Tschechoslowakei

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50.08333333333314.416666666667Koordinaten: 50° N, 14° O

Československá Republika
Tschechoslowakische Republik
Flagge der Tschechoslowakei
Wappen der Tschechoslowakei
Flagge Wappen
Wahlspruch: Die Wahrheit siegt!
(Tschechisch Pravda vítězí, Slowakisch Pravda víťazí, ab 1989 auf Latein: Veritas Vincit)
Amtssprache 1918–1938:
sog. Tschechoslowakisch
(offiziell eine Sprache mit zwei Varianten)

1938–1939:
Tschechisch, Slowakisch und Ukrainisch
1945–1992:
Tschechisch, Slowakisch

Hauptstadt Prag
Staatsform 1918–1938 und 1945–1969:
Republik
1938–1939 und 1969–1992:
föderative Republik
Staatsoberhaupt Präsident der Tschechoslowakei
Regierungschef Ministerpräsident der Tschechoslowakei
Fläche 1918–1938 und 1945–1948:
140,446 km²
1938–1939:
99.348 km²
1948–1992:
127.876 km²
Einwohnerzahl 15.8 Millionen
Bevölkerungsdichte 123 Einwohner pro km²
Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 18.657 $ (1991)[1]
Währung Tschechoslowakische Krone
Gründung 28. Oktober 1918
Auflösung 31. Dezember 1992
Nationalhymne Kde domov můj, Nad Tatrou sa blýska und Podkarpatskiji Rusíny (1938–1939)
(hintereinander gespielt)
Nationalfeiertag 28. Oktober
(Staatsgründung 1918)
Zeitzone UTC +01:00 (Winter)
UTC +02:00 (Sommer)
Kfz-Kennzeichen ČSR (1932–1938 und 1945–1960) CS (nicht mehr existent)
ISO 3166 CS, CSK, 200[2]
Internet-TLD .cs (nicht mehr existent)
Telefonvorwahl +42
Fläche und Bevölkerung beziehen sich auf das Jahr 1993
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa 1918–1938 und 1948/49–1990/92
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa 1918–1938 und 1948/49–1990/92

Tschechoslowakei (tschechisch: Československo, slowakisch: Česko-Slovensko) ist die Bezeichnung eines unter mehreren offiziellen Namen von 1918 bis 1939 und 1945 bis 1992 bestehenden Binnenstaates in Mitteleuropa[3], der im Westen an Deutschland (von 1949 bis 1990 auch an die DDR), im Norden an Polen, im Osten zuerst an Rumänien (bis 1948) und später an die Sowjetunion (bis 1991) und die Ukraine und im Süden an Ungarn und Österreich grenzte. Er bestand aus Böhmen, Mähren, Schlesien, der Slowakei und der Karpatenukraine (bis 1946/48). Die Amtssprachen waren Tschechisch, Slowakisch und Ukrainisch.

Die Tschechoslowakei ist am 28. Oktober 1918 in der Hauptstadt Prag als Tschechoslowakische Republik (Československá republika) ausgerufen worden. 1938 musste das Land das Sudetenland an NS-Deutschland und Teile der Südslowakei an Ungarn abtreten und hieß bis 1939 Tschecho-Slowakische Republik (Č-SR). Von 1939 bis 1945 war das Land völkerrechtswidrig unter deutsche Hoheit geraten und nahm nach dem Krieg seinen alten Namen wieder an. 1960 ist der Staat in Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) umbenannt worden und hieß von 1990 bis 1992 Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR).

Die Tschechoslowakei war bis 1938 ein Vielvölkerstaat, wo nationale Minderheiten, wie Juden, Deutsche, Ungarn, Polen, Ukrainer, Russen und Rumänen ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Großstädte in der ČSR waren die wirtschaftlichen und kulturellen Zentren Prag, Brno, Ostrava, Bratislava und Uschhorod.

