Bahkauv

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Die Brunnenplastik des Bahkauv am Büchel in Aachen aus dem Jahr 1967
Der ursprüngliche Bahkauv-Brunnen aus dem Jahr 1904
Das Kaiserbad in Aachen mit dem ursprünglichen Bahkauv-Brunnen (ca. 1920)

Bahkauv (aus Bachkalb, auch Badekalb, mundartlich auch Bakauf, Baakauf, Bahkauf[1][2][3] oder Bakauv[4]) ist eine Sagengestalt aus Aachen. Es soll einem großen Kalb mit scharfen Zähnen und schuppigem Fell ähneln und in dem Abwasserkanal der Thermalquellen am Büchel, dem so genannten Kolbert, hausen.[5]

Die Bahkauv-Sage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Untier soll nachts betrunkene Männer erschrecken und sie auffordern, es auf ihren Schultern zu tragen, sodass die Männer es schwer haben, heimzugehen. Flehten oder beteten die betrunkenen Männer, so wurde der Bahkauv schwerer. Fluchten oder schimpften sie, dann wurde die Last leichter. Frauen und Kinder belästige das Bahkauv aber nie.

Einer angeblich aus dem 17. Jahrhundert stammenden Sagenvariante zufolge soll das Bachkalb irgendwann einmal als ein Straßenräuber in Verkleidung enttarnt worden sein. Als das Untier einmal versehentlich einen kräftigen Schmied anfiel, schleuderte dieser es zu Boden und verprügelte es, bis aus dem Kostüm ein vor Schmerzen jammernder Torwächter kroch, der seine berufliche Stellung dazu genutzt hatte, in der Nacht unerkannt und ohne Verdacht zu erregen betrunkene Passanten auszurauben. Angeblich ist dieses Ereignis in den Stadtchroniken vermerkt, doch findet sich die Stelle nirgends. Die Geschichte vom Bachkalb ist in dieser Variante mit einer im Rheinland weit verbreiteten Wandersage verschmolzen, nach welcher ein beherzter Bauer oder Schmied das aufhockende Ungeheuer (etwa den Hackestüpp in Düren-Merzenich oder Sürthgens Mossel in Bergstein) als einen gewöhnlichen Straßenräuber enttarnt.

Angeblich soll auch Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, gegen das Bahkauv gekämpft und es an einem Morgen an einer dampfenden Quelle mit einem Schwerthieb getötet haben. Diese Behauptung findet sich seit dem 19. Jahrhundert mit schöner Regelmäßigkeit in den Aachener Sagensammlungen und könnte eine Erfindung von lokalpatriotischen Heimatdichtern aus Aachen sein, die angesichts der vielen spukenden Kälber in den verschiedenen Teilen des Rheinlandes und Siegerlandes darum bemüht waren, dieses Untier speziell für ihre Stadt in Beschlag zu nehmen und der Sage eine unzulässige historische Tiefe zu verleihen.

Nicht ganz ausgeschlossen werden muss, dass diese Geschichte auf einer tatsächlichen Beobachtung basiert, wie sie auch heute noch an anderen Thermalquellen dieser Art zu finden ist. Da die Thermalquellen zu der damaligen Zeit am Büchel frei ausflossen und je nach Bedarf unterdrückt, d.h verstopft wurden, bildete sich im stehenden warmen Wasser ein gelbbrauner bis roter Algenfilm, die so genannte Glarine. Beim erneuten Öffnen der Quelle ergoss sich der rotbraune Algenschleim vermutlich auch in den Abwasserkanal, den Kolbert, was zu einer großen Verwunderung und Verstörung der Bevölkerung führen musste. Die Assoziation mit „schleimigem Blut“, das sich beim Töten des Untieres durch die Straßen ergossen haben soll, könnte auf diesen Algenfilm zurückgeführt werden.

