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Florentiner Camerata

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Gedenktafel zur Erinnerung an die Camerata Fiorentina am Palazzo Bardi in Florenz

Die Camerata Fiorentina (Florentiner Camerata), auch bekannt als Camerata de’ Bardi, war ein Kreis von Dichtern, Musikern, Philosophen und Gelehrten des Adels, der sich zur Spätrenaissance in Florenz von etwa 1576 bis 1600 um den Grafen Giovanni de’ Bardi und später, ab dem Jahre 1592, auch um den Adligen Jacopo Corsi versammelte.[1.1] Sie trafen sich im Haus von Giovanni de’ Bardi,[2.1] und ihre Zusammenkünfte waren dafür bekannt, dass sie regelmäßig von den berühmtesten Männern Florenz’ besucht wurden. Die Aktivität der Camerata erreichte zwischen 1577 und 1582 ihren Höhepunkt.[2.2] Während sie eine Wiederbelebung des griechischen Dramastils propagierte, führten die musikalischen Experimente der Camerata zur Entwicklung des Rezitativs. Auf diese Weise erleichterte sie die Komposition dramatischer Musik und die Entwicklung der Oper.[1.2]

Der Begriff „Camerata“ wurde von den Mitgliedern des Kreises um Bardi geprägt und basierte offenbar auf dem italienischen Wort für „Kammer“ (camera), das einen Raum für wichtige Treffen beschrieb.[3.1] Der Name für Bardis Gruppe als Camerata de’ Bardi stammt aus Giulio Caccinis Partitur für Euridice, in der er das Werk Graf Bardi widmet und an die „guten Jahre der Camerata“ erinnerte.[2.3][3.2] Das früheste dokumentierte Treffen fand am 14. Januar 1573 im Haus von Graf Giovanni de’ Bardi statt.[2.4]

Bekannte Mitglieder der Gruppe neben Bardi waren Giulio Caccini, Pietro Strozzi und Vincenzo Galilei (der Vater des Astronomen Galileo Galilei).[1.3] Girolamo Mei nahm ebenfalls teil, und in jungen Jahren war möglicherweise auch Ottavio Rinuccini (1562–1621), der wahrscheinlich erste Opernlibrettist, dabei.[3.1][2.5] Zu den weniger prominenten Mitgliedern der Camerata gehörten möglicherweise die Musiker Emilio de’ Cavalieri, Francesco Cini, Cristofano Malvezzi und Alessandro Striggio. Zu den Literaten gehörten Giovanni Battista Guarini, Gabriello Chiabrera und Giovan Battista Strozzi der Jüngere.[2.5] Der Freundeskreis von Jacopo Corsi sollte nicht mit der Camerata von Bardi verwechselt werden. Obwohl viele der gleichen Persönlichkeiten dazugehörten, war die Rivalität zwischen Corsi und Bardi heftig und anhaltend.[3.3]

Die Mitglieder waren sich einig, dass die Musik korrumpiert worden war und dass durch die Rückkehr zu den Formen und dem Stil der alten Griechen die Kunst der Musik und damit auch die Gesellschaft verbessert werden könnte.[3.4][4][5.1] Obwohl viele ihrer Schlussfolgerungen über Musik nicht von ihnen selbst stammten, festigte die Camerata die Ideen, die sie von externen Denkern wie Girolamo Mei übernommen hatte.[2.3]

Vor der Gründung der Camerata herrschte in der Renaissance die allgemeine Meinung, dass Musik die antiken Wurzeln der Griechen nachahmen sollte.[1.4] Nach damaliger Auffassung verwendeten die Griechen einen Stil zwischen Sprache und Gesang.[1.4] Sie wurden von Girolamo Mei beeinflusst, dem damals führenden Gelehrten für das antike Griechenland, der unter anderem die Ansicht vertrat, dass das antike griechische Drama überwiegend gesungen und nicht gesprochen wurde.[6] Grundlage für diese Überzeugung war das Werk des griechischen Denkers Aristoxenus, der vorschlug, dass die Sprache das Muster für den Gesang vorgeben sollte.[4]

