Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern

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Lewitzki: Diderot im scharlachroten Rock, 1773, Musée d'art et d'histoire, Genf.

Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern, oder: Eine Warnung an alle, die mehr Geschmack als Geld haben (franz. Regrets sur ma vieille robe de chambre ou Avis à ceux qui ont plus de goût que de fortune) ist ein Essay des französischen Autors Denis Diderot, den er 1768 geschrieben hat, und der im folgenden Jahr in Grimms Correspondance littéraire publiziert worden ist. Der Text wurde als Broschüre ohne Zustimmung Diderots 1772 durch den Schriftsteller und Karlsruher Prinzenerzieher Friedrich Dominicus Ring (1726–1809) gedruckt und vertrieben.

Diderot hatte Mme Geoffrin, in deren Salon er gelegentlich Gast war, einen Gefallen erwiesen. Die Salonnière, die für ihre zudringlichen Gefälligkeiten bekannt war, zeigte sich erkenntlich, indem sie Diderots schäbiges Mobiliar durch schönere und bessere Stücke ersetzen ließ und ihm einen neuen scharlachroten Hausrock schenkte.[1][2]

„Eine alte Jungfer, die als Haushälterin in ein Pfarrhaus kommt, eine Frau, die einen Witwer heiratet, ein Minister, der seinen gestürzten Vorgänger ersetzt […] keiner von ihnen kann mehr Unruhe stiften als die scharlachrote Robe, die sich bei mir eingenistet hat. S. 5.“

Das Geschenk, das den Seelenfrieden des Philosophen in Aufruhr versetzte, regte Diderot zu Überlegungen über die unerwünschten Folgen von Reichtum und Luxus an – „welche Verwüstungen der Luxus anrichtet“.[3]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diderot sitzt an seinem Schreibtisch und beklagt den Verlust seines verschlissenen aber lieb gewordenen Hausrocks, der mit vielen Tintenflecken die Tätigkeit des Literaten bezeugt hat. In dem Neuen sieht er aus wie ein „reicher Tagedieb“. Erst seit er diesen Luxusrock trägt, merkt er, welcher „Plunder“ sich in seinem Haus angesammelt hat. Es ist das „verfluchte Luxuskleid“, dem er nun Reverenz erweist: Es verschwinden Tapeten und Rohrstuhl, das hölzerne Bücherbord, auch noch der alte Schreibtisch, und schließlich die rahmenlos an die Wand gehefteten Stiche Poussins. Einzug halten Damasttapete und Maroquinsessel, ein kostbarer Schreibtisch, die Bücher vom Fichtenbrett sind in einen Intarsienschrank gesperrt, die liebgewordenen Gipsabgüsse, Geschenke eines Freundes, „an einer antiken Bronze zerschellt“ (S. 7). War er früher Herr seines alten Hausrocks, so ist er zum Sklaven des neuen geworden. Denn, Schuld an allem ist der „unselige Hang zur Konvention“, der „anspruchsvolle Geschmack, der alles verändert, ausrangiert, verschönert, das Oberste zuunterst kehrt“ (S. 7)

„Die Armut hat ihre Freiheiten, der Reichtum seine Zwänge. S. 4.“

Allein der armselige Flickenteppich ist ihm geblieben, der ihn daran erinnert, wer er wirklich ist. Auch wenn sein Zimmer jetzt aussieht wie das „Kabinett eines Steuerpächters“ (S. 8), ihn selbst hat der Reichtum noch nicht korrumpiert. Er bleibt Denis, der Philosoph, dessen Tür jedem offen steht, der Hilfe braucht, denn sein „Herz ist nicht vom Luxus“ vergiftet.

