Eule der Minerva

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Athenisches Vierdrachmenstück mit dem behelmten Kopf der Pallas Athene auf der einen und der Eule auf der anderen Seite

Die Eule der Minerva oder auch Eule der Athene ist einerseits ein affirmatives Symbol von Klugheit und Weisheit und andererseits als Nachteule eine negative Metapher der älteren, philosophischen Erkenntnistheorie.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die etruskische Göttin Menrva mit dem Attribut der Eule auf ihrem Schild

Die Eule – genau genommen der Steinkauz (Athene noctua) – war der griechischen Göttin Athene, der Göttin der Weisheit und der Stadtgöttin Athens, heilig. Dort war dieser Greifvogel an den Hängen der Akropolis nicht selten, vor allem auf Gemmen und athenischen Münzen waren Abbildungen der Eule der Athene weit verbreitet.[1] Der Komödiendichter Aristophanes prägte um 400 v. Chr. die Redensart Eulen nach Athen tragen für eine überflüssige, sinnlose Handlung.[2]

In der römischen Mythologie wurde Minerva mit Athene gleichgesetzt und ihr eine Eule symbolisch beigestellt. Auch bei den Etruskern war die Eule ein Attribut der Menrva. Man nimmt überwiegend an, dass die Göttin Menrva etruskischen Ursprungs ist und später als Minerva von den Römern und anderen italischen Kulturen übernommen wurde.[3]

In der Antike war der Symbolgehalt der Eule vielfältig: Als Tier der Minerva/Athene, einer Kopfgeburt im wörtlichen Sinne, stand sie für Weisheit und Klugheit, gleichzeitig war sie aber auch als Unglücks- und Todesvogel gefürchtet.[4] Aristoteles nutzt sie in seiner Metaphysik als Vergleichsbild für Erkenntnisschwierigkeiten, da Nachteulen tags schlecht sähen. Diese Metaphorik findet sich auch bei Thomas von Aquin (Summa contra gentiles, quaestio 45).[5]

Verwendung in der Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Symbol der Illuminaten: Die Eule der Minerva. Druckgraphik aus dem Jahr 1776

In der Neuzeit überwiegt die Assoziation der Eule mit Intellektualität und Rationalität. Der Illuminatenorden, eine radikalaufklärerische Geheimgesellschaft, die von 1776 bis 1785 existierte, verwendete die Eule, die zusätzlich noch auf einem aufgeschlagenen Buch saß, als Symbol der Weisheit.[6]

Der deutsche Philosoph Georg Friedrich Hegel verglich 1820 in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts die Philosophie mit der dämmerungsaktiven Eule der Minerva:

„Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“[7]

Die Philosophie sei wie eine Eule, die erst in der Abenddämmerung umherzufliegen beginne; sie könne erst Erklärungen liefern, wenn die zu erklärenden Phänomene bereits Geschichte seien. Philosophen könnten immer nur Vergangenes deuten. Die Philosophie setze mithin Wirklichkeitserfahrung voraus und könne nicht aus sich selbst heraus utopische Phantasien entwickeln; es gehe ihr immer um die Erkenntnis dessen, was ist.[8] Als erweiterter Metaphernkontext bei Hegel ist die Farbsymbolik schwarz-weiß-grau, als eine Dialektik der Sehverhältnisse und Hegels Einschätzung der Philosophie als der verkehrten Welt philosophisch bedeutsam.[9] In der Ideengeschichtlichen Forschung sind einige Rückdeutungen, woher Hegel zu dieser Metapher inspiriert worden sein könnte, versucht worden. Jacque d´Hondt rekurriert dabei auf ein revolutionsinformierendes Journal namens Minerva[10] und Klaus Vieweg verweist auf eine Skulptur der Pallas Athene an einer Heidelberger Brücke.[11] Beide Deutungen zielen jedoch auf die Göttin und nicht auf die Nachteule, welche die eigentliche Metaphorik semantisch trägt.[12]

Ein jüngerer Ansatz rekonstruiert die Eulen-Metaphorik über den Hegel bekannten, aber heutzutage relativ unbekannten, philosophischen Schriftsteller Jacob Hermann Obereit: In seiner Flugschrift Des Sprechers Nachteule. Avertissement[13] (Jena 1795), das in einem Exemplar von Goethe erhalten ist (Goethes Bibliothek, Ruppert-Nr. 3106), findet man zeitlich vor Hegel, aber zeitlich wie örtlich diesem sehr nahe stehend, nicht nur eine affirmative Eulen-Metaphorik, sondern auch die Redeweise von einer umgekehrten Welt: „Nachteule der weisen Dunkelheit, die im Finstern Licht sieht und herwinkt [... eine] Beobachterin auch im Finstern mit blitzenden perspektivischen Augen.“ (Avertissement: vi) „Willkommen! Eine Nachteule, die, im Dunkeln, Licht sieht, und im Lichte dunkel, die umgekehrte Welt! Ein schöner Vogel der Minerva!“[14]

