Demografische Katastrophe

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Demografische Katastrophe bezeichnet einen außerordentlich drastischen Bevölkerungsrückgang mit langfristigen Auswirkungen auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen einer Bevölkerung bis hin zur Entvölkerung größerer Gebiete oder bis zum völligen oder fast vollständigen Zusammenbruch einer Population.

Der Begriff „demografische Katastrophe“ ist von Phänomenen des einfachen Bevölkerungsrückgangs abzugrenzen. Er wird oft schlagwortartig und wertend gebraucht, z. B. in der Diskussion über den Geburtenrückgang in westlichen Industrienationen.[1] Angemessener wäre hierfür die weniger dramatische Bezeichnung demografische Krise, denn eine Reihe geschichtlicher Ereignisse hatten eine wesentlich größere Dimension.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der heutigen Forschung überwiegt die Meinung, dass man bei dauerhaften Bevölkerungsrückgängen großen Ausmaßes von einer Vielzahl von sich ergänzenden Faktoren ausgehen muss, die sich auf so unterschiedliche Bereiche wie Sozialstruktur, Wirtschaftsweise, Siedlungsweise, Klima, Ressourcennutzung, Krankheiten, Sucht, Verfolgung usw. erstrecken. In vielen Fällen kommt ein langfristiger Bevölkerungsrückgang großen Ausmaßes nur durch die über einen gewissen Zeitraum länger andauernde Wirkung der Faktoren zum Tragen. So haben etwa Untersuchungen zur Auswirkung der großen Pestepidemien im 14. Jahrhundert gezeigt, dass es die wiederholte Heimsuchung durch die Pest war, die zu einem dauerhaften Bevölkerungsrückgang führte. Entscheidend für einen langfristigen Bevölkerungsrückgang ist aber weniger eine einzelne Epidemie als vielmehr eine Veränderung der absoluten realisierten Reproduktionszahlen.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung in Irland (grün) und Europa (blau): ab 1845 starker Rückgang in Irland aufgrund der Folgen der Großen Hungersnot
Die HIV-Epidemie in Afrika führte in den 1990er Jahren in einigen Staaten zu einem starken Rückgang der Lebenserwartung

Bekannte Beispiele für demografische Katastrophen in der Geschichte:

  • Der Rückgang der römischen Bevölkerung in der Spätphase des Römischen Reiches
  • Der Bevölkerungsrückgang in der Zeit des Mongolensturms, vor allem hervorgerufen durch die Zerstörung der bäuerlichen und zum Teil städtischen Lebensgrundlage der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten
  • Der Bevölkerungsrückgang in Europa im 14. Jahrhundert, verursacht durch die Pest
  • Der Bevölkerungsrückgang in Amerika im Gefolge der spanischen Eroberung, das in Zahlen wahrscheinlich größte Massensterben überhaupt (über die Ursachen gibt es zurzeit noch heftige Kontroversen; sollten sich die Forschungsergebnisse und Mutmaßungen zum Zusammenbruch der Tupí-Bevölkerung am Amazonas bestätigen, so wird in Zukunft der Anteil von Krankheiten am millionenfachen Massensterben der Indianer wieder höher bewertet werden)[2]
  • Der Bevölkerungsrückgang in Mitteleuropa zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, hervorgerufen unter anderem durch Seuchen und Nahrungsengpässe (letzteres auch bedingt durch die Requisition, eine neue Form der Soldatenversorgung)
  • Die Große Hungersnot in Irland (ab 1845) mit langfristigen Auswirkungen auf die Bevölkerungszahlen. Etwa eine Million Iren starben, zwei Millionen emigrierten in die USA, nach England und die britischen Kolonien.
  • Durch die HIV-Epidemie in Afrika sank die Lebenserwartung in manchen Regionen zeitweise um mehr als 20 Jahre. Über zehn Millionen Kinder verloren ihre Eltern.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Klaus Bingler, Gerd Bosbach: Kein Anlass zu Furcht und Panik: Fakten und Mythen zur „demographischen Katastrophe“. In: Deutsche Rentenversicherung (Hrsg.: Verband Deutscher Renten-Versicherungsträger) 11-12(2004), S. 725-749. Für eine dramatischere Einschätzung siehe Herwig Birg: Die demographische Zeitenwende: Der Bevölkerungsrückgang in Deutschland und Europa. 3. Aufl., Beck, München 2003.
  2. Vgl. zur Annahme einer sehr hohen Bevölkerung im präkolumbianischen Amerika: Charles C. Mann: 1491 : New Revelations of the Americas. Before Columbus. New York 2005. Jörg Blech: Dreckige Eroberer. In: Der Spiegel, 42(2005), S. 217.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]