Bindungslehre

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Als Bindungslehre bezeichnet man in der Weberei die Lehre von der Systematik der möglichen Verkreuzungen von Kettfaden (Kette) und Schussfaden (Schuss) in Geweben, da die Art der Fadenverkreuzung als Bindung bezeichnet wird.[1][2] Die gleiche Thematik wurde und wird auch unter Gewebetechnik[3] bzw. Bindungstechnik[4] bearbeitet.

Darstellung von Gewebebindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patronenpapier im Originalzustand

Die Darstellung der Bindung in vereinfachter Form durch Farbfelder auf dem sogenannten Patronenpapier bezeichnet man als Bindungspatrone. Das Patronenpapier ist in der Regel durch senkrechte und waagerechte Linien in kleine quadratische Felder aufgeteilt. Der Verlauf des Kettfadens wird zwischen zwei senkrechten Linien, der des Schussfadens zwischen zwei waagerechten Linien dargestellt. Der Kreuzung der Fäden entspricht somit ein quadratisches Feld, das jeweils den Bindepunkt zwischen Kett- und Schussfaden darstellt. Wenn die Kette an dem Bindepunkt gehoben ist, also über dem Schuss liegt, wird das Feld durch Farbe ausgefüllt. Wenn der Kettfaden tiefbindet, also unter dem Schussfaden liegt, bleibt das Feld unausgefüllt.

Üblicherweise werden die Kettfäden von links nach rechts, die Schussfäden von unten nach oben entsprechend dem Ablauf des Webprozesses nummeriert.[5] Die kleinste Anzahl von Kett- und Schussfäden, die für ein Bindungsmuster benötigt wird, bezeichnet man als Bindungsrapport.[6] Er wird im Bindungsbild meist gegen die Wiederholungen abgegrenzt. Die Rapportgröße wird in Zahlen ausgedrückt, wobei die erste Zahl die erforderlichen Kettfäden, die zweite die Schusszahl, d. h. bei einem Rapport 12:8 wiederholt sich das Bindungsbild nach 12 Kettfäden und 8 Schussfäden. Bei gleicher Fadenzahl in Kett- und Schussrichtung im Rapport (z. B. 5) nennt man das Bindungsbild 5-bindig.[7]

Bindungsarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bindungen aus einer Kette und einem Schuss, auch als einflächige Gewebebindungen bezeichnet, werden wie folgt eingeteilt:

  • Grundbindungen
  • Abgeleitete Bindungen
  • Zusammengesetzte Bindungen.[8]

Grundbindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei Grundbindungen, die zu den systematisch aufgebauten Bindungen mit wiederkehrendem Bindungsrapport gehören, sind folgende:

Leinwandbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bindungspatrone einer Leinwandbindung

Die Leinwandbindung ist die ursprünglichste und einfachste Bindungsart, die sich aus dem Flechten entwickelt hat. Jeder Kettfaden liegt abwechselnd über und unter einem Schussfaden und jeder Schussfaden abwechselnd über und unter einem Kettfaden.[9] Beide Seiten eines in Leinwandbindung gewebten Stoffes sehen gleich aus.

Köperbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bindungspatrone für einen Schussköper

Die Köperbindung hat einen Bindungsrapport von mindestens drei Kettfäden und drei Schussfäden und zeichnet sich durch einen erkennbaren diagonal verlaufenden Köpergrat aus, der sich aus den diagonal aneinander reihenden Bindungspunkten ergibt.

Atlasbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bindungspatrone für einen Schussatlas

Die Atlasbindung hat einen Bindungsrapport von mindestens fünf Kettfäden und fünf Schussfäden. Jeder Kettfaden hat innerhalb dieses Rapports nur einen Bindungspunkt und die Steigungszahl, d. h. diejenige Anzahl von Schussfäden, um die ein Bindungspunkt auf dem nächstfolgenden Kettfaden hochrückt, muss größer als eins sein.

Abgeleitete Bindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abgeleitete Bindungen entstehen durch die Weiterentwicklung von Grundbindungen. Dazu können zusätzlich Kettfadenhebungen und/oder – senkungen angeordnet sowie Versatzzahlen angewendet werden, die bei Grundbindungen nicht zulässig sind. Abgeleitet Grundbindungen können ebenfalls durch Zusammensetzen, Verdoppeln, Weglassen, Spiegeln oder Drehen von Bindungen oder Bindungsteilen erhalten werden.[10]

Ableitungen der Leinwandbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ableitungen der Köperbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steil- und Flachgratköperbindungen
  • Spitzgratköperbindungen oder Zickzackköperbindungen
  • Durchbrochene Köperbindungen
  • Kreuzköperbindungen

Bindungspatronen dazu siehe unter Köperbindung

Ableitungen der Atlasbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Versetzte Atlasbindungen ohne Rapporterweiterung
  • Versetzte Atlasbindungen mit Rapporterweiterung[11]

Zusammengesetzte Bindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Zusammensetzen verschiedener Bindungen oder gleicher Bindungen mit Kett- und Schusswirkung kann man in vielfältiger Weise mustern.[12]

Es können folgende Effekte erzielt werden:[13]

  • Flächenstrukturen
  • Diagonalstrukturen
  • Längs- oder Querstreifen
  • Karierungen
  • Musterungen nach Motiven.

