Ennahda

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
حركة النهضة
Ennahda
Logo der Ennahda
Parteivorsitzender Rachid al-Ghannouchi
Partei­vorsitzender Rachid al-Ghannouchi
General­sekretär Ali Larajedh
Gründung 6. Juni 1981
Legalisierung: 1. März. 2011
Haupt­sitz 67 Rue Om Kalthoum, Ben Arous, 1001 Tunis
Aus­richtung gemäßigt islamistisch,[1][2][3][4] islamisch konservativ[5]
Farbe(n) blau, rot
Parlamentssitze
69/217
Internationale Verbindungen Muslimbruderschaft
Website www.ennahdha.tn
Abdelfattah Mourou, einer der Gründer der Partei
Die Führung der Partei auf einer Veranstaltung 2011

Ennahda (arabisch حركة النهضة, DMG Ḥarakat an-Nahḍa ‚Bewegung der Wiedergeburt‘) oder Nahda-Bewegung ist eine islamische Partei in Tunesien. Die Partei unter Führung von Rachid al-Ghannouchi bezieht sich mit ihrem Namen auf die arabische Nahda („Wiedererwachen“, „Renaissance“) des 19. Jahrhunderts, die sich um eine Verbindung der Werte des Islams mit der Moderne bemühte.

Bei der Wahl zur Verfassunggebenden Versammlung am 23. Oktober 2011 erhielt sie nach dem vorläufigen Endergebnis als stärkste Partei 90 der 217 Sitze.[6] Zwischen 2011 und 2014 bildete sie mit Ex-Präsident Moncef Marzouki und dessen Partei Kongress für die Republik eine islamistisch-säkulare Koalition. Nachdem sie Ende 2014 bei der Wahl zur Volksrepräsentantenversammlung von der Partei Nidaa Tounes als stärkste Fraktion abgelöst wurde ist sie nun seit Februar 2015 im säkular-islamistischen Kabinett Kabinett Essid mit einem Minister vertreten. Seit dem 10. November 2015 ist sie wieder stärkste Kraft im tunesischen Parlament, da sich die Nidaa-Tounes-Fraktion spaltete.[7]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegründet wurde die Partei am 6. Juni 1981 im universitären Umfeld als „Partei der Islamischen Tendenz“ (Mouvement de la Tendance Islamique, MTI)[8] Seit 1989 nennt sie sich Mouvement Ennahdha („Nahda-Partei“);[9] in der europäischen Berichterstattung sind jedoch verschiedene Transkriptionen zu finden.

Die Gründung der Partei wurde beeinflusst durch die Islamische Revolution im Iran. Ermutigt vom dortigen Machtwechsel schlossen sich verschiedene islamistische Gruppierungen 1981 zur neuen Partei zusammen. Unter der Diktatur Ben Alis war Ennahda verboten, da die Partei das 1956 erlassene Verbot der Polygamie nicht anerkannte. Dieses Verbot galt lange in der Partei als "unislamisch". In den Folgejahren war das Verhältnis der Partei zu Ben Alis Regime ambivalent. Zwar war sie an den Parlamentswahlen 1989 nicht stimmberechtigt, doch nahmen etliche Parteimitglieder als Unabhängige daran teil und erhielten selbst nach den offiziellen Angaben zwischen 10 und 17 Prozent der Stimmen. 1991 ließ Ben Ali etwa 25.000 Anhänger Ennahdas ins Gefängnis werfen. Als Reaktion darauf kam es zu Unruhen. Unter anderem griffen Ennahda-Extremisten das Hauptquartier der Regierungspartei an, wobei sie unter anderem Gegner mit Säure bespritzten. Ein Mensch wurde bei den Übergriffen getötet.[10] Unter der Diktatur Ben Alis war Folter an der Tagesordnung, und sie richtete sich gegen jede Form von Opposition, die liberale wie die religiöse. Gerade unter Studenten und im Mittelstand war im lange Zeit säkularen und pro-westlich orientierten Tunesien eine Islamisierung und Radikalisierung festzustellen. Der palästinensisch-israelische Konflikt, der mit großer Anteilnahme verfolgt wurde, machte diese Gruppen anfällig für radikales Gedankengut.[11] Hinzu kam die desolate wirtschaftliche Lage. Bereits ein Blick auf die Homepage der Ennahda zeigte eine starke Radikalisierung. Hier war ein Traktat von Hassan al-Banna, dem Begründer der ägyptischen Muslimbrüder, wiedergegeben mit dem Titel „Sind wir ein handlungsfähiges Volk?“, das nicht nur den Dschihad als Verteidigungskrieg legitimiert, sondern ebenso Eroberungszüge wieder salonfähig macht.[12][13] Diese und andere extremistische Aussagen verschwanden nach dem Sturz Ben Alis und der Vorbereitung demokratischer Wahlen aus dem Vokabular der Partei. Kritiker unterstellen der Partei daher, sich moderat und demokratisch zu geben und ihre wahre Intention zu verbergen. Anderseits erklären Beobachter des Islamismus die zeitweilige Radikalisierung der Partei mit Ben Alis diktatorischen Methoden. Massenhafte Inhaftierungen und Anwendungen von Folter hätten sowohl die Bewegung als auch anschließend den Staat radikalisiert.