Claude Joseph Vernet: Stürmische See mit Schiffswracks, 1770

Diderot beendet seine Klage mit der Anrufung des Himmels, der Herr möge ihn strafen, wenn der Reichtum ihn verdirbt, ihm alles wegnehmen, in die Armut zurückstoßen, aber er solle ihm doch bitte ein einziges Bild lassen, Vernets „Ende des Sturms“. Der Essay schließt mit einer emotionalen und begeisterten Beschreibung des Vernet-Bildes und der Selbstvergewisserung Diderots, dass ihn nicht die „Sucht ergreift, schöne Gegenstände anzuhäufen“ (S. 12), und dass ihm die Freunde, die er einmal gewonnen hat, bleiben.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1936 schreibt Sacha Guitry den Einakter „l'école des philosophes“, in dem neben Diderot und einer (fiktiven) Maitresse auch Mme Geoffrin auftritt. Zunächst geht es um das Verhältnis Diderots zu seinen Philosophen-Kollegen Voltaire, Rousseau, d'Alembert, um sich dann Diderots Brief zuzuwenden, den er gerade an Madame Geoffrin schreibt, um sich für den neuen Hausrock zu bedanken. Diderot, gekleidet in den neuen Rock, lässt sich über die Geoffrin und ihren Salon aus, in dem nur über Abwesende gelästert werde, und Madame selbst nur wiederhole, was Philosophen vorher klug formuliert hätten.[4]

Der Diderot-Effekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Begriff Diderot-Effekt prägte der amerikanische Sozialwissenschaftler und Konsumforscher Grant McCracken in seinem Buch Culture and Consumption (= Kultur und Konsum von 1988). Nach McCracken beleuchtet Diderots Geschichte das Prinzip der Konsumgesellschaft: Der Kauf eines Konsumgegenstandes ist der Auslöser für eine Folge zusätzlicher Käufe, da von dem Erstkauf der Impuls auf Ergänzung, Vervollständigung und stimmige Ensemblebildung ausgeht.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründe, meinem alten Hausrock nachzutrauern, Titelblatt der Ausgabe 1772
Darin: Klage um meinen alten Schlafrock [u. a.] Übers. Von Christel Gersch.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jane B. McLelland: Changing His Image: Diderot, Vernet and the Old Dressing Gown. In: Diderot Studies. Nr. 23. 1988, S. 129–41.
  • François Moureau: Friedrich Dominicus Ring, éditeur de Diderot. IN: Recherches sur Diderot et sur l’Encyclopédie. Nr. 16. April 1994, S. 113–23.
  • Samuel Sadaune: L’Ouverture excentrique du Salon de 1769 ou portrait du Philosophe en robe de chambre. In: Recherches sur Diderot et sur l’Encyclopédie. Nr. 35. Oktober 2003, S. 7–23.
  • Stephen Werner: Irony and the Essay: Diderot’s „Regrets sur ma vieille robe de chambre“ . In: Diderot: Digression and Dispersion: A Bicentennial Tribute. Hrsg. Jack Undank und Herbert Josephs. 1984, S. 269–77.
Literatur zum Diderot-Effekt
  • Grant McCracken: Culture and Consumption: New Approaches to the Symbolic Character of Consumer Goods and Activities. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis, 1988 ISBN 0-253-31526-3; S. 118–129
  • Gudrun K. König: Konsumkultur. Inszenierte Warenwelt um 1900. Wien: Böhlau 2006. ISBN 978-3- 205-77661-1 Darin: Diderots Hausrock. S. 142ff.
  • Juliet B. Schor: „The Overspent American: Why We Want What We Don't Need“ Harper Perennial; 1st HarperPerennial Ed Pub. 1999 edition. ISBN 0-06-097758-2 ISBN 978-0-06-097758-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Le Journal du Louvre., Nr. 13, September/Oktober 2010.
  2. Sophie Chassat :La barbe ne fait pas le philosophe… la robe de chambre, si ! Le Monde, 15. Dezember 2014, abgerufen am 13. Mai 2021
  3. S. 3. Alle wörtlichen Diderot-Zitate aus: Denis Diderot. Gründe meinem alten Hausrock nachzutrauern. Übers. Von H.M. Enzensberger. Berlin 2010.
  4. Heidi Denzel de Traho: Biographische Fiktion. Das Paradigma Denis Diderot im interkulturellen Vergleich. Würzburg 2008, ISBN 978-3-8260-3954-6, S. 223–224.[1]