Flussseeschwalbenkolonie Banter See

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Flussseeschwalbenkolonie am Banter See in Wilhelmshaven
Luftbild der Flussseeschwalbenkolonie
Markierte Flussseeschwalben sitzen auf einem mit Antenne und Waage ausgestatteten Rastplatz.
Vollgesaugte Wanze im künstlichen Ei.

Die Flussseeschwalbenkolonie Banter See befindet sich am Banter See in Wilhelmshaven.

Für die Flussseeschwalbenkolonie besteht ein Langzeit-Forschungsprojekt des Instituts für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ zur Biologie der Flussseeschwalbe (Sterna hirundo), einer kleinen langlebigen Seevogelart. Seit 1984 brüten Flussseeschwalben an der Nordseite des Banter Sees und werden seitdem intensiv beobachtet und studiert.

Standort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Standort besteht aus sechs, jeweils von einer Betonmauer umgebenen, künstlichen Betoninseln, die als ehemalige Bestandteile des U-Boothafens im Banter See vorhanden waren. Der Brutplatz ist als Naturdenkmal der Stadt Wilhelmshaven ausgewiesen.[1] Ursprünglich brütete die Kolonie im Nordhafen, musste aber wegen Umbauten umgesiedelt werden. Dies gelang durch Anlocken der Vögel mit Klangattrappen.

Kolonie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den anfänglich 90 Brutpaaren wuchs die Kolonie bis auf 530 Brutpaare im Jahre 2005, schrumpfte jedoch durch verminderten Bruterfolg, geringere Jungvogelüberlebensraten und verzögerte Erstbrut bis auf 430 Paare im Jahre 2011,[2] zurückzuführen auf schlechte Nahrungsbedingungen. Der Bruterfolg ist sehr variabel und stark abhängig von der Ernährungssituation im Wattenmeer, wo die Flussseeschwalben nach Jungfischen von Hering, Sprotte und Stint suchen.[3] Die Prädationsrate ist durch Schutzmaßnahmen vor Ratten und anderen terrestrischen Prädatoren gering. Vor einigen Jahren gab es allerdings starke Verluste durch Eulen. Die Kolonie ist außerdem vor Hochwasser geschützt.

Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1980 wurden alle Küken beringt, um den Bruterfolg zu ermittelt. Seit 1992 wurden inzwischen mehr als 5.000 Jungvögel und zusätzlich einige Altvögel mit Transpondern markiert.[4][5] In jeder Saison werden die transpondermarkierten Tiere mit einem Antennensystem automatisch erfasst, ohne dass sie gefangen werden müssen. Dies geschieht an Sitzplätzen auf den Mauern (Nichtbrüter und Brutvögel) sowie an den Nestern (Brutvögel). An vielen Sitzplätzen sind auch Waagen eingebaut, an denen die Vögel automatisch gewogen werden können. Mit diesem System lassen sich Jahr für Jahr Ankunftstermine, Körpergewichte, Paarpartner und Bruterfolg hunderter Vögel dokumentieren. So können die Lebensgeschichten der standorttreuen Flussseeschwalben verfolgt und daraus wichtige Informationen für die Populationsökologie langlebiger Vögel gewonnen werden.

Viele Merkmale verändern sich mit dem Alter der Flussseeschwalben, die im Laufe ihres Lebens immer besser werden. So verschieben sie den Ankunfts- und Legetermin[6][7] und steigern den Bruterfolg bis zum Alter von etwa 15 Jahren, bevor sie in hohem Alter Seneszenz zeigen.[8] Den höchsten Lebensbruterfolg haben die Flussseeschwalben, die ein sehr hohes Alter erreichen.

Für Untersuchungen der Physiologie der Tiere werden auch Blutproben ohne den Fang der Altvögel genommen. Die Blutentnahme ohne das Einfangen verhindert den Stress bei den Tieren, der die Blutwerte z. B. durch erhöhte Stresshormone verändern könnte. Dies gelingt durch den Einsatz mexikanischer Raubwanzen (Dipetalogaster maxima), die hungrig in ein hohles künstliches Ei gesetzt und dem Brutvogel ins Nest gelegt werden. Durch Löcher in der Eierschale kann die Wanze vom Brutvogel Blut saugen, das anschließend zu Untersuchungen an Hormonen, anderen Blutparametern und Genetik genutzt wird.[9][10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Flussseeschwalbenkolonie Banter See – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. P. H. Becker: Flussseeschwalben (Sterna hirundo) in Wilhelmshaven. Oldenburger Jahrbuch 96, Isensee Verlag, Oldenburg 1996
  2. K. L. Szostek, P. H. Becker: Terns in trouble: demographic consequences of low breeding success and recruitment on a common tern population in the German Wadden Sea. Journal of Ornithology 153:313-326, 2012
  3. A. Dänhardt, P. Becker: Herring and Sprat Abundance Indices Predict Chick Growth and Reproductive Performance of Common Terns Breeding in the Wadden Sea. Ecosystems 14:791-803, 2011
  4. P. H. Becker, H. Wendeln: A New Application for Transponders in Population Ecology of the Common Tern. The Condor 99:534-538, 1997
  5. P. H. Becker, T. H. G. Ezard, J.-D. Ludwigs, H. Sauer-Gürth, M. Wink: Population sex ratio shift from fledging to recruitment: consequences for demography in a philopatric seabird. Oikos 117:60-68, 2008
  6. T. H. G. Ezard, P. H. Becker and T. Coulson: Correlations between age, phenotype, and individual contribution to population growth in common terns. Ecology 88:2496-2504, 2007
  7. P. H. Becker, T. Dittmann, J.-D. Ludwigs, B. Limmer, S. C. Ludwig, C. Bauch, A. Braasch, H. Wendeln: Timing of initial arrival at the breeding site predicts age at first reproduction in a long-lived migratory bird. PNAS 105:12349-12352, 2008
  8. M. Rebke, T. Coulson, P. H. Becker, J. W. Vaupel: Reproductive improvement and senescence in a long-lived bird. PNAS:1-6, 2010
  9. C. Bauch, S. Kreutzer, P. Becker: Breeding experience affects condition: blood metabolite levels over the course of incubation in a seabird. Journal of Comparative Physiology B: Biochemical, Systemic, and Environmental Physiology 180:835-845, 2010
  10. J. Riechert, O. Chastel, P. H. Becker: Why do experienced birds reproduce better? Possible endocrine mechanisms in a long-lived seabird, the common tern. General and Comparative Endocrinology 178:391-399, 2012

Koordinaten: 53° 30′ 39,6″ N, 8° 6′ 18,8″ O