Hugo von Sankt Viktor

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Hugo von St. Viktor

Hugo von Sankt Viktor (* um 1097; † 11. Februar 1141) war ein christlicher Theologe des Mittelalters.

Leben[Bearbeiten]

Er stammte möglicherweise aus Ypern in Flandern, erhielt seine Ausbildung aber bei den Regularkanonikern von Hamersleben und galt in der viktorianischen Überlieferung als Sachse. Um 1115 oder 1118 trat er in die Schule der Augustiner-Chorherren von Sankt Victor (bei Paris) ein, die 1108 von Wilhelm von Champeaux gegründet worden war. Um 1133 wurde er Vorsteher dieser Ausbildungsstätte und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod inne. Als Abt von Sankt Viktor ist er, trotz späterer gegenteiliger Überlieferung, nicht nachweisbar. Besondere Ereignisse aus seinem Leben, das er ganz dem Glauben und der Lehre gewidmet zu haben scheint, sind nicht bekannt.

Hugo gilt als der geistige Gründervater der mit dem Namen von Sankt Viktor verbundenen Denktradition der Viktoriner, der in der Philosophie und Theologie des Mittelalters eine eher platonische als aristotelische Ausrichtung zuerkannt wird, und die in der Geschichte der mittelalterlichen Bibelexegese für ein verstärktes Bemühen um das wörtliche und geschichtliche Verständnis des Bibeltextes steht. Er war in seiner Theologie besonders beeinflusst von Augustinus, nach dessen Augustinusregel er lebte, und spielte eine wichtige Rolle in der mittelalterlichen Rezeption der mystisch inspirierten Werke des Dionysios Areopagita. Seine in mehr als 3000 Handschriften überlieferten Werke, von denen einige seit dem 13. Jahrhundert auch in verschiedene Volkssprachen übersetzt wurden, haben großen Einfluss auf die Theologie, Exegese und Philosophie der nachfolgenden Jahrhunderte und auch auf das mittelalterliche Bildungswesen ausgeübt.

In der Martinus-Bibliothek sind im Rahmen einer gezielten Suche Fragmente eines handschriftlichen Pergamentcodex gefunden worden, die dem Werk Summa sententiarum septem tractatibus distincta zugeordnet werden konnten.[1][2]

Werke[Bearbeiten]

  • Didascalicon de studio legendi (etwa: „Anleitung zum Studium des Lesens und Auslegens“, ca. 1128); eine Art Einführung in oder Anleitung für das Studium der Theologie; Kapitel 1-3 behandeln die sieben freien Künste, Kapitel 4-6 das Lesen der Heiligen Schrift.
    • Ausgabe: Strassburg : Drucker des Henricus Ariminensis Georg Reyser, nicht nach 1474. Digitalisierte Ausgabe der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
    • Ausgabe: Thilo Offergeld (Hg.): Didascalicon de studio legendi : Studienbuch, lateinisch-deutsch, Freiburg (Breisgau) [u.a.] : Herder 1997 (Fontes Christiani 27) mit Abdruck des von C.H. Buttimer edierten lateinischen Textes aus, Washington 1939 (= The University of America, Studies in Medieval and Renaissance Latin, 10).
  • Summen des christlichen Glaubens: Sententiae de divinitate, Dialogus de sacramentis, De sacramentis christianae fidei, letztere hgg. von Roy J. Deferrari, Cambridge (Mass.) 1955 (= Publications of the Medieval Academy of America, 58). Neueste Ausgabe von De sacramentis ist die kritische Edition von Rainer Berndt: Hugonis de Sancto Victore De sacramentis Christiane fidei, Münster 2008 (= Corpus Victorinum. Textus historici 1).
  • Kleinere Schriften zur Einführung in weltlichen Lehrstoff: De grammatica, Practica geometriae, Epitome Dindimi in philosophiam, ed. Roger Baron, Notre Dame (Ind.) 1966 (= University of Notre Dame, Publications in Medieval Studies, 20)
  • De tribus maximis circumstantiis gestorum (etwa: „Über die drei bedeutendsten Umstände geschichtlicher Ereignisse“, eine Universalchronologie und Gedächtniskunst, deren Zuschreibung an den Autor nicht unumstritten ist), ed. W. M. Green, Speculum 18 (1943), p.488-492.
  • De arca Noe morali und De arca mystica (etwa: „Über den moralischen Sinn der Arche Noah“ und „Über den mystischen Sinn der Arche“, zwei Werke für fortgeschrittene Studenten, in denen Hugo den linearen Gedächtnisplan von De circumstantiis auf eine raum-zeitliche Matrix hin erweitert und einen dreidimensionalen, vielfarbigen Gedächtnisplan entwirft. Dank dieser drei Werke wird Hugo zuweilen eine bedeutende Rolle zugeschrieben in der mittelalterlichen Aneignung der seit der Antike bekannten Gedächtniskunst oder Mnemotechnik.)
  • zahlreiche Adnotationes und Explicationes zu Büchern der Bibel, unter anderem zum Pentateuch, Buch der Richter, Samuel und den Büchern der Könige, verschiedenen Psalmen, dem Prediger und den Klageliedern des Jeremias
  • ein Kommentar zu den Himmlischen Hierarchien des Dionysios Areopagita
  • De vanitate mundi („Über die Nichtigkeit der Welt“), Apologia de verbo incarnato („Verteidigungsschrift über das fleischgewordene Wort“), De sapientia animae Christi („Über die Weisheit der Seele Christi“) und andere Lehrschriften
  • mystische Schriften wie z.B. De arrha animae („Über das Pfand der Seele“), De amore sponsi ad sponsam („Über die Liebe des Bräutigams zur Braut“), De meditando („Über die Versenkung“)

