Energiebilanz (Ernährung)

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Unter der Energiebilanz oder dem Energiehaushalt versteht man in der Ernährungslehre die Differenz zwischen Energiezufuhr und Energiebedarf eines Menschen. Wird mehr Energie zugeführt als verbraucht, so ist die Energiebilanz positiv. Wird dagegen weniger Energie aufgenommen als verbraucht, ist sie negativ. Dieses klassische, vereinfachte Energiebilanzmodell, wie es in der Diätetik verwendet wird, ist heute umstritten.

Zusammenhänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Energiebilanz hat nach den Standardlehrwerken der Ernährungslehre einen Einfluss auf die Entwicklung des Körpergewichts: Ein langfristiges Zuviel an Energie kann letztlich in Körperfett gespeichert werden, egal ob diese durch Fett oder Kohlenhydrate bezogen wird. Proteine (dt. ‚Eiweiße‘) hingegen werden nur in geringem Umfang gespeichert.

Proteine sind am stärksten sättigend und werden natürlicherweise nicht zu viel gegessen, sie sättigen längere Zeit. Zucker und Kohlenhydrate andererseits sind am schwächsten sättigend und führen nach kurzer Zeit zu erneutem und stärkerem Hunger, deshalb können sie leicht übermäßig mit der Nahrung aufgenommen werden, vor allem durch süße Getränke (Cola, Brause, Fruchtsaft, Energydrinks).[1]

Langfristig führen hohe Gehalte an Zucker und Kohlenhydraten in der Nahrung meist zum metabolischen Syndrom, Insulin-intoleranz und schlussendlich zu Übergewicht und Fettleibigkeit,[2] heute auch schon bei Kindern und Jugendlichen.[3] Es handelt sich hier um weltweit auftretende moderne Zivilisationskrankheiten.[4] Fette enthalten jedoch, zusammen mit den Proteinen und Vitaminen, essentielle Nährstoffe, ein Überleben ist ohne sie nicht möglich. Zucker und Kohlenhydrate enthalten keine essentiellen Nährstoffe, sie werden deshalb auch leere Kalorien genannt. Auf sie kann in der Nahrung vollständig verzichtet werden, was praktisch nur unter künstlichen Laborbedingungen möglich ist, weil eiweißreiche und fettreiche Nahrungsmittel auch Kohlenhydrate enthalten.[5]

Energie wird nicht nur für körperliche Bewegung genutzt, sondern hauptsächlich für den sogenannten Grundumsatz, der dynamisch vom Körper angepasst und gesteuert wird, auch im Schlaf. Dazu gehört die Versorgung der Leber und der Skelettmuskulatur mit je etwa 26 % Anteil am Grundumsatz, gefolgt vom Gehirn mit 18 %, dem Herz mit 9 % und den Nieren mit 7 %. Die restlichen 14 % entfallen auf die übrigen Organe. Zusätzlich wird Energie verbraucht für den Aufbau, Umbau und Abbau von Zellen und für alle Stoffwechsel-Vorgänge im Körper. Zudem ist Nahrung nicht nur Energie, sondern liefert essentielle Nährstoffe: Mineralien, Spurenelemente, Vitamine, Aminosäuren und Fettsäuren, ohne die Menschen nicht überleben können. Nahrung dient neben der Energieversorgung auch dem Körperaufbau, dem Wachstum und zur Reparatur.[2]

Regelkreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Körpereigene Regelkreise, zu deren wichtigsten Faktoren Durst, Sättigung, Versorgung mit essentiellen Nahrungsmitteln (Eiweiß, Fett), Mineralien, Vitamine, Wachstum, Sexualtrieb, Alter, Appetit und Hunger gehören, steuern die Energieverwertung und damit den Energiehaushalt. Es gibt Menschen, deren Stoffwechsel die Nahrung besser verwerten („gute Futterverwerter“). Andere haben eine weniger effiziente Energieverwertung und/oder führen Energie relativ stärker in Form von Aktivität, Wärme oder von Körperausscheidungen (Darmflora) ab.

Bei Krankheit können Regelkreise gestört sein und es kann zu viel oder (etwa bei Adipositas (Fettsucht)) zu wenig Energie abgeführt werden. Einige Medikamente stören den Regelkreis ebenfalls. Bei niedriger Energiezufuhr (etwa bei Diäten (‘Schlankheitskur’), Unterernährung oder Magersucht) kann die Energie durch körpereigene Reserven ausgeglichen oder durch Raubbau umgeschichtet werden. Es sind auch Fälle von paradoxer Gewichtszunahme bei zu niedriger Energiezufuhr (Unterernährung) durch Zucker- und Kohlenhydrate-basierter Mangelernährung, z. B. in Indianerreservaten, bekannt geworden.[4] Gut trainierte Muskeln haben einen höheren Wirkungsgrad, arbeiten effizienter und brauchen weniger Energie bei gleicher Leistung. Was dabei als normal oder gesund oder krank zu beurteilen ist, ist sehr komplex.[6]

Bilanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überschreitet der Verbrauch die durch die Ernährung aufgenommene Energie, z. B. Nachts in der üblichen Schlafperiode, kann der Körper dieses Defizit nur abdecken, indem er eigene Reserven verbraucht. Der Körper reagiert jedoch auch mit verstärktem Hunger, Müdigkeit, Passivität und Antriebslosigkeit auf Zustände niedriger Energiezufuhr, klassischerweise bei Diäten zur Gewichtsreduzierung (‘Schlankheitskur’) oder Unterernährung, oder Mangelernährung mit zu viel Zucker und Kohlenhydraten. Es kommt nicht nur auf die Menge an Energiezufuhr an, sondern auch auf die Nahrungszusammensetzung und darauf, wie der Körper reagiert.[7] Interessant ist, dass sich beim Fasten (auch Heilfasten) nach zwei bis drei Tagen ein Hochgefühl durch körpereigene Hormone, mehr geistige Klarheit, Aktivität und besseres Schlafen einstellt und das Hungergefühl verschwindet.[2]

