Angst (Philosophie)

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Angst wurde als philosophischer Begriff durch Kierkegaard und im Gefolge in der Existenzphilosophie prominent. Er spielt jedoch schon seit der antiken Ethik eine Rolle.

Während die Existenzphilosophie mit Kierkegaard streng zwischen Angst und Furcht unterscheidet, ist dies in der antiken Ethik (und auch in der theologischen Tradition)[1] nicht der Fall.

Hier wird die christliche Perspektive von Augustinus einbezogen, da Kierkegaard in der Tradition des Augustinismus zu sehen ist.

Aristoteles[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Aristoteles ist nicht jede Angstform als pathologisch oder moralisch abzulehnen. Angst kann vielmehr zu situationsangemessenen Überlegungen führen. Mechanische Angstlosigkeit gilt ihm als Tumbheit, objektiv unbegründete Angst (z.B. vor einer Maus) als pathologisch.[2]

Stoa und Epikureismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die antike Stoa sah wie die Epikureer Angst als künstliche Emotion an, der mit Gelassenheit (Ataraxie) zu begegnen sei. Die Epikureer strebten einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der Tod im Grunde den Menschen nichts angehe, weil er kein Ereignis des Lebens sei. Die Angst vor den Göttern sollte dadurch entmachtet werden, dass man für die Auffassung argumentierte, dass die Götter in einer abgetrennten Sphäre existierten und sich für die Sterblichen nicht interessierten.

Augustinus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Augustinus bestimmt die Furcht (timor) „grundlegend als das Gefühl der Entfremdung von Gott“.[3] Er unterscheidet bei der Gottesfurcht (timor dei) den timor castus und den timor servilis.[4] Timor castus wird wörtlich mit „keuscher Furcht“,[5] anders auch mit „heiliger Angst“[6] übersetzt. Während timor castus in der Furcht vor der Trennung von dem Geliebten besteht und durch die (Gottes)liebe motiviert ist, gilt timor servilis (knechtliche Furcht) als bloße „Straffurcht“,[7] die einer knechtischen Haltung entspringt und durch die Weltliebe und nicht durch die „Liebe zu Gott oder zum Guten“ motiviert ist.[8] Trotz der Abwertung der timor servilis wird ihr eine pädagogische Funktion im Sinne einer Vorbereitung auf die Liebe zugemessen,[9] was eine Pädagogik der Angst im Christentum begünstigt haben soll.[10]

Böhme, Schelling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Thema der Angst wird erst wieder von Böhme und Schelling beachtet.[11]

Nach Jakob Böhme "urständet sich ein jedes Leben in der Angst"[12] und ist kein Leben ohne Angst.

Hegel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegel gehört Angst zum notwendigen Übergang auf dem Weg des Bewusstseins zum Selbstbewusstsein. Die Überwindung der Angst werde durch Arbeit vollzogen.[13]

Existenzphilosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Anschluss an Søren Kierkegaard wird das Thema Angst zu einem Grundthema der Existenzphilosophie. So u.a. bei Martin Heidegger, Karl Jaspers, Jean-Paul Sartre und Peter Wust.

Kierkegaard[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Søren Kierkegaard unterschied u. a. in Der Begriff Angst (1844) erstmals die ungerichtete Angst von der auf einen Gegenstand bezogenen Furcht. Für ihn war Angst die Angst vor dem Nichts und mithin der Ausdruck der menschlichen Wahlfreiheit und Selbstverantwortlichkeit. Die Existenzangst sei eine allgemeine Erfahrung des Menschen, der sich im Laufe seiner Phylogenese weitgehend aus der Verbundenheit mit der Natur gelöst habe. Aus dem damit einhergehenden Verlust an Geborgenheit und den vielen Freiheitsmöglichkeiten („Schwindel der Freiheit“ nach Kierkegaard[14]) resultiere diese Angst.[15]

Angst ist nach Kierkegaard letztlich die Angst vor dem Schuldigwerden. Um in die religiöse Sphäre zu gelangen, bedarf es eines Sprunges in die Freiheit, die Angst ist der „Schwindel“ davor.