Rezeption der Hegelschen Metaphorik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dies ist einer der meistzitierten Aussprüche Hegels. Nach Ansicht Ernst Blochs handelt es sich um eines der großen Gleichnisse der Weltliteratur, „eines, das Shakespeares würdig wäre“.[15][16] Karl Ludwig Michelet ergänzte 1827 im Gespräch mit Hegel, die Philosophie sei nicht nur Eulenflug, sondern „auch Hahnenschlag eines neu anbrechenden Morgens […], der eine verjüngte Gestalt der Welt ankündigt“.[17] Herbert Marcuse kritisiert anhand Hegels Eulenmetapher den resignativen Zug von dessen Philosophie, die sich nicht mehr getraue, die Welt zu verändern.[18] Louis Althusser versteht den Ausspruch als Metapher für die scheinbare Ewigkeit des Bestehenden: Hegels Philosophie sei nur Selbstreflexion seiner Gegenwart, die er gedanklich nie habe transzendieren können.[19]

Eine Münze mit der Eule ist Teil des Logos der 1995 gegründeten European Society for the History of Economic Thought (ESHET).

Das Wappen des Schweizer Orts Montagnola

Die Schweizer Ortschaft Montagnola trägt die Eule der Minerva im Wappen. Sie sitzt auf einem Zirkel, wobei das Wappen der politischen Gemeinde Collina d’Oro, deren Teil Montagnola ist, den dazugehörigen Winkel ziert.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Eule der Athene – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christian Hünemörder: Eulen. In: Der Neue Pauly. Metzler, Stuttgart und Weimar 1998, Sp. 247.
  2. Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. 39. Auflage, bearbeitet von Winfried Hofmann. Ullstein, Berlin 1993, S. 304
  3. Nancy Thomson de Grummond: Etruscan Myth, Sacred History and Legend. University of Pennsylvania, Philadelphia 2006, ISBN 9781931707862, S. 71.
  4. Will Richter: Eulen: In: Der Kleine Pauly. dtv, München 1979, Bd. 4, Sp. 421 f.
  5. Für einen ideengeschichtlichen Überblick Jörg Hüttner und Martin Walter: Die Eule der Minerva aus vorhegelscher Perspektive: Obereits Avertissement (1795) an Goethe. In: Hegel-Studien 53/54 (2020), S. 301ff.
  6. Manfred Agethen: Geheimbund und Utopie. Illuminaten, Freimaurer und deutsche Spätaufklärung. Oldenbourg, München 1987, S. 150; Joachim Körber: Die Wissenschaft bei Dan Brown. Wiley-VCH Verlag, Weinheim 2009, S. 197.
  7. Georg Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972, S. 14.
  8. Gabriel Amengual: Die Ungleichzeitigkeit der Philosophie. Die Philosophiegeschichte in ihrem gesamthistorischen Kontext. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Hegeljahrbuch 1997: Hegel und die Geschichte der Philosophie. Bd. 1, Akademie-Verlag, Berlin 1998, S. 107
  9. Jörg Hüttner und Martin Walter: Die Eule der Minerva aus vorhegelscher Perspektive: Obereits Avertissement (1795) an Goethe. In: Hegel-Studien. Band 53/54, 2020, S. 305 ff.
  10. Jacques d´Hondt: Verborgene Quellen des Hegel´schen Denkens. Berlin 1972, S. 11 f.
  11. Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit -- Biographie. München 2019, S. 425.
  12. Vgl. Hüttner / Walter, S. 301–302.
  13. Jakob Hermann Obereit: Des Sprechers Nachteule : Avertissement von der Herausgabe einer endlich real-kritischen Final-Vernunft-Kritik und darzu allgemein zielfüglichen Syntheokritik : Auf die Oster-Messe 1795. Abgerufen am 17. November 2020.
  14. Vgl.: Hüttner / Walter, S. 315.
  15. Ernst Bloch: Subjekt – Objekt. Erläuterungen zu Hegel. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 231
  16. Siehe auch in: Wolfgang Fritz Haug: Eule der Minerva. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 3 (online, Zugriff am 24. Mai 2016).
  17. Gabriel Amengual: Die Ungleichzeitigkeit der Philosophie. Die Philosophiegeschichte in ihrem gesamthistorischen Kontext. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Hegeljahrbuch 1997: Hegel und die Geschichte der Philosophie. Bd. 1, Akademie-Verlag, Berlin 1998, S. 107
  18. Herbert Marcuse: Vernunft und Revolution: Hegel und die Entstehung der Gesellschaftstheorie. Luchterhand, 1962, S. 166
  19. Louis Althusser et al.: Lire le Capital, Bd. 1, Paris 1968, S. 124 f.