Alt St. Thomae (Soest)

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Alt St. Thomae in Soest.
Man beachte die am Baukörper abzulesende Umgestaltung zur Hallenkirche: Die ältere Symmetrieachse ging vom romanischen Kirchturm zum gotischen Chor. Das Hauptschiff wurde später so nach Süden erweitert, dass Turm und Chor nun nördlich der Hauptachse der Kirche liegen.
Luftbildaufnahme Sommer 2014

„Schiefer Turm“ ist der umgangssprachliche Name für die im 12. Jahrhundert im Zuge der Errichtung der neuen erzbischöflichen Pfalz begründete Kirche St. Thomae in Soest. Der offizielle Name Alt St. Thomae dieser Kirche erklärt sich zur Unterscheidung von der nahegelegenen ehemaligen Klosterkirche Neu St. Thomae. Der schiefe Turmhelm von Alt St. Thomae nimmt einen besonderen und exzentrischen Platz in der Silhouette der Soester Kirchtürme ein. Mit der Erweiterung des romanischen Baus zur frühgotischen Hallenkirche im 13. Jahrhundert gehört Alt St. Thomae zu den ältesten gotischen Kirchenbauten in Deutschland. Alt St. Thomae ist die einzige in unmittelbarer Nähe der Stadtumwallung liegende Kirche in Soest und verfügt ebenfalls als einzige unter den Soester Kirchen noch heute über einen Kirchgarten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ältesten romanischen Teile von Alt St. Thomae stammen aus der Zeit um 1180. Jedoch gab es bereits um 900 einen kapellenartigen Vorgängerbau an gleicher Stelle. Um 1270 wurde die Kirche im Stil der Frühgotik erweitert. Der schiefe Turmhelm wurde erst im 17. Jahrhundert errichtet. Die evangelisch-reformierte Kirche, die im 19. Jahrhundert nur knapp dem Abriss entging, wurde im März 1945 erheblich beschädigt. Die Spuren sind bis in die Gegenwart erhalten geblieben: Gottesdienste der kleinen evangelischen Gemeinde finden zumeist unter dem Turm statt, während der eigentliche Kirchenraum (durch eine Scheibe einsehbar) weitgehend unverputzt und ohne einheitlichen Bodenbelag an die bewegte Vergangenheit gemahnt.

Schiefe Turmhaube[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Schiefer Turm“ von Norden. Deutlich zu erkennen die rein romanische Gestaltung des Turmes

Der eigenwillig schiefe, nach Westen geneigte Turmhelm wurde 1653 vom Stadtzimmerer Goebel Styes errichtet. Damit scheiden Erklärungsansätze zur Schiefstellung von vornherein aus, die auf ältere geschichtliche Zustände verweisen, so die verbreitete Erklärung, die Turmhaube verneige sich gleichsam vor den Kölner Erzbischöfen als Soester Stadtherren. Denn bereits 1449 war Soest im Zuge der Soester Fehde von den Kölner Erzbischöfen als Landesherren im kurkölnischen Herzogtum Westfalen unabhängig geworden. Heute werden zumeist zwei – sich nicht gegenseitig ausschließende – Erklärungen zur Schiefstellung herangezogen:

  1. Die Schiefstellung der Turmhaube resultiere aus Schäden im Gebälk (durch Holzuntersuchungen gestützt).
  2. Die Turmhaube neige sich der örtlichen Hauptwindrichtung (Westwind) entgegen.

Glocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Turm hängen drei Glocken aus drei Jahrhunderten. Sie erklingen zusammen in einem verminderten Dreiklang. Die älteste, die große Betglocke, gehört zu den klanglich besten Glocken ihrer Zeit in Westfalen.[1]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer
 
Durchmesser
(mm)
Gewicht
(kg)
Nominal
(HT-1/16)
1 Betglocke 1571 Rochus Nelman 1227 ~1400 fis1 –5
2 1962 Glocken- und Kunstgießerei Rincker 999 a1 –2
3 1767 I. F. Heintz 720 ~200 c2 –5

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hugo Rothert: Das Kirchspiel von St. Thomae zu Soest. Zur Geschichte einer evangelischen Gemeinde in Westfalen. Kurtze (i. Komm.), Soest 1887.
  • Helmut Deus: Baugeschichte der Kirche St. Thomae zu Soest. Soester wissenschaftliche Beiträge 9, Mocker & Jahn, Soest 1954, ISSN 0171-3752.
  • Evangelische Kirchengemeinde St. Thomae Soest (Hrsg.): St. Thomae Soest. Festschrift der evangelischen St. Thomae-Kirchengemeinde zur Einweihung der Kirche am 2. Oktober 1966. Libertas-Verlag, Wiesbaden 1966.
  • Fritz Bamberg: Romanische und gotische Kirchen im Kreise Soest beiderseits des Hellwegs. Herausgegeben vom Kreis Soest. Laumanns, Lippstadt 1984.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Alt St. Thomae – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurt Kramer: Die deutschen Glockenlandschaften. Band 1: Claus Peter: Westfalen. Deutscher Kunstverlag, München 1989, ISBN 3-422-06048-0, S. 55 (Westfälische Kunst).

Koordinaten: 51° 34′ 10″ N, 8° 6′ 56″ O