Akkord-Skalen-Theorie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Akkord-Skalen-Theorie (kurz: AST) ist ein wesentlicher Bestandteil der modernen Harmonielehre. In der AST bilden Akkorde und Akkordskalen eine funktionale Einheit. Während beim Akkord die Töne gleichzeitig erklingen, gibt die Skala die Töne vor, die zu diesem Akkord gespielt werden können. Diese Sichtweise ist auf die Anwendung von Musik ausgerichtet.

Die AST beschreibt das tonale Potenzial, das in einem Akkord bzw. in einer Akkordfolge liegt. Ausgehend von der engen Wechselbeziehung, die zwischen Akkord und Skala besteht, bietet sie dem Musiker eine Systematik, Akkorden die passenden Skalen (Tonleitern) zuzuordnen (und umgekehrt). Die AST wurde maßgeblich am Berklee College of Music ausgebaut und weiterentwickelt.

Einleitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Musik verändert sich und mit ihr verändern sich die Hörgewohnheiten. In vielen Leadsheets werden nur Akkorde notiert. So wird jeder Akkord als Einzelergebnis betrachtet und vertikal ausgedeutet. Eine Begleitung oder Improvisation lebt aber nicht nur von Akkordtönen. Daher denkt man heutzutage eher horizontal und ordnet jedem Akkord eine eigene Tonleiter bzw. Akkordskala zu.[1]

Beziehung zwischen Akkord und Akkordskala[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der AST bestimmen Septakkorde (Vierklänge) die Harmonie. Die Akkordskala entsteht dadurch, dass zu dem Septakkord drei weitere Terzschichtungen hinzugefügt und diese um eine Oktave nach unten verschoben werden. Diese drei weiteren Terzen, sog. Tension bzw. Spannungs- oder Optionstöne, hängen von der Funktion bzw. der Stufe des Akkordes und damit von der Tonart ab. Auf diese Weise liefert die Akkordskala die Töne, die zu diesem Akkord gespielt werden können.

Dieser Zusammenhang lässt sich am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen. In der Stufentheorie werden die Töne einer Tonleiter, die das Tonmaterial eines Stückes bereitstellt, vom Grundton aufsteigend mit römischen Zahlen durchnummeriert. Auf jeder Stufe wird ein Septakkord bzw. Vierklang gebildet. Im folgenden Bild wird dies anhand der C-Dur Tonleiter veranschaulicht.

Septakkorde der Stufen der C-Dur-Tonleiter

Die AST schreibt in Kadenzen den einzelnen Akkorden zumeist folgende Funktionen zu:

Stufe Dur C-Dur Funktion
I Imaj7 Cmaj7 Tonika
II II-7 D-7 Subdominante
III III-7 E-7 Tonika
IV IVmaj7 Fmaj7 Subdominante
V V7 G7 Dominante
VI VI-7 A-7 Tonika
VII VII-7(b5) B-7(b5) tendenziell Dominante

Die hier gewählte Schreibweise für Akkorde lehnt sich an die in der AST oft anzutreffenden Akkord-Symbole an. "-" steht für Moll, der Ton B für das deutsche H.

Die zum Septakkord gehörige Akkordskala entsteht dadurch, dass über ihn drei Terzschichtungen hinzugefügt werden. Dies wird im folgenden Bild anhand des obigen CMaj7 Akkordes auf Stufe I verdeutlicht. Der nunmehr 7-stimmige Akkord wird danach horizontal in eine Tonleiter überführt (gestrichelt). In einem weiteren Schritt werden die Akkordstufen 9, 11, 13 in den unteren Oktavraum gedrückt (grau).

Ionische Skale der 1. Stufe der C-Dur-Tonleiter

Es entsteht die ionische Akkordskala. Die sieben Töne der Skala sind leitereigen.

Wenn man dieses Verfahren auf jede Stufe der C-Dur Tonleiter anwendet, erhält man zu den Stufenakkorden folgende Akkordskalen.

