EuroCom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Methode EuroCom versteht sich als ein interkomprehensionsdidaktisch basiertes Verfahren, das den Europäern den Erwerb der Mehrsprachigkeit erleichtern will.

EuroCom nutzt dabei die Möglichkeiten, die nahverwandte Sprachen füreinander bieten, um über die Kenntnis einer Brückensprache rezeptive Kompetenz, zunächst Lesekompetenz und in einer späteren Stufe Hörverstehen innerhalb einer Sprachfamilie zu erreichen. Durch interkomprehensionsdidaktische Ansätze wie EuroCom erkennt der Lerner, dass er durch die Kenntnis seiner Muttersprache, meist kombiniert mit Englischkompetenzen, bereits unerwartet viel an interlingualem Wissen besitzt, um einen positiven Transfer (Identifikationstransfer) von einer Brückensprache zu einer nahverwandten Zielsprache zu realisieren. Es gelingt ihm die Anwendung von interlingualen Erschließungsstrategien und seines sprachlernrelevanten Vorwissens in kurzer Zeit, Texte aus Zeitungen und Zeitschriften sowie Fachtexte in nahverwandten Sprachen zu verstehen. Aufbauend auf der so gewonnenen Lesekompetenz lassen sich weitere Teilkompetenzen (bedarfsorientiert) rasch entwickeln.

EuroCom richtet sich vor allem an Lehrende und Studierende einer Brückensprache. Hierzu ist für die romanische Sprachenfamilie in Kooperation zwischen den Universitäten Frankfurt (EuroComRom), Gießen (EuroComDidact) und der Fernuniversität in Hagen|FernUni Hagen sowie finanzieller Förderung durch NRW eine CD «Die sieben Siebe» entwickelt worden, die u. a. in der Lehrer(fort)bildung genutzt werden kann. Weitere on-line Materialien zur Nutzung und Verbreitung rezeptiver Analysemethoden entstehen in der Zusammenarbeit mit der TU Darmstadt unter finanzieller Beteiligung von Hessen Media.

Das für die romanische Sprachengruppe entwickelte Lehrwerk EuroComRom filtert mit den «Sieben Sieben» aus den (nahverwandten) romanischen (dem Lerner angeblich unbekannten) Sprachen so viel an Bekanntem heraus, dass rezeptive Mehrsprachigkeit mühelos erreicht wird. Schon nach wenigen Übungssitzungen wird der Lerner in der Lage versetzt, Texte in einer ganzen Gruppe von Sprachen zu verstehen. Der Lerner entwickelt hierbei „allgemeine Sprachlernkompetenz“. Sie unterstützt ihn dabei, die schon bekannten und die neu entdeckten sprachlichen Schemata miteinander zu vernetzen. Britta Hufeisen und Nicole Marx haben 2007 nach dem romanischen Muster einen ersten Band für die germanischen Sprachen (EuroComGerm) herausgegeben,[1] Janet Duke 2019 einen zweiten Band für die weniger gelernten, sog. „kleinen“ Sprachen.[2]

Jüngere empirische Studien haben gezeigt, dass mutter- oder zweitsprachlich-deutschsprachige Lerner erfolgreich mithilfe der Interkomprehensionsdidaktik ihre Sprachenkenntnis erweitern und vertiefen: Sie erwerben sehr rasch Leseverstehen in neuen Sprachen und verbreitern ihre Kenntnis in den ihnen schon geläufigen Sprachen. Der Grund hierfür liegt in der Bidirektionalität von Transfereffekten (von der Brückensprache zu den Zielsprachen – und zurück). Interkomprehensionsmethoden wie EuroComRom oder EuroComGerm (für die Slawinen: siehe Tafel 2009) erleichtern auch den Zugang zu den weniger gelernten, sog. „kleinen“ Sprachen einer Sprachfamilie.

Die sieben Siebe des EuroComRom[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wortschatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden ersten Siebe betreffen den Wortschatz. Da im Erscheinungsjahr der 2. Auflage der Sieben Siebe die lexikodidaktischen bzw. lexikometrischen Studien noch nicht vorlagen, wird an dieser Stelle auf den Kernwortschatz der romanischen Mehrsprachigkeit (KRM) verwiesen. Er stellt auf der Grundlage der computerlinguistischen Frequenzlexikographie die 5000 häufigsten Wörter des Französischen, Italienischen, Portugiesischen und Spanischen sowie ihrer englischen und deutschen Entsprechungen zusammen. Der KRM ist einerseits ein wichtiges Tool für die Optimierung des Inputs des Unterrichts romanischer Sprachen.

Lautentsprechungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das dritte Sieb betrifft die Lautentsprechungen [LE] zwischen den Sprachen Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Rumänisch und Spanisch. Viele, insbesondere sehr häufige Wörter sind auf den ersten Blick nicht leicht als verwandt zu erkennen. EuroCom stellt hierzu alle wesentlichen Lautentsprechungsregeln vor. Die Autoren, Horst G. Klein & Tilbert D. Stegmann, sprechen vom "Demaskieren" solcher interlingual nicht auf Anhieb identifizierbarer Wörter. Ein Beispiel: So kann man ohne größeren Lernaufwand – ausgehend von jeweils einem Musterbeispiel («wenn frz. nuit dem sp. noche und it. notte entspricht, dann entspricht dem frz. lait sp. leche und it. latte») – eine Fülle von scheinbaren, zwischensprachlichen Abweichungen durchschauen und diese Wörter in ihrem anderen Gewand wiedererkennen.

