Solvency II

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Solvency II ist ein Projekt der EU-Kommission zu einer grundlegenden Reform des Versicherungsaufsichtsrechts in Europa, vor allem der Solvabilitätsvorschriften für die Eigenmittelausstattung von Versicherungsunternehmen. Bis zur Umsetzung von Solvency II gelten die bisherigen Regelungen (auch Solvency I genannt). Diese basieren auf den europäischen Richtlinien 2002/13/EG zur Schadensversicherung und 2002/83/EG zur Lebensversicherung. Sie bauen auf der Ersten Richtlinie 73/239/EWG (Aufnahme und Ausübung der Tätigkeit der Direktversicherung) auf.

Gesetzgebungsprozess[Bearbeiten]

Am 10. Juli 2007 hat die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine Solvency-II-Rahmenrichtlinie dem Europäischen Parlament und Rat vorgelegt.[1] Anfang April 2009 konnten sich Unterhändler der 27 Mitgliedstaaten und des EU-Parlaments auf neue Aufsichts- und Eigenkapitalregeln Solvency II verständigen.[2] Solvency II wurde am 22. April 2009 vom EU-Parlament und am 10. November 2009 von den EU-Finanzministern verabschiedet.

Die nationale Umsetzung der Richtlinie wird in Deutschland über eine Novelle des Versicherungsaufsichtsgesetzes erfolgen. Ein erster Entwurf hierzu wurde im Februar 2012 von der Bundesregierung in den Gesetzgebungsprozess eingebracht,[3] dieser verzögerte sich jedoch auf Grund ausstehenden Omnibus-II-Richtlinie (s. u.).

Solvency-II-Beginn[Bearbeiten]

Zur Anpassung an die neue EU-Finanzaufsichtsarchitektur und den Vertrag von Lissabon hat die EU-Kommission im Januar 2011 mit der sogenannten Omnibus-II-Richtlinie Änderungen unter anderem an der Solvency-II-Richtlinie vorgeschlagen.[4] Die Verhandlungen darüber zwischen dem Europäischen Parlament und den Mitgliedstaaten im Rat zogen sich jedoch länger hin als vorgesehen. So entstand die Gefahr, dass die Solvency-II-Richtlinie national zum ursprünglich vorgesehen Termin 31. Oktober 2012 ohne diese Änderungen in den Mitgliedstaaten würde umgesetzt werden müssen. Eine sogenannte Quick-fix-Richtlinie im September 2012 verschob die Frist,[5] so dass die Mitgliedstaaten theoretisch die Vorschriften zum 30. Juni 2013 hätten übernehmen müssen, und die Unternehmen die neuen Solvency-II-Regeln erst zum 1. Januar 2014[veraltet] anzuwenden haben.

Darüber hinaus schlug die EU-Kommission im September 2012 eine weitere Verschiebung um ein Jahr vor.[6] Elke König, die Präsidentin der BaFin, hält den Beginn von Solvency II im Jahr 2017 für möglich,[7] während Carlos Montalvo (EIOPA) nachdrücklich betont, dass EIOPA daran arbeite, die Implementierung zum 1. Januar 2016 durchzuführen.[8]

Bevor weitere fachliche Entscheidungen zu den Regelungsinhalten der Omnibus-II-Richtlinie getroffen werden, wurde eine Auswirkungsstudie speziell zu verschiedenen Möglichkeiten der Abbildung langfristiger Garantien in Solvency II („Long Term Guarantee Assessment“) durchgeführt. Die Studie erfolgte im Auftrag der Trilog-Parteien von EIOPA in Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichtsbehörden und den Versicherungsunternehmen,[9] Ergebnisse wurden am 14. Juni 2013 publiziert.[10]

Kommissar Barnier hat Anfang Oktober 2013 mitgeteilt, dass eine Richtlinie entworfen wurde, die den Termin der Erstanwendung auf den 1. Januar 2016 verschiebt,[11] dies wird auch als „Quick fix 2“ bezeichnet.[12]

