Raubwanzen

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Raubwanzen
Rote Mordwanze (Rhynocoris iracundus)

Rote Mordwanze (Rhynocoris iracundus)

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Schnabelkerfe (Hemiptera)
Unterordnung: Wanzen (Heteroptera)
Teilordnung: Cimicomorpha
Überfamilie: Reduvioidea
Familie: Raubwanzen
Wissenschaftlicher Name
Reduviidae
Latreille, 1807

Die Raubwanzen (Reduviidae) sind eine Familie der Wanzen (Heteroptera). Sie sind weltweit mit etwa 7000 Arten verbreitet. Der deutsche Name weist auf ihre ausschließlich räuberische Lebensweise hin. Die Wanzen stellen ihrer Beute, in erster Linie Insekten aller Art, aktiv nach oder erwarten sie lauernd auf Blüten oder anderen Orten. Manche Raubwanzen können, wenn sie bedrängt werden, auch beim Menschen schmerzhafte Stiche verursachen, die bei gesunden Menschen nur selten Beschwerden verursachen.

Verbreitung und Lebensräume[Bearbeiten]

Raubwanzen sind weltweit verbreitet. Die höchste Artenvielfalt erreichen sie in tropisch-subtropischen Regionen. Sie besiedeln fast alle terrestrischen, überwiegend wärmebegünstigte Lebensräume bis hin zu Höhlen. Die Tiere halten sich am Boden, auf Blüten, im Gebüsch und auf Bäumen auf. Einige Arten leben in Siedlungsbereichen der Menschen in Häusern, Scheunen und auf Dachböden.

Merkmale und Lebensweise[Bearbeiten]

Phymata crassipes bei der Paarung
Geringelte Mordwanze (Rhinocoris annulatus), Harpactorinae
Pygolampis cognata, Stenopodainae
Panstrongylus geniculatus, Triatominae

Die Arten der Raubwanzen variieren erheblich in ihrer Größe, Form und Farbe. Die größte mitteleuropäische Art, die Staubwanze (Reduvius personatus) erreicht eine Körperlänge bis zu 19 Millimetern. Andere Arten beispielsweise der Gattung Empicornis erreichen nur 3,5 bis 5 Millimeter. In tropisch-subtropischen Regionen leben dagegen Raubwanzen, die mehrere Zentimeter groß werden. Etliche Arten sind zart gebaut, einige sind fast mückenähnlich. Andere Arten sind robust und kräftig wie die Arten der Gattung Rhynocoris. Es gibt schlanke bis sehr langgestreckte, fast stabförmige Formen mit langen Beinen. So zum Beispiel die Arten der Gattung Metapterus oder Panstrongylus. Viele Arten sind durch erdfarbene Tönungen der Körperoberflächen der Umgebung gut angepasst (Tarntracht). Andere Arten tragen Warntrachten und sind auffällig oft schwarz-rot oder schwarz-gelb gefärbt. Bei einigen Arten sind die Flügel reduziert. Die Flügel zahlreicher weiterer Arten sind dagegen gut entwickelt und verleihen ihnen eine gute Flugfähigkeit. Die Halbdecken (Hemielytren) haben nie einen Cuneus und die Membranen verfügen über mehrere Zellen.

Der frei bewegliche Kopf der Raubwanzen ist oft langgestreckt und zwischen den Augen oder hinter diesen eingeschnürt, so dass ein hinterer halsartiger Kopfteil abgegrenzt wird. Die Fühler sind stets gekniet. Die Orientierung der Tiere erfolgt überwiegend optisch mit Hilfe ihrer großen Facettenaugen. Ferner sind bei allen langflügeligen Formen hinter den Fühlern zwei Punktaugen (Ocelli) vorhanden.

