Tschechoslowakei

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50.08333333333314.416666666667Koordinaten: 50° N, 14° O

Československá republika
(tschechisch und slowakisch)
Tschechoslowakische Republik
Flagge der Tschechoslowakei
Wappen der Tschechoslowakei
Flagge Wappen
Wahlspruch: Die Wahrheit siegt!
(Tschechisch Pravda vítězí, Slowakisch Pravda víťazí, ab 1989 auf Latein: Veritas Vincit)
Amtssprache Tschechisch, Slowakisch (bis 1938 Tschechoslowakisch) und Ukrainisch (1938–1939)
Hauptstadt Prag
Staatsform Republik
(1918–1938 und 1945–1969)
föderative Republik
(1938–1939 und ab 1969)
Staatsoberhaupt Staatspräsident der Tschechoslowakei
Erster
Tomáš Garrigue Masaryk
(1918–1935)
Letzter

Václav Havel
(1989–1992)
Regierungschef Ministerpräsident der Tschechoslowakei
Erster
Karel Kramář
(1918–1919)
Letzter

Jan Stráský
(1992)
Fläche (1921) 140.800 km²
(1991) 127.876 km²
Einwohnerzahl 13.4 Millionen (1921)

15.8 Millionen (1992)

Bevölkerungsdichte (1921) 96,9 Einwohner pro km²
(1991) 123 Einwohner pro km²
Bruttoinlandsprodukt 180 Milliarden $ (1991)
Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 1.800 $ (1938)
18.657 $ (1991)[1]
Währung Tschechoslowakische Krone
Gründung 28. Oktober 1918
Auflösung 31. Dezember 1992
Nationalhymne Kde domov můj, Nad Tatrou sa blýska und Podkarpatskiji Rusíny (1938–1939)
(hintereinander gespielt)
Nationalfeiertag 28. Oktober
(Tag der Staatsgründung 1918)
Zeitzone UTC +01:00 (Winter)
UTC +02:00 (Sommer)
Kfz-Kennzeichen ČSR (bis 1960)
CS (nicht mehr existent)
ISO 3166 CS, CSK, 200[2]
Internet-TLD .cs (nicht mehr existent)
Telefonvorwahl +42
Fläche und Bevölkerung beziehen sich auf die Jahre 1921 und 1991
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa vor und nach dem Zweiten Weltkrieg
Lage der Tschechoslowakei im veränderten Europa vor und nach dem Zweiten Weltkrieg

Tschechoslowakei (tschechisch Československo, slowakisch Česko-Slovensko) (am längsten bestehende amtliche Vollform Československá republika (ČSR) (Tschechoslowakische Republik)) ist die Bezeichnung eines unter mehreren offiziellen Namen von 1918 bis 1992 bestehenden Binnenstaates in Mitteleuropa[3] auf dem Gebiet der heutigen Staaten Tschechien, Slowakei und einem Teil der Ukraine, der im Westen an Deutschland (von 1949 bis 1990 auch an die Deutsche Demokratische Republik), im Norden an Polen, im Osten zuerst an Rumänien (bis 1946) und später an die Sowjetunion (bis 1991) und die Ukraine und im Süden an Ungarn und Österreich grenzte. Er bestand aus Böhmen, Mähren, Schlesien, der Slowakei und der Karpatenukraine (bis 1946). Die Amtssprachen waren Tschechisch, Slowakisch und Ukrainisch.

Die Tschechoslowakei wurde am 28. Oktober 1918 unter dem Namen Tschechoslowakische Republik (ČSR) in der Hauptstadt Prag als freiheitlich-demokratischer und sozialer Rechtsstaat nach westlichem Vorbild proklamiert und existierte bis zum Münchner Abkommen und dem Ersten Wiener Schiedsspruch 1938, in denen die Republik das Sudetenland an NS-Deutschland und Teile der Südslowakei an das Königreich Ungarn abtreten musste. Von 1938 bis 1939 hieß das Land Tschecho-Slowakische Republik (Č-SR) und war eine föderative Republik mit zwei autonomen Teilstaaten. Im März 1939 wurde die Föderation aufgelöst und blieb bis zur Wiedererrichtung im April 1945 unter deutscher (Protektorat Böhmen und Mähren) und ungarischer Hoheit (Karpatenukraine und Südslowakei). Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Februarumsturz 1948 geriet das Land in den kommunistischen Einflussbereich und trat 1946 die Karpatenukraine an die Sowjetunion ab. 1960 wurde die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) gegründet und die Führungsrolle der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KSČ) in der Verfassung endgültig festgeschrieben. Dieser Umstand dominierte die tschechoslowakische Politik bis zur Samtenen Revolution 1989. Nach der Fall des Kommunismus wurde der Staat in Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR) umbenannt und löste sich ohne Referendum am 31. Dezember 1992 auf.

Die Tschechoslowakei wurde als parlamentarische Demokratie proklamiert und blieb nach 1933 die einzige funktionierende Demokratie in Mittel- und Osteuropa. Der tschechoslowakische Staatspräsident diente als Staatsoberhaupt und der Ministerpräsident als Regierungschef. Die Politik und Geschichte des Staates wurden unter anderem durch die politischen Veränderungen in Europa bis 1992 bestimmt.

Die Tschechoslowakei gehörte zu den dichter besiedelten Ländern Europas und war von ihrer Gründung 1918 bis 1945 ein Vielvölkerstaat, wo nationale Minderheiten, wie Juden, Deutsche, Magyaren, Polen, Ukrainer, Ruthenen und Rumänen ungefähr 35 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Großstädte in der ČSR wie Prag, Brno, Ostrava, Bratislava und Uschhorod waren sowohl die kulturellen Zentren dieser Minderheiten als auch der Titularnationenen der Tschechen und Slowaken. 1945 wurde die Tschechoslowakei als Staat der slawischen Völker wiedererrichtet. Durch die so genannten Beneš-Dekrete kam es 1945/46 zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei und zu einem tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustausch. 1992 hatte der tschechoslowakische Staat 15,8 Millionen Einwohner.

Die Tschechoslowakei war 1920 Gründungsmitglied des Völkerbunds, 1945 der Vereinten Nationen, 1949 des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe und 1955 des Warschauer Paktes und trat 1991 dem Europarat bei. Das Land war von 1924 bis 1938 mit Frankreich und Großbritannien und ab 1935 mit der Sowjetunion verbündet.

Die Tschechoslowakei war während ihrer ganzen Existenzzeit ein hoch entwickelter Industriestaat der seien Nachbarstaaten bis 1938 weit voraus war. Die Wirtschaft konnte sich nach dem Zweiten Weltkrieg schnell erholen und war nach dem Bruttoinlandsprodukt die größte Volkswirtschaft des Ostblocks. Nach der Samtenen Revolution 1989 wurde das Land zu einer treibenden Wirtschaftskraft Mitteleuropas.

Name[Bearbeiten]

Die Tschechoslowakei hatte mehrere offizielle Landesnamen. Diese wurden aus ideologischen Gründen mehrmals geändert[4]. In der Unabhängigkeitserklärung und in der provisorischen Verfassung von 1918 wurden die Namen Tschecho-Slowakische Republik oder Tschecho-Slowakischer Staat festgeschrieben. Nach der Verabschiedung der Verfassung der ersten tschechoslowakischen Republik von 1920 wurde der Bindestrich im Namen Tschecho-Slowakische Republik entfernt und der Name Tschechoslowakische Republik (Československá republika) etabliert. Die Bezeichnung Tschecho-Slowakischer Staat wurde aus der Verfassung gestrichen.

Die Bezeichnung Tschechoslowakische Republik blieb bis zum Münchner Abkommen bestehen. Im Oktober 1938 wurde wieder ein Bindestrich eingeführt und der Name in Tschecho-Slowakei (Kurzform) beziehungsweise Tschecho-Slowakische Republik (Langform) geändert und war der Staatsname bis zur Besetzung durch NS-Deutschland und Ungarn im März 1939.

Die 1940 in London gegründete tschechoslowakische Exilregierung nannte sich Provisorische tschechoslowakische Regierung (Prozatímní státní zřízení československé) und etablierte zusammen mit der Kommunistischen Partei (KSČ) in Moskau im April 1945 in Košice den alten Namen Tschechoslowakische Republik. Der Name wurde auch nach dem Februarumsturz 1948 beibehalten.

Im Jahr 1960 wurde der Name von der herrschenden KSČ in Tschechoslowakische Sozialistische Republik (Československá socialistická republika) geändert. Die Namensänderung schrieb den kommunistischen Führungsanspruch endgültig fest und fügte das Wort Sozialismus ein.

Nach dem Sturz des Regimes im Jahr 1989 wurde der Name kurzzeitig in Tschechoslowakische Föderative Republik geändert. Durch ein Gesetz wurde 1990 der Name in Tschechische und Slowakische Föderative Republik geändert. Die Kurzform blieb aber weiterhin Tschechoslowakei. Die Schreibweise der Kurzform mit dem Bindestrich, deren darum geführter Streit zwischen tschechischen und slowakischen Politikern Anfang der 1990er-Jahre als Gedankenstrich-Krieg bekannt wurde, ist seit 1990 die in der Slowakei offiziell verwendete Schreibweise und wird auch rückwirkend für die gesamte Existenz des Staates verwendet.

Staatssymbole[Bearbeiten]

Flagge und Wappen[Bearbeiten]

Flagge
Hauptartikel: Flagge der Tschechoslowakei

Es wurde in der Republik lange überlegt, welche Flagge der neue Staat haben solle. Seit 1918 wurden vorläufig verschiedene Formen der traditionellen weiß-roten böhmischen Flagge verwendet. 1918 wurde sie zur Flagge der Tschechoslowakei erklärt. Das wiedergegründete Polen führte aber fast die gleiche Flagge. Nur durch das Seitenverhältnis von 5:8 statt 2:3 konnte man beide Flaggen unterscheiden. Zwei Jahre später, am 30. März 1920, wurde am linken Rand der Flagge ein blaues gleichschenkliges Dreieck für die Slowakei eingefügt. Das Blau entstammt der slowakischen Flagge. Nach anderen Quellen ist die blaue Farbe dem Wappen Mährens entnommen.

Wappen
Hauptartikel: Wappen der Tschechoslowakei

Nach der Auflösung Österreich-Ungarns und nach Provisorien in den ersten zwei Jahren der Republik wurden in der Verfassung vom 29. Februar 1920 drei Wappen konstruiert, wobei das Große Wappen das offiziell alleinige Wappen der Ersten Tschechoslowakischen Republik war. In der Zweiten Republik wurde das mittlere Wappen als Staatswappen verwendet und 1945 das kleinste Wappen. Mit der neuen „sozialistischen“ Verfassung wurde das kleine Wappen 1960 abgelöst. 1990 wurde das letzte Wappen konstruiert und bis zur Teilung des Landes 1992 verwendet.

Nationalhymne[Bearbeiten]

Von 1918 bis 1992 waren Kde domov můj (Wo ist meine Heimat) und Nad Tatrou sa blýska (Über der Tatra blitzt es) die Nationalhymnen der Tschechoslowakei. Durch die erzwungene Föderalisierung der Republik nach dem Münchner Abkommen 1938 war auch die Hymne der Karpatenukraine Podkarpatskiji Rusíny bis 1939 die dritte offizielle Nationalhymne des Staates, wobei alle drei Hymnen hintereinander gespielt wurden.