Stufe Dur C-Dur Akkordskala
I Imaj7 Cmaj7 C ionisch
II II-7 D-7 D dorisch
III III-7 E-7 E phrygisch
IV IVmaj7 Fmaj7 F lydisch
V V7 G7 G mixolydisch
VI VI-7 A-7 A äolisch
VII VII-7(b5) B-7(b5) B lokrisch

Die Akkordskalen liefern 7 Skalentöne, die zu den entsprechenden Akkorden melodisch bzw. nacheinander gespielt werden können. Dagegen sind für das gleichzeitige Anschlagen in Akkorden zumeist nicht alle Skalentöne geeignet. Die ungeeigneten Töne werden als Avoid Töne einer Skala bezeichnet. Sämtliche Spannungstöne der 7 Skalen sind leitereigen.

Wenn man auf diese Weise die Skalen für alle Dur- und Molltonarten aufbaut, ergibt sich eine umfassende Systematik, die in der folgenden Tabelle anhand der Dur Tonleitern dargestellt wird. Man erkennt, dass im Tongeschlecht Dur jede Skala eindeutig ist. C mixolydisch ist gleichbedeutend mit fünfte Stufe in F-Dur.

ionisch     dorisch     phrygisch  lydisch     mixolydisch äolisch     lokrisch   
I II III IV V VI VII
Imaj7 II-7 III-7 IVmaj7 V7 VI-7 VII-7(b5)
C Dur      Cmaj7 D-7 E-7 Fmaj7 G7 A-7 B-7(b5)
G Dur Gmaj7 A-7 B-7 Cmaj7 D7 E-7 F#-7(b5)
D Dur Dmaj7 E-7 F#-7 Gmaj7 A7 B-7 C#-7(b5)
A Dur Amaj7 B-7 C#-7 Dmaj7 E7 F#-7 G#-7(b5)
E Dur Emaj7 F#-7 G#-7 Amaj7 B7 C#-7 D#-7(b5)
B Dur Bmaj7 C#-7 D#-7 Emaj7 F#7 G#-7 A#-7(b5)
F# Dur F#maj7 F#-7 A#-7 Bmaj7 C#7 D#-7 F#-7(b5)
F Dur Fmaj7 G-7 A-7 Bbmaj7 C7 D-7 E-7(b5)
Bb Dur Bbmaj7 C-7 D-7 Ebmaj7 F7 G-7 A-7(b5)
Eb Dur Ebmaj7 F-7 G-7 Abmaj7 Bb7 C-7 D-7(b5)
Ab Dur Abmaj7 Bb-7 C-7 Dbmaj7 Eb7 F-7 F-7(b5)
Db Dur Dbmaj7 Eb-7 F-7 Gbmaj7 Ab7 Bb-7 C-7(b5)

Tabelle der Skalen über alle Dur-Tonarten

Mit derselben Systematik werden die Skalen für die Stufen der natürlichen Molltonleitern zugeordnet, wobei die Stufe I-7 mit der Stufe VI-7 in Dur gleichgesetzt wird.

Grundqualitäten der Skalentöne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammengefasst ordnet die AST die Töne einer Akkordskala folgenden drei Gruppen zu[2]

  1. Akkordtöne: Töne des Septakkords, der als Grundakkord die Harmonie repräsentiert.
  2. Tensions: Zum Grundakkord hinzugefügte Töne, die spezielle Spannungen und Farben erzeugen.
  3. Avoid-Töne: Töne, die in einem Akkord stark dissonant klingen.

Anwendung der Akkordskalen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die AST liefert eine Systematik, in der Musik gedacht werden kann. Und so wie gedacht wird, so wird Musik gemacht.