Am 14. November 2013 hat die Kommission mitgeteilt, dass im Trilog zwischen Parlament und Rat eine Einigung erzielt werden konnte und die Einführung von Solvency II zum 1. Januar 2016 möglich wird.[13] Das Parlament hat der Omnibus-II-Direktive am 11. März zugestimmt.[14]

Vorbereitungsphase[Bearbeiten]

Ende September 2013 hat EIOPA Leitlinien zur Vorbereitung auf Solvency II veröffentlicht. Diese werden im Anschluss an ein Comply-Or-Explain-Verfahren vom 1. Januar 2014 an durch die Mitgliedsstaaten angewendet.[15] De facto werden damit einige Regelungsinhalte von Solvency II vorgezogen, u. a. Anforderungen an Geschäftsorganisation und Risikomanagement, vorausschauende Prüfung der unternehmenseigenen Risiken (im Sinne einer unternehmenseigenen Risiko- und Solvabilitätsbeurteilung (Own Risk and Solvency Assessment – ORSA)) sowie Aspekte des Berichtswesens und der Vorantragsphase für interne Modelle.[16]

Auswirkungsstudien[Bearbeiten]

Zur Feststellung des aktuellen Stands versicherungstechnischer Rückstellungen und zur Abschätzung der Auswirkungen der unter Solvency II geplanten Vorgaben wurden von CEIOPS (Committee of European Insurance and Occupational Pensions Supervisors) von 2005 bis 2010 fünf quantitative Auswirkungsstudien (QIS, englisch: Quantitative Impact Study) durchgeführt. Die Anforderungen an das Risikomanagement der Versicherungsunternehmen und die Berechnungsvorgaben für die versicherungstechnischen Rückstellungen wurden dabei immer weiter konkretisiert. Die Anwendbarkeit der Berechnungsformeln sowie die zu erstellenden Berichte an die Aufsichtsbehörden und an die Öffentlichkeit wurden getestet. Aufbauend auf den Erfahrungen aus den vorangegangenen QIS und unter Einbeziehung aktueller Ereignisse an den Finanzmärkten wurden die Formeln zur Berechnung des Solvenzkapitals immer wieder angepasst. Im März 2011 wurden die QIS5-Ergebnisse von der EU-Versicherungsaufsichtsbehörde EIOPA (European Insurance and Occupational Pensions) veröffentlicht.[17]

Unabhängig von den europäisch koordinierten Auswirkungsstudien haben einzelne nationale Aufsichtsbehörden oder sonstige Parteien selbständig Auswirkungsstudien durchgeführt, beispielsweise auch der deutsche Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) mit der auch als „QIS6“ bezeichneten Studie.[18]

Drei-Säulen-Ansatz[Bearbeiten]

Wie bei Basel II wird ein 3-Säulen-Ansatz[19] verfolgt. Das Risikoprofil einer Versicherung ist naturgemäß anders als das einer Bank. Bei einer Versicherung spielt das versicherungstechnische Risiko (das Kerngeschäftsrisiko) die größte Rolle bei der Risikobewertung, die für Kreditinstitute wichtigen Kredit- und Marktrisiken sind für Versicherungen nachgelagert. Ähnlich ist die Risiko-Situation von Versicherungen und Banken jedoch beim Operationellen Risiko. In der Denkweise von Solvency II steht der Schutz der Versicherten und derer Forderungen im Vordergrund.