Durch eine Verfassungsänderung und der Gründung der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik 1960 wurde auch eine neue Nationalhymne komponiert. Die Hymne Státní hymna Československé socialistické republiky (Staatliche Hymne der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik) wurde zur einzigen offiziellen Nationalhymne der ČSSR. Kde domov můj war ab 1969 nur noch die Hymne der Tschechischen und Nad Tatrou sa blýska der Slowakischen Sozialistischen Republik.

Die sozialistische Hymne erfuhr 1968, als Folge des Prager Frühlings, einige Änderungen. 1989 wurde sie wieder durch die traditionellen Hymen ersetzt.

Nach dem Zusammenbruch der Tschechoslowakei wurde Kde domov můj die Nationalhymne des unabhängigen Tschechiens und Nad Tatrou sa blýska die der Slowakei.

Geographie[Bearbeiten]

Die Tschechoslowakei bestand aus einem tschechischen, einem slowakischen und bis 1946 einem karpatenrussischen Landesteil (Podkarpatská Rus, Karpatoukraine, heute Karpatenukraine).

Der tschechische Teil wurde aus den Ländern Böhmen, Mähren und Schlesien gebildet. Dieses bestand seinerseits aus dem ehemaligen Österreichisch-Schlesien und dem vorher preußischen Gebiet um Hultschin, aber ohne einen Gebietsstreifen östlich von Teschen, der nach dem Polnisch-Tschechoslowakischen Grenzkrieg an Polen fiel, das sogenannte Olsagebiet.

Der Charakter der Landschaft in den einzelnen Landesteilen war sehr unterschiedlich. Das westliche Gebiet war Teil des nord-mitteleuropäischen Oberlandes.

Die Tschechoslowakei hatte Grenzen zu Österreich, Ungarn, der Ukraine (ab 1991, davor 1945–1991 zur Sowjetunion), Rumänien (bis 1946), Polen und Deutschland (bzw. 1949–1990 zur Deutschen Demokratischen Republik und zur Bundesrepublik Deutschland).

Physische Karte der Tschechoslowakei

Die Grenzen des Tschechoslowakischen Staates waren bei seiner Unabhängigkeitserklärung 1918 noch unbestimmt. Erst in den Verträgen von Saint-Germain 1919 wurden die Grenzen der Tschechoslowakei vorerst festgeschrieben. Österreich musste 1920 noch separat zwei kleine Gebiete Niederösterreichs abtreten. Nach dem Vertrag von Trianon 1919 wurde die Karpatenukraine an den neuen Staat angegliedert und es kam zur Grenzlegung mit Ungarn.[5] 1920 musste Deutschland nach dem Friedensvertrag von Versailles das Hultschiner Ländchen (tschechisch Hlučínsko) abtreten. 1919 brach mit Polen ein Grenzkrieg um das umstrittene Olsagebiet aus, den die Tschechoslowakei 1920 für sich entscheiden konnte. Die Fläche der Tschechoslowakei betrug danach bis 1920 140.446 km². Mit dem Königreich Rumänien kam es im Zuge des Vertrags von Sévres zu einem kleineren Gebietsaustausch in der Karpatenukraine (1921); dabei wurde ein an der Grenze zum slowakischen Landesteil gelegenes Gebiet gegen ein weiter östlich gelegenes Gebiet getauscht.[6] Der neue Staat hatte damit von 1921 bis 1938 eine Fläche von 140.800 km² und war damit etwa dreieinhalb mal so groß wie die Schweiz und mit einer Länge von 820 km fast so lang wie Italien. An seiner breitesten Stelle mass das Land 250 km und an seiner schmalsten nur 80 km.

Durch das Münchner Abkommen 1938 verlor die Tschechoslowakei etwa 14 % ihrer Staatsfläche. Ungarn erhielt durch den Ersten Wiener Schiedsspruch 11.882 km² der südlichen Slowakei. Polen erwarb die Stadt Teschen mit deren Umgebung (etwa 906 km²) und zwei kleinere Grenzgebiete in der nördlichen Slowakei, die Regionen Zips und Orava (226 km²). Die Fläche der Gebietsverluste betrug im Gesamten 41.442 km² (etwa ein Viertel des Staatsgebiets). 1939 waren der Tschechoslowakei nur noch 99.348 km² verblieben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Republik in ihren Grenzen von 1937 wiederhergestellt; bei Bratislava konnte 1946 der sogenannte Pressburger Brückenkopf vergrößert und ein 4.400 km² großer Landesstreifen im Osten zu Lasten Ungarns erworben werden. Das von der Tschechoslowakei kontrollierte Gebiet hatte nun eine Fläche von 144.846 km² und bedeutete für das Land die größte Ausdehnung in seiner Geschichte. 1946 wurde die Karpatenukraine nach einem Abkommen von 1945 an die Sowjetunion abgetreten. Das Staatsgebiet verlor 12.777 km² und umfasste bis 1992 noch 127.876 km².

Auf ihrem Territorium verfügte die Tschechoslowakei über zahlreiche Rohstoffe und besaß die größten Uranvorkommen in Europa. Während es im tschechischen Landesteil Stein- und Braunkohle, Kaolin, Ton, Graphit, Kalkstein, Quarzsand und bei Dolní Rožínka und in Pilsen Uran gab, gab es Ablagerungen von Kupfer- und Mangan Erz im slowakischen Erzgebirge. Blei- und Zinkerz kamen bei Kutná Hora und Příbram vor. Im Erzgebirge gab es auch noch geringe Mengen von Quecksilber, Antimon und Zinn. In der Slowakei gab es größere Salzreserven und im Süden und in der Karpatenukraine Erdöl. Graphit gab es in der Nähe von České Budějovice und Kaolin in der Nähe von Pilsen und Karlsbad.