In seiner Ausbildungszeit wurde Vincenzo Galilei vom berühmten Gioseffo Zarlino in Musiktheorie unterrichtet.[3.3] Im Jahr 1582 führte Vincenzo Galilei eine von ihm selbst komponierte Vertonung von Ugolinos Klage aus Dantes Inferno auf.[7] Auch Caccini ist dafür bekannt, mehrere seiner eigenen Lieder aufgeführt zu haben, die mehr oder weniger melodisch über einer einfachen Akkordbegleitung gesungen wurden.[6]

Die Camerata Fiorentina hatte ein großes Interesse an der möglichst originalgetreuen Wiederaufführung antiker Dramen, obwohl transkribierte griechische Musik seit Jahrhunderten verloren war.[1.2] In der Annahme, dass der Text damals gesungen worden sei, entwickelte man in vermeintlicher Anlehnung an den einstimmigen antiken Gesang der griechischen Tragödie eine völlig neue Art des Sprechgesangs, deren Ziel der vollkommene Ausdruck des Affektes und die Verständlichkeit des Textes war und der deshalb nur von einigen stützenden Akkorden des Generalbasses begleitet wurde: die Monodie. Die Polyphonie hingegen wurde verworfen. Die musikalischen Experimente führten zur Entwicklung des Rezitativs. Emilio de’ Cavalieri war der erste, der den neuen Rezitativstil einsetzte und sich in einigen pastoralen Szenen kreativ versuchte.[4]

In den 1590er Jahren entwickelte sich die Monodie durch die Arbeit von Komponisten wie Jacopo Peri in Zusammenarbeit mit dem Dichter Ottavio Rinuccini zu einem Mittel, das einen erweiterten dramatischen Ausdruck ermöglichte. 1598 schufen Peri und Rinuccini La Dafne, ein vollständig im monodischen Stil gesungenes Drama und erschufen damit die „Oper“.[1.4] Obwohl Peris Dafne die erste aufgeführte Oper war, ist ihre Musik im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Stattdessen wird seine zweite Oper Euridice meist als das historische Werk gepriesen.[4] Die neue Form der Oper übernahm, insbesondere für die Libretti, auch Elemente aus einer bestehenden pastoralen poetischen Form namens Intermedio, einer Theateraufführung oder einem Schauspiel mit Musik und oft Tanz; neu war vor allem der Musikstil.[1.5] Die Instrumentierung für eine Oper der Camerata-Komponisten (Caccini und Peri) war für eine Handvoll Gamben, Lauten und Cembalo oder Orgel als Continuo geschrieben.[4]

Andere Komponisten begannen schnell, die Ideen der Camerata in ihre Musik zu integrieren. Im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts wurde das neue „Musikdrama“ bereits in großem Umfang komponiert, aufgeführt und verbreitet. Anstelle eines sofortigen Niedergangs der kontrapunktischen Vokalmusik kam es zu einer Zeit der Koexistenz und schließlich zu einer Synthese von Monodie und Polyphonie. Florenz, Rom und Venedig wurden zu den italienischen Hauptstädten der Innovation und Synthese.[1.6]

Die Ansicht der Camerata zu Kontrapunkt und Monodie stieß auch auf den Zarlinos, Galileis Theorie-Lehrer: „Was hat der Musiker mit denen zu tun, die Tragödien und Komödien vortragen?“[3.5]

In den Kompositionen der Camerata-Mitglieder ging die Theorie der Praxis voraus; die Männer entschieden, wie die Musik klingen sollte, bevor sie sich an die Komposition machten.[5.2] Die Komponisten der Camerata widmeten sich so sehr der Erforschung ihres deklamatorischen Stils, dass ihre Stücke oft von monotonen Klängen geprägt waren.[4]

Frontispiz von Galileis Dialogo della musica antica et della moderna mit den drei Hymnen des Mesomedes, 1581]]
Frontispiz von Galileis Dialogo della musica antica et della moderna mit den drei Hymnen des Mesomedes, 1581]]
Frontispiz von Galileis Dialogo della musica antica et della moderna mit den drei Hymnen des Mesomedes, 1581]]

