig (mono) ausgelegt waren. Als technisch avancierteste Studiotonbandmaschine stand ein Vierspurgerät zur Verfügung. Stockhausen wollte diese mit einer Einspurmaschine parallel laufen lassen, die Koordination erwies sich jedoch als unmöglich; daher mischte er die fünfte Spur zu der vierten Spur hinzu. Da das Band der fünften Spur unterdessen verloren gegangen war und erst zum Ende des 20. Jahrhunderts aus der vierten Spur rekonstruiert werden konnte (siehe Decroupet/Ungeheuer 1998), muss Gesang der Jünglinge rezeptionsgeschichtlich als Vierkanalstück betrachtet werden. Bei der Aufführung sind fünf Lautsprechergruppen um das Publikum verteilt im Raum. Dass die fünfte Gruppe von der Decke, als 'Stimme Gottes' strahlen sollte, ist eine unbelegte Legende. Die Raumbewegungen der Klänge bilden eine essentielle, auskomponierte Werkebene. Stockhausen hat spezielle Mono- und Stereo-Versionen des Werkes für Radio und Schallplatte erstellt.

Literatur[Bearbeiten]

chronologisch

  • Stockhausen, Karlheinz. 1958. „Musik und Sprache“. Die Reihe 6:36–58. (English edition, as „Music and Speech“ 1964:40–64.)
  • Toop, Richard. 1981. „Stockhausen's Electronic Works: Sketches and Worksheets from 1952–1967.“ Interface 10:149-97.
  • Simms, Bryan R. 1986. Music of the Twentieth Century: Style and Structure. New York: Schirmer Books. ISBN 0028725808
  • Decroupet, Pascal, and Elena Ungeheuer. 1998. „Through the Sensory Looking-Glass: The Aesthetic and Serial Foundations of Gesang der Jünglinge.“ Perspectives of New Music 36, no. 1 (Winter): 97–142.
  • Kohl, Jerome. 1998. „Guest Editor's Introduction“ to „A Seventieth-Birthday Festschrift for Karlheinz Stockhausen (Part One)“. Perspectives of New Music 36, no. 1 (Winter): 59–64.
  • Heike, Georg. 1999. „Die Bedeutung der Phonetik in der Vokalkomposition von Stockhausen.“ In Internationales Stockhausen-Symposion 1998. Musikwissenschaftliches Institut der Universität zu Köln, 11. bis 14. November 1998. Tagungsbericht, edited by Imke Misch and Christoph von Blumröder, 206–16. Saarbrücken: Pfau-Verlag.
  • Baranski, Sandrine. 2006. „Analyse perceptive en vue de l'étude du rapport texte/musique dans Gesang der Jünglinge de Karlheinz Stockhausen“. Revue d'Esthétique musicale LIEN Edition Musiques & Recherches, 76-106 http://www.musiques-recherches.be/images/stories/documents/LienAnalyse2011.pdf
  • Frisius, Rudolf. 2008. Karlheinz Stockhausen II: Die Werke 1950–1977; Gespräch mit Karlheinz Stockhausen, „Es geht aufwärts“. Mainz, London, Berlin, Madrid, New York, Paris, Prague, Tokyo, Toronto: Schott Musik International. ISBN 9783795702496
  • Stockhausen, Karlheinz. 2009. Kompositorische Grundlagen Neuer Musik: Sechs Seminare für die Darmstädter Ferienkurse 1970, edited by Imke Misch. Kürten: Stockhausen-Stiftung für Musik. ISBN 978-3-00-027313-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.hifi-forum.de/viewthread-199-163.html
  2. Simms 1986, S. 391.
  3. Kohl 1998, S. 61.