Rückschaufehler

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Verbildlichung des Rückschaufehlers (Gedächtnisdesign) am Beispiel einer Wahlprognose.

Der Rückschaufehler (englisch hindsight bias) beschreibt in der Psychologie das Phänomen, dass Menschen sich, nachdem sie den Ausgang von Ereignissen erfahren, systematisch falsch an ihre früheren Vorhersagen erinnern. Sie verzerren zurückschauend ihre ursprünglichen Schätzungen in Richtung der tatsächlichen Ausgänge („outcomes“). Der Effekt führt dazu, dass Menschen nach einem (wichtigen) Ereignis nicht mehr in der Lage sind, die Umstände und Gründe, die zum Ereignis führten, so zu beurteilen, wie sie es vor dem Bekanntwerden des Ereignisses getan haben. Sie überschätzen im Rückblick viel mehr systematisch die Möglichkeit, dass man das Ereignis hätte voraussehen können. Die Erklärung ist, dass die Kenntnis des Ereignisses die Deutung und Wertung aller damit zusammenhängenden Sachverhalte verändert und somit das gesamte kognitive „Koordinatensystem“ in Richtung auf sein Eintreten verschiebt.

Beispiel: Ein Jugendamt hatte eine „auffällige“ Familie seit Jahren unter Beobachtung, alle Fachregeln und Dienstvorschriften wurden genau befolgt, formal wurde nichts versäumt. Nun wird bekannt, dass die Familie ein Kind hat qualvoll verhungern lassen. Sofort kommt im Rahmen der öffentlichen Empörung die Frage auf, wie eine derartige Tat trotz der Beobachtung durch das Amt möglich war. Genau hier unterliegen nun nicht nur Laien, sondern auch Fachleute des jeweiligen Bereiches dem Rückschaufehler, indem sie vorher vorhandene Informationen unter dem Einfluss des Ereignisses neu betrachten und dabei zu einer Überschätzung der Vorhersagbarkeit des Ereignisses kommen.

Besonders bei der Zuweisung von Schuld und Verantwortung in vielen gesellschaftlichen, aber auch in privaten Bereichen spielt der hindsight-bias eine Rolle. Wichtig dabei ist auch die Erkenntnis, dass Sachexpertise diesen Einfluss nicht ausgleichen kann.

Das Phänomen des Hindsight-bias wurde erstmals 1975 von Baruch Fischhoff an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh untersucht.

Zur erleichterten Messung verwendet man Versuchsanordnungen (Operationalisierungen), bei denen eine quantitative (zahlenmäßige) Erfassung möglich ist, indem man Messgrößen schätzen lässt (z. B. Wahlergebnisse).

Untersuchungsdesigns[Bearbeiten]

Man unterscheidet zwei Forschungsdesigns, das „Gedächtnisdesign“ und das „hypothetische Design“.

Das intraindividuelle „Gedächtnisdesign“[Bearbeiten]

Eine Person soll vor einer Wahl eine Prognose für die Wahrscheinlichkeit des Wahlsieges der Partei X abgeben; sie nennt zum Beispiel 30 Prozent. Nach der Wahl wird die Person aufgeklärt, dass die Partei tatsächlich 50 % der Stimmen erhalten hat. Nun bittet man die Person, sich an die Höhe ihrer ursprünglichen Schätzung zu erinnern. Obwohl 30 % geschätzt wurde, ist die Person davon überzeugt, dass sie auf 40 % getippt hatte. Die Differenz zu ihrer ursprünglichen Prognose bezeichnet man als Rückschaufehler. In der Studie „Hindsight bias in political elections“ von Blank, H., Fischer, V. & Erdfelder, E. (2003) konnte erstmals ein robuster Rückschaufehler-Effekt gefunden werden. Die Autoren verwendeten ein Gedächtnisdesign und wählten erstmals einen längeren Zeitabstand von vier Monaten. Im Gegensatz dazu war bei vielen vorherigen Studien der Zeitabstand zwischen der Vorhersage des Wahlausgangs und der Erinnerung an die Vorhersage sehr gering gewesen, weshalb die Ergebnisse nicht sehr aussagekräftig gewesen waren.

Das interindividuelle „hypothetische Design“[Bearbeiten]

Vor einer Wahl bittet man eine Personengruppe um eine Prognose. Nach der Wahl wird eine zweite Personengruppe gefragt, welchen Wahlausgang sie prognostiziert hatten. Die Differenz zwischen beiden Ergebnissen spiegelt in der Regel einen Rückschaufehler wider.

Praktische Auswirkungen[Bearbeiten]

Rückschaufehler wurden bei zahlreichen Expertengruppen festgestellt. Sie haben etwa in der Rechtsprechung Auswirkungen, wenn Haftungsverfahren geführt werden. Dort werden Sorgfaltspflichtverletzungen festgestellt, die aus ex-ante-Sicht nicht festgestellt worden wären. In der Folge wird eine Haftung des Beklagten bejaht.[1]

Referenzen[Bearbeiten]

  1. V. Roberto & K. Grechenig, Rückschaufehler ("Hindsight Bias") bei Sorgfaltspflichtverletzungen, Zeitschrift für Schweizerisches Recht (ZSR) 2011, 5-26.

Literatur[Bearbeiten]

  • Blank, H., Fischer, V., & Erdfelder, E. (2003). Hindsight bias in political elections. Memory, 11(4-5), 491-504.
  • Blank, H., Musch, J., & Pohl, R. F. (Hrsg.). (2007). The hindsight bias [Sonderheft]. Social Cognition, 25(1).
  • Bradfield, A. & Wells, G. L. (2005). Not the same old hindsight bias: Outcome information distorts a broad range of retrospective judgments. Memory & Cognition 33, 120–130
  • Fischhoff, B. (1975). Hindsight ≠ foresight: Effect of outcome knowledge on judgment under uncertainty. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 1(3), 288-299.
  • Fischhoff, B. & Beyth, R. (1975). „I knew it would happen“: Remembered probabilities of once-future things. Organizational Behavior and Human Performance, 13, 1-16
  • Hoffrage, U. & Pohl, R. F. (Hrsg.). (2003). Hindsight bias [Sonderheft]. Memory, 11(4-5).
  • Pohl, R. F. (2004). Hindsight bias. In R. F. Pohl (Hrsg.), Cognitive illusions: A handbook on fallacies and biases in thinking, judgement and memory (S. 363-378). Hove, UK: Psychology Press.