Steinbüchse

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Die Mons Meg mit Kanonenkugeln

Steinbüchsen waren die ersten Geschütze aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die mit Schwarzpulverladungen Steinkugeln verschossen. Die Kugeldurchmesser der Geschütze reichen von 12 cm bis zu 80 cm (Pumhart von Steyr[1]).

Terminologie[Bearbeiten]

Mitte des 15. Jahrhunderts ließen sich die Belagerungsgeschütze wie folgt einteilen:

Die schweren und mittelschweren Steinbüchsen wurden unter dem Begriff Hauptbüchsen zusammengefasst. Notbüchsen hatten lange Rohre bei einem mittleren Kaliber und verschossen Eisenkugeln, während die Viertelbüchsen Eisenkugeln von einem Viertel des Gewichtes einer Hauptbüchsensteinkugel verschossen.

Konstruktion[Bearbeiten]

Geborstener Ring des Stabringgeschützes Mons Meg

Kleinere Steinbüchsen wurden schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts aus Bronze gegossen, die schweren Belagerungsgeschütze waren vielfach schmiedeeiserne Stabringgeschütze.

Diese Einzelstücke bekamen Namen, die sie kennzeichneten, wie die „Mons Meg“ oder die „Dulle Griet“, die heute in Gent ausgestellt ist.

Charakteristisch für Steinbüchsen ist die Zweiteilung in Kammer und Flug. Die Kammer wurde mit Schwarzpulver gefüllt und hatte eine meist wesentlich größere Wandstärke als der Flug, der die Steinkugel aufnahm. Diese Zweiteilung war nicht nur optischer Art, sondern war meist als Schraubvorrichtung ausgeführt, um die tonnenschweren Geschütze zu Transportzwecken zu zerlegen.

Um 1400 lassen sich die Steinbüchsen in drei Arten unterteilen:[2]

Leichte Steinbüchse von ca. 1450
Bezeichnung Kugeldurchmesser
Leichte Steinbüchsen ca. 12-20 cm
Schwere Steinbüchsen ca. 25-45 cm
Riesengeschütze ca. 50-80 cm

Ladevorgang und Einsatz[Bearbeiten]

Das Legestück Faule Grete beim Schießen (modernes Gemälde)

Der Schießvorgang war aufwendig. Die Kugel musste verpisst und verschoppt werden, d.h. die Treibladung wurde abgedichtet und die Kugel im Flug verdämmt. Sie wurde mit Keilen und Lehm im Flug festgesetzt, damit möglichst wenig Gase an der relativ ungleichmäßigen Steinkugel vorbeiströmten. Mehr als einen Schuss pro Tag abzugeben, war 1437 noch so ungewöhnlich, dass ein Büchsenmeister in Metz, der in diesem Jahr drei Schüsse auf drei verschiedene Ziele an nur einem Tag abgab und alle Ziele traf, eine Pilgerfahrt nach Rom unternahm, da er meinte, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.

Steinbüchsen waren schwierig zu bedienen und für die Geschützmannschaften auch gefährlich; häufig barsten Geschütze beim Schuss, wobei die umherfliegenden Eisenteile die Männer verletzten oder töteten. Der Wert von Steinbüchsen war dennoch hoch, da es keine Stadtmauer oder Burgmauer gab, die den bis zu 340 kg schweren Geschossen standhalten konnte.

Die Geschütze waren teuer in der Anschaffung, weshalb nicht jede Stadt oder Armee sich eine Steinbüchse leisten konnte. Häufig wurden Steinbüchsen an kriegführende Parteien verliehen. Oft ergaben sich Städte, wenn eine Armee mit einer Steinbüchse auftauchte, auch ohne dass ein einziger Schuss abgegeben wurde. So konnten französische Truppen unter Karl VII. von Mai 1449 bis August 1450 mit Hilfe von Steinbüchsen über siebzig englische Stützpunkte in der Normandie erobern, da allein das Aufstellen der Geschütze Drohung genug war. Die Städte ergaben sich reihenweise, ohne dass ein Schuss abgefeuert werden musste.

Riesengeschütze[Bearbeiten]

Die aus Stäben und Ringen geschmiedete Dulle Griet (Kugeldurchmesser 64 cm) aus dem frühen 15. Jahrhundert

Als Riesengeschütze werden im spätmittelalterlichen Belagerungskrieg Steinbüchsen mit einem Kugeldurchmesser von mindestens 50 cm bezeichnet.[2] Diese vor allem im 15. Jahrhundert eingesetzten Bombarden wurden entweder als schmiedeeiserne Stabringgeschütze oder, in Anlehnung an die Technik des Glockengusses, im Bronzeguss angefertigt.[3] Erhaltene Beispiele für die erstere, ältere Konstruktionsweise sind unter anderem der Pumhart von Steyr, die Mons Meg und die Dulle Griet von Gent. Dagegen wurden die Faule Mette von Braunschweig und die Faule Grete von Marienburg im Bronzegussverfahren hergestellt.