Raubwanzen verfügen über einen kurzen, dreigliedrigen, kräftigen und fast halbkreisförmig nach unten gebogenen Stechrüssel (Rostrum), der dem Körper in der Ruhe nicht anliegt. Seine Spitze kann zum Zwecke der Lauterzeugung auf einer auf der Vorderbrust zwischen den Vorderhüften befindlichen, quergerieften Längsrinne hin und her bewegt werden. Die Lauterzeugung der Tiere dient der Verteidigung; ob sie auch zur innerartlichen Kommunikation eingesetzt wird, ist nicht bekannt. Beim Einstich in die Beute wird Speichel eingespritzt, der die Beutetiere lähmt oder tötet. Die Tiere leben ausschließlich räuberisch von verschiedenen kleinen Gliederfüßern (Arthropoden). Eine Spezialisierung auf bestimmte Beutetiergruppen ist bisher nicht festgestellt worden. Die Raubwanzen sind aktive Jäger und laufen in der Vegetation suchend umher oder halten sich lauernd oft auf Blüten auf, um Blütenbesucher zu erbeuten. Die Beine der Raubwanzen sind oft sehr lang. Vielfach sind die Vorderbeine zu Fangbeinen entwickelt, mit welchen sie ihre Beute ergreifen und festhalten. Manche Arten weisen an den Vorder- und Mittelschienen ein Polster aus dichtstehenden Haaren auf, eine sogenannte „Schwammfurche“ (Fossula spongiosa), welche das Festhalten der Beute unterstützt. Wenige Arten der Unterfamilie Triatominae haben sich über die räuberische Lebensweise hinaus zu Blutsaugern an Säugetieren und Vögeln, zuweilen auch an Menschen entwickelt.

Wie alle Wanzen sind auch die Raubwanzen hemimetabol. Die Entwicklung der Larven erfolgt über fünf durch Häutungen getrennte Larvenstadien. Die Überdauerung ungünstiger Jahreszeiten erfolgt überwiegend im Erwachsenen- und Larvenstadium. Die Generationsdauer kann von weniger als einem Jahr bis hin zu mehreren Jahren, je nach geografischer Breite und Klima betragen.

Medizinische Bedeutung[Bearbeiten]

Blutsaugende zentralamerikanische Arten der Familie der Raubwanzen können beim Menschen die Chagas-Krankheit (oder Morbus Chagas) übertragen [1] Die im Kot dieser Raubwanzen enthaltenen parasitischen Einzeller der Art Trypanosoma cruzi, welche meistens zeitgleich in der Nähe der Stichstelle freigesetzt werden, können durch Kratzen und Manipulieren an der Einstichstelle in den Körper gelangen und zur Erkrankung führen.[1]

Systematik[Bearbeiten]

Die Familie der Raubwanzen besteht in Europa aus acht Unterfamilien mit insgesamt 114 Arten[2]. Die Phymatinae werden zuweilen als eigene Familie, die Phymatidae, aufgefasst. Die Familie der Sichelwanzen (Nabidae) wurde aufgrund ihrer ähnlichen Lebensweise früher zu den Raubwanzen gestellt, obwohl keine verwandtschaftliche Beziehung der beiden Gruppen besteht. Weltweit sind etwa 7000 Arten bekannt. In Mitteleuropa ist die Familie der Raubwanzen mit 20 meist wärmeliebenden Arten vertreten.

Unterfamilien und Auswahl an Arten:

Belege[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Maryn McKenna: Chagas Disease: Poverty, Immigration, and the ‘New HIV/AIDS’. Auf: wired.com vom 30. Mai 2012, zuletzt abgerufen am 30. September 2014.
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatReduviidae. Fauna Europaea, abgerufen am 26. Juli 2007.

Literatur[Bearbeiten]

  • E. Wachmann, A. Melber & J. Deckert: Wanzen. Band 1: Neubearbeitung der Wanzen Deutschlands, Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz, Goecke & Evers, Keltern, 2006. ISBN 3-931374-49-1
  • E. Wagner: Heteroptera Hemiptera. - In: Brohmer, P., P. Ehrmann & G. Ulmer (Hrsg.): Die Tierwelt Mitteleuropas. IV, 3 (Xa). - Leipzig 1959, 173 S.
  • Kurt G. Günther, Hans-Joachim Hannemann, Fritz Hieke, Eberhard Königsmann & Hubert Schumann: Urania-Tierreich, Insekten. Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin 1994, ISBN 3-332-00498-0
  • Jenaro Maldonado-Capriles: "Systematic Catalogue of the Reduviidae of the World". Special Edition of the Caribbean Journal of Science. University of Puerto Rico, Mayaguez, Puerto Rico 1990, 694 pp.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Raubwanzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien