Dezentralität

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Dezentralität (von lat. de = von, weg und zentrum = sich in der Mitte befinden) ist ein relativer Begriff, der mit Zentralität ein Begriffspaar bildet. Er hat in unterschiedlichen Bereichen und Epochen eine unterschiedliche Bedeutung.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1846 wurde im Staats-Lexikon Dezentralisation in wirtschaftlicher, wie politischer Hinsicht noch als Beseitigung von Gewalt in einem staatlichen oder eben wirtschaftlichen Mittelpunkt verstanden. Ebenso galt auch hier die Zerschlagung von Anhäufung von Grundbesitz und Kapital auf wenige als Dezentralisation. Generell waren aber nicht nur wirtschaftliche und politische Aspekte unter dem Begriff zu verstehen, sondern ebenso gesellschaftliche, wie Familie, Gemeinde oder Kirche.[1] 1923 betrachtete man die zwei Begriffe Zentralisation und Dezentralisation als Begriffspaar, anhand dessen weitere Definitionen angeknüpft wurden. Ebenso ging man hier vor allem von politischer Dezentralisation aus und betrachtete dabei Verwaltungsprobleme. Hierbei trat die Überlegung in den Vordergrund, welche Organisationsform dabei als die bessere angesehen werden konnte. 1923 stand das in Zusammenhang mit der preußischen Verwaltungsreform.[2]

Prinzipien der Dezentralität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dezentralität ist ein wesentliches Prinzip Komplexer Adaptiver Systeme. Hierbei ist die Kontrolle über alle Bestandteile des Systems verteilt, beispielsweise Zellen im Organismus, Rechner im Internet und Individuen in Organisationen.

Entwurfsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verteilte Systeme sind in den letzten Jahrzehnten durch den Erfolg des World Wide Web allgegenwärtig geworden. Das Internet, Peer-to-Peer Netzwerke, Grid Computing und mobile Endgeräte bilden zusammen eine verteilte, heterogene, dynamische und komplexe Infrastruktur auf deren Basis verteilte Informationssysteme globale Dienste zur Verfügung stellen. Die ständig steigende Komplexität lässt zentralisierte Top-Down Ansätze zur Steuerung zunehmend an ihre Grenzen stoßen. Bottom-Up Ansätze werden in der Forschung[3] untersucht, um neue Erkenntnisse zu gewinnen und komplexe Systeme zu entwerfen.

Organisationsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Selbstorganisation[4] kommt eine Schlüsselrolle zu, um komplexe Systeme (technische, politische, biologische) zu kontrollieren. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

Verteilung
  • Zentrale Ressourcen sind begrenzt in ihrer Fähigkeit, Daten zu speichern, zu übertragen und zu verarbeiten. Informationen können nicht immer zentralisiert werden.
  • In unternehmensübergreifenden Geschäftsumgebungen existiert eine kommunikationseinschränkende Informationsasymmetrie. Informationen dürfen nicht immer zentralisiert werden.
Dynamik
während zentral eine Lösung erstellt wird, hat sich das Problem bereits verändert.
Heterogenität
die Bestandteile der Systeme unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Eigenschaften wie Funktionalität und Struktur und Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Organisationen.
Komplexität
komplexe Strukturen lassen sich aus zentraler Sicht (Top-Down) nicht mehr auf Ursache-Wirkungs Kausalitäten analysieren[5].

Hierbei spielen Aspekte wie Selbst-X-Eigenschaften organischer Systeme eine große Rolle. Das Verständnis der beteiligten Mechanismen wird beispielsweise im Organic Computing untersucht.

Gesellschaftliche Bereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In verschiedenen Disziplinen gibt es unterschiedliche Zugänge zum Begriff Dezentralität.

Dezentralität in der Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dezentralität steht in der Politik oder auch in der Politikwissenschaft als Sammelbegriff für politische Maßnahmen. Diese Maßnahmen haben zum Ziel, den unteren politischen Ebenen mehr Entscheidungsbefugnis und Verantwortung zu übertragen, i. d. R. um den überkommenen zentralistisch-hierarchischen Aufbau der staatlichen Verwaltung zu überwinden und die politischen Entscheidungsprozesse dort anzusiedeln, wo die zu lösenden Probleme auftreten. Als Beispiel kann hier das französische semipräsidentielle System genannt werden.

Dezentralität in der Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Wirtschaft gibt es mehrere Arten von dezentralen Ansätzen, wobei hierunter zumeist die Verteilung der Teilaufgaben auf verschiedene Stellen verstanden wird. Wobei zu beachten gilt, dass durch Dezentralisierungsprozesse, also eine Verteilung von Aufgaben, gleichzeitig eine Zentralisierung des Aufgabenmerkmals entstehen kann. Ein Beispiel hierfür ist Outsourcing, wie es in der Automobilbranche stattfindet. Andererseits kann eine Dezentralisierung eine Spezialisierung des Handlungsträgers auf den zugrundeliegenden Aufgabenkomplex verhindern. Zum Beispiel wenn im Zuge einer Dezentralisierung dennoch mehrere Aufgaben einer Einrichtung zukommen, wie es bei Franchiseunternehmen der Fall ist. Hier gilt es den jeweiligen Kontext zu betrachten. Über Dezentralisierung und Dezentralisation erschienen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Artikel in Nachschlagewerken der Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Der Begriff Dezentralität hat seit der Jahrtausendwende Konjunktur, vor allem in wirtschaftsorientierten Zeitschriften. Ein Grund dafür ist die Finanzkrise, die unter anderem aufgrund der großen, zentralen Strukturen enorme Auswirkungen hatte.

Dezentralität in der Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Technik gibt es verschiedene Definitionen von Dezentralität:

  • kleine, sich wiederholende Einheiten, die mehrere Systeme kombinieren können (bspw. Verschattung, Heizung und Lüftung eines Raumes)[6]
  • im Bereich Stromversorgung die Einspeisung ins Niederspannungsnetz zur Ergänzung und Ersetzung zentraler Strukturen[7] (siehe auch dezentrale Stromversorgung)

Weiterführende Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rotteck, Carl von/Welcker, Carl (Hgs.): Das Staats-Lexikon. Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften für alle Stände. Bd. 4, 1846.
  2. Paul Herre (Hg.): Politisches Handwörterbuch, 1.Bd., 1923.
  3. [1] MKWI08
  4. G. Di Marzo Serugendo, A. Karageorgos, O. F. Rana, and F. Zambonelli. Engineering Self-Organising Systems Nature-Inspired Approaches to Software Engineering. Springer- Verlag Berlin Heidelberg, 2004.
  5. Systemwissenschaft (Memento vom 18. Juli 2011 im Internet Archive) M.Matthies, Einführung in die Systemwissenschaft. Vorlesungsskript, 2002
  6. BauBeratungArchitektur, 2005: Neubau Testo AG in Kirchzarten/Kosten sparen durch D., BBA, 4, 2005, S.58.
  7. Studie Dezentrale Energieversorgung 2020, 2007: Energietechnische Gesellschaft im VDE, 2007, S.11.
  8. Ulf Hannerz: Center-Periphery Relationships. In: International Encyclopedia of the Social&Behavioural Sciences, 2001, S. 1610-1613.