Christdemokratie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Christdemokratie ist eine politische Strömung und im Parteienspektrum meist den bürgerlichen Parteien zuzurechnen. Je nach Land kann eine sich christlich-demokratische nennende Partei ein unterschiedliches Spektrum politischer Meinungen ansprechen. In der internationalen Gesamtschau geht das Spektrum von der linken Mitte bis zu eindeutig rechten Positionen; das heißt jedoch nicht, dass jede einzelne Partei dieses Spektrum vollständig abdeckt. Je nach Land oder Definition gehören zur Christdemokratie auch konservative Richtungen. Sozialpolitisch ist die christliche Soziallehre eine wesentliche Position.

Manche christdemokratische Parteien sind große Volksparteien der rechten Mitte und klassische Regierungsparteien. Andere Parteien sind klein und eventuell die Vertretung von sich als Minderheit verstehenden Teilen der Bevölkerung. Es gibt in Europa eine Tendenz, dass christdemokratische Volksparteien kleiner werden und ihren christlichen Charakter aufweichen.

Im deutschsprachigen Raum verstehen sich unter anderem die CDU/CSU in Deutschland, die ÖVP in Österreich und die CVP in der Schweiz als christdemokratisch. Auf internationaler Ebene sind christdemokratische Parteien in der Christlich Demokratischen Internationalen zusammengeschlossen, in Europa in der Europäischen Volkspartei.

Ideen und Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der Wurzeln christdemokratischen Denkens sind die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik. Zugrunde liegt dabei ein Menschenbild, das dem Menschen als Geschöpf Gottes Würde, Verschiedenartigkeit, Gleichwertigkeit und Unvollkommenheit zuspricht und daraus Grundwerte wie Freiheit, demokratische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit ableitet.

Der demokratisch-soziale Gehalt trennt die Christdemokratie von den eigentlich Konservativen, die historisch nicht zuletzt den Adel vertreten haben. Von den Fundamental-Religiösen (beispielsweise radikalen Christen), aber auch von den rein Klerikalen (die die Macht der katholischen Kirche verteidigen), sind die Christdemokraten unterschieden, weil sie Toleranz für ihr Christentum einfordern und dementsprechend gegenüber anderen Weltanschauungen zumindest grundsätzlich tolerant sein müssen.

Nach der Französischen Revolution 1789 und ihren dramatischen Folgen sah sich das traditionelle Christentum in Europa einem starken Gegner ausgesetzt. Aufklärung und Liberalismus waren gegen den kirchlichen Einfluss in der Staatsführung, im Schulwesen und in der Gesetzgebung (auch der Ehestandsgesetzgebung). Darauf reagierten kirchliche Strömungen in unterschiedlicher Weise, in Deutschland etwa mit einer breiten Volksbewegung, die die Massen ansprach und politisierte. Das führte allerdings auch dazu, dass Teile des politisierten Kirchenvolks Fragen an die Geistlichkeit stellten.

Papst Leo XIII. (Amtszeit 1878–1903) verband das Streben nach kirchlicher Macht mit sozialem Engagement.

Als Gründungsschrift der politischen Christdemokratie wird allgemein die ältere päpstliche Enzyklika Rerum Novarum von demselben Papst Leo XIII. aus dem Jahr 1891 angesehen, in welcher sich der Vatikan, als Reaktion auf die Industrialisierung, erstmals mit der neuen Lage der Arbeiter auseinandersetzt. Die in ihr enthaltenen Ideen waren aber nicht neu, denn Papst Leo XIII. orientierte sich stark an Wilhelm Emmanuel von Ketteler, einem deutschen Bischof und Philosophen, und seinem im Jahre 1864 erschienenen Buch „Die Arbeiterfrage und das Christentum“, dessen inhaltliche Übereinstimmung mit Rerum Novarum groß ist.

In Frankreich entstand damals, im 19. Jahrhundert, eine Reformbewegung innerhalb der Kirche mit dem Begriff "Christdemokratie" (démocratie chrétienne). Papst Leo XIII. hat diese Richtung allerdings auf soziale Wohlfahrt eingeschränkt (Enzyklika Graves de communi re von 1901) und politisch mithin in Schranken gewiesen.