Die Tschechoslowakei lag in der gemäßigten Klimazone, wobei es starke Veränderungen in den einzelnen Landesteilen gab. Die wärmsten und trockensten Gebiete befanden sich im Süden. In den Gebirgen und vor allem in der Karpatenukraine herrschten fast ganzjährig kalte Temperaturen. Im heute slowakischen Vígľaš-Pstruša wurden am 11. Februar 1929 −41 °C erreicht. In den flachen Gebieten konzentrierte sich der Niederschlag im Allgemeinen auf den Sommer.

Der Frühling begann meist Anfang April und war mild und recht sonnig. Im relativ kühlen Sommer kam kühle Luft aus Osteuropa. Ende August setzte der Herbst ein. Der Winter war in der Tschechoslowakei sehr kalt und trocken und die längste Jahreszeit.

Städte und Ortschaften[Bearbeiten]

Prag 1990

Es gab in der Tschechoslowakei 1931 über 800 Städte und tausende kleinere Ortschaften. Der Stadtstatus wurde vom tschechoslowakischen Innenministerium an Ortschaften vergeben.

Größere Städte der ČSR waren 1930 Prag (849.000 Einwohner), Brno (265.000 Einwohner), Ostrava (125.000 Einwohner), Bratislava (124.000 Einwohner), Pilsen (115.000 Einwohner, Olomouc (66.000 Einwohner), Košice (58.000 Einwohner), Ústí nad Labem (44.000 Einwohner), Budweis (44.000 Einwohner) und Liberec (39.000 Einwohner). In Prag, Brno, Ostrava oder Bratislava und Košice lebten vor dem Zweiten Weltkrieg die deutsche bzw. die ungarische oder karpatorussische und tschechoslowakische Bevölkerung teilweise zusammen. Die größte deutsch bevölkerte Stadt war Olomouc; die größte von Magyaren bewohnte Stadt war Košice. In den Großstädten der ČSR lebten allgemein viele Angehörige von nationalen Minderheiten. Prag war zum Beispiel das Zentrum des tschechoslowakischen Judentums.

Neben den Städten gab es in der Tschechoslowakei mehrere tausend Dörfer und Gemeinden. Die meisten waren in Böhmen oder der Slowakei. In der Karpatenukraine gab es die wenigsten Ortschaften; der Landesteil verfügte über 100 kleinere Siedlungen und die drei Städte Chust, Mukatschewe und die regionale Hauptstadt Uschhorod.

Die Tschechoslowakei verfügte mit berühmten Kurorten wie Karlsbad, Marienbad oder Franzensbad mit Abstand über die meisten Kurorte Europas. Die meisten Kurorte lagen in Böhmen.

Verwaltungsgliederung[Bearbeiten]

Länder der Tschechoslowakei 1928

Die Verwaltungsgliederung wurde bei der Gründung der Tschechoslowakischen Republik eng an die Verwaltungsgliederung Österreich-Ungarns angelehnt. Gemeinden gehörten zu politischen Bezirken (politické okresy) und diese zu Kreisen (Kraje). Diese Einteilung änderte sich formal nicht während der Besatzungszeit ab 1938, als die Gebiete der Ersten Tschechoslowakischen Republik völkerrechtswidrig unter deutsche Hoheit gerieten. Allerdings galt im Protektorat Böhmen und Mähren eine ähnliche Verwaltungsstruktur wie im Deutschen Reich mit in Oberlandesbezirke eingeteilten Politischen Bezirken. Für den annektierten Reichsgau Sudetenland galt die deutsche Verwaltungsstruktur mit Stadt- und Landkreisen sowie Regierungsbezirken. 1945 wurde die alte Gliederung wiederhergestellt. 1948 wurden Kreisnationalkomitees eingeführt.

Länder[Bearbeiten]

Das Staatsgebiet der Tschechoslowakei wurde 1928 in fünf historische Länder (země) eingeteilt. Alle Länder waren (siehe unten) in Kreise unterteilt. Diese Verwaltungsgliederung blieb bis zum Münchner Abkommen 1938 bestehen, danach wurden die Länder Slowakei und Karpatenukraine zu autonomen Teilstaaten innerhalb der föderalisierten Tschecho-Slowakei. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Länder wiedergegründet und die Karpatenukraine 1946 an die Sowjetunion abgetreten. Die restlichen vier Länder wurden 1949 aufgelöst und in neue kleinere Regionen geteilt.

Länder der Tschechoslowakei 1921
Land Hauptstadt Fläche in km² Einwohner
Böhmen Prag 52,065 6 668 518
Mähren Brno 22.233 2 649 323
Schlesien Ostrava 4,459 602 202
Slowakei Bratislava 49'036 2 989 361
Karpatenukraine Uschhorod 12.777 592 044
Tschechoslowakei insgesamt Prag 140.800 13 410 750

Kraje[Bearbeiten]

Die Länder der Tschechoslowakei wurden 1920 nach einer fast zwei jährigen Debatte im Parlament und dem gescheiterten Versuch Grafschaften zu schaffen in mehrere Kraje (Kreise) eingeteilt. Böhmen wurde in neun, Mähren in vier, Schlesien in einen die Slowakei in sechs und die Karpatenukraine in einen großen Kraj geteilt. Diese Ordnung blieb bis 1948 erhalten.

