Film ist Rhythmus

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Filmdaten
OriginaltitelFilm ist Rhythmus
ProduktionslandDeutschland
Erscheinungsjahr1925
Länge82,8 Meter, bei 18 BpS 4 Minuten
Stab
RegieHans Richter
DrehbuchHans Richter
ProduktionHans Richter (Berlin) im Auftrag von: Universum-Film AG (UFA) (Berlin)
KameraSvend Noldan, Otto Schmalhausen

Film ist Rhythmus nannte der deutsche Avantgardekünstler Hans Richter 1925 programmatisch die Zusammenfassung seiner abstrakten Filmexperimente „Rhythmus 21“ und „Rhythmus 23“ aus den frühen zwanziger Jahren.

„Rhythmus 21“ gilt heute als „ein Schlüsselfilm der Moderne“.[1] Wie „Rhythmus 23“[2] zeigt der Film reine visuelle „Bewegungskunst“: ein von der Theorie des musikalischen Kontrapunkts angeregtes „Ballett“ schwarzer, weißer und weniger grauer geometrischer Flächen „in einem einheitlichen durch das ganze Bild gehenden Rhythmus“ (Richter).[3]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film besteht aus tricktechnisch bewegten geometrischen Formen und Mustern. Schwarze und weiße Quadrate erscheinen in Auf- und Abblenden auf der Leinwand. Sie scheinen sich manchmal von einer Seite des Bildfeldes auf die andere zu bewegen, manchmal vom Vorder- in den Hintergrund.[4]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richter hatte 1918, nachdem er Gründungsmitglied der Künstler-Vereinigung “Novembergruppe” geworden war, durch Tristan Tzara die Bekanntschaft von Viking Eggeling gemacht, mit dem er bald befreundet war und zusammenarbeitete. Gemeinsam machten sie Versuche mit Rollenbildern,[5] über die sie zum Bewegtbild-Medium Film kamen. 1921 entstand im brandenburgischen Klein Kölzig mit „Rhythmus 21“ Richters erster abstrakter Film, den er bis 1923 immer wieder überarbeitete. Die Kamera bedienten Svend Noldan und Otto Schmalhausen von der Trickfilmabteilung der UFA.[6]

Der Film hieß zuerst „Rhythmus 21“, dann „Film ist Rhythmus“. Am 6. Juli 1923 brachte Richter ihn in Paris im Théâtre Michel bei der Soirée du coeur à barbe[7] erstmals zur Aufführung. Die Erstaufführung der überarbeiteten Fassung in Deutschland fand am 10. Mai 1925 in Berlin bei einer Wiederholung der Matinee “Der absolute Film” im UFA-Palast am Kurfürstendamm statt.[8] Die dabei gezeigten Arbeiten von sieben verschiedenen Künstlern[9] verfolgten zwar unterschiedliche formale Ansätze, hatten aber gemeinsam, dass sie alle auf narrative Strukturen verzichteten. Daher gab es bei der Matinee konsequent auch keine Musik, die erst später hinzugefügt wurde.[10]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der holländische Konstruktivist Theo van Doesburg besprach Richters Filme in seiner Zeitschrift De Stijl und beteiligte sich als Autor an Richters eigenem, zusammen mit Werner Graeff herausgegebenem Avantgarde-Journal “G – Material zur elementaren Gestaltung”.[11]

László Moholy-Nagy bezeichnete “Rhythmus 21” als „Ansatz zu einer visuellen Realisierung einer Licht-Raum-Zeit- Kontinuität in der Bewegungsthese“.[12]

Kasimir Malewitsch reagierte auf Richters Rhythmus-Filme mit dem Verfassen eines Exposés für einen gemeinsamen „suprematistischen“ Film mit dem Titel „Die Malerei und die Probleme der Architektur“.[13]

„Rhythmus 21 ist der erste Film, in dem das Negativmaterial als Positiv verwendet wurde. Formal wirkt Richters Film wie die Animation von abstrakten Bildern von Mondrian oder Malewitsch...“ (Scheugl/Schmidt: Eine Subgeschichte des Films)

Die Reaktionen der zeitgenössischen Filmkritik fielen eher ablehnend aus. Bei der Matinee 1925 soll es Richters eigenen Erinnerungen zufolge sogar zu Tumulten gekommen sein, bei welchen das Publikum lautstark seinen Unmut geäußert habe. Der Klavierspieler, den das Theater angestellt hatte, um den Film zu begleiten, sei von Zuschauern, welche die Vorstellung als Zumutung empfunden hätten, beinahe verprügelt worden.[14]

Trotz der negativen Kritik an seinem Film gilt Richter heute als einer der bekanntesten Vertreter des Absoluten Films.[15]

Wiederaufführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kultursender Arte zeigte das Programm der Matinee “Der absolute Film” von 1925 [Dreiteilige Farbsonate (D 1923, R: Ludwig Hirschfeld-Mack), Images Mobiles (F 1924, R: Fernand Léger, Dudley Murphy), Symphonie diagonale (D 1924, R: Viking Eggeling), Film ist Rhythmus (D 1923, R: Hans Richter), Entr’acte (F 1924, R: René Clair), Opus 2, Opus 3 und Opus 4 (D 1922, R: Walter Ruttmann)] mit Musikbegleitung am Montag, den 30. Juni 2008 um 23.55 Uhr unter dem Titel “Kurzfilme der Avantgarde” im Deutschen Fernsehen.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christoph Bareither: Hans Richters Rhythmus 21: Schlüsselfilm der Moderne. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2012, ISBN 978-3-8260-4861-6.
  • Philipp Brunner: Abstrakter Film. In: Lexikon der Filmbegriffe (zuletzt geändert am 12. Oktober 2012)
  • R. Bruce Elder: Harmony and Dissent: Film and Avant-garde Art Movements in the Early Twentieth Century. Verlag Wilfrid Laurier Univ. Press, 2010, S. vi, 133-134, 161-162, 170, 192-194 u. 476.
  • Alexander Graf, Dietrich Scheunemann: Avant-garde Film (= Band 23 von Avant garde critical studies). Verlag Rodopi, Berlin 2007, ISBN 978-90-420-2305-5, S. 12–13, 15, 47–49, 58, 73–74, 94 u. 383
  • Jeanpaul Goergen, Angelika Hoch: Hans Richter: Film ist Rhythmus. Mit e. Vorwort v. Ulrich Gregor. Arsenal, Berlin 2003, ISBN 3-927876-19-4.
  • Julian Hartmuth: Vom Sound zum bewegten Visual. disserta Verlag, 2015, ISBN 978-3-95425-982-3.
  • Aimee Mollaghan: The Visual Music Film (= Palgrave Studies in Audio-Visual Culture). Illustrierte Ausgabe, Verlag Springer, 2016, ISBN 978-1-137-49282-1, S. 10 u. 46-49, 51, 88, 101
  • Barbara Naumann: Rhythmus – Spuren eines Wechselspiels in Künsten und Wissenschaften. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3056-7, S. 218–219.
  • Michael O'Pray: Avant-Garde Film, Forms, Themes, and Passions (= Short Cuts. Band 17). Illustrierte Ausgabe. Columbia University Press, 2012, ISBN 978-0-231-85000-1.
  • Hans Scheugl, Ernst Schmidt: Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des Avantgarde-, Experimental- und Undergroundfilms. 2 Bände. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1974, S. 243, 461, 503.
  • Andrea Schuster: Zerfall oder Wandel der Kultur? Eine kultursoziologische Interpretation des deutschen Films. Illustrierte Ausgabe. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-663-01430-0, S. 76.
  • Anne Umland, Adrian Sudhalter: Dada in the Collection of the Museum of Modern Art (= Studies in modern art. Ausgabe 9). Illustrierte Ausgabe. The Museum of Modern Art, 2008, ISBN 978-0-87070-668-4, S. 262.
  • Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films. Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Berlin, Rembrandt Verlag 1956.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme

  • Hans Richter – Film Ist Rhythmus: Rhythmus 21 (c1921)
  • Hans Richter – Film Ist Rhythmus: Rhythmus 23 (c1923)

Artikel

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Bareither (2012) und filmportal.de
  2. vgl. filmportal.de
  3. vgl. filmdatenblatt rhythmus 21 bei berlinale.de
  4. vgl. O'Pray S. 13–14, Elder S. 193, Anm. 201
  5. vgl. Elder S. 198 Anm. 230: „In 1919 Eggeling and Richter began working on scrolls, Eggeling on „Horizontal-Vertical Mass“ and Richter on „Praeludium“...“, auch Zglinicki S. 595–596.
  6. dagegen behauptete Erna Niemeyer, sie habe Rhythmus 21 und Rhythmus 23 in den Jahren 1925 und 1926 photographiert ; die Filme beruhten zudem auf Entwürfen von Viking Eggeling, vgl. Elder S. 194 Anm. 208: “Erna Niemeyer-Soupault also claims that she photographed Rhythmus 21 and Rhythmus 23 in 1925 and 1926, and that these film were based on visual designs that Eggeling had laid out”
  7. 6 juillet 1923 : La soirée du coeur à barbe, organisée par Tristan Tzara, vgl. Dave Lewis bei allmusic.com(english), La mort de Dada, 20 octobre 2012, bei typepad.com (français)
  8. vgl. Zglinicki S. 439, Elder S. 163, “Pupillenrausch und optischer Lärm” S. 4–6.
  9. vgl. Jeanpaul Goergen (Memento des Originals vom 26. Mai 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.diaf.de bei DIAF
  10. vgl. Filmlexikon 2001, auch Marcel Schwierin: „Oft liefen die Filme trotz Orientierung an musikalischen Grundprinzipien ohne Musik und stellten den Rhythmus nur über die Schnittfolge der Bilder her, wie z. B. „Diagonalsymphonie“ von Viking Eggeling um 1925. Bei anderen hingegen, beispielsweise “Lichtspiel Opus 1” von Walther Ruttmann von 1921, wurde für den Film eine eigene Partitur geschrieben, um die visuellen und auditiven Eindrücke perfekt auf einander abstimmen zu können.“ (zit. nach Hartmuth, Vom Sound zum bewegten Visual, S. 24–25)
  11. vgl. monoskop.org und wernergraeff.de
  12. vgl. kunstwissenschaft.tu-berlin.de, S. 6.
  13. vgl. “bauhaus & film”, Juni 2009, bei arsenal-berlin.de
  14. so bei kunstwissenschaft.tu-berlin.de, S. 6.
  15. so bei kunstwissenschaft.tu-berlin.de, S. 8.
  16. vgl. dvduell.de und beepworld.de (Memento des Originals vom 26. März 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/stummfilm-fan.beepworld.de