Mit der Enzyklika Quadragesimo anno aus dem Jahr 1931 von Papst Pius XI. konkretisierte die römisch-katholische Kirche, angesichts der Herausforderung totalitärer Ideologien, ihre Position der Freiheit des Einzelnen. In dieser Enzyklika wird das für die christdemokratische Philosophie grundlegende Subsidiaritätsprinzip beschrieben. Es folgt den Grundsätzen „Privat vor Staat“, also dem Vorrang der Verantwortung des Einzelnen vor der staatlichen Intervention und „Klein vor Groß“, wo der Staat handelt. Daraus ergibt sich das Prinzip, dass der Staat möglichst dezentral organisiert sein soll. Jedoch besteht auch eine Pflicht zur subsidiären Hilfe, wenn die kleinere, schwächere Einheit eine Aufgabe nicht erfüllen kann (vertieft in Mater et magistra, 1961). In Deutschland war hier unter anderem der Jesuit Oswald von Nell-Breuning einflussreicher Autor. Daneben werden auch die Schriften des Philosophen Jacques Maritain als bedeutende Inspiration christdemokratischen Gedankenguts erachtet.

Auch das Prinzip der Solidarität wird befürwortet. Die Wirtschaft soll sich in den Dienst der Menschen stellen. Daraus ergibt sich die Bändigung des Kapitalismus in der Sozialen Marktwirtschaft. Ein bedeutender Einfluss bei der Formulierung christdemokratischer Politik wurde in der Vergangenheit den Stellungnahmen der Kirchen zu Fragen der öffentlichen Moral zugeschrieben. So kommt im christdemokratischen Denken der Stellung der Familie eine besondere Bedeutung zu. Von einigen Wissenschaftlern wird der Christdemokratie zudem eine größere Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten (beispielsweise zwischen Arbeitern und Unternehmern) und eine im Vergleich zu anderen politischen Strömungen größere Bereitschaft zum politischen Kompromiss zugeschrieben. Typisch christdemokratische Parteien sind vor allem in Ländern mit einem starken katholischen Bevölkerungsanteil entstanden. Dort haben sie oftmals eine dominierende Position im Parteiensystem erlangt.

Die Christdemokratie hat sich im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert in unterschiedlichen Organisationen verwirklicht. Neben christdemokratischen Parteien brachte die Bewegung auch Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände und andere Organisationen hervor. Die Christlichen Gewerkschaften grenzten sich von den aus der sozialistischen Arbeiterschaft heraus entstandenen Gewerkschaften dabei stark ab. Teilweise wird in der Forschung sogar eine typisch christdemokratische Art des Wohlfahrtsstaates behauptet.

Arend Lijphart hat den Ansatz des consociational für die Demokratie entwickelt. Paolo Alberti und Robert Leonhardi sehen große Ähnlichkeiten mit der Christdemokratie. Beide sind aus einem pluralistischen Kontext entstanden, bei dem Eliten in einem aus Pfeilern aufgebauten Rahmen zusammenarbeiten, um das politische System zu stabilisieren. Es wird das Gemeinwohl betont und ein möglichst breiter Konsens gesucht. Die Ähnlichkeit sehen Alberti und Leonhardi in der Weise, wie in (früheren) christdemokratischen Parteien wie der italienischen Democrazia Cristiana und der niederländischen Katholieke Volkspartij soziale Gruppen aus der katholischen Welt vereint waren. Andere Parteien hatten auch Kontakte zu sozialen Gruppen, bei diesen Parteien hatten sie jedoch direkten Einfluss auf Parteiorgane und Wahllisten.[1]

Christdemokratische Parteien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute wird die Christdemokratie oftmals mit ihrer wirkungsmächtigsten Ausprägung gleichgesetzt, den politischen Parteien. Die Politikwissenschaft teilt sie bei den bürgerlichen Parteien ein. Die ersten christdemokratischen Parteien, die sich so nannten, gründeten sich um das Jahr 1830 in Belgien, Irland und Frankreich. Sie hatten eine liberal-demokratische Ausrichtung. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in Italien die ersten christdemokratischen Parteien nach heutigem Verständnis. Typisch ist eine eher Mitte-orientierte Position in Wirtschafts- und Sozialpolitik, denn sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sollen integriert werden. In soziokulturellen Fragen stehen die Parteien eher Mitte-rechts bis rechts.