Die Tschechoslowakei war 1920 Gründungsmitglied des Völkerbunds, 1945 der Vereinten Nationen, 1949 des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe und 1955 des Warschauer Paktes. Nach dem Fall des Kommunismus 1989 trat die Tschechoslowakei 1991 dem Europarat bei. Der Bundesstaat teilte sich 1992 in die selbstständigen Staaten Tschechien und Slowakei. Der tschechoslowakische Staat hatte am Ende des Jahres 1992 15,8 Millionen Einwohner. Das Land gehörte damit zu den dichter besiedelten Ländern Europas.

Offizieller Name[Bearbeiten]

Der offizielle Name des Landes war zur längsten Zeit seiner Geschichte Tschechoslowakische Republik, er wurde aus ideologischen Gründen mehrmals geändert.[4] Die Kurzform des Landesnamens wurde meistens als Tschechoslowakei angegeben, darüber hinaus wurde von 1918 bis 1920 auch halboffiziell und von 1938 bis 1939 offiziell die Bezeichnung Tschecho-Slowakei verwendet, die vor allem von slowakischer Seite gewünscht wurde. Die Schreibweise mit dem Bindestrich, deren darum geführter Streit zwischen tschechischen und slowakischen Politikern Anfang der 1990er-Jahre als Gedankenstrich-Krieg bekannt wurde, ist seit 1990 die in der Slowakei offiziell verwendete Schreibweise und wird auch rückwirkend für die gesamte Existenz des Staates verwendet.

Staatssymbole[Bearbeiten]

Flagge[Bearbeiten]

Hauptartikel: Flagge der Tschechoslowakei

Es wurde in der Republik lange überlegt, welche Flagge der neue Staat haben solle. Seit 1918 wurden vorläufig verschiedene Formen der traditionellen weiß-roten böhmischen Flagge verwendet. 1918 wurde sie zur Flagge der Tschechoslowakei erklärt. Das wiedergegründete Polen führte aber fast die gleiche Flagge. Nur durch das Seitenverhältnis von 5:8 statt 2:3 konnte man beide Flaggen unterscheiden. Zwei Jahre später, am 30. März 1920, wurde am linken Rand der Flagge ein blaues gleichschenkliges Dreieck für die Slowakei eingefügt. Das Blau entstammt der slowakischen Flagge. Nach anderen Quellen ist die blaue Farbe dem Wappen Mährens entnommen.

Wappen[Bearbeiten]

Hauptartikel: Wappen der Tschechoslowakei

Nach der Auflösung Österreich-Ungarns und nach Provisorien in den ersten zwei Jahren der Republik wurden in der Verfassung vom 29. Februar 1920 drei Wappen konstruiert, wobei das Große Wappen das offiziell alleinige Wappen der Ersten Tschechoslowakischen Republik war. In der Zweiten Republik wurde das mittlere Wappen als Staatswappen verwendet und 1945 das kleinste Wappen. Mit der neuen „sozialistischen“ Verfassung wurde das kleine Wappen 1960 abgelöst. 1990 wurde das letzte Wappen konstruiert und bis zur Teilung des Landes 1992 verwendet.

Geographie[Bearbeiten]

Tschechoslowakei 1920–1938

Die Tschechoslowakei bestand aus einem tschechischen, einem slowakischen und bis 1939 einem karpatenrussischen Landesteil (Podkarpatská Rus, Karpatoukraine, heute Karpatenukraine).

Der tschechische Teil wurde aus den Ländern Böhmen, Mähren und Mährisch-Schlesien gebildet. Dieses bestand seinerseits aus dem ehemaligen Österreichisch-Schlesien und dem vorher preußischen Gebiet um Hultschin, aber ohne einen Gebietsstreifen östlich von Teschen, der an Polen fiel, das sogenannte Olsagebiet.

Der Staat hatte Grenzen zu Österreich, Ungarn, der Ukraine (ab 1991, davor 1945–1991 zur Sowjetunion), Rumänien (bis 1939), Polen und Deutschland (bzw. 1949–1990 zur Deutschen Demokratischen Republik und zur Bundesrepublik Deutschland).