  1. Säule I behandelt die Höhe des Minimumsolvenzkapitals, die Mindestkapitalanforderung (MCR, Minimum Capital Requirement) und die Höhe des zu stellenden Zielsolvenzkapitals, die Solvenzkapitalanforderung (SCR, Solvency Capital Requirement) im Verhältnis zu den anrechnungsfähigen Eigenmitteln (eligible own funds). Eigenmittel wurden unter Solvency I als das vorhandene Solvenzkapital (ASM, available solvency capital) bezeichnet.
  2. Säule II betrifft das Risikomanagementsystem und beinhaltet vor allem qualitative Anforderungen, beispielsweise an die Qualifikation der Vorstände von Versicherungsunternehmen (sogenannte „Fit-and-proper“-Kriterien).
  3. Säule III regelt Berichterstattungspflichten der Versicherungsunternehmen: zum Einen Berichtspflichten an Aufsichtsbehörden (supervisory reporting) und zum Anderen zu veröffentlichende Angaben (public disclosure). Bei den Berichtspflichten nach Säule III von Solvency II soll eine enge Anbindung an andere gesetzliche Berichtspflichten wie in der Rechnungslegung, insbesondere den International Financial Reporting Standards (IFRS), erreicht werden.

Zusätzlich umfasst die Solvency-II-Richtlinie weitgehende Neuerungen zur Beaufsichtigung von Versicherungsgruppen. Bisher ist die Aufsicht auf Gruppen-Ebene zusätzlich zur Aufsicht auf Solo-Ebene (sogenannte „Solo-plus-Aufsicht“). Zukünftig wird es eine kooperative Gruppenaufsicht geben, bei der nationale Aufseher, der Gruppenaufseher und EIOPA im Aufsichtskollegium („Supervisory College“) zusammenarbeiten.

Solvency Capital Requirement („SCR“)[Bearbeiten]

Das Solvency Capital Requirement SCR, eine Sollgröße für das Eigenkapital, wird nach Solvency II mit Hilfe der sogenannten Standardformel oder eines internen Modells berechnet. Die Firmen können ihrer speziellen Situation angepasste Modelle genehmigen lassen, tun sie dies nicht, haben sie die im Folgenden betrachtete Standardformel anzuwenden:

Die Standardformel berücksichtigt sowohl verschiedene versicherungstypspezifische Risiken als auch operationelle Risiken. Beispielsweise wird für Lebensversicherungen der Kapitalbedarf bei einer um 15 % erhöhten Mortalitätsrate berechnet. Operationelle Risiken sind Risiken, die durch fehlerhafte firmeninterne Prozesse und/oder mangelnde Kontrollen, durch falsche Einschätzungen (bspw. zum Wert einer aufgekauften Firma), durch fehlerhafte Modelle, durch Betrug oder durch externe Ereignisse (wie Epidemien oder Erdbeben) ausgelöst oder begünstigt werden.

Kritisiert wird erstens, dass bei der Kalkulation des SCR die Annahme normalverteilter Einzelrisiken getroffen wird.[20] Zweitens werde die gegenseitige Abhängigkeit der Risiken über den (linearen) Korrelationskoeffizienten, statt über nicht-lineare Zusammenhänge (Copulas) berücksichtigt. In erster Ordnung unkorrelierte, aber abhängige Risiken würden bei der Aggregation vernachlässigt. In beiden Fällen würde der Eigenkapitalbedarf durch die Standardformel systematisch unterschätzt.[21]

Literatur[Bearbeiten]