Die Blütezeit der christdemokratischen Parteien bildeten die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie spielten eine besonders bedeutende Rolle in Ländern wie Italien, Deutschland, Frankreich und den Benelux-Staaten. Nach 1990 jedoch ist in mehreren Ländern ein teils drastischer Niedergang festzustellen.[2]

Die Bezeichnungen für solche Parteien gehen manchmal weit auseinander. Häufig sind die Namensbestandteile „sozial“ und „demokratisch“ oder „christlich“. In Portugal beispielsweise nennen die Christdemokraten sich Partido Social Democrata, also Sozialdemokratische Partei. In Frankreich und Wallonien wurde aus dem christlichen C ein centre (Zentrum).

Von der Bezeichnung abgesehen, schließen Christdemokraten sich nicht unbedingt großen Rechtsparteien oder Parteien der rechten Mitte an. Eventuell fühlen sie sich einer liberalen oder sozialdemokratischen Partei näher.

Belgien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Flame Yves Leterme war bis 2011 christdemokratischer Premierminister Belgiens.

In Belgien gibt es drei christdemokratische Parteien, eine für jede Sprachgemeinschaft:

Besonders in Flandern dominierten die Christdemokraten seit langer Zeit (und damit teilweise auch ganz Belgien), bis 2001 noch unter dem Namen Christelijke Volkspartij. Schon länger erhielten sie aber im Mitte-rechts-Lager beträchtliche Konkurrenz durch die liberale Open VLD. Bei der Parlamentswahl in Belgien 2010 musste sie ihre führende Rolle an die flämisch-national gesinnte Nieuw-Vlaamse Alliantie abtreten. Bereits früher sanken die Christdemokraten in Wallonien auf den Rang einer eher kleinen bis höchstens mittelgroßen Partei ab. Hier entfernten sie 2002 auch das Wort christlich aus ihrem Parteinamen. Nur die CSP konnte die größte Kraft in ihrem Gebiet bleiben, wenngleich mit weniger großem Vorsprung als früher.

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung der Parteien in Deutschland

In Deutschland gab es seit 1870 die Zentrumspartei, die allerdings zur Verteidigung des Katholizismus begründet wurde und kaum Protestanten anzog. Sie blieb mit 10 bis 20 Prozent der Stimmen allerdings relativ klein. Trotzdem hatte sie schon im Kaiserreich, etwa seit Ende der 1870er Jahre, durchaus politischen Einfluss. In der Weimarer Republik (1918–1933) hat sie sogar die meisten Reichskanzler gestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Christlich Demokratische Union Deutschlands bzw. in Bayern die Christlich-Soziale Union in Bayern gegründet (die CDU als Partei auf Bundesebene erst 1950). Beide Parteien treten nicht gegeneinander bei Wahlen an und haben eine gemeinsame Fraktion im Bundestag. Sie sprechen ausdrücklich sowohl Katholiken als auch Protestanten an, geben sich aber auch offen für religiös Ungebundene. Sie vereinen sozialliberale, wirtschaftsliberale, christlich-ethische, konservative und nationale Strömungen. Über die CSU heißt es, dass sie tendenziell weiter rechts stehe als die CDU. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik gilt die CSU hingegen als sozialstaatlicher ausgerichtet.

Die breite Sammlung hat es der CDU/CSU ermöglicht, zu einer großen Volkspartei zu werden; sie hat auch länger im Bund regiert als die andere große Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Der CDU/CSU kamen die Folgen des Zweiten Weltkriegs zugute: Der Verlust der Ostgebiete bedeutete, dass die Konservativen der Weimarer Republik ihre Hochburgen verloren hatten. Die Eingliederung der Vertriebenen bewirkte, dass es in der Bundesrepublik weniger rein katholische oder rein protestantische Gebiete gab. Konservativ-regionalistische Parteien wie die Deutsche Partei oder die Bayernpartei wurden durch die Wahlrechtsänderungen von 1953 und 1957 bedrängt, denen zufolge eine Partei nicht nur pro Bundesland, sondern im gesamten Bundesgebiet die fünf Prozent überspringen muss und nicht nur ein Direktmandat, sondern drei zum alternativen Überspringen notwendig sind. Außerdem hat die Lizenzierungspolitik der Besatzungsmächte bis 1950 zunächst das Entstehen von offen antidemokratisch rechten Parteien verhindert.[3]

Neben der CDU/CSU gibt es in Deutschland auch klerikale oder fundamental-religiöse Parteien, wie die Christliche Mitte oder das Bündnis C – Christen für Deutschland. Sie haben aber bisher nirgendwo Einzug in Parlamente gehalten.

