Gnjosdowo

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Grabhügel (Kurgane) von Gnjosdowo

Gnjosdowo, auch Gnesdowo oder Gnezdovo (russisch Гнёздово), ist ein Siedlungskomplex archäologischer Funde aus dem 10. und 11. Jahrhundert bei Smolensk in Russland. Er ist der zweitgrößte bekannte in Europa aus jener Zeit (nach Haithabu).

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Komplex liegt an der Mündung des Kareli in den oberen Dnepr, etwa 13 km westlich von Smolensk. Auf einer Fläche von 16-20 Hektar befinden sich eine befestigte Burgsiedlung, einige kleinere Siedlungen und insgesamt etwa 3000 Hügelgräber (Kurgane).

Historischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gnjosdowo wird in der Regel mit dem frühen Smolensk identifiziert, das zuerst in der Chronik von Bygone, im Jahre 862, erwähnt wird. Die Hypothese wird durch die Tatsache gestützt, dass bei Ausgrabungen in Smolensk keine Schichten gefunden wurden, die vor dem 11. Jahrhundert liegen. Gnjosdowo scheint identisch zu sein mit einer „Festung Miliniska“ genannten Stelle aus einer Abhandlung von 948 und 952 von Konstantin VII. Porphyrogennetos. In skandinavischen Texten scheint der Name „Sürnes“ auf den Ort zu verweisen.

Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gräberfeld von Gnjosdowo bestand einst aus möglicherweise 4000 Grabhügeln. Es gehört zu den ergiebigsten Fundstellen überhaupt zum Fernhandel des 9. und 10. Jahrhunderts.[1] In den Gräbern wurden etwa ein Drittel aller bekannten Objekte skandinavischer Herstellungsart aus dieser Zeit gefunden. Eine besondere Bedeutung hat der Hortfund von Gnjosdowo, der 1993 entdeckt wurde. Zu den zahlreichen Einzelstücken aus verschiedenen Metallen gehören ein Maskenanhänger aus Zinn sowie arabische Dirham.

Gnjosdowo war ein bedeutendes Handels- und Handwerkszentrum. Es fanden sich Hinweise auf die Verarbeitung von Eisen, Edelmetallen und Glasperlen. Neben zahlreichen Zeugnissen skandinavischer Siedler fanden sich auch Spuren baltischer Herkunft, unter anderem in den Bestattungsformen.

Die meisten Funde sind aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, in dieser erreichte der Komplex den Höhepunkt seiner Bedeutung.

Einige Funde weisen auf slawische Bewohner, die vor allem aus dem Westen kamen, möglicherweise nach der Zerstörung des Mährerreiches um 910..[2] In Gnjosdowo wurde die älteste bekannte kyrillische Inschrift in der Kiewer Rus auf einer Tonkanne gefunden (Inschrift von Gnjosdowo).

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spätestens Mitte des 11. Jahrhunderts verlagerte sich das politisch-ökonomische Zentrum der Besiedlung von der rechten zur linken Flussseite von Gnjosdowo zum Ort des heutigen Smolensk, was mit der Veränderung der Fernhandelswege und der erfolgreichen Entwicklung des konkurrierenden Handelsortes Polazk erklärt wird.[3] .

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • D. A. Avdussin: Gnezdovo – der Nachbar von Smolensk. In: Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (Hrsg.): Zeitschrift für Archäologie. ISSN 0044-233X, Bd. 11, 1977, S. 263–290.
  • Eduard Mühle: Gnezdovo – das alte Smolensk? Zur Deutung eines Siedlungskomplexes des ausgehenden 9. bis beginnend 11. Jahrhunderts. In: Oldenburg – Wolin – Staraja Ladoga – Nowgorod – Kiew. Handel und Handelsverbindungen im südlichen und östlichen Ostseeraum während des frühen Mittelalters (= Bericht der römisch-germanischen Kommission. Bd. 69). Von Zabern, Mainz 1988, S. 358–410.
  • Eduard Mühle: Die städtischen Handelszentren der nordwestlichen Rus. Anfänge und frühe Entwicklung altrussischer Städte bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa. Bd. 32). Stuttgart 1991, ISBN 3-515-05616-5, zugleich Dissertation, Universität Münster, 1989, S. 239–255.
  • Eduard Mühle: Gnezdovo. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 12. De Gruyter, Berlin/ New York 1998, S. 250–254.
  • Julian Richards: The Vikings. A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2005, ISBN 0-19-280607-6, S. 82.
  • Katherine Holman: Historical Dictionary of the Vikings. Scarecrow, Lanham MD 2003, ISBN 0-8108-4859-7, S. 102.
  • Rafael S. Minasyan: Ladoga und Gnesdowo. In: Die Wikinger. Edition Minerva, München 2008, S. 190–203.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stefan Wolle: Wladimir der Heilige. Russlands erster christlicher Fürst. Union, Berlin 1991, S. 41.
  2. vgl. Simon Franklin, Jonathan Shepard: The Emergence of Rus 750–1200. 2. Auflage. Routledge, Abingdon / New York 1998, Nachdruck 2013, ISBN 978-0-582-49091-8, S. 140.
  3. Marcin Wołoszyn: Smolensk. § 2: Archäologisch und Historisch. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 29. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-018360-9, S. 158–160, hier S. 158.

Koordinaten: 54° 46′ 0″ N, 31° 47′ 0″ O