Der Pumhart von Steyr, das größte erhaltene Stabringgeschütz (Kugeldurchmesser 80 cm)[1]

Am Anfang der Geschützentwicklung stand das Bestreben, die Wirkung der Geschosse zu erhöhen. Zu diesem Zweck verwendeten Geschützmeister zunächst stärkere Pulverladungen. Der erhöhte Innendruck ließ aber die bestehenden Konstruktionen häufig bersten, was oft zu tödlichen Unfällen bei den Geschützmannschaften führte. Gleichzeitig machte man die Erfahrung, dass die Steinkugeln aufgrund der höheren Projektilgeschwindigkeit an den Befestigungsmauern zerschellten anstatt sie zu durchschlagen. Deshalb ging man dazu über, die Masse der Geschosse und damit des gesamten Geschützes ebenfalls zu vergrößern, ein Entwicklungsweg, an dessen Ende Riesengeschütze wie der Pumhart standen, die bis zu 690 kg schwere Kugeln verschossen. Neben einer höheren Durchschlagskraft spielten beim Bau solcher Geschütze auch andere Faktoren wie Prestige und Abschreckungseffekte eine wichtige Rolle.[4]

Die Zarenkanone von 1586 diente als Prunkwaffe und kam nie zum Kampfeinsatz.

Trotz aller fertigungstechnischen Höchstleistungen war die militärische Wirkung der Riesenbombarden insgesamt eher mäßig und stand in keinem Verhältnis zum benötigten finanziellen und logistischen Aufwand. Für die Kosten eines einzelnen Riesengeschützes konnte man zwei bis drei Hauptbüchsen herstellen, deren kleinere Kaliber (bis 40 cm) zur Erschütterung des mittelalterlichen Mauerwerks völlig ausreichten, insbesondere wenn ihre Feuerkraft gebündelt wurde. Hauptbüchsen entfalteten durch ihr geringeres Gewicht und höhere Feuergeschwindigkeit eine ungleich größere Vernichtungswirkung, da sie leichter versetzbar waren und den gleichzeitigen Beschuss an mehreren Mauerabschnitten erlaubten. Zudem machte der Übergang von Stein- zu Eisenprojektilen, deren spezifisches Gewicht dreimal höher liegt, die Verwendung übergroßer Geschützläufe überflüssig.[5] So reduzierte sich z.B. das Kaliber einer eisernen 50-Pfund-Kugel von 28 auf 18 cm bei gleichem Geschossgewicht.[6]

Bereits in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ging die weitere Entwicklung der Belagerungsartillerie von den Hauptbüchsen aus[7] und in den umfangreichen burgundischen Arsenalen tauchten Bombarden seit jener Zeit nur noch vereinzelt auf.[8]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Schmidtchen (1977a), S. 162
  2. a b Schmidtchen (1977a), S. 153
  3. Schmidtchen (1977a), S. 157
  4. Schmidtchen (1977b), S. 228-230
  5. Schmidtchen (1977b), S. 229-230
  6. Eschelbach (1972), S. 276
  7. Schmidtchen (1977b), S. 230
  8. Robert Douglas Smith, Kelly DeVries (2005), S. 205

Literatur[Bearbeiten]

  •  Volker Schmidtchen: Bombarden, Befestigungen, Büchsenmeister: Von den ersten Mauerbrechern des Spätmittelalters zur Belagerungsartillerie der Renaissance. Droste, Düsseldorf 1977, ISBN 3-7700-0471-X.
  •  Robert Douglas Smith, Kelly DeVries: The artillery of the Dukes of Burgundy, 1363-1477. Boydell, Woodbridge 2005, ISBN 1-8438-3162-7 (englisch).
  •  Rudolf Eschelbach: Das Feuergeschütz des Mittelalters (1350–1550). In: Technikgeschichte. 39, Nr. 4, 1972, S. 257–279.
  •  Volker Schmidtchen: Riesengeschütze des 15. Jahrhunderts. Technische Höchstleistungen ihrer Zeit. In: Technikgeschichte. 44, Nr. 2, 1977, ISSN 0040-117x, S. 153–173 (1977a).
  •  Volker Schmidtchen: Riesengeschütze des 15. Jahrhunderts. Technische Höchstleistungen ihrer Zeit. In: Technikgeschichte. 44, Nr. 3, 1977, ISSN 0040-117x, S. 213–237 (1977b).