In der DDR gab es die Blockpartei Christlich-Demokratische Union Deutschlands (CDU).

Frankreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Vorläufer der französischen Christdemokratie kann die 1894 von dem damals noch jugendlichen Marc Sangnier ins Leben gerufene Bewegung Le Sillon („Die Furche“) gelten, die christlichen Arbeitern eine Alternative zum Materialismus und Antiklerikalismus der Sozialisten bieten wollte.[4] In der Zwischenkriegszeit gab es dann die Parti Démocrate Populaire (PDP) als christdemokratische Partei, die jedoch nur Wahlergebnisse von etwa 3 % erreichte.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand mit dem Mouvement républicain populaire (MRP; „Volksrepublikaner“) eine starke christdemokratische Strömung, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit stärkste bürgerliche Partei war (etwa gleichauf mit den Kommunisten) und mehrmals den Regierungschef stellte. Mit Robert Schuman brachte sie zudem einen der wichtigsten Architekten der Europäischen Integration hervor. Schon bald wurde sie aber von den nationalkonservativen Gaullisten überflügelt, an die sie einen Großteil ihrer Wähler verlor.

Nachdem die Verfassung der V. Republik in Kraft getreten war, die ihre Bedeutung noch weiter sinken ließ, benannte sich die MRP in Centre démocrate um und spaltete sich 1969 anhand der Frage, ob man den gaullistischen Präsidentschaftskandidaten Georges Pompidou unterstützen sollte. 1976 fusionierten beide christdemokratische Parteien wieder zum Centre des démocrates sociaux (CDS), das bis 1995 als Bestandteil des zur Unterstützung von Valéry Giscard d’Estaing gegründeten bürgerlichen Parteienbündnisses Union pour la démocratie française (UDF) bestand. Das CDS fusionierte 1995 mit der sozialdemokratischen, ebenfalls zur UDF gehörenden Parti social-démocrate (PSD) zur Force démocrate (FD), anschließend gab es keine wirkliche christdemokratische Partei mehr in Frankreich. Das Wahlbündnis UDF wurde 1998 in eine einheitliche Partei umgewandelt. Die meisten ihrer Funktionäre stammten jedoch aus der christdemokratischen Traditionslinie des CDS.

Die Gaullisten haben etwa seit den 1970er-Jahren verstärkt auch die rechte Mitte besetzt, was dazu führte, dass für die Parteien der politischen Mitte immer stärkere Konkurrenz entstand und diese an Bedeutung verloren. Als Reaktion darauf wurde 2001 das (post-)gaullistische Rassemblement pour la République (RPR) als französisches Mitglied in die eigentlich christdemokratische Europäische Volkspartei (EVP) aufgenommen. Die UDF verließ hingegen 2004 die EVP, die sich aus ihrer Sicht zu weit nach rechts geöffnet habe und von ihren europäisch-föderalistischen Positionen abgerückt sei, und beteiligte sich stattdessen an der Gründung der Europäischen Demokratischen Partei (EDP).[6] Nachdem sich ab 2002 das Mitte-rechts-Lager umformierte, ging ein Teil der UDF als Nouveau Centre zum aus der RPR hervorgegangenen rechten Präsidentenlager (UMP) über, der Rest benannte sich in Mouvement démocrate (MoDem) um und positionierte sich in der Mitte zwischen den beiden großen politischen Lagern. Des Weiteren ist der Christdemokratie auch die Kleinpartei Forum des républicains sociaux (FRS) bzw. seit 2009 Parti chrétien-démocrate (PCD) zuzuordnen, die den Status einer assoziierten Partei der UMP (seit 2015 Les Républicains) hat.

Niederlande[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

September 1980: Die letzte Sitzung der Anti-revolutionaire partij vor der Fusion zum CDA.

