Arbeitsgesellschaft

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Der Begriff der Arbeitsgesellschaft geht auf Hannah Arendt zurück und wurde in den frühen 1980er Jahren als Begriff im Zusammenhang einer soziologischen Diskussion über die Krise der Arbeitsgesellschaft von Ralf Dahrendorf und Claus Offe aufgegriffen. Der 21. Deutsche Soziologentag, 1982 in Bamberg, stand unter dem Generalthema Krise der Arbeitsgesellschaft.[1] Eröffnet wurde er mit Plenarvorträgen von Dahrendorf (Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht) und Offe (Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie?).

In ihrem Werk Vita activa oder Vom tätigen Leben unterscheidet Hannah Arendt drei menschliche Grundtätigkeiten: Arbeit, Herstellen, Handeln. Beginnend im 17. Jahrhundert habe die Neuzeit „damit begonnen, theoretisch die Arbeit zu verherrlichen und sie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts damit geendet, die Gesellschaft im Ganzen in eine Arbeitsgesellschaft zu verwandeln“.[2] Dahrendorf bestimmt die Arbeitsgesellschaft als „Gesellschaft, die Arbeit in eigene Rollen faßt und diesen Rollen eine prägende Bedeutung im Leben der Menschen wie in den Institutionen der Gesellschaft zumißt“.[3]

Krise der Arbeitsgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgelöst durch die im Zuge der ersten Ölkrise angestiegene Arbeitslosigkeit griff Ralf Dahrendorf nicht nur den Begriff auf, er übernahm auch die von Hannah Arendt formulierte „Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist“,[4] um die relative Schrumpfung der Aufnahmekapazität des Arbeitsmarktes in den fortgeschrittenen Gesellschaften zu thematisieren.

Die Arbeitsgesellschaft wurde als Krisenbegriff von Claus Offe übernommen und von ihm und seinen Kollegen in zahlreichen Aufsätzen unter quantitativen und qualitativen Aspekten analysiert.[5] Offe zufolge habe die Schlüsselfunktion von Arbeit für Struktur und Dynamik der Gesellschaft zur Konstituierung der Arbeitsgesellschaft, einem „arbeitszentrierten Gesellschaftsmodell“, geführt.[6] Die Schlüsselfunktion ergebe sich daraus, dass „Einkommens-, Teilhabe- und Lebenschancen direkt oder durch Vermittlung privater und öffentlicher Haushalte an die Erwerbsarbeit gekoppelt sind“.[7] Die trotz Wirtschaftswachstum zunehmende Arbeitslosigkeit und der Bedeutungsrückgang von Arbeit im Vergleich zu anderen Lebensbezügen gebiete es, „sich endgültig von der Fiktion der Arbeitsgesellschaft zu verabschieden“.[8]

Auch Dahrendorf konstatiert angesichts der verbreiteten und zunehmenden Arbeitslosigkeit, die nur „der sichtbare Ausdruck einer viel weitergehenden Reduktion der Arbeit in den modernen Gesellschaften“ sei: „Der Weg zurück zur Arbeitsgesellschaft ist uns verbaut“.[9]

André Gorz nimmt die von Dahrendorf im Anschluss an dessen vorstehendes Diktum formulierte Frage nach den Alternativen zur Arbeitsgesellschaft in seiner Schrift Wege ins Paradies (1983) auf. Er entwirft ein Gesellschaftsszenario, demzufolge jedem Bürger ein vom Arbeitsplatz unabhängiges Sozialeinkommen bei einem lebenszeitlichen Arbeitsquantum von 20.000 Stunden zu garantieren sei.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Kohlhammer, Stuttgart 1960.
  • Ralf Dahrendorf: Im Entschwinden der Arbeitsgesellschaft. Wandlungen der sozialen Konstruktion des menschlichen Lebens. In: Merkur, Heft 34 (1980): 740–760.
  • Ralf Dahrendorf: Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983, S. 25–37.
  • Deutsche Gesellschaft für Soziologie / Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983
  • André Gorz: Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit. Rotbuch, Berlin 1983.
  • André Gorz: Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Rotbuch, Berlin 1989.
  • Claus Offe: Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie? In: Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983, S.38–65.
  • Claus Offe: „Arbeitsgesellschaft“. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Campus, Frankfurt am Main 1984.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983.
  2. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Kohlhammer, Stuttgart 1960, S. 11.
  3. Ralf Dahrendorf: Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983, S. 32.
  4. Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Kohlhammer, Stuttgart 1960, S. 12,
  5. Claus Offe: „Arbeitsgesellschaft“. Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Campus, Frankfurt am Main 1984.
  6. Claus Offe:Arbeit als soziologische Schlüsselkategorie? In: Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983, S. 57.
  7. Zitiert nach Armin Pongs: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich. Band 1. Dilemma Verlag, München 1999, S. 201.
  8. Zitiert nach Armin Pongs: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich. Band 1. Dilemma Verlag, München 1999, S. 202.
  9. Ralf Dahrendorf: Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht. In: Deutsche Gesellschaft für Soziologie/Joachim Matthes (Hrsg.): Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Campus, Frankfurt am Main 1983, S. 30.
  10. André Gorz: Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit. Rotbuch, Berlin 1983, insbes. S. 66 ff.