Länder der Tschechoslowakei 1921
Land Hauptstadt Fläche in km² Einwohner
Böhmen Prag 52,065 6 668 518
Mähren Brno 22.233 2 649 323
Schlesien Ostrava 4,459 602 202
Slowakei Bratislava 49'036 2 989 361
Karpatenukraine Uschhorod 12.777 592 044
Tschechoslowakei insgesamt Prag 140.800 13 410 750

Bevölkerung[Bearbeiten]

Sprachenkarte der Tschechoslowakei nach der Volkszählung von 1930

In dem 1918 entstandenen Staat bildeten die Tschechen und Slowaken nicht die gesamte Bevölkerung – etwa ein Drittel gehörte anderen Nationalitäten an. Der Staat umfasste bei einer Volkszählung 1921 neben 8,761 Mio. Tschechen und Slowaken auch 3,1 Mio. Deutsche (23 %), die damit die Anzahl der Slowaken überstiegen, sowie große Minderheiten von Magyaren, Roma, Russinen, Ukrainern, Juden und Polen. Das an Deutschland grenzende Sudetenland war mehrheitlich deutsch besiedelt.

Nach der Wiedererrichtung der Tschechoslowakei 1945 kam es durch die so genannten Beneš-Dekrete zur Vertreibung der Deutschen und zum tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustausch.

Die Amtssprachen waren seit 1945 Tschechisch und Slowakisch.

Nationalitäten der Tschechoslowakei 1921[6]
Nationalität Einwohner relative Anzahl
Tschechoslowaken1 8,761 Mio. 64,35 %
Deutsche 3,123 Mio. 22,94 %
Ungarn 0,745 Mio. 5,47 %
Russen (Großrussen, Ukrainer, Karpatorussen)2 0,461 Mio. 3,38 %
Juden 0,180 Mio. 1,32 %
Ausländer3 0,238 Mio. 1,74 %
Polen und andere 0,102 Mio. 0,75 %
Gesamteinwohnerzahl 13,613 Mio. 100 %

1 davon 1,967 Mio. Angehörige des „slowakischen Zweigs der tschechoslowakischen Nationalität“, d. h. Slowaken (davon 1,942 Mio. in der Slowakei); diese Angabe wurde von den Behörden erst anlässlich der Volkszählung von 1930 nachträglich veröffentlicht
2 d. h. in heutiger Terminologie Russen, Ukrainer und Russinen
3 davon 94.400 Deutsche, 34.200 Polen, 16.400 Ungarn und 58.700 Tschechoslowaken (zurückgekehrte Emigranten sowie Kinder und Frauen von Ausländern)

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Die Verwaltungsgliederung wurde bei der Gründung der Tschechoslowakischen Republik eng an die Verwaltungsgliederung Österreich-Ungarns angelehnt. Gemeinden gehörten zu politischen Bezirken (politické okresy) und diese zu Kreisen (kraje). Diese Einteilung änderte sich formal nicht während der Besatzungszeit ab 1938, als die Gebiete der Ersten Tschechoslowakischen Republik völkerrechtswidrig unter deutsche Hoheit gerieten. Allerdings galt im Protektorat Böhmen und Mähren eine ähnliche Verwaltungsstruktur wie im Deutschen Reich mit in Oberlandesbezirke eingeteilten Politischen Bezirken. Für den annektierten Reichsgau Sudetenland galt die deutsche Verwaltungsstruktur mit Stadt- und Landkreisen sowie Regierungsbezirken. 1945 wurde die alte Gliederung wiederhergestellt. 1948 wurden Kreisnationalkomitees eingeführt.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste und Zweite Republik[Bearbeiten]

Die Tschechoslowakei 1928

Die Tschechoslowakei entstand als Staat 1918 durch den Zerfall Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs. Tschechische Exilpolitiker hatten seit 1916 die Unterstützung der Triple Entente dafür erhalten, nach dem Krieg im Sinn der nationalen Selbstbestimmung einen eigenen Staat zu errichten. Dieser wurde am 28. Oktober 1918 in Prag vom ersten Präsidenten proklamiert. In den Verträgen von Saint-Germain und von Trianon, mit welchen die Kriegssieger die Auflösung Österreich-Ungarns vollzogen, war die Anerkennung der ČSR festgeschrieben. Erster Präsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik war Tomáš Garrigue Masaryk.