In den Niederlanden gab es bis 1980 drei große christliche Parteien, von denen die Katholieke Volkspartij die größte war. Mit den beiden kleineren protestantischen (calvinistischen) Parteien ARP und CHU trat sie bei den Wahlen 1977 erstmals mit einer gemeinsamen Liste an, 1980 folgte der formelle Zusammenschluss von KVP, ARP und CHU zum Christen Democratisch Appèl. Die Partei gilt als Mitte-rechts und klassische Regierungspartei: In den Jahren 1977–1994 und 2002–2010 hat der CDA den Ministerpräsidenten gestellt. Hatten die drei Parteien 1963 zusammen noch knapp die Hälfte aller Wählerstimmen erhalten, waren es 1972 nicht einmal ein Drittel. 2010 fiel der CDA auf 13,6 Prozent und 2012 auf rund acht. Damit gehört sie größenmäßig allenfalls noch dem unteren Mittelfeld an und hat ihre früher dominierende Position an die Rechtsliberalen (VVD) abgeben müssen. In den Provinzen ist sie teils noch stärker als auf Landesebene.

Daneben sind im Parlament zwei weitere christliche (wenngleich nicht wirklich christdemokratische) Parteien vertreten. Sie werden als „orthodox-calvinistisch“ bezeichnet. Die ChristenUnie ähnelt den christlichen Parteien Skandinaviens. Sie wurde 2001 als Zusammenschluss älterer Parteien (GPV und RPF) gegründet und vertritt streng religiöse Calvinisten. Sie steht in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen sowie den bei den Themen Umweltschutz und Flüchtlinge in der linken Mitte, während sie in ethischen und gesellschaftlichen Fragen streng konservative Positionen bezieht (Abtreibung, Drogen, Homosexuellenehe, Sterbehilfe). Die theokratische Staatkundig Gereformeerde Partij (SGP) ist religiös noch strenger bis fundamentalistisch, in besonderem Maße monarchistisch und fordert die absolute Einhaltung der Sonntagsruhe sowie das Verbot zu Fluchen. National und international ist sie dafür kritisiert worden, dass sie Frauen in der Politik ablehnt. Diese beiden Parteien haben niedrige, aber stabile Wahlergebnisse. Die ChristenUnie hat auch bereits Regierungserfahrung (2007–2010). Davon abgesehen gab es in der Vergangenheit auch kleine linkschristliche Parteien, zuletzt die Evangelische Volkspartij, die 1991 in GroenLinks aufgegangen ist.

Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der katholische Priester Luigi Sturzo gilt als einer der Gründungsväter der europäischen Christdemokratie.

Die 1919 gegründete Partito Popolare Italiano (PPI) Don Luigi Sturzos war eine der ersten christdemokratische Parteien in Europa und damit Vorbild für viele Parteigründungen in anderen Ländern. Aus ihr ging 1942 die Democrazia Cristiana hervor, die bis etwa 1992/1993 die dominierende politische Kraft Italiens war und bis in die 1980er Jahre durchgehend den Ministerpräsidenten stellte. Dazu war allerdings oft eine Koalition mehrerer Parteien notwendig, wobei die DC selbst bereits ein Bündnis verschiedener Richtungen ausmachte, von eher linken Gewerkschaftern bis hin zu konservativen Kräften. Insgesamt war die Partei in der politischen Mitte verankert.

Nach großen Korruptionsskandalen anfang der 1990er Jahre sank die Partei 1992 erstmals unter einen Wähleranteil von dreißig Prozent, verlor weiter an Zusammenhalt und löste sich 1993 auf. Ihre Nachfolgepartei hieß wiederum Partito Popolare Italiano, verfügte jedoch nur noch über einen Wähleranteil von etwa 10 %, bis sie 2002 mit verschiedenen – auch nicht-christdemokratischen – Parteien der (linken) Mitte zu La Margherita verschmolz.

Aus den Trümmern der DC entstanden bald Nachfolgeparteien, die es bereits nicht mehr gibt. Als eigenständige christdemokratische Partei war zuletzt in den 2000er-Jahren die Unione dei Democratici Cristiani e di Centro mit Wahlergebnissen von fünf oder sechs Prozent am bedeutendsten; 2013 fiel sie auf 1,8 Prozent. Sie steht in der Mitte, vertritt aber auch rechtskonservative Positionen (zum Beispiel mit Bezug auf Abtreibung und Homo-Ehe).