Zu Beginn der Jasminrevolution existierte keine Ennahda-Parteistruktur mehr in Tunesien, und die Partei spielte im Verlauf der Revolution nur eine geringe Rolle. Die Rückkehr von Rachid al-Ghannouchi am 30. Januar 2011 wurde jedoch zum Triumphzug. Am 1. März 2011 legalisierte die tunesische Übergangsregierung die Partei, zehntausende von Anhängern wurden aus dem Gefängnis entlassen. Ennahda baute innerhalb kurzer Zeit eine funktionierende Struktur von regionalen Untergliederungen und Jugend- sowie Frauenorganisationen auf.[10]

Politische Ausrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es bestehen innerhalb wie außerhalb Tunesiens Bedenken bezüglich der aktuell schwer einzuschätzenden Ausrichtung der Partei. Kritiker unterstellen ihr, dass die moderaten Töne bei einer Regierungsübernahme schnell wieder verklingen könnten, und weisen darauf hin, dass kein Wahlprogramm existiere, das eine rationale Grundlage für Diskussionen über Ennahda bilden könne. Ennahdas Führer betonten bislang ihre demokratische Orientierung. Ziyad Djoulati, Mitglied des Exekutivkomitees der Partei, sprach von der Notwendigkeit einer konsensorientierten Demokratie in den kommenden fünf Jahren, in der keine Partei ihre stimmenmäßige Überlegenheit bei Wahlen ausnutzt.[10] Es besteht ein enger Austausch mit der türkischen Regierungspartei AKP, die Anhänger häufig als Vorbild Ennahdas benennen.[8] In einem Interview mit Deutschlandradio Kultur, erklärte der Ennahda-Politiker Samir Dilou im Mai 2011, dass sie keine religiöse Partei, sondern eine „moderne Partei vor dem Hintergrund eines islamisch geprägten Weltbildes“, vergleichbar mit der deutschen oder italienischen Christdemokratie, sei.[14]

Am 13. November 2011 hielt der Generalsekretär der Ennahda, Hamadi Jebali, eine Parteiversammlung in Sousse zusammen mit Parlamentsabgeordneten der radikalislamischen palästinensischen Hamas ab. Jebali bezeichnete das Ereignis als einen „göttlichen“ Moment in einem „neuen Staat“ sowie „hoffentlich in einem sechsten Kalifat“, und dass die „Befreiung“ Tunesiens „mit dem Willen Gottes die Befreiung Jerusalems“ mitbringen werde.[15]

Nachdem der französische Innenminister Manuel Valls vor einem „islamistischen Faschismus“ warnte, begannen viele Ennahda-Demonstranten, antifranzösische Parolen zu rufen.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kolb, Matthias: Neubeginn nach der Revolution: Tunesiens Zukunft in den Händen moderater Islamisten, Süddeutsche Zeitung, 21. November 2011. Abgerufen am 24. November 2011.
  2. Islamistische Ennahda-Bewegung in Tunesien legalisiert, STERN, 1. März 2011. Abgerufen am 24. November 2011.
  3. Jbeli soll Tunesiens Regierung führen, ZEIT, 22. November 2011. Abgerufen am 24. November 2011.
  4. Wahl in Tunesien: Islamisten gewinnen Wahl mit großem Vorsprung, Focus, 28. Oktober 2011. Abgerufen am 24. November 2011.
  5. Ennahda feiert sich als Wahlsieger: Tunesien hat den Islam gewählt, STERN, 25. Oktober 2011. Abgerufen am 24. November 2011.
  6. Islamisten gewinnen Wahlen in Tunesien, Süddeutsche Zeitung vom 27. Oktober 2011
  7. MP resignations lead Ennhada to gain majority in Tunisian ParliamentIn: middleeastmonitor, 10. November.2015
  8. a b Reiner Wandler: Tunesiens einzige Volkspartei. In: taz. 26. Oktober 2011, abgerufen am 12. Dezember 2011.
  9. Columbia World Dictionary of Islamism, Olivier Roy and Antoine Sfeir, editors, 2007, p.354-5, zitiert nach en:Renaissance Party
  10. a b c http://www.nybooks.com/articles/archives/2011/oct/27/worried-corner-tunis/ abgerufen am 25. Oktober 2011
  11. Bruno Schirra: Der Kessel steht unter Druck. In: Die Zeit. 18/2002
  12. Hassan al-Banna: Hal nahnu qaumun `amaliyyun. (Dt.: sind wir ein handlungsfähiges Volk?). [1] (24. Februar 2006)
  13. vgl. Khadija Katja Wöhler-Khalfallah: Democracy Concepts of the Fundamentalist Parties of Algeria and Tunisia - Claim and Reality. In: International Journal of Conflict and Violence. Band 1, Nr. 1, 2007. (PDF)
  14. "Wir wollen keinen Gottesstaat" Samir Dilou im Gespräch mit Joachim Scholl. Deutschlandradio Kultur, 18. Mai 2011
  15. Mischa Benoit-Lavelle: Hamas Representative Addresses Tunisian Political Rally. In: Tunisia Live. 15. November 2011, abgerufen am 15. November 2011.
  16. http://orf.at/stories/2167003/