Stadien der Ostsee im Postglazial

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Mit dem Abtauen der Eisschichten der Weichseleiszeit bildeten sich im Gebiet der heutigen Ostsee verschiedene Vorgängermeere. Diese als Stadien der Ostsee im Postglazial bezeichneten Vorgänge waren die Voraussetzung für die Entstehung der Ostsee etwa 10.000 Jahre v. Chr.; die Entwicklung verlief nach dem Abschmelzen der riesigen Gletschermassen über verschiedene riesige Süßwasser-/Brackwasser- und Salzwasser-Seen.[1]

Baltischer Eisstausee vor etwa 10.300 Jahren

Bevor die heutige geophysikalische Ausbildung der Ostsee erreicht war, hatten sich mit Gletscherwasser gefüllte große Senken und Seen gebildet, die vorübergehend Zugang zum Meer fanden, vom Meer wieder abgeriegelt wurden und schließlich über das Kattegatt eine Verbindung zur Nordsse aufbauten und sich mit dem einfließenden Salzwasser vermischten. Unter geologischen Gesichtspunkten gesehen ist die Ostsee also ein sehr junges Meer, dessen heutige Gestalt und Eigenart über mehrere Zwischenstufen entstand als ein Zusammenspiel von Gletscherabtauung, Landhebung und Meeresspiegelanstieg.[1]

Rückzug der Gletscher[Bearbeiten]

Etwa 10.000 bis 8.200 v. Chr. zogen sich infolge des damaligen Klimaumschwunges die skandinavischen Gletscher in Richtung auf das Inland zurück. Als sich der Eisrand nach Abschmelzen der Eismassen auf der Höhe der heutigen Åland-Inseln, nordöstlich von Stockholm befand, bildete sich in seinem Vorland ein großes Schmelzwasser-Becken, der Große Baltische Eisstausee.[2]

Etwa ab 8.200 v. Chr. stieg der Meeresspiegel weiter an, dass sich im Bereich der heutigen mittelschwedischen Seenplatte eine Verbindung zum Weltmeer bildete. Durch den dadurch bedingten Süßwasserausstrom und Salzwassereinstrom bildete sich das heute so bezeichnete (salzige) Yoldiameer.[2]

Etwa ab 7.000 v. Chr. tauten die skandinavischen Gletscher noch weiter zurück, der Druck auf die skandinavische Landmasse nahm ab, sie begannen sich zu heben, was zu einer Blockierung der vorhandenen Meeresverbindung führte. Der Salzwassergehalt nahm drastisch ab und es entstand der/die (süße) Ancylussee.[1]

Etwa 6.000 v. Chr. bis etwa zum Jahre 0 stieg der Meeresspiegel durch die sogenannte Littorina-Transgression so an, dass die Festlandbrücke zwischen Südschweden und Dänemark überflutet wurde und der Osten Dänemarks sich in die heutigen Inseln aufteilte. Der Zugang in der Nähe der Darßer Schwelle vor der deutschen Küste öffnete sich, im südlichen Bereich der Ostsee bildeten sich die Grobformen der heutigen Küsten aus.[2] Das Festland von Skandinavien hob sich nach dem fast vollständigen Rückzug der Gletscher weiter. Der südliche Bereich der Ostsee senkte sich, das Meer rückte vor und überflutete die jungglaziale Landschaft, neue Festlandlinien formten sich. Als Ergebnis findet man drei Küstenformen im südlichen Bereich wieder: Fördenküste (Beispiel: Kieler Förde), Buchtenküste (Beispiel: Lübecker Bucht) und die Bodden- bzw. Boddenausgleichsküste (Beispiel: Halbinsel Fischland-Darß-Zingst) z. T. mit der Bildung von Haffen (Beispiel: Stettiner Haff).[3]

Landhebungen und Landsenkungen[Bearbeiten]

Die genannten Vorgänge führten zu großräumigen geologischen bzw. hydrographischen Prozessen: da die Erdkruste nicht starr ist, kommt es bei lang anhaltender Belastung (wie z.B. durch das 3.000 m mächtige skandinavische Inlandeis) zu einem Einbiegen der Erdkruste. Bei Entlastung wölbt sich die Erdkruste aufgrund der Zähigkeit des Magmas verzögert auf, mit dem Abschmelzen des weichseleiszeitlichen Inlandeises kommt es demzufolge zu einer glazialisostatischen Ausgleichsbewegung mit Landhebungen im Zentrum der Vereisung und Landsenkungen in den äußeren Bereichen. Noch heute hebt sich Skandinavien jährlich um etwa 9 mm pro Jahr an.[3]