  • Höppner, Malte: Kapitaladäquanz und Kapitalallokation von Kompositversicherungsunternehmen auf Basis eines internen Modells, Karlsruhe 2011, ISBN 978-3-89952-645-5
  • Romeike, Frank; Müller-Reichart, M.: Risikomanagement in Versicherungsunternehmen : Grundlagen, Methoden, Checklisten und Implementierung, 2. Auflage, Weinheim 2008, ISBN 978-3-527-50324-7
  • von Plato, Philipp: Konsequenzen von Solvency II für die Kapitalanforderungen von Lebensversicherungsprodukten, 2005, ISBN 3-89936-330-2
  • Hartung, Thomas: Eigenkapitalregulierung bei Versicherungsunternehmen : eine ökonomisch-risikotheoretische Analyse verschiedener Solvabilitätskonzeptionen, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-89952-302-7
  • Beringer, Markus: Das Spartentrennungsprinzip der Lebensversicherung : nach Umsetzung von Solvency II noch zeitgemäß?, Karlsruhe 2007, ISBN 978-3-89952-334-8
  • Nallin, Verena: Berechnung der Mindestkapitalanforderungen unter Solvency II - Die Wahl des richtigen Risikomaßes, 2007, ISBN 978-3-8366-5742-6
  • Meister, Daniel G.: Corporate Governance und Compliance-Management für Versicherungsunternehmen - Vor dem Hintergrund der Umsetzung von Solvency II, 2007, ISBN 978-3-8364-3383-9
  •  Frank Romeike/Matthias Müller-Reichart/Thorsten Hein: Die Assekuranz am Scheideweg – Ergebnisse der ersten Benchmark-Studie zu Solvency II. In: Zeitschrift für Versicherungswesen. Oktober 2006, S. 316-321. (risknet.de).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2007:0361:FIN:DE:PDF
  2. http://ec.europa.eu/internal_market/insurance/solvency/latest/archive_de.htm
  3. http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP17/424/42434.html
  4. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=COM:2011:0008:FIN:DE:PDF
  5. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:249:0001:0002:EN:PDF
  6. Solvency II: Neue Regeln für Versicherer kommen später. Financial Times Deutschland, 19. September 2012, archiviert vom Original am 20. September 2012, abgerufen am 4. Oktober 2012.
  7. Herbert Fromme: Solvency II : Neue Regeln für Versicherungen kommen nicht vor 2017. capital.de, 23. Januar 2013, abgerufen am 26. Januar 2013.
  8. Interview with Carlos Montalvo, Executive Director of EIOPA , conducted by Garry Booth. Reactions magazine, abgerufen am 18. Februar 2013 (PDF; 65 kB).
  9. EIOPA LAUNCHES THE LONG-TERM GUARANTEE ASSESSMENT. EIOPA, 28. Januar 2013, abgerufen am 29. Januar 2013 (PDF; 196 kB, Pressemitteilung).
  10. https://eiopa.europa.eu/consultations/qis/insurance/long-term-guarantees-assessment/index.html
  11. Statement by Commissioner Michel Barnier on the application date of Solvency II. European Commission, 2. Oktober 2013, abgerufen am 4. Oktober 2013 (MEMO/13/841).
  12. Solvency II, 2016 and "Quick Fix 2" - Let the music play... 4. Oktober 2013, abgerufen am 4. Oktober 2013.
  13. Commissioner Barnier welcomes trilogue agreement by Council and Parliament on the "Omnibus II" Directive. 14. November 2013, abgerufen am 15. November 2013.
  14. Omnibus II vote: A big step towards a safer and more competitive insurance industry. 28. März 2014, abgerufen am 28. März 2014.
  15. Vorbereitung auf Solvency II: Erwartung der BaFin und Strukturierung der Vorbereitungsphase. BaFin, abgerufen am 24. Februar 2014.
  16.  Solvency II : EIOPA veröffentlicht Leitlinien zur Vorbereitung. In: BaFin-Journal. Oktober 2013, S. 4 (bafin.de).
  17. https://eiopa.europa.eu/fileadmin/tx_dam/files/publications/reports/QIS5_Report_Final.pdf
  18. http://www.gdv.de/wp-content/uploads/2012/04/Positionen_der_deutschen_Versicherer_2012.pdf
  19. http://ec.europa.eu/internal_market/insurance/docs/solvency/solvency2-study-kpmg_en.pdf
  20. Sandström, A. (2007). Solvency II: Calibration for Skewness. Scandinavian Actuarial Journal 2, 126 – 134.
  21. Dietmar Pfeifer, Doreen Straßburger: Solvency II: Stability problems with the SCR aggregation formula (PDF; 189 kB). In: Scandinavian Actuarial Journal (2008). No. 1, 61 - 77.