Mit der Erlassung des Gesetzes zur Gründung der Landkreise und Regionalbüros in der Tschechoslowakischen Republik wurden die Kraje offiziell in der Verfassung verankert. Jeder Kraj hatte sein eigenes Parlament und war de jure autonom. 1923 fanden in der Slowakei Wahlen für die Kreisräte statt.

Die 21 bzw. 20 (nach 1921) Kraje der Tschechoslowakei waren:

Okresy[Bearbeiten]

Der direkte historische Vorläufer des Okres waren die 1850 in der Österreichischen Monarchie eingeführten „Politischen Bezirke“ (als politický Okres, Pl. politické Okresy übersetzt), die vor allem nach 1867 (Österreichisch-Ungarischer Ausgleich) auf dem später tschechoslowakischem Gebiet recht unterschiedlich konzipiert waren (vgl. Politische Bezirke in Böhmen, Politische Bezirke in Mähren, Komitate Ungarns in der heutigen Slowakei). In der neu entstandenen Tschechoslowakei wurde im Jahr 1922 der altösterreichische Bezirksbegriff im Wesentlichen übernommen. 1927 wurde Böhmen in 103, Mähren und Schlesien in 79 und 45, die Slowakei in 12 und die Karpatenukraine in einen Okres eingeteilt.

Während der Zeit des Reichsprotektorat Böhmen und Mähren bestanden die Politischen Bezirke weitgehend fort, während im Reichsgau Sudetenland Landkreise eingeführt wurden.

Im Jahr 1946 wurde die Unterteilung der Einheit Okres teilweise neu strukturiert. Zum 1. Februar 1949[7] und zum 11. April 1960[8] erfolgte in der Tschechoslowakei eine größere Territorialreform, bei der die Anzahl der Bezirke reduziert wurde. Seit der Teilung der Tschechoslowakei 1992 existieren die Bezirke sowohl in Tschechien als auch in der Slowakei weiter.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Sprachenkarte der Tschechoslowakei nach der Volkszählung von 1930

In dem 1918 entstandenen Staat bildeten die Tschechen und Slowaken nicht die gesamte Bevölkerung – etwa ein Drittel gehörte anderen Nationalitäten an. Der Staat umfasste bei einer Volkszählung 1921 neben 8,761 Mio. Tschechen und Slowaken auch 3,1 Mio. Deutsche (23 %), die damit die Anzahl der Slowaken überstiegen, sowie große Minderheiten von Magyaren, Roma, Russinen, Ukrainern, Juden und Polen. Das an Deutschland grenzende Sudetenland war mehrheitlich deutsch besiedelt.

Nach der Wiedererrichtung der Tschechoslowakei 1945 kam es durch die so genannten Beneš-Dekrete zur Vertreibung der Deutschen und zum tschechoslowakisch-ungarischen Bevölkerungsaustausch.

Die Amtssprachen waren seit 1945 Tschechisch und Slowakisch.

Nationalitäten der Tschechoslowakei 1921[9]
Nationalität Einwohner relative Anzahl
Tschechoslowaken1 8,761 Mio. 64,35 %
Deutsche 3,123 Mio. 22,94 %
Ungarn 0,745 Mio. 5,47 %
Russen (Großrussen, Ukrainer, Karpatorussen)2 0,461 Mio. 3,38 %
Juden 0,180 Mio. 1,32 %
Ausländer3 0,238 Mio. 1,74 %
Polen und andere 0,102 Mio. 0,75 %
Gesamteinwohnerzahl 13,613 Mio. 100 %

1 davon 1,967 Mio. Angehörige des „slowakischen Zweigs der tschechoslowakischen Nationalität“, d. h. Slowaken (davon 1,942 Mio. in der Slowakei); diese Angabe wurde von den Behörden erst anlässlich der Volkszählung von 1930 nachträglich veröffentlicht
2 d. h. in heutiger Terminologie Russen, Ukrainer und Russinen
3 davon 94.400 Deutsche, 34.200 Polen, 16.400 Ungarn und 58.700 Tschechoslowaken (zurückgekehrte Emigranten sowie Kinder und Frauen von Ausländern)

Religionen[Bearbeiten]

Judentum[Bearbeiten]

Staatspräsident Edvard Beneš und Rabbiner Chaim Elazar Spira (1935)

In der Tschechoslowakei lebten 1938 ca. 400,000 Juden was etwa 2,7 % der damaligen Gesamtbevölkerung von 15.247 Millionen entsprach. Die jüdische Population gehörte zu den grössten in Europa. Die grösste jüdische Gemeinde des Landes war in der Hauptstadt Prag ansässig. Laut der Volkszählung von 1930 lebten 136.737 Juden in der Slowakei, 120.000 in den böhmischen Ländern und 95.008 in der Karpatenukraine.

Nach den antideutschen Unruhen 1920 in der Hauptstadt wurde das Jüdische Rathaus in Josefov gestürmt und das Inventar stark beschädigt.[10]

1919 erschien die erste Zeitung für Juden und Prag erhielt 1920 die erste jüdische Schule, in der Franz Kafkas Schwester Valli Pollak als eine der ersten Lehrerinnen unterrichtete. 1922 wurde der Historiker Samuel Steinherz (1857–1942) zum Rektor der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag gewählt und hatte dieses Amt bis 1928 inne.

Ein Deportationszug tschechoslowakischer Juden aus der Karpatenukraine erreicht Auschwitz im Mai 1944.

Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die deutsche Wehrmacht am 15. März 1939 verkündete Adolf Hitler tags darauf die Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“. Fast die gesamte jüdische Bevölkerung des Protektorats wurde im KZ Theresienstadt interniert und von dort zumeist weiter nach Auschwitz deportiert. Von etwa 82.000 aus dem Protektorat deportierten Juden überlebten nur rund 11.200. Einzelne hatten versucht, ihre jüdischen Mitbürger vor Verfolgung und Ermordung zu retten. Mehr als 672 Tschechoslowaken wurden dafür später von der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Im 1939 gegründeten Slowakischen Staat begannen nach mehreren antijüdischen Gesetzten 1940 die Deportationen tschechoslowakischer Juden. In der Zeit des Slowakischen Nationalaufstandes vom 29. August bis zur Niederschlagung am 27. Oktober 1944 wurden die antijüdischen Gesetze von slowakischer Seite außer Kraft gesetzt. Nach der Besetzung der gesamten Slowakei durch deutsche Einheiten im September 1944 wurden Juden erneut Deportiert. Von den fast 120.000 Juden in der Karpatenukraine wurden etwa 90 % im Holocaust ermordet.

Den Holocaust überlebten etwa 15.000 karpatorussische Juden, 30.000 slowakische Juden und 24.395 tschechische Juden. In der Nachkriegszeit war man jedoch den zurückkehrenden Juden teilweise sogar feindlich gesinnt. Den Juden wurden bei Ausreiseanträgen und bei der Rückerstattung ihres Besitzes bürokratische Hindernisse in den Weg gestellt, um ihnen ihren Besitz nicht zurückgeben zu müssen. Zwischen 1945 und 1950 wanderten 24.000 Juden nach Israel und Übersee aus.

Im Jahre 1952 wurde der Stellvertretende Ministerpräsident Rudolf Slánský (KSČ) verhaftet und des Hochverrats angeklagt. Grund für die Verhaftung dürfte Klement Gottwald sein, der in Slánský einen potentiellen Rivalen sah. Noch dazu gab es antisemitische Motive, da sich unter den 14 Angeklagten elf Juden befanden. In einem Schauprozess wurde Slánský mit zehn Mitangeklagten zum Tode verurteilt und auch hingerichtet. 1963 wurde er juristisch rehabilitiert, 1968 auch von der Partei.

Heute leben ungefähr 10.500 Juden auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakei. Zusätzlich gibt es mehrere Tausend Juden die sich nicht offiziell bekennen.

Geschichte[Bearbeiten]

Erste und Zweite Republik[Bearbeiten]

Die Tschechoslowakei entstand als Staat 1918 durch den Zerfall Österreich-Ungarns am Ende des Ersten Weltkriegs. Tschechische Exilpolitiker hatten seit 1916 die Unterstützung der Triple Entente dafür erhalten, nach dem Krieg im Sinn der nationalen Selbstbestimmung einen eigenen Staat zu errichten. Dieser wurde am 28. Oktober 1918 in Prag vom ersten Präsidenten proklamiert. In den Verträgen von Saint-Germain und von Trianon, mit welchen die Kriegssieger die Auflösung Österreich-Ungarns vollzogen, war die Anerkennung der ČSR festgeschrieben. Erster Präsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik war Tomáš Garrigue Masaryk.

Die neue Republik erreichte aufgrund ihrer Wirtschaftskraft einen Aufschwung, der in einem starken Kontrast zur enormen Inflation in Deutschland und Österreich stand. Sie stempelte ihre bisherigen Kronen-Banknoten aus der Monarchie Anfang 1919 ab und schuf damit die bis zum Zweiten Weltkrieg stabile Tschechoslowakische Krone. Krone ist in Tschechien bis heute der Name der nationalen Währung.

Die ab 1930 stetig steigende Unzufriedenheit der Sudetendeutschen mit ihrer Situation in dem neuen Staat wurde unterschätzt. Die NSDAP unter Adolf Hitler unterstützte vor allem nach ihrer Machteroberung 1933 im Deutschen Reich die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins und verschärfte so die Konflikte zwischen den Nationalitäten der Tschechoslowakei. Als Hitler erwog, die Randgebiete mit mehrheitlich deutscher Bevölkerung (Sudetenland und Gebiete an der Grenze zu Österreich) zu annektieren, sprachen unter Vermittlung durch den italienischen Diktator Benito Mussolini im Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zur Lösung der Sudetenkrise Großbritannien, Frankreich und Italien – nach dem Ersten Weltkrieg 1918 noch Geburtshelfer der Tschechoslowakei – dem Deutschen Reich diese Randgebiete zu, ohne die tschechoslowakische Regierung einzubeziehen. Am 30. September 1938 wurden diese Gebiete von der Wehrmacht besetzt. Die britische und die französische Regierung hofften, durch Befriedigung von Hitlers Gebietsansprüchen im Sinne der Appeasement-Politik einen Krieg abzuwenden. Im Ersten Wiener Schiedsspruch übertrugen Vertreter der deutschen und der italienischen Regierung den Süden der Slowakei und die Karpatoukraine im November 1938 an Ungarn. Das Teschener Gebiet wurde von Polen besetzt.

Der nunmehr politisch als Zweite Republik bezeichnete tschechoslowakische Staat auf dem verbliebenen Staatsgebiet – die „Nachmünchener“ Tschechoslowakei vom Oktober 1938 bis zur Besetzung durch Deutschland[11] – bestand nach diesen Abtretungen nur kurz. Am 15. März 1939 besetzten deutsche Truppen die sogenannte Rest-Tschechei und stellten sie als Protektorat Böhmen und Mähren unter deutsche Verwaltung. Tags zuvor war im slowakischen Landesteil unter direktem Druck Hitlers die (Erste) Slowakische Republik, ein Staat unter deutschem „Schutz“, gebildet worden; die Karpatenukraine wurde von Ungarn annektiert.
Teile der tschechoslowakischen Regierung waren ins Ausland geflüchtet und bildeten unter Edvard Beneš ab 1940 in London eine Exilregierung. An der Seite der Westalliierten und der Roten Armee kämpften Tschechen und Slowaken vom Ausland aus für die Befreiung ihres Landes. Im August 1944 begann der Slowakischer Nationalaufstand von Teilen der slowakischen Armee und Partisanen gegen den Einmarsch der Wehrmacht in dem bis dahin unter deutschen „Schutz“ stehenden Slowakischen Staates und dessen kollaborierenden Regierung. Der Aufstand wurde nach zwei Monaten niedergeschlagen.