Die neue Republik erreichte aufgrund ihrer Wirtschaftskraft einen Aufschwung, der in einem starken Kontrast zur enormen Inflation in Deutschland und Österreich stand. Sie stempelte ihre bisherigen Kronen-Banknoten aus der Monarchie Anfang 1919 ab und schuf damit die bis zum Zweiten Weltkrieg stabile Tschechoslowakische Krone. Krone ist in Tschechien bis heute der Name der nationalen Währung.

Die ab 1930 stetig steigende Unzufriedenheit der Sudetendeutschen mit ihrer Situation in dem neuen Staat wurde unterschätzt. Die NSDAP unter Adolf Hitler unterstützte vor allem nach ihrer Machteroberung 1933 im Deutschen Reich die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins und verschärfte so die Konflikte zwischen den Nationalitäten der Tschechoslowakei. Als Hitler erwog, die Randgebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung (Sudetenland und Gebiete an der Grenze zu Österreich) zu annektieren, sprachen unter Vermittlung durch den italienischen Diktator Benito Mussolini im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zur Lösung der Sudetenkrise Großbritannien, Frankreich und Italien, 1918 Geburtshelfer der Tschechoslowakei, dem Deutschen Reich diese Randgebiete zu, ohne die tschechoslowakische Regierung einzubeziehen. Am 30. September 1938 wurden diese Gebiete von der Wehrmacht besetzt. Die britische und die französische Regierung hofften, durch Befriedigung von Hitlers Gebietsansprüchen im Sinne der Appeasement-Politik einen Krieg abzuwenden. Im Ersten Wiener Schiedsspruch übertrugen Vertreter der deutschen und der italienischen Regierung den Süden der Slowakei und die Karpatoukraine im November 1938 an Ungarn. Das Teschener Gebiet wurde von Polen besetzt.

Der nunmehr politisch als Zweite Republik bezeichnete tschechoslowakische Staat auf dem verbliebenen Staatsgebiet – die „Nachmünchener“ Tschechoslowakei vom Oktober 1938 bis zur Besetzung durch Deutschland[7] – bestand nach diesen Abtretungen nur kurz. Am 15. März 1939 besetzten deutsche Truppen die sogenannte Rest-Tschechei und stellten sie als Protektorat Böhmen und Mähren unter deutsche Verwaltung. Tags zuvor war im slowakischen Landesteil unter direktem Druck Hitlers die Slowakische Republik, ein Staat unter deutschem „Schutz“, gebildet worden; die Karpatenukraine wurde von Ungarn annektiert. Teile der tschechoslowakischen Regierung waren ins Ausland geflüchtet und bildeten unter Edvard Beneš ab 1940 in London eine Exilregierung. An der Seite der Westalliierten und der Roten Armee kämpften Tschechen und Slowaken vom Ausland aus für die Befreiung ihres Landes.

Wiedererrichtung der ČSR und Februarumsturz (1945–1948)[Bearbeiten]

Lage der Tschechoslowakei in Europa zwischen 1949 und 1990

Nach Kriegsende 1945 ist die Tschechoslowakische Republik in der Form der Dritten Republik in den Grenzen aus der Zeit vor dem Münchner Abkommen wiedererstanden,[8] ausgenommen die Karpatoukraine, die der Sowjetunion überlassen werden musste. Die deutsche Bevölkerung vor allem in Tschechien wurde überwiegend vertrieben oder ausgesiedelt. Als Satellitenstaat der UdSSR wurde das Land Teil des Ostblocks und Mitglied des Warschauer Vertrags, außerdem des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

Nach dem Februarumsturz 1948 folgte die ČSR uneingeschränkt der stalinistischen Politik der UdSSR. Weil Beneš die neue Verfassung vom Mai 1948 nicht unterschreiben wollte, trat er zurück, und Klement Gottwald, der seit Februar 1948 seiner zweiten Regierung vorstand, wurde Präsident.

Tschechoslowakische Sozialistische Republik (1960–1990)[Bearbeiten]

In der Verfassung von 1960 wurde der Staat in Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) umbenannt und der kommunistische Führungsanspruch festgeschrieben.