„Kierkegaards Verständnis der Angst steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der christlichen Erbsünden- und Erlösungslehre, womit er eine philosophische Tradition von Augustin bis Schelling fortsetzt“.[16]

Heidegger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Martin Heidegger bestimmte Angst als eine Grundbefindlichkeit des Menschen, welche diesem die Unabgeschlossenheit des eigenen Verständnishorizontes zum Gewahrsein bringe und ihn zur Entschlossenheit befähige.[17][18]

„Die Angst vor dem Tode ist die Angst ‚vor‘ dem eigensten, unbezüglichen und unüberholbaren Seinkönnen. Das Wovor dieser Angst ist das In-der-Welt-sein selbst. Das Worum dieser Angst ist das Sein-können des Daseins schlechthin.“

Martin Heidegger: Sein und Zeit (1927)[19]

Romano Pocai hat darauf hingewiesen, dass im Gegensatz zu in Sein und Zeit, die Angst sich in Was ist Metaphysik? nicht auf das In-der-Welt-sein, also das Sein des Daseins bezieht, sondern auf das Nichts, also das Sein schlechthin[20]. In Sein und Zeit ängstet sich das Dasein vor der Geworfenheit, der Faktizität, im Grunde vor seiner Ohnmacht und läuft dann "entschlossen" in den Tod voraus. In Was ist Metaphysik? ängstet sich das Dasein hingegen vor dem eigenen Entwerfen und also vor der existentialen Freiheit.

Jaspers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Jaspers folgt die Angst aus einem Scheitern in Grenzsituationen, die durchgestanden „ein unbegreifliches Vertrauen in den Grund aller Dinge“[21] bewirke.

Wust[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der christliche Existenzphilosoph Peter Wust sieht für den Menschen auf der Suche nach „Geborgenheit in der Ungeborgenheit“ in der Gottes- und Glaubensgewissheit als „homo religiosus“ einen Weg aus der existenziellen Angstkrise.[22]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Angst (in medizinischer Sicht)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Kramer: Angst. II. Theologisch. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, Sp. 673.
  2. Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7: Angst
  3. David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 [1]
  4. Hans Kramer: Angst. II. Theologisch. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, Sp. 673.
  5. David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 [2]
  6. Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7: Angst.
  7. David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 [3]
  8. Hans Kramer: Angst. II. Theologisch. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, Sp. 673.
  9. Hans Kramer: Angst. II. Theologisch. In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, Sp. 673.
  10. So Kurt Flasch, zitiert in: David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 [4]
  11. Alois Halder: Philosophisches Wörterbuch. Herder, Freiburg i. Br. u. a. 2008: Angst.
  12. Böhme: Von der Menschwerdung Jesu Christi II. 4, § 1, zitiert nach Regenbogen/Meyer (Hrsg.): Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005: Angst.
  13. Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophielexikon. 6. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013, ISBN 978-3-499-55689-0: Angst
  14. Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst. 1844. (Reclam, Ditzingen 1992, S. 57)
  15. Rainer Tölle: Psychiatrie. 7. Auflage. Springer Verlag, Berlin/ Heidelberg/ New York/ Tokyo 1985, S. 72.
  16. David Ratmoko: Zum Begriff der Angst. In: Kritische Ausgabe. 4. Oktober 2000 [5]
  17. Anton Hügli, Poul Lübcke (Hrsg.): Philosophie-Lexikon. Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 3-499-55453-4, S. 39f.
  18. Brockhaus Philosophie. Mannheim 2004, ISBN 3-7653-0571-5, S. 21.
  19. Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1993, ISBN 3-484-70122-6, S. 251.
  20. Romano Pocai: Heideggers Theorie der Befindlichkeit: sein Denken zwischen 1927 und 1933 Freiburg (Breisgau), München: Alber 1996, ISBN 3-495-47835-3
  21. Zitiert nach Alois Halder: Philosophisches Wörterbuch. Herder, Freiburg i. Br. u.a. 2008: Angst.
  22. Peter Wust: Ungewissheit und Wagnis. Der Mensch in der Philosophie. Neubearbeitete 9. Auflage. LIT-Verlag, Münster 2002, ISBN 3-8258-6066-3.