Kurzkennzeichnung von Gewebebindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Systematisch aufgebaute Bindungen können alphanumerisch gekennzeichnet werden, wodurch sich häufig eine zeichnerische Darstellung erledigt.<kie 198/1999> Die alten Bindungskurzzeichen[14], die allerdings auch bis heute vor allem in der Handweberei noch genutzt werden, bestehen aus zwei oder drei Teilen. Der erste Teil ist ein Kennbuchstabe für die Bindungsgruppe, z. K für Köperbindung oder A für Atlasbindung. Der zweite Teil gibt die Bindeweise eines Kettfadens an. Über einem waagerechten Querstrich, heute meist einem Schrägstrich, werden von links nach rechts die Ketthebungen, unter ihm nach rechts versetzt die Kettsenkungen aufgeführt; so zum Beispiel ist das Bindungskurzzeichen für einen 4-bindigen Schussköper und für 5-bindigen Schussatlas , wie sie beide in den obigen Bindungspatronen zu sehen sind. Der dritte Teil ist für Ergänzungen vorgesehen, z. B. wird beim entsprechend der Richtung des Grat-Verlauf ein Z oder S zugefügt. Ein Z wird beigefügt, wenn der Grat dem Verlauf des Mittelteils des Z, ein S, wenn er dem Mittelteil des S entspricht. Für den weiter oben angeführte 4-bindige Schussköper würde das vollständige Bindungskurzzeichen also lauten.[15]

Da diese Art der Bindungskurzzeichen nicht mehr für die internationale Normung und die computergestützte Steuerung geeignet waren, wurde die genannte Norm durch eine ersetzt, die einen Code für das Bindungskurzzeichen für Grundbindungen von Geweben und deren einfache Ableitungen festlegte.[16] Das Bindungskurzzeichen besteht aus vier zweistelligen Nummernteilen, die durch einen Mittelstrich voneinander getrennt sind. Die Nummernteile enthalten folgende Merkmale der Gewebe:

  • erster Teil: Bindungsart (Leinwand 10, Köper 20, Atlas 30)
  • zweiter Teil: Ketthebungen und Kettsenkungen
  • dritter Teil: die Fädigkeit (die nebeneinander gleichbindenden Kettfäden)
  • vierter Teil: Versatzzahl (gibt den Versatz entsprechend der Bindungszeichnung an)

Das Bindungskurzzeichen für den oben angegeben 4-bindigen Schussköper lautet entsprechend dieser Codierung. 20-01 03-01-01 und für 5-bindigen Schussatlas 30-01 04-01-02.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paul-August Koch, Günther Satlow: Großes Textil-Lexikon: Fachlexikon für das gesamte Textilwesen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1965, Bd. A-K, S. 175.
  2. Erika Arndt: Handbuch Weben – Geschichte, Materialien und Techniken des Handwebens. 2., überarbeitete Auflage. Haupt Verlag, Bern 2014, ISBN 978-3-258-60102-1, S. 122.
  3. Autorenkollektiv: Gewebetechnik. Fachbuchverlag, Leipzig 1978, S. 13.
  4. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe. Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 5.
  5. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe, Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 15.
  6. DIN 61101,Teil 1:1979-01, Gewebebindungen – Allgemeine Begriffe und Grundbindungen. Beuth Verlag, Berlin 1979, S. 1.
  7. Erika Arndt: Handbuch Weben – Geschichte, Materialien und Techniken des Handwebens. 2., überarbeitete Auflage. Haupt Verlag, Bern 2014, ISBN 978-3-258-60102-1, S. 123.
  8. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe, Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 20.
  9. DIN 61101,Teil 1:1979-01, Gewebebindungen – Allgemeine Begriffe und Grundbindungen. Beuth Verlag, Berlin 1979, S. 3.
  10. Chokri Cherif (Hrsg.): Textile Werkstoffe für den Leichtbau - Techniken - Verfahren - Materialien - Eigenschaften. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2011, ISBN 978-3-642-17991-4, S. 177/178.
  11. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe, Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 92ff.
  12. Erika Arndt: Handbuch Weben – Geschichte, Materialien und Techniken des Handwebens. 2., überarbeitete Auflage. Haupt Verlag, Bern 2014, ISBN 978-3-258-60102-1, S. 155.
  13. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe, Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 124ff.
  14. DIN 61 101, Teil 2:1985-12,Gewebebindungen –Bindungskurzzeichen und Beispiele von Gewebebindungen. Beuth Verlag, Berlin 1985.
  15. Martin Kienbaum: Bindungstechnik der Gewebe, Band 1: Einflächige Schaftgewebe. 3. Auflage. Schiele & Schön, Berlin 1999, ISBN 3-7949-0630-6, S. 198/199.
  16. DIN ISO 9354:1993-10, Gewebe – Bindungskurzzeichen und Beispiele. Beuth Verlag, Berlin 1993.