Ein weiterer Einflussfaktor sind die klimaabhängigen (eustatischen) Wasserstandsänderungen. Je mehr Wasser in den Eismassen des Festlands gebunden ist, umso niedriger ist der Weltmeerspiegel. Im Weichsel-Hochglazial lag der Meeresspiegel weltweit 80 - 100 m niedriger als heute. Das Abschmelzen des Inlandeises führte ohne Verzögerung zu einem relativ schnellen Wasserspiegelanstieg. Dieses Zusammenwirken von Landhebung und Meeresspiegelanstieg bestimmte entscheidend die spät- und nacheiszeitliche Geschichte der Ostsee, deren Entwicklung sich in 4 Hauptstadien gliedert, die durch Wechsel der Verbindung zum Weltmeer mit unterschiedliche Salinität gekennzeichnet sind: Baltischer Eisstausee, Yoldiameer, Ancylus-Großsee sowie Littorinameer (sowie als Untergliederung das „Limnea-Meer“ und das „Mya Meer“).[3]

Baltischer Eisstausee – Süsswassersee vor etwa 10.300 Jahren

Die Vorgänger-Seen/Meere der Ostsee[Bearbeiten]

Tabellarische Übersicht der Entwicklungsstufen[4]

Bezeichnung Zeit Wasser Anzeigeorganismen
Ende der Weichseleiszeit ~ 10.000 v. Chr.
Baltischer Eisstausee ~ 10.000 – 8.000 v. Chr. süß
Yoldiameer ~ 8.000 – 7.700 v. Chr. salzig – brackig benannt nach der Salzwasser-Muschel Yoldia arctica (jetzt Portlandia arctica)
Ancylussee ~ 7.500 – 6.000 v. Chr. süß benannt nach der Süßwasser-Schnecke Ancylus fluviatilis
Littorinameer ~ 6.000 v. Chr. – Jahr 0 salzig – brackig benannt nach der Strandschnecke Littorina littorea
Limneameer ~ 0 – 500 n. Chr. salzig – brackig, aber leichte Aussüßung benannt nach der Brackwasserschnecke Limnea ovata
Myameer ~ 500 n. Chr. bis Gegenwart salzig – brackig benannt nach der Sandklaffmuschel Mya arenaria

Baltischer Eisstausee (10.000 – 8.000 v. Chr.)[Bearbeiten]

Nach dem vor etwa 14.000 Jahren einsetzenden Abschmelzen der zwei bis drei Kilometer dicken skandinavische Eisschicht der Weichseleiszeit entwickelten sich hinter der Eisbarriere aus den Schmelzwässern mehrere Eisstauseen, die sich ab etwa 10.000 bis 8.500 v. Chr. zum großen Baltischen Eisstausee vereinigten. Dieser Süßwassersee erstreckte sich von der Insel Moen bis zum Ladoga-See ohne die heutige deutsche Ostseeküste zu erreichen. Bornholm und die dänischen Inseln waren weiterhin Festland. Als sich der Eisrand von den mittelschwedischen Endmoränen zurückzog, erfolgte das schubweise Auslaufen des Süßwassersees durch die freigewordene Mittelschwedische Senke mit Anschluss ans Weltmeer. Das eindringende Salzwasser mischte sich mit dem Gletscherwasser, insbesondere im Raum Stockholm und im Gotland-Becken. Die anderen Gebiete des Binnensees wurden brackig.[1]

Yoldiameer (8.000 – 7.700 v. Chr.)[Bearbeiten]

der Yolda See nach dem Durchbruch zur Nordsee vor etwa 10.000 Jahren

Durch den durch das Abschmelzen der Gletscher verursachten eustatischen Meeresspiegelanstieg, bestand für etwa 300 Jahre eine Verbindung zur Nordsee und es drang wieder vermehrt Salzwasser in das Ostseegebiet ein. Durch diesen Wasseraustausch kam die Muschel Yoldia arctica (jetzt Portlandia arctica) in jenes nun brackig bis salzige Gewässer, was ihm den Namen Yoldiameer (ab ca. 8.000 v. Chr.) einbrachte. Diese Phase ist dadurch geprägt, dass im Laufe der Zeit der glazialisostatische Anstieg Skandinaviens größer wurde als der klimaabhängige Meeresspiegelanstieg.[1]

Ancylussee (7.500 – 6.000 v. Chr.)[Bearbeiten]

Ancylussee vor etwa 8700 Jahren

Der Ancylussee war wiederum ein Binnensee, benannt nach dem Leitfossil Ancylus fluviatilis, einer Süßwasserschnecke. Er entstand vor etwa 9.500 bis 8.000 Jahren durch eine weitere Entlastung des skandinavischen Festlandes vom Gewicht des Eises; dies führte zu einer isostatischen neuerlichen Landhebung von bis zu neun Millimeter/Jahr (die heute noch andauert), wodurch sich die mittelschwedische Verbindung zum Meer erneut vor etwa 9.500 Jahren schloss.[1] Der Ancylussee entwässerte über einen Fluss im Bereich des Großen Belt. Das westliche Ostseegebiet war zu dieser Zeit noch Festland. Zwischen Darßer Ort und Swine reichte der Ancylus-Großsee bei seinem Höchststand an etlichen Stellen an die heutige polnische und deutsche Ostseeküste heran. Anfangs erfolgte der Abfluss über Mittelschweden, der Abfluss verlagerte sich jedoch infolge der isostatischen Hebung Skandinaviens und dem gleichzeitigen Absinken der südlichen Bereiche nach Süden. Hier bildeten die Wassermassen einen großen Fluss, der sein Bett tief auskolkte. Erkennbar heute in der Kadett- Rinne in der Darßer Schwelle sowie in den Rinnen im Fehmarnbelt und im Großen Belt.[1]

