Solvency II

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Solvency II ist ein Projekt der EU-Kommission zu einer grundlegenden Reform des Versicherungsaufsichtsrechts in Europa, vor allem der Solvabilitätsvorschriften für die Eigenmittelausstattung von Versicherungsunternehmen.

Inhaltsverzeichnis

Gesetzgebungsprozess [Bearbeiten]

Am 10. Juli 2007 hat die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine Solvency-II-Rahmenrichtlinie dem Europäischen Parlament und Rat vorgelegt.[1] Anfang April 2009 konnten sich Unterhändler der 27 Mitgliedstaaten und des EU-Parlaments auf neue Aufsichts- und Eigenkapitalregeln Solvency II verständigen.[2] Solvency II wurde am 22. April 2009 vom EU-Parlament und am 10. November 2009 von den EU-Finanzministern verabschiedet.

Die nationale Umsetzung der Richtlinie wird in Deutschland über eine Novelle des Versicherungsaufsichtsgesetzes erfolgen. Ein erster Entwurf hierzu wurde im Februar 2012 von der Bundesregierung in den Gesetzgebungsprozess eingebracht,[3] dieser verzögerte sich jedoch auf Grund ausstehenden Omnibus-II-Richtlinie (s. u.).

Solvency-II-Beginn [Bearbeiten]

Zur Anpassung an die neue EU-Finanzaufsichtsarchitektur und den Vertrag von Lissabon hat die EU-Kommission im Januar 2011 mit der sogenannten Omnibus-II-Richtlinie Änderungen unter anderem an der Solvency-II-Richtlinie vorgeschlagen.[4] Die Verhandlungen darüber zwischen dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten im Rat zogen sich jedoch länger hin als vorgesehen. So entstand die Gefahr, dass die Solvency-II-Richtlinie national zum ursprünglich vorgesehen Termin 31. Oktober 2012 ohne diese Änderungen in den Mitgliedstaaten würde umgesetzt werden müssen. Eine sogenannte Quick-fix-Richtlinie im September 2012 verschob die Frist gerade noch rechtzeitig,[5] so dass die Mitgliedstaaten die Vorschriften nun zum 30. Juni 2013 übernehmen müssen, und die Unternehmen die neuen Solvency-II-Regeln erst zum 1. Januar 2014 anzuwenden haben.

Darüber hinaus schlug die EU-Kommission im September 2012 eine weitere Verschiebung um ein Jahr vor.[6] Elke König, die Präsidentin der BaFin, hält den Beginn von Solvency II im Jahr 2017 für möglich,[7] während Carlos Montalvo (EIOPA) nachdrücklich betont, dass EIOPA daran arbeite, die Implementierung zum 1. Januar 2016 durchzuführen.[8]

Bevor weitere fachliche Entscheidungen zu den Regelungsinhalten der Omnibus-II-Richtlinie getroffen werden, wird eine Auswirkungsstudie speziell zu verschiedenen Möglichkeiten der Abbildung langfristiger Garantien in Solvency II („Long Term Guarantee Assessment“) durchgeführt. Die Studie wird im Auftrag der Trilog-Parteien von EIOPA in Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichtsbehörden und den Versicherungsunternehmen durchgeführt.[9]

Auswirkungsstudien [Bearbeiten]

Zur Feststellung des aktuellen Stands versicherungstechnischer Rückstellungen und zur Abschätzung der Auswirkungen der unter Solvency II geplanten Vorgaben wurden von CEIOPS (Committee of European Insurance and Occupational Pensions Supervisors) von 2005 bis 2010 fünf quantitative Auswirkungsstudien (QIS, englisch: Quantitative Impact Study) durchgeführt. Die Anforderungen an das Risikomanagement der Versicherungsunternehmen und die Berechnungsvorgaben für die versicherungstechnischen Rückstellungen wurden dabei immer weiter konkretisiert. Die Anwendbarkeit der Berechnungsformeln sowie die zu erstellenden Berichte an die Aufsichtsbehörden und an die Öffentlichkeit wurden getestet. Aufbauend auf den Erfahrungen aus den vorangegangenen QIS und unter Einbeziehung aktueller Ereignisse an den Finanzmärkten wurden die Formeln zur Berechnung des Solvenzkapitals immer wieder angepasst. Im März 2011 wurden die QIS5-Ergebnisse von der EU-Versicherungsaufsichtsbehörde EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions) veröffentlicht.[10]

