Dionysios von Halikarnassos

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Dionysios von Halikarnassos (Phantasiebild aus einer Kopie des Codex Ambrosianus, ca. 16. Jahrhundert)

Dionysios von Halikarnassos (griechisch Διονύσιος Dionýsios, lateinisch Dionysius Halicarnassensis; * ca. 54 v. Chr. in Halikarnassos; † nach 7 v. Chr. in Rom) war ein antiker griechischsprachiger Rhetor, Schriftsteller und Geschichtsschreiber.

Als Zeitgenosse von Augustus kommt er im Jahr 29 v. Chr. nach Rom und verfasst dort mehrere Schriften, darunter sein Hauptwerk, eine Geschichte Roms (griechisch Ῥωμαϊκὴ Ἀρχαιολογία, Rômaïkề Archaiología, lateinisch Antiquitates Romanae = "Römische Altertümer", also sinngemäß etwa „Römische Frühgeschichte“) von den Anfängen bis zum Beginn des Ersten Punischen Krieges in zwanzig Büchern, von denen die ersten 10 Bücher komplett erhalten sind, das elfte Buch uns in Teilen überliefert ist und außerdem Fragmente bei Konstantinos Porphyrogennetos und vielen anderen Autoren existieren. Darin versucht er, die römischen und griechischen Ursprünge als stark miteinander verbunden darzustellen; außerdem wird die Geschichte der Stadt Rom (vorgestellt als ideale Polis) teleologisch interpretiert, das heißt, es werden im Sinne der imperialen augusteischen Politikauffassung rückblickend Gründe für den (idealisierten) Aufstieg Roms zum „Zentrum der Welt“ geliefert - nicht zuletzt deswegen wird das Werk auch von vielen späteren, kaiserzeitlichen Autoren benutzt, unter anderem etwa von Plutarch, Appian und Cassius Dio.

Dionysios von Halikarnassos, De compositione verborum in der 1269/1270 geschriebenen Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus graecus 64, fol. 231r

Trotz dieser bedenklichen Begleitumstände ist das Werk etwa für die Zeit von der gallischen Invasion Italiens bis zum ersten Punischen Krieg (Bücher XIV bis XX) als eine der wichtigsten Quellen für die Geschichtswissenschaft anzusehen, nicht zuletzt, weil uns für weite Bereiche andere Quellen fehlen.

Neben seinem Wirken als Geschichtsschreiber ist Dionysios aber vor allem als Rhetor zu betrachten, als welcher er auch wegen seiner Thesen zum griechischen Ursprung Roms von modernen Historikern oft ausschließlich eingeordnet wird. Er verfasst unter anderem eine Abhandlung Über die Anordnung der Wörter (griechisch Περὶ Συνθέσεως Ὀνομάτων, Perì synthéseôs onomátôn, lateinisch De compositione verborum), außerdem einen Aufsatz über antike (vor allem attische) Redner, deren Stil und dessen Nachahmung (griechisch Τῶν Ἀρχαίων Κρίσις, Tỗn archaíôn krísis) eine Rhetorik (griechisch Τέχνη Ῥητορική, Téchnê rhêtorikế) sowie einige kurze Beurteilungen über frühere griechische Autoren. Über ihn ist uns auch eine Abhandlung über die Eloquenz von Demosthenes überliefert. In seinen späten Werken beschäftigt er sich stärker mit formalen Aspekten der Rede und ist im führenden Streit der Rhetoriker seiner Zeit generell als ein starker Befürworter des Attizismus im Gegensatz zum Asianismus zu bezeichnen.

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Jacoby, Hermann Usener, Ludwig Radermacher (Hrsg.): Dionysii Halicarnasei quae extant. Sechs Bände und Supplementband. Teubner, Leipzig 1885–1929 (maßgebliche kritische Gesamtausgabe)
  • Gottfried Jakob Schaller, Adolph Heinrich Christian (Übersetzer): Dionysius von Halikarnaß: Urgeschichte der Römer. Zwölf Bändchen, Stuttgart 1827–1849
  • Earnest Cary (Hrsg.): The Roman Antiquities of Dionysius of Halicarnassus (Loeb Classical Library). 7 Bände, New Haven 1937–1950 (griechischer Text und englische Übersetzung)
  • Nicolas Wiater (Übersetzer): Dionysius von Halikarnass: Römische Frühgeschichte. Hiersemann, Stuttgart 2014 ff.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eduard Schwartz: Dionysios 113. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band V,1, Stuttgart 1903, Sp. 934–961.
  • Robert J. H. Shutt: Dionysius of Halicarnassus. In: Greece & Rome, Band 4, Nummer 12, 1935, S. 139-150.
  • Emilio Gabba: Studi su Dionigi da Alicarnasso, 1, La costituzione di Romolo. In: Athenaeum, Band 38, 1960, S. 625–642.
  • Emilio Gabba: Studi su Dionigi da Alicarnasso, 2, Il regno di Servio Tullio. In: Athenaeum, Band 39, 1961, S. 98–121.
  • H. Hill: Dionysius of Halicarnassus and the Origins of Rome. In: The Journal of Roman Studies, Band 51, 1961, S. 88–93.
  • Emilio Gabba: La 'Storia di Roma arcaica' di Dionigi d’Alicarnasso. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II.30.1, de Gruyter, Berlin 1982, ISBN 3-11-008469-4, S. 799–816
  • André Hurst: Un critique grec dans la Rome d’Auguste: Denys d’Halicarnasse. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band II.30.1, de Gruyter, Berlin 1982, ISBN 3-11-008469-4, S. 839–865
  • Emilio Gabba: Dionysios and the History of Archaic Rome. University of California Press, Berkeley 1991, ISBN 978-0-520-07302-9.
  • Valérie Fromentin: Denys d’Halicarnasse, historien grec de Rome. In: Jean Leclant, François Chamoux (Hrsg.): Histoire et historiographie dans l’antiquité. Actes du XIème colloque de la Villa Kerylos à Beaulieu-sur-Mer (= Cahiers de la Villa Kérylos. Band 11). Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris 2001, ISBN 2-877-54124-X, S. 123–142.
  • Sotera Fornaro: Dionysios von Halikarnass. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 12/1, Metzler, Stuttgart 2002, ISBN 3-476-01482-7, Sp. 635–638.
  • Anouk Delcourt: Lecture des Antiquités romaines de Denys d’Halicarnasse. Un historien entre deux mondes. Académie Royale de Belgique, Brüssel 2005, ISBN 2-8031-0214-5.
  • Anne Pinkepank: Dionysios von Halikarnassos. In: Manfred Landfester (Hrsg.): Geschichte der antiken Texte. Autoren- und Werklexikon (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band 2). Metzler, Stuttgart/Weimar 2007, ISBN 978-3-476-02030-7, S. 215–218.
  • David Engels: Zur Bedeutung der Inschriften im Geschichtswerk des Dionysios von Halikarnassos. In: Carl Deroux (Hrsg.): Corolla Epigraphica. Hommages au professeur Yves Burnand. Band 2, Éditions Latomus, Brüssel 2011, ISBN 978-2-8703-1272-8, S. 470-489.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Dionysios von Halikarnassos – Quellen und Volltexte