Littorinameer (6.000 v. Chr. – Jahr 0)[Bearbeiten]

Littorinameer vor etwa 7000 Jahren

Aufgrund erhöhten Schmelzwasseraufkommens trennte eine schmale Landzunge schließlich die Nordsee (mit einem Pegel, der 30 Meter unter dem heutigen lag) von dem etwas höher gelegenen Ancylussee. Aufgrund des hohen Tempos des eustatischen Meeresspiegelanstiegs und der fortdauernden Hebung Skandinaviens kam es im Atlantikum und Subboreal im gesamten südlichen Ostseebereich zu einem förmlichen "Ertrinken" der ehemals festländischen Bereiche, wobei der gesamte südwestliche Ostseeraum vollständig überflutet wurde und damit die Verbindung zum Weltmeer wieder hergestellt war. Dabei drang das salzhaltige Wasser über die Beltsee nach Osten, es bildete, beginnend vor etwa 8.000 Jahren, das salzig-brackige Littorina-Meer, benannt nach der Brackwasserschnecke Littorina littorea.[1] Aufgrund der hohen Anstiegsgeschwindigkeit drang das frühe Litorina-Meer weit und tief in die glaziären Hohlformen ein. Zu diesen zählten u. a. die rinnenförmig übertieften und schmalen Zungenbecken der schleswig-holsteinischen Förden und die besonders tief ausgeschürften und in sich gekammerten Gletscherzungenbecken des vorpommerschen Küstenraumes.

Limnea- und Myameer (0 – 500 n. Chr. bis Gegenwart)[Bearbeiten]

Während des Subatlantikums, also den letzten 2.000 Jahren, süßte die Ostsee wegen der ständigen Zufuhr von Flusswasser immer mehr aus. Zudem kam es aufgrund der Verengung der dänischen Pforten zu einem verringerten Salzwassereinstrom. Der ältere Abschnitt dieser Epoche wird nach der Brackwasserschnecke Limnea ovata als "Limnea-Meer" bezeichnet; die letzten 500 Jahre werden nach der brackigen Sandklaffmuschel Mya arenaria als "Mya-Meer" benannt.[1]

Ostsee heute[Bearbeiten]

Die Ostsee (auch Baltisches Meer) ist heute ein 412.500 km²[5] großes und bis zu 459 m tiefes Binnenmeer in Europa und gilt als das größte Brackwassermeer der Erde, auch wenn in der westlichen Ostsee (Beltsee) aufgrund des Wasseraustausches mit der Nordsee zumeist ein höherer Salz- und Sauerstoffgehalt beobachtet werden kann.[2] Die geophysikalischen Prozesse von Landhebung und Meeresanstieg (letzterer auch wegen des Klimawandels) sind weiterhin im Gange. Die „Nulllinie“ verläuft heute bei Nordjütland über Südschonen und nördlich Bornholms in Richtung des Finnischen Meerbusens. Nördlich davon liegt ein Hebungsgebiet, südlich davon ein Absenkungsgebiet („Badewanneneffekt“). Daraus resultiert z. B. in Finnland ein Landzuwachs von jährlich 10 km². Noch heute hebt sich Skandinavien jährlich um etwa 9 mm pro Jahr an.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i Christian Voigt: Entstehung der Ostsee, Geographie Infothek Edition 2012. Internetseite Klettverlag Leipzig, abgerufen am 6. April 2015.
  2. a b c d Robert Spielhagen: Die Entstehung der Ostsee. Internetseite Geomar, 1. Januar 2012, abgerufen am 6. April 2015.
  3. a b c d Ulrich Neumann: Binnenmeer Ostsee. Internetseite Planet Wissen, 15. August 2014, abgerufen am 6. April 2015.
  4. S. Unverzagt: Räumliche und zeitliche Veränderungen der Gebiete mit Sauerstoffmangel und Schwefelwasserstoff im Tiefenwasser der Ostsee. Hrsg. von Geographisches Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Greifswald 2001 (= Greifswalder Geographische Arbeiten. Band 19), S. 5.
  5. Björn Hillmann: Meeresspiegelschwankungen vom Eiszeitalter bis in die Zukunft Geographisches Institut der Universität Kiel; Sommersemester 2004; Auf: ikzm-d.de (PDF; deutsch; 209 KB)