Bardi, Galilei und Caccini hinterließen Schriften, in denen sie ihre Ideen darlegten. Bardi verfasste den Discorso (1578), einen langen Brief an Giulio Caccini, und Galilei veröffentlichte den Dialogo della musica antica et della moderna (1581–1582).[6][3.5] Im Jahr 1602, lange nach der Auflösung der Gruppe, schrieb Caccini Le nuove musiche.[1.3]

Schließlich schwand der Einfluss der Camerata, als Giovanni Bardi in Ungnade fiel. Bardi befürwortete öffentlich die Hochzeit von Francesco I. de’ Medici und seiner Geliebten Bianca Cappello. Diese Befürwortung stand in krassem Gegensatz zu den Gefühlen von Francescos Bruder Ferdinando I. de’ Medici, der zu dieser Zeit Kardinal in Rom war.[2.6]

Ohne den dogmatischen Anspruch der Camerata Fiorentina, im Besitz alleiniger musikalischer Wahrheit zu sein, anzuerkennen, übernahm der heute viel bekanntere Claudio Monteverdi die Monodie als mögliche Schreibart für eigene Werke und verhalf ihr damit zu folgenreicher musikgeschichtlicher Wirkung.

Die Mitglieder der Camerata waren sich möglicherweise der vollen Bedeutung ihrer Arbeit nicht bewusst, da niemand die Gruppe benannte, bis Caccini ihr im Jahr 1600 einen Namen gab. Durch die kritischen Bemühungen von Männern wie Galilei gewann die Camerata jedoch indirekten Einfluss auf den Verlauf der Musikgeschichte, da Galilei die Künstler dazu herausforderte, die Klangpalette, die sie seit Jahrzehnten verwendeten, zu überdenken.[5.2] Die größte Innovation der Camerata war nicht ein Musikstück oder ein ästhetisches Ideal, sondern vielmehr das Aufzeigen des Wegs für spätere Kompositionen dramatischer Musik.[1.7]

  • Lexikon der Alten Musik BR-Klassik: Florentiner Camerata in: br-klassik.de, 4. Juli 2020; abgerufen am 11. Februar 2021 (Lexikonartikel mit zusätzlichem Audiobeitrag inkl. Musikbeispielen)

Einzelnachweise

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  1. Donald Jay Grout: A Short History of Opera: One-Volume Edition. Columbia University Press, New York 1965 (englisch, 852 S.).
    1. S. 4
    2. a b S. 43
    3. a b S. 46
    4. a b c S. 44
    5. S. 32
    6. S. 47
    7. S. 45
  2. Claude V. Palisca: Florentiner Camerata. In: The Florentine Camerata: Documentary Studies and Translations. Yale University Press, New Haven 1989, ISBN 0-300-03916-6 (englisch).
    1. S. 4-6
    2. S. 7
    3. a b S. 3
    4. S. 5
    5. a b S. 8
    6. S. 6
  3. Robert Donington: The Rise of Opera. Scribner, New York 1981, ISBN 0-684-17165-1 (englisch).
    1. a b S. 78
    2. S. 79
    3. a b S. 80
    4. S. 81
    5. a b S. 82
  4. a b c d e f David Ewen: The New Encyclopedia of Opera. Hill and Wang, New York 1971, ISBN 0-8090-7262-9, S. 491 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 23. Januar 2026]).
  5. Leo Schrade: Monteverdi, Creator of Modern Music. Norton & Co., New York 1950 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 23. Januar 2026]).
    1. S. 39
    2. a b S. 45
  6. a b c Don Randel: The New Harvard Dictionary of Music. Harvard University Press, Cambridge, MA 1986, ISBN 0-674-61525-5, S. 870 (englisch, archive.org [PDF; abgerufen am 24. Januar 2026]).
  7. Robert Cunningham: Vincenzo Galilei and the Lament. 7. September 2018, abgerufen am 24. Januar 2026 (englisch).