Wiedererrichtung der ČSR und Februarumsturz (1945–1948)[Bearbeiten]

Lage der Tschechoslowakei in Europa zwischen 1949 und 1990

Nach Kriegsende 1945 ist die Tschechoslowakische Republik in der Form der Dritten Republik in den Grenzen aus der Zeit vor dem Münchner Abkommen wiedererstanden,[12] ausgenommen die Karpatoukraine, die der Sowjetunion überlassen werden musste. Die deutsche Bevölkerung vor allem in Tschechien wurde überwiegend vertrieben oder ausgesiedelt. Als Satellitenstaat der UdSSR wurde das Land Teil des Ostblocks und Mitglied des Warschauer Vertrags, außerdem des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe.

Nach dem Februarumsturz 1948 folgte die ČSR uneingeschränkt der stalinistischen Politik der UdSSR. Weil Beneš die neue Verfassung vom Mai 1948 nicht unterschreiben wollte, trat er zurück, und Klement Gottwald, der seit Februar 1948 seiner zweiten Regierung vorstand, wurde Präsident.

Tschechoslowakische Sozialistische Republik (1960–1990)[Bearbeiten]

In der Verfassung von 1960 wurde der Staat in Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) umbenannt und der kommunistische Führungsanspruch festgeschrieben.

1968 kam es unter dem Parteichef der Kommunistischen Partei Alexander Dubček zum Versuch einer „Vermenschlichung“ des kommunistischen Staates. Der Prager Frühling sollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ schaffen, wurde aber von der Sowjetunion und den anderen Ostblockstaaten mit Waffengewalt niedergeschlagen. Als einziger Punkt des dabei untergegangenen Reformprogramms konnte die Föderalisierung der ČSSR umgesetzt werden. Diese wurde am 28. Oktober 1968, dem 50. Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, ausgerufen. Fortan bildeten zwei Teilrepubliken, die Tschechische Sozialistische Republik und die Slowakische Sozialistische Republik, die ČSSR. Allerdings gab es auch bei dieser Reform von sowjetischer Seite eine starke Einschränkung: Es gab zwar eine slowakische, nicht aber eine tschechische Kommunistische Partei. Für die alles entscheidende Parteilinie blieb weiterhin das Zentralkomitee der KPČ in Prag und dessen Präsidium zuständig.

Nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ von 1968 breitete sich im Land Resignation aus. Andererseits bildeten Künstler, Intellektuelle und Politiker des Prager Frühlings eine vom Regime vielfach verfolgte Bürgerrechtsbewegung, die 1977 die Charta 77 veröffentlichte und seit 1988 zu politischen Aktionen aufrief.

Im November 1989 kam es unter dem Eindruck des Reformprogramms von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion zu mehrtägigen Demonstrationen in Prag, Bratislava und anderen Städten. Nach tagelangen Protesten trat die kommunistische Führung zurück. Mit dieser „Samtenen Revolution“, einer gewaltlosen Erhebung des Volkes, endete das kommunistische Regime. Anfang Dezember 1989 wurde unter dem Reformkommunisten Marián Čalfa eine mehrheitlich nichtkommunistische Regierung gebildet. Ende Dezember wurde der Bürgerrechtler Václav Havel zum Staatspräsidenten gewählt. Im Juni 1990 fanden die ersten freien Parlamentswahlen seit 1945 statt. Es siegten das tschechische Bürgerforum und die slowakische Öffentlichkeit gegen Gewalt, die zusammen die Regierung bildeten.

Tschechische und Slowakische Föderative Republik (1990–1992)[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Kommunismus zeichnete sich bald ab, dass der föderative Staat Tschechoslowakei auf Dauer keinen Bestand mehr haben würde. Zu den ersten Zerwürfnissen kam es während des sogenannten „Gedankenstrich-Krieges“ um die Landesbezeichnung. Von April 1990 bis Ende 1992 hieß das Land Tschechische und Slowakische Föderative Republik (ČSFR; vereinzelt auch als Tschechoslowakische Bundesrepublik bezeichnet) mit den Kurzformen Tschechoslowakei in Tschechien beziehungsweise Tschecho-Slowakei in der Slowakei. Aufkommende Interessenskonflikte zwischen den beiden Landesteilen führten 1992 zum Ende der Tschechoslowakei. Ohne Referendum wurde vom Parlament die Auflösung der Föderation zum 31. Dezember 1992 und damit die Bildung der beiden neuen Staaten Tschechien und Slowakei zum 1. Januar 1993 beschlossen.

Militär[Bearbeiten]

Die 1918 gegründete Tschechoslowakische Armee wurde 1954 in Tschechoslowakische Volksarmee umbenannt. Sie trat 1955 dem Warschauer Pakt bei. 1990 änderte sie ihren Namen wieder in Tschechoslowakische Armee, 1993 wurde sie aufgeteilt in die Streitkräfte der Tschechischen Republik und die Streitkräfte der Slowakischen Republik.

Sport[Bearbeiten]

Spiel zwischen der ČSR und Deutschland bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1938

Die Tschechoslowakische Fußballnationalmannschaft war mit vier Auftritten bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1934 sehr angesehen und belegte den zweiten Platz.

An den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin nahm die Tschechoslowakei mit 163 Teilnehmern teil. Sie gewann drei Gold- und fünf Silbermedaillen.