1968 kam es unter dem Parteichef der Kommunistischen Partei Alexander Dubček zum Versuch einer „Vermenschlichung“ des kommunistischen Staates. Der Prager Frühling sollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen, wurde aber von der Sowjetunion und den anderen Ostblockstaaten mit Waffengewalt niedergeschlagen. Als einziger Punkt des dabei untergegangenen Reformprogramms konnte die Föderalisierung der ČSSR umgesetzt werden. Diese wurde am 28. Oktober 1968, dem 50. Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, ausgerufen. Fortan bildeten zwei Teilrepubliken, die Tschechische Sozialistische Republik und die Slowakische Sozialistische Republik, die ČSSR. Allerdings gab es auch bei dieser Reform von sowjetischer Seite eine starke Einschränkung: Es gab zwar eine slowakische, nicht aber eine tschechische Kommunistische Partei. Für die alles entscheidende Parteilinie blieb weiterhin das Zentralkomitee der KPČ in Prag und dessen Präsidium zuständig.

Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 breitete sich im Land Resignation aus. Andererseits bildeten Künstler, Intellektuelle und Politiker des Prager Frühlings eine vom Regime vielfach verfolgte Bürgerrechtsbewegung, die 1977 die Charta 77 veröffentlichte und seit 1988 zu politischen Aktionen aufrief.

Im November 1989 kam es unter dem Eindruck des Reformprogramms von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion zu mehrtägigen Demonstrationen in Prag, Bratislava und anderen Städten. Nach tagelangen Protesten trat die kommunistische Führung zurück. Mit dieser „Samtenen Revolution“, einer gewaltlosen Erhebung des Volkes, endete das kommunistische Regime. Anfang Dezember 1989 wurde unter dem Reformkommunisten Marián Čalfa eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung gebildet. Ende Dezember wurde der Bürgerrechtler Václav Havel zum Staatspräsidenten gewählt. Im Juni 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1945 statt. Es siegten das tschechische Bürgerforum und die slowakische Öffentlichkeit gegen Gewalt, die zusammen die Regierung bildeten.

Tschechische und Slowakische Föderative Republik (1990–1992)[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Kommunismus zeichnete sich bald ab, dass der föderative Staat Tschechoslowakei auf Dauer keinen Bestand mehr haben würde. Zu den ersten Zerwürfnissen kam es während des sogenannten „Gedankenstrich-Krieges“ um die Landesbezeichnung. Von April 1990 bis Ende 1992 hieß das Land Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR; vereinzelt auch als Tschechoslowakische Bundesrepublik bezeichnet) mit den Kurzformen Tschechoslowakei in Tschechien beziehungsweise Tschecho-Slowakei in der Slowakei. Aufkommende Interessenskonflikte zwischen den beiden Landesteilen führten 1992 zum Ende der Tschechoslowakei. Ohne Referendum wurde vom Parlament die Auflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992 und damit die Bildung der beiden neuen Staaten Tschechien und Slowakei zum 1. Januar 1993 beschlossen.

Militär[Bearbeiten]

Die 1918 gegründete Tschechoslowakische Armee wurde 1954 umbenannt in Tschechoslowakische Volksarmee. Sie trat 1955 dem Warschauer Pakt bei. 1990 änderte sie ihren Namen wieder in Tschechoslowakische Armee, 1993 wurde sie aufgeteilt in die Streitkräfte der Tschechischen Republik und die Streitkräfte der Slowakischen Republik.

Sport[Bearbeiten]

Spiel zwischen der ČSR und Deutschland bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1938

Die Tschechoslowakische Fußballnationalmannschaft war mit vier Auftritten bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1934 sehr angesehen und belegte den zweiten Platz für die Erste Republik.

An den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin nahm die Tschechoslowakei mit 163 Teilnehmern teil. Sie gewann drei Gold- und fünf Silbermedaillen.

Die 12. Eishockey-Weltmeisterschaft und 23. Eishockey-Europameisterschaft fand vom 11. bis 20. Februar 1938 in Prag statt. Der Austragungsmodus wurde im Vergleich zum Vorjahr erneut verändert. 14 Mannschaften nahmen an dieser WM teil. Dabei belegte die Eishockey-Mannschaft der ČSR den dritten Platz und holte Bronze. Emil Zatopek hat vier olympische Goldmedaillen im Langstreckenlauf gewonnen.