Unabhängig von den europäisch koordinierten Auswirkungsstudien haben einzelne nationale Aufsichtsbehörden oder sonstige Parteien selbständig Auswirkungsstudien durchgeführt, beispielsweise auch der deutsche Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit der auch als „QIS6“ bezeichneten Studie.[11]

Drei-Säulen-Ansatz [Bearbeiten]

Wie bei Basel II wird ein 3-Säulen-Ansatz verfolgt (vorgeschlagen im sogenannten KPMG-Report[12], Mai 2002), anders als bei der Bankenbranche stehen jedoch weniger die Einzelrisiken als vielmehr ein ganzheitliches System zur Gesamtsolvabilität im Zentrum. Neben quantitativen (steht jederzeit ein ausreichendes Solvenzkapital zur Verfügung?) werden hier auch qualitative Aspekte (besteht ein adäquates Risikomanagementsystem im Unternehmen?) betrachtet.

  1. Säule I behandelt die Höhe des Minimumsolvenzkapitals, die Mindestkapitalanforderung (MCR, Minimum Capital Requirement) und die Höhe des zu stellenden Zielsolvenzkapitals, die Solvenzkapitalanforderung (SCR, Solvency Capital Requirement) im Verhältnis zu den anrechnungsfähigen Eigenmitteln (eligible own funds). Eigenmittel wurden unter Solvency I als das vorhandene Solvenzkapital (ASM, available solvency capital) bezeichnet.
  2. Säule II betrifft das Risikomanagementsystem und beinhaltet vor allem qualitative Anforderungen, beispielsweise an die Qualifikation der Vorstände von Versicherungsunternehmen (sogenannte „Fit-and-proper“-Kriterien).
  3. Säule III regelt Berichterstattungspflichten der Versicherungsunternehmen: zum Einen Berichtspflichten an Aufsichtsbehörden (supervisory reporting) und zum Anderen zu veröffentlichende Angaben (public disclosure). Bei den Berichtspflichten nach Säule III von Solvency II soll eine enge Anbindung an andere gesetzliche Berichtspflichten wie in der Rechnungslegung, insbesondere den International Financial Reporting Standards (IFRS), erreicht werden.

Zusätzlich umfasst die Solvency-II-Richtlinie weitgehende Neuerungen zur Beaufsichtigung von Versicherungsgruppen. Bisher ist die Aufsicht auf Gruppen-Ebene zusätzlich zur Aufsicht auf Solo-Ebene (sogenannte „Solo-plus-Aufsicht“). Zukünftig wird es eine kooperative Gruppenaufsicht geben, bei der nationale Aufseher, der Gruppenaufseher und EIOPA im Aufsichtskollegium („Supervisory College“) zusammenarbeiten.

Solvency Capital Required („SCR“) [Bearbeiten]

Das Solvency Capital Required SCR, eine Sollgröße für das Eigenkapital, wird nach Solvency II mit Hilfe der sogenannten Standardformel oder eines internen Modells berechnet. Die Firmen können ihrer speziellen Situation angepasste Modelle genehmigen lassen, tun sie dies nicht, haben sie die im Folgenden betrachtete Standardformel anzuwenden:

Die Standardformel berücksichtigt sowohl verschiedene versicherungstypspezifische Risiken als auch operationelle Risiken. Beispielsweise wird für Lebensversicherungen der Kapitalbedarf bei einer um 15 % erhöhten Mortalitätsrate berechnet. Operationelle Risiken bilden Risiken ab, die durch fehlerhafte oder falsche firmeninterne Prozesse, durch Mitarbeiter oder externe Ereignisse verursacht werden können.