Die Tatsache, dass im obigen Beispiel die sieben Skalen ausschließlich Töne der C-Dur Tonleiter beinhalten, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede dieser Skalen ihre eigene Klangfarbe hat. Dies vergegenwärtigt man sich schnell, wenn man bedenkt, dass Dur und Moll ebenfalls Skalen sind (ionisch und äolisch). Entscheidend für den Sound der Skalen ist die Relation ihrer einzelnen Töne zu ihrem Grundton. Die Skalen sind klanglich eigenständig und sollten nicht mit einer Stufe oder Funktion gleichgesetzt werden. So kann mixolydisch auch ohne die Dominantfunktion in Dur existieren, wie z. B. im Blues als Tonika auf der I.Stufe.[3]

Wenn der Musiker mit einer vertikalen Sicht näher an der Harmonik bleibt und die Grundakkorde betont und die Spannungstöne als Durchgangstöne betrachtet, führt das dazu, dass für melodische Linien eher Akkordtöne verwendet werden. Die Musik wirkt eher „brav“. Wenn er dagegen in der horizontalen Perspektive die Akkordtöne und die Tensions der Skalen als gleichberechtigt ansieht, werden flüssige melodische Linien gefördert. Das Ergebnis ist für viele Musiker „cooler“. Bewegt sich der Musiker in der horizontalen Sicht zu sehr in den Skalen, ohne die vertikalen Strukturen zu berücksichtigen, entsteht leicht der Eindruck des „Tonleitergedudel“. Wird zudem der Schwerpunkt auf die Tensions gelegt wird, was im modernen Jazz gern gemacht wird, besteht die Gefahr, dass der Hörer den Bezug zum Grundklang gänzlich verliert.[4]

Die AST beschreibt den möglichen Tonvorrat einer Akkordfolge. Nun kommt es aber nicht nur auf den Tonvorrat an, sondern auch auf die Rollenverteilung der einzelnen Töne innerhalb des Tonvorrates. Wenn man Akkordfolgen als horizontal aneinandergereihte Skalen denkt, hat jeder Skalenton eine Grundqualität. Er kann als Akkordton die Harmonie betonen oder als Tension für noch mehr Spannung sorgen. Ein und derselbe Ton kann bei einem Akkordwechsel eine andere Rolle übernehmen. Die Rollenverteilung der einzelnen Töne bzw. die Schwerpunktbildung der Rollen innerhalb eines Stückes hat einen entscheidenden Einfluss auf dem Gesamteindruck, den die Musik erzeugt.

Die AST beschreibt sehr ausführlich das tonale Potenzial, das in Akkordfolgen bzw. Kadenzen liegt. Letztendlich liefert die AST eine Grundlage für das Improvisieren, Arrangieren und Komponieren. Akkordfolgen in Leadsheets, sog. Changes, lassen sich auf ihrer Basis schnell mit zusätzlichen Tönen ausgestalten. Die Systematik der AST hat sich zu einem weltweiten Standard entwickelt. Sie wird unter Musikern für eine schnelle Abstimmung und Verständigung zu musikalischen Situationen verwendet.

Weitergehendes Material[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die AST wird herangezogen, um zu beschreiben, wie Musik funktioniert. Neben einer umfassenden Literatur gibt es Werkzeuge, die die Anwendung der AST unterstützen. Eine Reihe von Websites liefern für jeden Akkord die möglichen Skalen bzw. für jede Folge von Tönen die möglichen Skalen und Akkorde. Das Spektrum reicht von Gitarren-Grifftabellen für Akkorde und Skalen bis hin zu Software, in der mit Akkordskalen musiziert wird.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Frank Sikora: Neue Jazz Harmonielehre. Verstehen – hören – spielen. Von der Theorie zur Improvisation 8. Auflage. Schott Music, Mainz 2012, ISBN 978-3-7957-5124-1, Seite 89
  2. Richard Graf, Barrie Nettles: Die Akkord-Skalen-Theorie & Jazz-Harmonik. Advance Music, Mainz 1997, ISBN 978-3-89221-055-9, 979-0-2063-0298-5, Seite 17
  3. Frank Sikora: Neue Jazz Harmonielehre. Verstehen – hören – spielen. Von der Theorie zur Improvisation 8. Auflage. Schott Music, Mainz 2012, ISBN 978-3-7957-5124-1, Seite 93
  4. Frank Sikora: Neue Jazz Harmonielehre. Verstehen – hören – spielen. Von der Theorie zur Improvisation 8. Auflage. Schott Music, Mainz 2012, ISBN 978-3-7957-5124-1, Seite 90