Wirtschaft[Bearbeiten]

In der Zwischenkriegszeit war die Tschechoslowakei eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Sie gehörte zu den stärksten Industriestaaten des Kontinents, wobei die Schwerindustrie eher im Landesinnern angesiedelt war, während in der überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzregion Leichtindustrie vorherrschte. Weltruf genoss vor allem die Waffenproduktion des Landes. Schon vor 1918 waren die böhmischen Länder das industriereichste Gebiet der Donaumonarchie. Jedoch war die Slowakei bis in die 1960er Jahre wirtschaftlich deutlich schwächer als der westliche Landesteil. Die Karpatenukraine, die 1945 von der UdSSR annektiert und der Ukrainischen SSR einverleibt wurde, war 1918 ein praktisch industrieloses Gebiet mit einem hohen Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung. Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Tschechoslowakei in den Jahren 1929 bis 1933. Die Zahl der Arbeitslosen belief sich auf etwa eine Million.

Literatur[Bearbeiten]

  • Taschenlexikon ČSSR. Bibliographisches Institut, in Zusammenarbeit mit dem Enzyklopädischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaft Prag (ČSAV Československá akademie věd Praha), Leipzig 1983 (ohne ISBN).
  • Rudolf Chmel, in: Ludwig Richter, Alfrun Kliems (Hrsg.): Slowakische Kultur und Literatur im Selbst- und Fremdverständnis, Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08676-5 (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 22, S. 13 ff.).
  • Stephan Dolezel, Karl Bosl (Hrsg.): Die demokratisch-parlamentarische Struktur der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Oldenbourg, München/Wien 1975, ISBN 3-486-44381-X (Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee am Tegernsee vom 28. 11. bis 1. 12. 1974).
  • Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 3. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 1992, ISBN 3-17-011725-4.
  • Rüdiger Kipke, Karel Vodička: Rozloučení s Československem, Český spisovatel, Prag 1993, ISBN 80-202-0447-4 (tschechisch); deutsch: Abschied von der Tschechoslowakei. Ursachen und Folgen der tschechisch-slowakischen Trennung. Wissenschaft und Politik, Köln 1993, ISBN 3-8046-8803-9.
  • Karel Vodička: Dělení Československa. Deset let poté…, Volvox Globator, Prag 2003, ISBN 80-7207-479-2 (tschechisch).

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Tschechoslowakei – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Tschechoslowakei

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tschechoslowakei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Tschechoslowakei – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hardt, John Pearce; Kaufman, Richard F. (1995), East-Central European Economies in Transition, M.E. Sharpe, ISBN 1-56324-612-0
  2. Statoids.com
  3. R.M. Caplin, Czechoslovakia Today 1939
  4. Gesetz 11/1918 Sb. (Rezeptionsgesetz zur Entstehung der Republik), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 121/1920 Sb. (Verfassung von 1920), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 101/1990 Sb. (Änderung des Landesnamens 1990), online lexdata.cz, abgerufen am 10. Nov. 2009 (alle tschechisch)
  5. Geschichte Tschechiens, auf: Weltbericht – Ihr Reiseratgeber, abgerufen am 16. April 2012.
  6. Quellen der Volkszählungsergebnisse: Československá republika – obyvatelstvo, in: Ottův slovník naučný nové doby (Anfang der 1930er Jahre) und infostat.sk
  7. Rüdiger Alte: Die Außenpolitik der Tschechoslowakei und die Entwicklung der internationalen Beziehungen 1946–1947. Oldenbourg, München 2003, S. 35 Fn 85.
  8. Siehe wörtlich z. B. in Heiner Timmermann, Emil Voráček, Rüdiger Kipke (Hrsg.), Die Beneš-Dekrete. Nachkriegsordnung oder ethnische Säuberung: Kann Europa eine Antwort geben? (= Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen; Bd. 108), LIT Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8494-5, S. 145; vgl. Jörg K. Hoensch, Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; Bd. 93), Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-56521-4, S. 18 f.