Soziologie der Kindheit

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Geschichte[Bearbeiten]

Nachdem sich die Soziologie bis in die 1980er-Jahre mit Kindern und Kindheit fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Sozialisation befasst hatte, erhielt in den vergangenen zwei, drei Dekaden eine Soziologie der Kindheit zunächst vor allem in den skandinavischen Ländern und in den USA Auftrieb und führte zu zahlreichen Studien und einer intensiven theoretischen und stark interdisziplinären Auseinandersetzung. Affinität bestand zur Erziehungswissenschaft, zu den Kulturwissenschaften und zur Geschichtswissenschaft. Dabei wurden soziologische Traditionen abgearbeitet, was in einer ersten Phase – und soweit es die Auseinandersetzung mit der Sozialisationstheorie betraf – sehr kritisch ausfiel und Parallelen mit der feministischen Auseinandersetzung mit soziologischer Tradition aufwies bzw. dort explizite Anleihen nahm.

Aktuelle Ansätze[Bearbeiten]

Zurzeit können zwei Strömungen unterschieden werden:

Das Kind als sozialer Akteur[Bearbeiten]

Diese erste Strömung hat Wurzeln unter anderem in der Jugendsoziologie und einer stark ethnographischen Annäherung an den gesellschaftlichen Alltag. Sie konzentriert sich auf die Art, wie sich Kinder in der Gesellschaft orientieren, auf ihre kulturellen Leistungen, auf die sozialen Welten, die sie konstruieren und an denen sie teilhaben. Das entscheidende Stichwort heißt hier „Kinder als soziale Akteure“ . Kinder sollen immer schon als Mitglieder der Gesellschaft gesehen werden und nicht als erst zukünftige und werdende Mitglieder, wie dies (so der Tenor kindheitssoziologischer Kritik) in den Perspektiven der Sozialisationsforschung und Entwicklungspsychologie in den vorangegangenen Dekaden zu ausschließlich geschehen sei.

Generationale Ordnung[Bearbeiten]

Im Zentrum der zweiten Strömung stehen sozialstrukturelle und gesellschaftstheoretische Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und sozialer Ordnung in einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder nach Alterszugehörigkeit einteilt und in verschiedener Hinsicht (Rechte, Pflichten, ökonomische Teilhabe, zugeschriebene Bedürfnisse etc.) klar unterscheidet. Diese Fragen werden gebündelt unter dem leitenden Konzept „generationale Ordnung“. Damit ist angesprochen, dass die Kategorisierung der Gesellschaftsmitglieder nach Alter nicht etwa unverdächtiges Abbild natürlicher Unterschiede sei, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Konstruktion einer solchen „natürlichen“ Wahrheit und als solche ein relevanter Bestandteil gesellschaftlicher Ordnung. Daran fügt sich die Ansicht, dass diese quasi-natürlich begründete Ungleichheit mit anderen Dimensionen sozialer Ungleichheit fundamental verknüpft ist. Sozialer Wandel, ökonomische Veränderungen, sozialpolitische Maßnahmen werden zu zentralen Untersuchungsgegenständen der Kindheitssoziologie. Die Analyse dieser Gegenstände hat für die Beachtung der generationalen Dimension sensitiviert.

Kindheit und Massenmedien[Bearbeiten]

Das Kind ist ein maßgeblicher Wirtschaftsfaktor, wie es die Bereiche der Kindermode, Kindernahrung, Kinderfilme, Kinderspiele, (Videospiele für Kinder) oder des Kinderspielzeuges anschaulich belegen. Ebenso wird es Zielscheibe der Medien in Gestalt von Kindersendungen, des Kinderfernsehens, des Kinderfunks oder der Kinderzeitschriften. Zusehends wenden sich Forscher auch empirisch der Einwirkung von Massenmedien und Werbung auf Kinder zu.

Literatur[Bearbeiten]

  • Alanen, L./ Mayall, B. (Eds.) (2001): Conceptualizing Child-adult Relations, London.
  • Bass, L. (Hg.) (2005): Sociological Studies of Children and Youth, Bd. 10, Amsterdam.
  • Buehler-Niederberger, D. (1998): The Separative View. Is there any Scientific Approach to Children, in D. K. Behera (Hg.), Children and Childhood in our Contemporary Societies. Delhi: Kamla-Raj Enterprises, pp. 51-66.
  • Kränzl-Nagl, Renate /Johanna Mierendorff/Thomas Olk (Hgg-.): Kindheit im Wohlfahrtsstaat. Frankfurt am Main: Campus 2003
  • Prout, A. (2004): The Future of Childhood. Towards the Interdisciplinary Study of Children, London.
  • Prout, A./Hallett, Ch. (Hgg.) (2003): Hearing the Voices of Children. Social Policy for a New Century, London.
  • Qvortrup, J. u. a. (Hgg.) (1994): Childhood Matters. Social Theory, Practice and Politics. Wien, Avebury.
  • Schweizer, H. (2007): Soziologie der Kindheit. Verletzlicher Eigen-Sinn. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Zelizer, Vivianne A. (1985): Pricing the Priceless Child. The Changing Social Value of Children. New York.