Kritisiert wird erstens, dass bei der Kalkulation des SCR die Annahme normalverteilter Einzelrisiken getroffen wird.[13] Zweitens werde die gegenseitige Abhängigkeit der Risiken über den (linearen) Korrelationskoeffizienten, statt über nicht-lineare Zusammenhänge (Copulas) berücksichtigt. In erster Ordnung unkorrelierte, aber abhängige Risiken würden bei der Aggregation vernachlässigt. In beiden Fällen würde der Eigenkapitalbedarf durch die Standardformel systematisch unterschätzt.[14]

Literatur [Bearbeiten]

  • Höppner, Malte: Kapitaladäquanz und Kapitalallokation von Kompositversicherungsunternehmen auf Basis eines internen Modells, Karlsruhe 2011, ISBN 978-3899526455
  • Romeike, Frank; Müller-Reichart, M.: Risikomanagement in Versicherungsunternehmen : Grundlagen, Methoden, Checklisten und Implementierung, 2. Auflage, Weinheim 2008, ISBN 978-3-527-50324-7
  • von Plato, Philipp: Konsequenzen von Solvency II für die Kapitalanforderungen von Lebensversicherungsprodukten, 2005, ISBN 3-89936-330-2
  • Hartung, Thomas: Eigenkapitalregulierung bei Versicherungsunternehmen : eine ökonomisch-risikotheoretische Analyse verschiedener Solvabilitätskonzeptionen, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-89952-302-7
  • Beringer, Markus: Das Spartentrennungsprinzip der Lebensversicherung : nach Umsetzung von Solvency II noch zeitgemäß?, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-89952-334-8
  • Nallin, Verena: Berechnung der Mindestkapitalanforderungen unter Solvency II - Die Wahl des richtigen Risikomaßes, 2007, ISBN 978-3-8366-5742-6
  • Meister, Daniel G.: Corporate Governance und Compliance-Management für Versicherungsunternehmen - Vor dem Hintergrund der Umsetzung von Solvency II, 2007, ISBN 978-3836433839
  •  Frank Romeike/Matthias Müller-Reichart/Thorsten Hein: Die Assekuranz am Scheideweg – Ergebnisse der ersten Benchmark-Studie zu Solvency II. In: Zeitschrift für Versicherungswesen. Oktober 2006, S. 316-321. (risknet.de).

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2007:0361:FIN:DE:PDF
  2. http://ec.europa.eu/internal_market/insurance/solvency/latest/archive_de.htm
  3. http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP17/424/42434.html
  4. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0008:FIN:DE:PDF
  5. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:249:0001:0002:EN:PDF
  6. Solvency II: Neue Regeln für Versicherer kommen später. Financial Times Deutschland, 19. September 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  7. Herbert Fromme: Solvency II : Neue Regeln für Versicherungen kommen nicht vor 2017. capital.de, 23. Januar 2013, abgerufen am 26. Januar 2013.
  8. Interview with Carlos Montalvo, Executive Director of EIOPA, conducted by Garry Booth. Reactions magazine, abgerufen am 18. Februar 2013 (PDF; 65 kB).
  9. EIOPA LAUNCHES THE LONG-TERM GUARANTEE ASSESSMENT. EIOPA, 28. Januar 2013, abgerufen am 29. Januar 2013 (PDF; 196 kB, Pressemitteilung).
  10. https://eiopa.europa.eu/fileadmin/tx_dam/files/publications/reports/QIS5_Report_Final.pdf
  11. http://www.gdv.de/wp-content/uploads/2012/04/Positionen_der_deutschen_Versicherer_2012.pdf
  12. http://ec.europa.eu/internal_market/insurance/docs/solvency/solvency2-study-kpmg_en.pdf
  13. Sandström, A. (2007). Solvency II: Calibration for Skewness. Scandinavian Actuarial Journal 2, 126 – 134.
  14. Dietmar Pfeifer, Doreen Straßburger: Solvency II: Stability problems with the SCR aggregation formula (PDF; 189 kB). In: Scandinavian Actuarial Journal (2008). No. 1, 61 - 77.