Graphien und Aussprachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das vierte Sieb bezieht sich auf die Graphien und Aussprachen [GA]. Die romanischen Sprachen benutzen zwar für die meisten Laute die gleichen Buchstaben zur Schreibung, aber einzelne orthographische Lösungen sind jeweils verschieden und behindern das Erkennen von Wort- und Sinnverwandtschaft. EuroCom macht diese Unterschiede in einer Übersicht systematisch bewusst, zeigt die Logik der orthographischen Konvention, die sich jede Sprache gegeben hat, und entschärft damit die Stolperstellen für die Interkomprehension. Der Lerner braucht seine Aufmerksamkeit nur gezielt auf ganz wenige Phänomene zu lenken. Parallel dazu werden einige Aussprachekonventionen transparent gemacht und herangezogen, um Wörterverwandtschaften aufzuzeigen: verschieden geschriebene Wörter werden als ähnlich lautende aufgedeckt.

Kernsatztypen (syntaktische Strukturen)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das fünfte Sieb nutzt den Vorteil, dass die neun Kernsatztypen [KS] in allen romanischen Sprachen strukturell identisch sind. Wer sich dieser Tatsache aufgrund der Kenntnis einer einzigen romanischen Sprache bewusst ist, kennt schon die basale Grammatik der romanischen Schwestersprachen: Positionen von Artikeln, Nomen, Adjektiven, Verben, Konjunktionen, Relativ-, Konditionalsätze, Wortstellung u. a. m. Auf der Grundlage dieser Kenntnis lassen sich Besonderheiten einzelner Sprachen („Profilphänomene“) gut isolieren und mit kurzen Hinweisen verständlich machen.

Morphosyntaktische Strukturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das sechste Sieb stellt die Morphosyntax [MO] der genannten Zielsprachen vor («Woran erkennt man eine 1. Pers. Plur. bei romanischen Verben?»).

Präfixe und Suffixe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das siebte Sieb schließlich, die Listen der Präfixe und Suffixe [FX], erleichtert die Sinnerschließung zusammengesetzten Wörter und unterstützt die Dekomposition lexikalischer Strukturen.

Die Sieben Siebe und der KRM des EuroComRom erlauben Lernern mithilfe von sieben Filtern die Identifikation eines umfangreichen Inventars lexikalischer und grammatischer Strukturen, und zwar für immerhin sechs Sprachen. Damit öffnet EuroComRom (auch) deutschsprachigen Lernerinnen und Lernern das Tor zu den zunächst rezeptiven Kompetenzen in allen romanischen Sprachen[3].

Der Kernwortschatz der romanischen Mehrsprachigkeit (KRM)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der KRM ist eine elektronische Datenbank, welche die Zielsprachen Französisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch mit den disambiguierenden Sprachen Deutsch und Englisch umfasst. Die Datenbank ordnet ihr Material in ca. 9555 Serien. Ca. 50 Selektoren erlauben die Umstrukturierung – des Inventars bzw. seine Auswahl nach bestimmten pädagogische Kriterien, zu denen das Maß der interlingualen Transparenz oder Opazität gehört. Die geschützte Datenbank speist unterschiedliche Lernapps EuroComDidact ToGo. Eine nähere Beschreibung findet sich auf der Homepage von EuroComDidact.

Die Sieben Siebe des EuroComGerm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sieben Siebe des EuroComGerm wurden im Jahre 2007 (überarbeitet 2014) von einem Germanistenteam unter der Leitung von Britta Hufeisen und Nicole Marx herausgegeben. Es handelt sich um ein Parallelwerk zu EuroComRom.[1] Ein zweiter Band über die „seltener gelernten germanischen Sprachen“ gab Janet Duke 2019 heraus.[2]

Weitere interkomprehensionsdidaktische Einführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Slawinen ist zumindest die 2009 herausgekommene Einführung von Karin Tafel u. a. zu erwähnen.[4]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Britta Hufeisen (Hrsg.), Nicole Marx (Hrsg.): EuroComGerm – Die sieben Siebe. Germanische Sprachen lesen lernen. Shaker, Aachen 2007, ISBN 978-3832260200; 2., vollständig überarbeitete Auflage ebd. 2014.
  2. a b Janet Duke (Hrsg.): EuroComGerm. Germanische Sprachen lesen lernen. Seltener gelernte germanische Sprachen. Afrikaans, Färöisch, Friesisch, Jenisch, Jiddisch, Limburgisch, Luxemburgisch, Niederdeutsch, Nynorsk. Shaker, Düren 2019, ISBN 978-3-8440-6412-4.
  3. EuroCom: Ein Weg zur Vielsprachigkeit der Europäer. 4. Juli 2007, archiviert vom Original am 4. Juli 2007; abgerufen am 1. November 2017.
  4. Karin Tafel, Rašid Durić, Radka Lemmen, Anna Olshevska, Agata Przyborowska-Stolz: Slavische Interkomprehension. Eine Einführung (eBook). Narr & Francke Attempt, Tübingen 2009.