In der umstrittenen klassischen Diätetik und in den veralteten Standardlehrwerken der Ernährungslehre werden trotzdem meist nur eine Ernährungsumstellung zur Senkung der Aufnahme sowie zusätzlicher Verbrauch durch sportliche Aktivitäten empfohlen.[2] Heute ist bekannt, dass diese Empfehlungen nicht erfolgreich sind und mit den Fakten nicht übereinstimmen.[8][9][2] Konservative Ernährungsexperten kritisieren bevorzugt die Patienten, einen allgemeinen Rückgang an Willenskraft und körperlicher Bewegung sowie ein zunehmendes Risiko für Übergewicht, wobei eigentlich ihre klassische Ernährungsberatung und die Standardlehrwerke der Ernährungslehre in der Kritik stehen und auch die illegitime Einflussnahme von Seiten der Zucker-, Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie aufgedeckt wurde.[4][3][5][10][1][8][11][7][2]

Studien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine ausführliche zeitgenössische Kritik des Energiebilanzmodells, wie es in der Diätetik verwendet wird, findet sich bei Gary Taubes,[4], Robert Lustig[3] Nina Teicholz,[5] Eric Westman,[10] John Yudkin,[1] William Banting,[8] Tim Noakes.[11]

Fredrik Nyström überprüfte die Folgen einer massiven Überernährung bei Bewegungsarmut wie in Super Size Me unter Laborbedingungen.[9] Dazu verdoppelten 18 Studenten ihre Energiezufuhr durch Fastfood und vermieden dabei, sich zu bewegen. Nach dem Energiebilanzmodel hätten alle Studenten massiv zunehmen müssen. Dies war nur teilweise der Fall. Die Probanden setzen sehr unterschiedlich stark an Gewicht zu. Nur einer der Teilnehmer der Studie erreichte die kritische Grenze von 15 Prozent Gewichtszunahme und musste mit 150 kg die Studie abbrechen. Nyström sieht dieses Ergebnis als Beweis, dass ein ungesunder Lebensstil, solange man ihn nicht auf Dauer beibehalte, keine bleibenden Schäden bei gesunden Menschen anrichten muss.[12]

Eine in Science veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass es nicht nur darauf ankommt, wie viel Energie man zu sich nimmt und wie viel man sich bewegt, sondern auch darauf, wie der Körper auf überschüssige Energie reagiert.[7]

Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder, die mehr als fünf Stunden pro Tag mit Fernsehen verbrachten, statistisch ein mehr als achtfach erhöhtes Risiko für die Entwicklung von Übergewicht aufwiesen. Es handelt sich bei diesem Fund nur um eine statistische Korrelation. Die Grundursache kann hier jedoch auch falsche zuckerreiche Ernährung sein und nicht mangelnder Wille zur Bewegung oder zu wenig Bewegung.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Weissbecker: Krankheiten des Energiehaushaltes. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1099–1111.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c John Yudkin: Pur weiß, tödlich: Warum der Zucker uns umbringt - und wie wir das verhindern können. Mit einem Vorwort des Experten für Übergewicht bei Kindern Dr. Robert Liustig. riva Verlag, 2021, ISBN 3-95814-325-3.
  2. a b c d e f Jason Fung: Die Schlankformel: Warum Insulin und nicht Kalorien der entscheidende Faktor beim Abnehmen ist - Wie Sie Ihren Insulinspiegel und damit Ihr Gewicht verringern - Warum regelmäßiges Fasten der Schlüssel zum Schlankbleiben ist. riva Verlag 2017, ISBN 3-7423-0098-9.
  3. a b c Robert Lustig: Fat Chance. The Hidden Truth About Sugar, Obesity and Disease. 2014, ISBN 0-00-751414-X
  4. a b c d Gary Taubes: Good Calories, Bad Calories. 2007, ISBN 978-1-4000-4078-0
  5. a b c Nina Teicholz: The Big Fat Surprise: why butter, meat, and cheese belong in a healthy diet. Scribe UK 2015, ISBN 1-925228-10-X.
  6. Die Kalorien und das Körpergewicht. Artikel in der NZZ
  7. a b c d J. A. Levine, N. L. Eberhardt, M. D. Jensen: Role of nonexercise activity thermogenesis in resistance to fat gain in humans. In: Science. Band 283, Nummer 5399, Januar 1999, S. 212–214, ISSN 0036-8075. PMID 9880251.
  8. a b c William Banting: Letter on Corpulence (1863): With a Foreword & Commentary by Will Meadows. CreateSpace Independent Publishing Platform 2015, ISBN 1-5075-8581-0. Offener Brief über Korpulenz, an das Gesammte Publikum gerichtet.
  9. a b Kate Douglas: „Super size me“ revisited - under lab conditions. New Scientist, Ausgabe 2588 vom 27. Januar 2007
  10. a b Eric Westman: End Your Carb Confusion, Victory Belt Publishing, 2020, ISBN 1-62860-429-8.
  11. a b Tim Noakes: Real Meal Revolution: The Radical Sustainable Approach to Healthy Eating. Robinson Verlag, 2015, ISBN 978-1-4721-3569-8.
  12. New Scientist Nr. 2588 vom 27. Januar 2007