Matupi

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Blick auf die Blanchebucht mit der Insel Matupi zur deutschen Kolonialzeit um 1910
Dorf auf Matupi zur deutschen Kolonialzeit um 1910

Matupi (auch Henderson-Insel genannt) war eine Insel in der Blanchebucht im Nordosten der Gazelle-Halbinsel des Bismarck-Archipels in der Inselrepublik Papua-Neuguinea. Durch vulkanische Vorgänge in der Region wurde sie im Mai 1937 zur Halbinsel.

Frühe europäische Kontakte[Bearbeiten]

Im Juli 1872 besuchte HMS Blanche unter Kapitän Simpson die Gewässer um Matupi und ankerte nordwestlich der Insel.[1] In europäische Seekarten wurde das Becken als „Simpson Harbour“ eingetragen und die Matupi umgebende Bucht als „Blanche Bay“ (später eingedeutscht zum „Simpsonhafen“ bzw. zur „Blanchebai“ oder „Blanchebucht“).

Die Hamburger Firma Godeffroy & Sohn (nachmalig Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft (DHPG)) setzte im April 1873 einen europäischen Händler auf der Insel auf, der sich aber nicht halten konnte und nach Amakada (Duke-of-York-Gruppe) floh.[2]

Matupi und die Blanchebucht lt. Vermessung SMS Gazelle (August 1875)

Im August 1875 fuhr das deutsche Forschungsschiff SMS Gazelle in den Simpsonhafen ein, vermaß die Küstenlinien, den Ankergrund, Matupi und den östlich gelegenen Greet-Hafen.[3] Noch im selben Monat besuchte der Wesleyanische Missionar George Brown einen der Bezirke der Insel.[4] Bis zum Ende des Jahres kamen in Browns Begleitung auch mehrere Handelskapitäne nach Matupi, unter ihnen der australbritische Küstenfahrer Alexander Ferguson und der spätere Hamburger Kaufmann Eduard Hernsheim.[5] Die Wesleyanische Mission erwarb im letzten Quartal 1875 ein Grundstück im Süden und stationierte hier einen Geistlichen von Fidschi.[6]

An der Nordspitze Matupis errichteten Hernsheim & Co im Jahr 1877 ihre Station „Rolavio“ und bauten sie ab 1879 zur Hauptstation für den Kopraexport aus.[7] In späteren Jahren kam eine zweite, größere Faktorei an der Ostküste hinzu, ferner ein Gasthaus im Nordwesten zur Bewirtung von Marinesoldaten, das ebenso von Hernsheim & Co betrieben wurde.[8]

Zwischen 1884 und 1899 war Matupi Teil des Schutzgebiets der Neuguinea-Kompagnie, zwischen 1899 und 1914 Teil von Deutsch-Neuguinea. Als Verkehrszentrum des Bismarck-Archipels bildete es den Ausgangspunkt für die Kolonialisierung des Inselgebiets.[9]

Ab 1881 wurden von Matupi Kohlelieferungen an Schiffe der Kaiserlichen Marine abgegeben, ab 1885 auch an Fahrzeuge der Kolonialverwaltung des östlichen Jurisdiktionsbezirks (Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie). Seit September 1881 gab es an der Ostseite der Insel zu diesem Zweck einen steinernen Kai. Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Matupi Anlaufpunkt der Postdampferlinie von Singapur und Batavia.[10]

Urbevölkerung und vorkoloniale Handelsbeziehungen[Bearbeiten]

In der Frühzeit europäischen Handels lebten in insgesamt drei Bezirken Matupis etwa 150–200 Menschen.[11] Indigene Handelsbeziehungen bestanden nur nach Amakada; dorthin ausgeführt wurden hauptsächlich Obst und Erdfrüchte zur Verproviantierung von Walfängern sowie Schildkrötenpanzer zum Weiterverkauf an Handelsschiffe. Veranlasst durch Kontakte zu europäischen Neusiedlern gewann Matupi ab 1880 bei der indigenen Bevölkerung an Bedeutung und verzeichnete bis 1888 eine Zuwanderung von rund 900 Bewohnern der Gazelle-Halbinsel.[12] Für 1886 sind als Hauptdörfer „Kurapun“ im Westen und „Raulai“ im Osten dokumentiert.[13] Der Naturforscher Otto Finsch, in den Jahren 1880/81 zu Gast bei Hernsheim & Co auf Matupi, beschrieb die Insulaner als „sehr sauber“ und von „ausgesprochen merkantilem Geist“.[14]

Geographische Veränderungen aufgrund vulkanischer Tätigkeit[Bearbeiten]

