Sinatra-Doktrin

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Die Sinatra-Doktrin beschreibt die sowjetische Politik unter Michail Gorbatschow, die den Warschauer-Pakt-Staaten erlaubte, ihre inneren Angelegenheiten souverän zu regeln.

Am 25. Oktober 1989 besuchte Michail Gorbatschow den finnischen Präsidenten Mauno Koivisto in Helsinki. Beide erklärten an jenem Tag den Verzicht auf den Ersteinsatz von bewaffneter Gewalt gegen ein gegnerisches Bündnis, einen neutralen Staat oder einen Staat des eigenen Bündnisses.

„Die Sowjetunion, eine eurasische Regierung im Kernwaffenbesitz, ein dauerhaftes Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und Mitglied der Warschauer Vertragsorganisation, und Finnland, ein neutraler nordeuropäischer nicht nuklearer Staat [...] erklärten ihre Entschlossenheit, die folgenden Prinzipien und Prioritäten in Europa [...] umzusetzen [...] Keine Anwendung von Gewalt kann gerechtfertigt werden, weder durch eine militärisch-politische Allianz gegen einen anderen, noch innerhalb dieser Allianzen, noch gegen neutrale Länder jedweder Partei.“

Iswestija, 26. Oktober 1989

Damit war dies eine eindeutige Erklärung, nicht nur für Finnland. Der Pressesprecher des damaligen sowjetischen Außenministers Eduard Schewardnadse und Delegationsmitglied während des Treffens in Helsinki, Gennadi Gerassimow, gab gegenüber der westlichen Presse bekannt, Gorbatschow hätte eine „Sinatra-Doktrin“ herausgegeben. Den Journalisten vor Ort erklärte er den Begriff mit der Äußerung:

„You know the Frank Sinatra song, I Did It My Way? Poland and Hungary are now doing in their way. I think the ‚Brezhnev Doctrine‘ is dead“

Gennadi Gerassimow[1][2][3]

Die Bezeichnung der Doktrin nach Frank Sinatra spielte damit auf das durch ihn weltbekannt gewordene Lied My Way an und sollte die Möglichkeit der Warschauer-Pakt-Staaten (namentlich Polen und Ungarn) symbolisieren, jetzt ihren Weg eigener innerer Reformen und ohne Einmischung von außen gehen zu können, während die vorherige Breschnew-Doktrin beispielsweise die Invasion in der ČSSR 1968 gerechtfertigt hatte. Im Ergebnis begannen die Ostblockstaaten demokratische Reformen, was 1989 zum Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges führte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Sovetsko-finljandskaja Deklaracija: Novoe myšlenie v dejstvii. Iswestija, 26. Oktober 1989

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christopher Jones: Gorbacevs Militärdoktrin und das Ende des Warschauer Paktes. In: Torsten Diedrich, Winfried Heinemann, Christian F. Ostermann (Hrsg.): Der Warschauer Pakt – Von der Gründung bis zum Zusammenbruch 1955 bis 1991. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-504-1. S. 257
  2. 'Sinatra Doctrine' at Work in Warsaw Pact, Soviet Says. In: Los Angeles Times am 25. Oktober 1989
  3. Bill Keller: Gorbachev, in Finland, Disavows Any Right of Regional Intervention. In The New York Times am 26. Oktober 1989