Mythengeschichtlich ist das Bachkalb eine interessante Figur, denn im Rheinland gibt es zahlreiche Sagen über dämonische Wesen, die in der Nacht an einem Bach hocken, einsamen oder betrunkenen Wanderern auflauern und ihnen auf den Rücken springen. In der Gegend um Aachen und Düren sind dies vornehmlich zwei Unholde, einmal der Werwolf, der hier Stüpp heißt, und eben das Kalb. Insgesamt gehören der Bachstüpp und das Bachkalb – im Grenzgebiet zu den Niederlanden auch Grachtkalb genannt – zur Klasse der unter dem Namen Aufhocker bekannten Spuk- und Plagewesen. Hinter diesen Spukwesen, die jedoch keine Gespenster, sondern sehr körperhafte Unholde sind, verbirgt sich vermutlich die Vorstellung von Wiedergängern, d. h. Verstorbenen, die aus dem Jenseits bzw. aus dem Grab zurückkehren, um die Lebenden zu plagen. Warum eine Transformation des untoten Wanderleichnams in ein Tier stattgefunden hat, ist eine von der Sagenforschung noch ungelöste Frage.

In seinem Historienroman Das Untier von Aachen adaptiert der Schriftsteller Günter Krieger das Thema mit der Sagenvariante aus dem 17. Jahrhundert.

Der Brunnen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. April 1902 wurde in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen, anstelle eines alten Laufbrunnens (Büchelpiefe), der mindestens seit dem 17. Jahrhundert auf dem Ort stand, ein Brunnendenkmal zu errichten. Die notwendigen finanziellen Mittel wurden aus Geldern der Blees-Stiftung bewilligt.[6] Mit der Planung und Ausführung wurde Prof. Karl Krauß beauftragt. Die Brunnenanlage wurde am 18. November 1904 feierlich eingeweiht. Wie fast alle Denkmäler, Geländer und Brunnen von Aachen wurde auch das Metall des Bahkauv-Brunnens im Zweiten Weltkrieg 1942 eingeschmolzen, nur der Steinfelsen wurde an Ort und Stelle belassen.

Nach einer kontrovers in der Aachener Bevölkerung geführten Diskussion wurde der alte Brunnen nicht wiederhergestellt, sondern eine moderne Brunnenanlage nach einem Entwurf von Kurt-Wolf von Borries errichtet, die am 27. September 1967 eingeweiht wurde. Das Wasser des neuen Brunnens strömt nicht mehr aus dem Maul, sondern aus Düsen im Schwanz der Tierplastik.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Kremer: Wo das Grauen lauert. Erschröckliche Geschichten von Blutsaugern und kopflosen Reitern, von Werwölfen und Wiedergängern an Inde, Erft und Rur. PeKaDe-Verlag, Düren 2003, ISBN 3-929928-01-9 (kommentierte Sammlung von Sagen aus dem westlichen Rheinland).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der singenden Aachener Carnevals-Florresen Gesangbuch zum Singen, in verschiedenen Gesängen, oder Sammlung aller Sammlungen sämmtlicher gesammelten Florreslieder von allerlei Meistern und sonstigen Geistern, klein oder gross, kühn oder los. Aachen 1833 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  2. Johann Ferdinand Jansen: Sammlung verschiedener Gedichte in der Aachener Volkssprache zum Nutzen des hiesigen Armen-Instituts. C. A. Müller, Aachen 1815 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  3. Joseph Müller, Wilhelm Weitz: Die Aachener Mundart. Idiotikon nebst einem poetischen Anhange. Aachen 1836 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
  4. F. W. Bredt: Brunnen und Denkmäler in Aachen. In: Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Heimatschutz (Hrsg.): Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz. Jg. 7, Heft 3, November 1913, S. 226.
  5. Alexander Barth: Das Bahkauv. Abgefahrene Ausrede für Aachens Trunkenbolde. In: 111 Orte in Aachen und der Euregio, die man gesehen haben muss. Emons, Köln 2012, ISBN 978-3-89705-931-3, S. 22.
  6. Bernhard Poll: Geschichte Aachen in Daten, Aachen 2003, S. 242.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Bahkauv – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 50° 46′ 33″ N, 6° 5′ 9″ O