Viele christdemokratische Politiker und Wähler gingen ab 1994 zur Forza Italia Silvio Berlusconis über, die 1999 — obwohl sie eigentlich keine christdemokratische Partei war – in die Europäische Volkspartei (EVP) aufgenommen wurde. La Margherita, Nachfolgepartei der PPI (und damit indirekt der Democrazia Cristiana) verließ hingegen 2004 die EVP, die ihr zu konservativ geworden und nicht mehr pro-europäisch genug war, und beteiligte sich stattdessen an der Gründung der Europäischen Demokratischen Partei (EDP).[6] Inzwischen sind ehemalige Christdemokraten über die großen Parteienbündnisse und neuen Parteien sowohl der linken als auch rechten Mitte verstreut. Es ist von einer „christdemokratischen Diaspora“ die Rede.[7][8]

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Schweiz ist die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) die führende Kraft des christdemokratischen Lagers. Die CVP ging aus der 1882 gegründeten und bald staatstragenden Katholisch-Konservativen Partei hervor und ist heute noch in traditionell katholischen Gebieten (Zentralschweiz, Wallis, Appenzell Innerrhoden) besonders stark. Im politischen Spektrum der Schweizer Parteien nimmt die CVP eine Mittelposition ein. Infolge der fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft und unter dem Druck der zunehmend auch in katholischen Kantonen erfolgreichen nationalkonservativen Schweizerische Volkspartei (SVP) leidet sie seit den 1970er-Jahren unter einem steten Wählerschwund. Dennoch ist sie in allen Kantonsparlamenten vertreten und stellt seit den Schweizer Parlamentswahlen 2011 27 der 200 Nationalräte und 13 der 46 Ständerate. Heute stellt sie mit Doris Leuthard nur noch eine der sieben Bundesräte (von 1959 bis 2003 waren es gemäß der „Zauberformel“ zwei).

Lediglich in einzelnen Kantonen aktiv ist die wesentlich kleinere Christlich-soziale Partei (CSP), die derzeit im Bundesparlament nicht vertreten ist. Auch die kleine Evangelische Volkspartei (EVP) kann dem christdemokratischen Spektrum zugeordnet werden. In sozioökonomischen Fragen, Bildungs-, Umwelt-, Ausländer- und Asylpolitik steht sie vergleichsweise links, in Bezug auf wertegebundenen Themen wie Sterbehilfe, Abtreibung oder Homo-Ehe ist sie hingegen entschieden konservativ.

Skandinavien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Skandinavien sind keine christdemokratischen Parteien im eigentlichen Sinne entstanden. Dort dominieren in der Mitte und rechts konservative, nationalliberale und zentristische (Mitte-orientierte) Parteien. Es gibt durchaus christliche Parteien, deren Stärke bei wenigen Prozentpunkten liegt. Sie vertreten Minderheiten, nämlich nicht die lutherischen Staatskirchen, sondern unabhängige Gruppen stark religiöser Erneuerer. Ferner sind diese Parteien relativ jung. Trotzdem konnten sie etwa seit 1990 politischen Einfluss erlangen und haben auch an Regierungen teilgenommen.[9]

Die Parteien im Einzelnen:

Südamerika[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christdemokratische Parteien sind in Südamerika seit den 1940er-Jahren entstanden. Besonders die Partido Demócrata Cristiano in Chile sowie das COPEI in Venezuela wurden mächtige politische Kräfte in ihren Ländern. Das gilt auch für mittelamerikanische Länder wie Costa Rica, Nicaragua und El Salvador.