Die am leichtesten zugängliche Ausgabe von Hugos Werken findet sich in der Patrologia Latina, ed. J.-P. Migne, Bd. 175-177, die allerdings keinen kritischen Text bietet, und in der unter dem Namen Hugos auch zahlreiche fremde Texte abgedruckt sind, die von der Forschung heute anderen Autoren wie Richard von Sankt Viktor, Walter von Sankt Viktor und Hugo de Folieto zugeschrieben werden.

Gedenktag[Bearbeiten]

11. Februar im Evangelischen Namenkalender.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedrich Wilhelm Bautz: Hugo von St. Viktor. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 2, Bautz, Hamm 1990, ISBN 3-88309-032-8, Sp. 1148–1151.
  • Joachim Ehlers: Hugo von St.Viktor. Studien zum Geschichtsdenken und zur Geschichtsschreibung des 12. Jahrhunderts. Steiner, Wiesbaden 1973, (Frankfurter historische Abhandlungen 7, ISSN 0170-3226).
  • Amos Funkenstein, Jürgen Miethke: Hugo von Sankt Victor. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 19–22 (Digitalisat).
  • Rudolf Goy: Die Überlieferung der Werke Hugos von St. Viktor. Ein Beitrag zur Kommunikationsgeschichte des Mittelalters. Hiersemann, Stuttgart 1976, (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 14, ISSN 0026-9832).
  • Ivan Illich: Im Weinberg des Textes: als das Schriftbild der Moderne entstand. Ein Kommentar zu Hugos „Didascalicon“. Luchterhand, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-630-87105-4.
  • Jean Longère (Hrsg.): L'abbaye parisienne de Saint-Victor au Moyen Âge. Communications présentées au XIIIe Colloque d’Humanisme médiéval de Paris (1986-1988). Brepols, Paris / Turnhout 1991, ISBN 2-503-50048-X, (Bibliotheca Victorina 1).
  • Mary Carruthers: The Book of Memory – A Study of Memory in Medieval Culture. Cambridge University Press, Cambridge MA 1990, ISBN 0-521-38282-3, (Cambridge Studies in Medieval Literature 10).
  • Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mytik. Band 1: Die Grundlagen durch die Kirchenväter und die Mönchstheologie des 12. Jahrhunderts. Beck, München 1990, ISBN 3-406-34471-2.
  • Ralf M. W. Stammberger: Die Edition der Werke Hugos von Sankt Viktor († 1141) durch Abt Gilduin von Sankt Viktor († 1155) - Eine Rekonstruktion. In: Rainer Berndt (Hrsg.): Schrift, Schreiber, Schenker. Studien zur Abtei Sankt Viktor in Paris und den Viktorinern. Akademie Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004038-6, (Corpus Victorinum Instrumenta 1), S. 119–231, (vollständiges kritisches Werkverzeichnis im Anhang).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Hugo von Sankt Viktor – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tract I, 2: De spe et charitate
  2. Kabinettausstellung „Griechen - Römer - Araber in Pergamentfragmenten der Martinus-Bibliothek“ pdf 300 kb
  3. Hugo von St. Viktor im Ökumenischen Heiligenlexikon