Die 12. Eishockey-Weltmeisterschaft und 23. Eishockey-Europameisterschaft fand vom 11. bis 20. Februar 1938 in Prag statt. Der Austragungsmodus wurde im Vergleich zum Vorjahr erneut verändert. 14 Mannschaften nahmen an dieser WM teil. Dabei belegte die Eishockey-Mannschaft der ČSR den dritten Platz und holte Bronze.

Emil Zatopek hat in den 1950er Jahren vier olympische Goldmedaillen im Langstreckenlauf gewonnen.

Die Turnerin Věra Čáslavská war mehrfache Olympiasiegerin im Turnen und gewann sieben Goldmedaillen und vier Silbermedaillen. Sie vertrat die Tschechoslowakei bei drei Olympischen Spielen.

Zahlreiche berühmte Tennisspieler wie Ivan Lendl, Miloslav Mečíř, Hana Mandlikova, Martina Navratilova und Daniela Hantuchová kommen aus der Tschechoslowakei.

Wirtschaft[Bearbeiten]

In der Zwischenkriegszeit war die Tschechoslowakei eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Sie gehörte zu den stärksten Industriestaaten des Kontinents, wobei die Schwerindustrie eher im Landesinnern angesiedelt war, während in der überwiegend von Deutschen bewohnten Grenzregion Leichtindustrie vorherrschte. Weltruf genoss vor allem die Waffenproduktion des Landes. Schon vor 1918 waren die böhmischen Länder das industriereichste Gebiet der Donaumonarchie. Jedoch war die Slowakei bis in die 1960er Jahre wirtschaftlich deutlich schwächer als der westliche Landesteil. Die Karpatenukraine, die 1945 von der UdSSR annektiert und der Ukrainischen SSR einverleibt wurde, war 1918 ein praktisch industrieloses Gebiet mit einem hohen Anteil von Analphabeten in der Bevölkerung. Die Weltwirtschaftskrise traf auch die Tschechoslowakei in den Jahren 1929 bis 1933. Die Zahl der Arbeitslosen belief sich auf etwa eine Million.

Literatur[Bearbeiten]

  • Taschenlexikon ČSSR. Bibliographisches Institut, in Zusammenarbeit mit dem Enzyklopädischen Institut der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaft Prag (ČSAV Československá akademie věd Praha), Leipzig 1983 (ohne ISBN).
  • Rudolf Chmel, in: Ludwig Richter, Alfrun Kliems (Hrsg.): Slowakische Kultur und Literatur im Selbst- und Fremdverständnis, Steiner, Stuttgart 2005, ISBN 3-515-08676-5 (= Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, Band 22, S. 13 ff.).
  • Stephan Dolezel, Karl Bosl (Hrsg.): Die demokratisch-parlamentarische Struktur der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Oldenbourg, München/Wien 1975, ISBN 3-486-44381-X (Vorträge der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee am Tegernsee vom 28. 11. bis 1. 12. 1974).
  • Jörg K. Hoensch: Geschichte der Tschechoslowakei. 3. Auflage, Kohlhammer, Stuttgart 1992, ISBN 3-17-011725-4.
  • Rüdiger Kipke, Karel Vodička: Rozloučení s Československem, Český spisovatel, Prag 1993, ISBN 80-202-0447-4 (tschechisch); deutsch: Abschied von der Tschechoslowakei. Ursachen und Folgen der tschechisch-slowakischen Trennung. Wissenschaft und Politik, Köln 1993, ISBN 3-8046-8803-9.
  • Karel Vodička: Dělení Československa. Deset let poté…, Volvox Globator, Prag 2003, ISBN 80-7207-479-2 (tschechisch).

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Tschechoslowakei – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Tschechoslowakei

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Tschechoslowakei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Tschechoslowakei – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hardt, John Pearce; Kaufman, Richard F. (1995), East-Central European Economies in Transition, M.E. Sharpe, ISBN 1-56324-612-0
  2. Statoids.com
  3. R.M. Caplin, Czechoslovakia Today 1939
  4. Gesetz 11/1918 Sb. (Rezeptionsgesetz zur Entstehung der Republik), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 121/1920 Sb. (Verfassung von 1920), online lexdata.cz, abgerufen am 3. Okt. 2009; Gesetz 101/1990 Sb. (Änderung des Landesnamens 1990), online lexdata.cz, abgerufen am 10. Nov. 2009 (alle tschechisch)
  5. Milan Majtán: Názvy obcí Slovenskej Republiky, Bratislava 1998.
  6. users.prf.cuni.cz
  7. Předpis č. 3/1949 Sb.
  8. Předpis č. 36/1960 Sb.
  9. Quellen der Volkszählungsergebnisse: Československá republika – obyvatelstvo, in: Ottův slovník naučný nové doby (Anfang der 1930er Jahre) und infostat.sk
  10. psp.cz.
  11. Rüdiger Alte: Die Außenpolitik der Tschechoslowakei und die Entwicklung der internationalen Beziehungen 1946–1947. Oldenbourg, München 2003, S. 35 Fn 85.
  12. Siehe wörtlich z. B. in Heiner Timmermann, Emil Voráček, Rüdiger Kipke (Hrsg.), Die Beneš-Dekrete. Nachkriegsordnung oder ethnische Säuberung: Kann Europa eine Antwort geben? (= Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen; Bd. 108), LIT Verlag, Münster 2005, ISBN 3-8258-8494-5, S. 145; vgl. Jörg K. Hoensch, Studia Slovaca. Studien zur Geschichte der Slowaken und der Slowakei (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum; Bd. 93), Oldenbourg, München 2000, ISBN 3-486-56521-4, S. 18 f.