Bei Ausbruch des Vulkanes „Mutter“ im Februar 1878 entstand nordwestlich Matupis die sogenannte „Vulkaninsel“.[15] Während erneuter Aktivität der „Mutter“ im Mai 1937 wurden sowohl dieses Eiland als auch Matupi gehoben und letzteres durch eine ebenfalls gehobene Landzunge mit dem Festland verbunden.[16] Laut mündlichen Berichten der Urbevölkerung geht ebenso das Entstehen Matupis auf einen Ausbruch der „Mutter“ im 19. Jahrhundert zurück.[17]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012.
  • George Brown: Pioneer-Missionary and Explorer: a narrative of forty-eight years’ residence and travel in Samoa, New Britain, New Ireland, New Guinea, and the Solomon Islands. Hodder & Stoughton, London 1908.
  • Eduard Hernsheim: „Die Segelroute von Sydney nach der Blanche-Bai und dem Nusa-Fahrwasser ...“. In: Annalen der Hydrographie, Jg. 1894, S. 403–415.
  • Hydrographisches Amt des Reichsmarineamtes (Hg.): Die Forschungsreise der S.M.S. ‚Gazelle‘ in den Jahren 1874–1876 unter Kommando des Kapitän zur See Freiherrn von Schleinitz. Teil 1: Der Reisebericht. Mittler & Sohn, Berlin 1889.
  • Richard Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee: Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoninseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907.
  • Heinz Schütte: Koloniale Kontrolle und Mission: Überlegungen zu gesellschaftlicher Transition in Neu-Guinea. (Wiener Ethnohistorische Blätter, Beiheft 9). Institut f. Völkerkunde, Wien 1986.
  • Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. Buchhandlung und Druckerei E. J. Brill, Leiden 1910.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Richard Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee: Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoninseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907, S. 850.
  2. Richard Parkinson: Dreißig Jahre in der Südsee: Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoninseln. Strecker & Schröder, Stuttgart 1907, S. 850 und The Australasian, 20. September 1873.
  3. Hydrographisches Amt des Reichsmarineamtes (Hg.): Die Forschungsreise der S.M.S. ‚Gazelle‘ in den Jahren 1874–1876 unter Kommando des Kapitän zur See Freiherrn von Schleinitz. Teil 1: Der Reisebericht. Mittler & Sohn, Berlin 1889. S. 239.
  4. Heinz Schütte: Koloniale Kontrolle und Mission: Überlegungen zu gesellschaftlicher Transition in Neu-Guinea. (Wiener Ethnohistorische Blätter, Beiheft 9). Institut f. Völkerkunde, Wien 1986, S. 29.
  5. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Bd. 1, S. 139 und 123.
  6. George Brown, Journal 1874–1876, 17. November 1875 (unveröff., Mitchell Library, Sydney, CY 2759).
  7. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Bd. 1, S. 202 und 285 f.
  8. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Bd. 2, S. 418 f.
  9. Eduard Hernsheim: „Die Segelroute von Sydney nach der Blanche-Bai und dem Nusa-Fahrwasser ...“. In: Annalen der Hydrographie, Jg. 1894, S. 403–415, hier: S. 410, und Hugo Zöller: Als Jurnalist und Forscher in Deutschlands großer Kolonialzeit. Köhler & Amelang, Leipzig 1930, S. 286.
  10. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Bd. 2, S. 418, 421f. und 386.
  11. Lt. Zembsch an Bismarck, 24. Oktober 1881, Auswärtiges Amt, Kol. Abt. A III, RKA 2786 (unveröff., Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde).
  12. Hugo Zöller: Deutsch-Neuguinea und meine Ersteigung des Finisterre-Gebirges. Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart u.a. 1891, S. 287 (passim).
  13. Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, die Südsee und viel Geld: Biographie in zwei Bänden. MV-Wissenschaft, Münster 2012, hier: Bd. 2, S. 418.
  14. Hamburger Nachrichten, 2. Juli 1881 (Abendausgabe).
  15. Arthur Wichmann: Nova Guinea: Vol. II. Entdeckungsgeschichte von Neu-Guinea 1828–1885. Buchhandlung und Druckerei E. J. Brill, Leiden 1910, S. 250.
  16. Vgl. Pacific Islands Monthly, Juni 1937, S. 9 f.
  17. George Brown: Pioneer-Missionary and Explorer: a narrative of forty-eight years’ residence and travel in Samoa, New Britain, New Ireland, New Guinea, and the Solomon Islands. Hodder & Stoughton, London 1908, S. 93.

-4.25152.18305555556Koordinaten: 4° 15′ S, 152° 11′ O