Ostmitteleuropa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem 1989 in Ostmitteleuropa die kommunistischen Systeme zusammenbrachen, entstanden auch dort christdemokratische Parteien. Ihr Einfluss und ihre Bedeutung ist sehr unterschiedlich. Hier spielen auch die jahrzehntelangen atheistischen Traditionen eine für diese Parteien negative Rolle. Eine Ausnahme ist das traditionell katholisch geprägte Polen. Aber auch dort haben sich paradoxerweise keine christdemokratischen Parteien im engeren Sinne entwickelt, sondern nur Parteien, die einzelne Elemente der Christdemokratie aufgriffen.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Winfried Becker (Hrsg.): Lexikon der christlichen Demokratie in Deutschland. Schöningh, Paderborn 2002.
  • Günter Buchstab, Rudolf Uertz (Hrsg.): Christliche Demokratie im zusammenwachsenden Europa. Entwicklungen, Programmatik, Perspektiven. Herder, Freiburg 2004.
  • Michael Gehler, Wolfram Kaiser, Helmut Wohnout (Hrsg.): Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien u.a. 2001, ISBN 3-205-99360-8.
  • Michael Gehler, Wolfram Kaiser: Christian Democracy in Europe Since 1945. Routledge, London/New York 2004.
  • Timotheos Frey: Die Christdemokratie in Westeuropa. Der schmale Grat zum Erfolg. Nomos, Baden-Baden 2009, ISBN 978-3-8329-4264-9.
  • Stathis N. Kalyvas: The rise of Christian Democracy in Europe. Cornell University Press, Ithaca 1996.
  • Wolfram Kaiser: Christian Democracy and the Origins of European Union. Cambridge University Press, Cambridge/New York 2007.
  • Thomas Köhler, Christian Mertens, Michael Spindelegger (Hrsg.): Stromaufwärts. Christdemokratie in der Postmoderne des 21. Jahrhunderts. Wien u.a. 2003, ISBN 3-205-77112-5.
  • Hans Maier: Revolution und Kirche. Zur Frühgeschichte der christlichen Demokratie. C.H. Beck, München 2006.
  • Scott Mainwaring, Timothy R. Scully (Hrsg.): Christian Democracy in Latin America. Electoral Competition and Regime Conflicts. Stanford University Press, Stanford (CA) 2003.
  • Maria Mitchell: The Origins of Christian Democracy. Politics and Confession in Modern Germany. University of Michigan Press, Ann Arbor 2012.
  • Steven Van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, Leuven 2004.
  • Kees van Kersbergen: Social Capitalism. A Study of Christian democracy and the welfare state. Routledge, London 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Christdemokratie – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Paolo Alberti, Robert Leonardi: The Consociational Construction of Christian Democracy. In: Steven Van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, Leuven 2004, S. 21–41, hier S. 31/32.
  2. Zum Niedergang siehe Steven Van Hecke: A Decade of Seized Opportunities. Christian Democracy in the European Union. In: Steven van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, 2004 (= KADOC Studes on Religion, Culture and Society 1), S. 269–295, hier S. 274.
  3. Ute Schmidt: Die Christlich Demokratische Union Deutschlands. In: Richard Stöss (Hrsg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945–1980. Sonderausgabe. Westdeutscher Verlag, Opladen 1986 (1983), S. 490–660, hier S. 490, S. 494/495.
  4. Jean-Claude Delbreil: Le parti démocrate populaire. Un parti démocrate chrétien français de l’entre-deux-guerres. In: Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2001, S. 77.
  5. Jean-Claude Delbreil: Le parti démocrate populaire. Un parti démocrate chrétien français de l’entre-deux-guerres. In: Christdemokratie in Europa im 20. Jahrhundert. Böhlau, Wien 2001, S. 78.
  6. a b David Hanley: Beyond the Nation State. Parties in the Era of European Integration. Palgrave Macmillan, Basingstoke (Hampshire) 2008, S. 121.
  7. Emmanuel Gerard, Steven Van Hecke: European Christian Democracy in the 1990s. Towards a Comparative Approach. In: Christian Democratic Parties in Europe Since the End of the Cold War. Leuven University Press, 2004, S. 297–318, auf S. 316.
  8. Gianfranco Pasquino: Italy. The Never-ending Transition of a Democratic Regime. In Josep M. Colomer: Comparative European Politics. 3. Auflage, Routledge, Abingdon (Oxon)/New York 2008, S. 135–172, auf S. 140.
  9. John T.S. Madeley: Life at the Northern Margin. Christian Democracy in Scandinavia. In: Steven Van Hecke, Emmanuel Gerard (Hrsg.): Christian Democratic Parties in Europe since the End of the Cold War. Leuven University Press, Leuven 2004, S. 217–241, hier S. 219.
  10. Tim Bale, Aleks Szczerbiak: Why is there no Christian Democracy in Poland (and why does this matter)? SEI Working Paper No. 91. Sussex European Institute, Brighton, Dezember 2006.