Dialogische Führung

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Dialogische Führung, auch als Dialogische Kultur bezeichnet, ist ein im Friedrich von Hardenberg Institut für Kulturwissenschaften in Heidelberg entwickeltes Prinzip der Zusammenarbeit. Wesentlich daran ist, dass hier „Menschen mit der Intention [arbeiten], Formen einer effektiven Zusammenarbeit zu entwickeln, in der sich die Einzelnen befähigen, eigenständig im Sinne des Ganzen zu handeln.“[1]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Mitte der 1980er Jahren wird im Friedrich von Hardenberg Institut die „Veränderung des Denkens in verschiedenen Bereichen“, z. B. „in der Arbeitswelt“, untersucht.[2] Damals kam, ausgehend von der Alternativkultur, der Ruf nach ‚Arbeiten ohne Hierarchie‘ auf. Die Untersuchungen ergaben, dass dies ohne die Ausbildung neuer Fähigkeiten nicht erfolgversprechend realisiert werden könne. „Soziale Erneuerung läßt sich nicht an der individuellen Bewußtseinsverwandlung der Beteiligten vorbeimogeln.“[3]

Aus den Vorarbeiten wurde anlässlich verschiedener Anfragen Anfang der 1990er Jahre die Dialogische Führung als neues Führungsprinzip ausgearbeitet, das seither in verschiedenen Unternehmen, Organisationen und Bildungseinrichtungen erprobt wird.[4][5] Gefragt ist eine Zusammenarbeit, die einen Weg von fremdbestimmter Führung zu eigenverantwortlicher Führung bahnt. Dazu gehört:

  • Die Zusammenarbeit baut darauf auf, dass jeder Einzelne unabhängig von seiner Rolle und Funktion als eigenständige Persönlichkeit geachtet wird.
  • Allen Beteiligten wird ermöglicht, ihre Arbeit so zu gestalten, dass sie dabei das sich ständig verändernde Ganze in den Blick nehmen können.
  • Geschätzt wird die Originalität aller.
  • Das Handeln baut auf den Initiativen der Einzelnen auf.[6]

Dialogische Führung bezieht sich auf die individuellen Einzelnen, die als Erwachsene ernst genommen werden: „Einer dialogischen Führung geht es nicht darum, den Mitarbeiter zu ändern. Führungskräfte haben weder einen Erziehungs- noch einen Therapievertrag. Es geht um Beziehung, nicht um Behandlung.“[7]

Zunächst standen Führungsfragen im Vordergrund. Je mehr in einer Organisation Selbstführung praktiziert wird, desto mehr treten klassische Führungsmaßnahmen in den Hintergrund und die gesamte Unternehmenskultur verändert sich. So wird die Dialogische Führung inzwischen bevorzugt Dialogische Unternehmenskultur oder, auch auf andere Lebensbereiche bezogen, Dialogische Kultur genannt.[8][9]

Dialog[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dialogische Kultur rekurriert auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Dialog“ (gr. dialogos) in der Frühzeit der europäischen Geistesgeschichte bei Sokrates. Dialog war bei Sokrates nicht nur ein Miteinandersprechen, sondern eine gemeinsame Bemühung, das Wesentliche (den Logos) einer als existentiell erlebten Frage im Gespräch herauszuarbeiten. Dialog meint in diesem Sinne ein Denken, Sprechen und Handeln, durch das der Logos hindurchgeht.[10] Der Logos ist für Heraklit „nicht nur die Lenkungsinstanz der Welt, sondern er wohnt auch in der Seele jedes Menschen. Dadurch kann jeder Mensch einen unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit finden.“[11]

Dem Dialog ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend mehr Aufmerksamkeit zugekommen. „Dabei aber wird ‚Dialog‘ oftmals auf ein Verhaltensmuster reduziert nicht als innere Kraft verstanden; und so kommt es häufig zu Scheinformen des Dialogischen.“[12] Dialogisches sei zwar durchaus im Blick, aber „statt es als solches zur Geltung zu bringen, imitiert man einzelne Elemente. Man schminkt die Diskussion so lange, bis sie nach Dialog aussieht.“[13] Davon unterscheidet sich die Dialogische Führung mit ihren sokratischen Wurzeln.[14]

Führungsverständnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dialogische Führung steht „in auffallendem Gegensatz“ zu „ dem weit verbreiteten und an den Business Schools gelehrten Verständnis für Führung.“[15] Es kommt bei ihr auf jeden Einzelnen an. Der Invidividualismus wird als Sozialprinzip gewürdigt: „Gemeinschaft kommt nicht trotz der Individuen zu Stande, sondern durch sie.“[16] „Dialogische Führung ist nichts Sanft-Alternatives. Sie fordert den Einzelnen stärker als eine Führung durch Anweisung und Kontrolle.“[17] Die Eigenständigkeit des Einzelnen „beruht nicht einfach auf der Aufweichung von Führungshierarchie durch Partizipation u. ä.“ Insoweit geht Dialogische Führung „über kooperative oder systemische Führung hinaus.“[17] Sie ist weder ein Verfahren noch eine Methode, die nach vorgegebenen Schritten erlernt, implantiert und evaluiert werden kann, vielmehr eine Kunst der Zusammenarbeit, die man sich gemeinsam in der Praxis erarbeitet.[18][19]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Dellbrügger: Gestaltungselemente für eine unternehmerische Führungskultur. Das Beispiel der „Dialogischen Führung“ bei dem Unternehmen dm-drogerie markt GmbH & Co KG Karlsruhe. In: Margit Raich, Harald Pechlaner, Hans H. Hinterhuber (Hrsg.): Entrepreneurial Leadership. Profilierung in Theorie und Praxis. Deutscher Universitäts-Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-8350-0819-9, S. 65–79.
  • Karl-Martin Dietz: Jeder Mensch ein Unternehmer. Grundzüge einer dialogischen Kultur (= Schriften des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship (IEP) des Karlsruher Instituts für Technologie. Bd. 18). KIT Publishing (Universitätsverlag Karlsruhe), Karlsruhe 2008, ISBN 978-3-86644-264-1.
  • Karl-Martin Dietz: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Intentionen der Dialogischen Führung. In: Markus Hänsel, Anna Matzenauer (Hrsg.): Ich arbeite, also bin ich? Sinnsuche und Sinnkrise im beruflichen Alltag. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-40416-4, S. 61–76.
  • Karl-Martin Dietz: Führung: Was kommt danach? Perspektiven einer Neubewertung von Arbeit und Bildung. KIT Publishing (Universitätsverlag Karlsruhe), Karlsruhe 2011.
  • Karl-Martin Dietz: Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. MENON, Heidelberg 2014; 4. Auflage. ISBN 978-3-921132-13-5.
  • Rudy Vandercruysse: Ich und mehr als ich. Grundübungen einer Kultur der Selbstführung. MENON, Heidelberg 2015; 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-921132-46-3.
  • Karl-Martin Dietz, Thomas Kracht: Dialogische Führung. Grundlagen – Praxis – Fallbeispiel: dm-drogerie-markt. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016; 4., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-593-50600-5.
  • Karl-Martin Dietz (Hrsg.): Leben im Dialog. Perspektiven einer neuen Kultur. MENON, Heidelberg 2016; 3., durchgesehene Auflage, ISBN 978-3-921132-29-6.
  • Karl-Martin Dietz: Sokrates: ich - hier - jetzt. MENON, Heidelberg 2019; ISBN 978-3-921132-59-3.
  • Karl-Martin Dietz: Sokratische Wurzeln der Dialogischen Kultur. In: Die Drei 10/2019.
  • Karl-Martin Dietz: Führen in der VUCA-Welt. Dialogische Orientierungen. MENON, Heidelberg 2020; 2., durchgesehene Auflage, ISBN 978-3-921132-58-6.
  • Karl-Martin Dietz: Sokratische oder sophistische Selbstführung. Eine notwendige Unterscheidung. In Konfliktdynamik 9, Heft 3/2020.
  • Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention einer dialogischen Unternehmenskultur. MENON, Heidelberg 2021; 2., durchgesehene Auflage der Neuausgabe von 2019, ISBN 978-3-921132-50-0.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Startseite. In: Dialogische Kultur. Abgerufen am 25. August 2021.
  2. Vgl. Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur. 2., durchgesehene Auflage der Neuausgabe von 2019. MENON Verlag, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-921132-50-0.
  3. Karl-Martin Dietz: Die Suche nach Wirklichkeit. Bewusstseinsfragen am Ende des 20. Jahrhunderts. 1. Auflage. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1988, ISBN 3-7725-0510-4, S. 39.
  4. Vgl. Karl-Martin Dietz, Thomas Kracht: Dialogische Führung. Grundlagen - Praxis - Fallbeispiel: dm-drogerie markt. 4. Auflage. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-593-39450-3.
  5. Vgl. Karl-Martin Dietz: Dialogische Schulführung an Waldorfschulen. 1. Auflage. MENON Verlag, Heidelberg 2006, ISBN 3-921132-40-1.
  6. Dialogische Kultur. Abgerufen am 25. August 2021.
  7. Reinhard K. Sprenger: Führen für Erwachsene. In: brand eins Magazin. Band 4, Nr. 10, Oktober 2002, S. 154–155.
  8. Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur. 2., durchgesehene Auflage der Neuausgabe von 2019. MENON Verlag, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-921132-50-0, S. 11 f.
  9. Vgl. Karl-Martin Dietz: Jeder Mensch ein Unternehmer. Grundzüge einer dialogischen Kultur (= Schriften des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship (IEP) des Karlsruher Instituts für Technologie. Bd. 18). Universitätsverlag Karlsruhe, Karlsruhe 2008, ISBN 978-3-86644-264-1.
  10. Vgl. Karl-Martin Dietz: Sokrates: ich - hier - jetzt. MENON Verlag, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-921132-59-3.
  11. Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur. 2., durchgesehene Auflage der Neuausgabe von 2019. MENON Verlag, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-921132-50-0, S. 13.
  12. Karl-Martin Dietz: Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. 4. Auflage. MENON Verlag, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-921132-13-5, S. 78 f.
  13. Karl-Martin Dietz: Dialog. Die Kunst der Zusammenarbeit. 4. Auflage. MENON Verlag, Heidelberg 2014, ISBN 978-3-921132-13-5, S. 84.
  14. Vgl. Karl-Martin Dietz: Sokratische Wurzeln der Dialogischen Kultur. In: Die Drei 10/2019, S. 21–29.
  15. Amazon.de:Kundenrezensionen: Dialogische Führung: Grundlagen - Praxis - Fallbeispiel: dm-drogerie markt. Abgerufen am 25. August 2021.
  16. Karl-Martin Dietz, Thomas Kracht: Dialogische Führung. Grundlagen - Praxis - Fallbeispiel: dm-drogerie markt. 4. Auflage. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-593-50600-5, S. 121.
  17. a b Karl-Martin Dietz: Jeder Mensch ein Unternehmer. Grundzüge einer dialogischen Kultur (= Schriften des Interfakultativen Instituts für Entrepreneurship (IEP) des Karlsruher Instituts für Technologie. Bd. 18). KIT Publishing (Universitätsverlag Karlsruhe), Karlsruhe 2008, ISBN 978-3-86644-264-1, S. 47.
  18. Vgl. Karl-Martin Dietz, Angelika Sandtmann: Eigenständig im Sinne des Ganzen. Zur Intention der Dialogischen Unternehmenskultur. 2., durchgesehene Auflage der Neuausgabe von 2019. MENON Verlag, Heidelberg 2021, ISBN 978-3-921132-50-0, S. 32 f.
  19. Vgl. Karl-Martin Dietz: Sokratische Wurzeln der Dialogischen Kultur. In: Die Drei 10/2019, S. 29.