Grafschaftsmuseum Wertheim und Otto-Modersohn-Kabinett

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das Grafschaftsmuseum Wertheim

Das Grafschaftsmuseum Wertheim und Otto-Modersohn-Kabinett ist das frühere Historische Museum für Stadt und Grafschaft Wertheim. Das Grafschaftsmuseum Wertheim umfasst die Sammlungen der Stadt Wertheim und des Historischen Vereins Wertheim e. V. Es schützt und pflegt kulturelle Erzeugnisse, die auf dem Gebiete der ehemaligen Grafschaft Wertheim entstanden sind, hier genutzt wurden oder einen inhaltlichen Bezug zur Landschaft, Kultur oder Geschichte der Region haben.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museum befindet sich in einem Gebäudekomplex aus dem 16. Jahrhundert. Es umfasst das Alte Rathaus, das Haus zu den Vier Gekrönten sowie das Blaue Haus, ein mit Smalteblau gestrichenes Fachwerkhaus. Es liegt in der Altstadt von Wertheim, unweit des Marktplatzes.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1878 erfolgte erstmals in der Wertheimer Zeitung „die freundliche Aufforderung an alle, welche im Besitz von Schriften, Drucksachen oder bildlichen Darstellungen sind, die sich auf Wertheimer Verhältnisse beziehen …“, diese für „die anzulegenden städtischen Sammlung stiften zu wollen“[1] – an anderer Stelle ist von einem „Städtischen Museum“[2] die Rede.

Der Gemeinderat nahm sich der Sache an, stellte einen Schrank diesem Zweck zur Verfügung und garantierte eine Beaufsichtigung. Da die Sammlung schnell wuchs, wurde eine so genannte Städtische Altertumshalle ab 1886 dann im dritten Geschoss der Kilianskapelle eingerichtet.[3]

Nach der Renovierung der Kapelle 1904 wurde dort das Museum neu eingerichtet, betreut durch den im selben Jahr gegründeten Historischen Verein mit Unterstützung der Stadt Wertheim. Der Historische Verein Alt Wertheim erwarb 1915 das Haus zu den Vier Gekrönten, um die sich immer mehr erweiternden Bestände zu präsentieren. Die Sammlung erlangte schließlich eine solche Bedeutung, dass im Jahr 1922 Prof. Dr. Rott, Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, sich ihrer annahm und sie neu geordnet aufstellte.

Nach dem Krieg 1945 war man bemüht, Möglichkeiten für eine zeitgemäße und adäquate Aufstellung der Sammlung zu finden. Am 11. September 1981 wurde das Museum in der ehemaligen katholischen Hofhaltung in der Mühlenstraße eröffnet und 1985 durch den Barock- und den Ständersaal erweitert. Ferner kamen die Weinbau- und Fischerabteilung hinzu. 1988 zog die Sammlung in das Alte Rathaus um. Am 27. August 1989 wurde das Haus durch Ministerpräsident Lothar Späth eröffnet und 1993 in Grafschaftsmuseum umbenannt. 1999 wurde das Haupthaus mit dem restaurierten Haus zu den Vier Gekrönten als Erweiterung durch einen Glassteg verbunden.

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altes Rathaus (Haupthaus)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Puppen und Puppenstuben des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung Weidelt

Die Ausstellungskonzeption im Alten Rathaus ist abhängig von der besonderen Architektur des Renaissancegebäudes. Es bietet eine Ausstellungsfläche von rund 1800 m².

  • Keller: Weinbauabteilung, Fischer- und Schifferzunft, Hochwasser, Sakrale Kunst
  • Erdgeschoss: Räume für Wechselausstellungen, Rokokozimmer, Musikhistorische Abteilung
  • 1. Obergeschoss: 19. Jahrhundert mit den Bereichen: Puppen- und Puppenstuben (Sammlung Weidelt); Stoffherstellung und Blaudruck; Kleidungsgeschichte; Märchensammlung (Andreas-Fries-Zimmer); Scherenschnitte; Geschichte der Heimatvertriebenen; Biedermeierzimmer; Grafik und Gemälde der Brüder August und Josef Futterer (um 1900); Schlesisches Kabinett (Sonderausstellung der Stiftung Kulturwerk Schlesien); Gemälde der Wertheimer Künstlerin Erika Orysik (Art brut).
  • 2. Obergeschoss: Otto-Modersohn-Kabinett sowie fränkische Galerie mit Bildern von Künstlern in, um und aus Wertheim

Haus "Zu den vier Gekrönten"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Haus "Zu den vier Gekrönten" ist seit Sanierung 1999 durch eine Glasbrücke mit dem Haupthaus verbunden.

  • Erdgeschoss: Die historische Küche (um 1914/1915 eingerichtet) blieb als Dokument früherer Museumskonzeption erhalten und ist mit historischen Ofenplatten des 16. bis 18. Jahrhunderts ausgestattet.
  • 1. Obergeschoss: Konfessionsabteilung mit Objekten zu Stiftskirche, Reformation/Lutherbrauch in Wertheim, St. Venantius, Religionsstreit 1781, Pater Venantius Arnold, Jüdische Geschichte sowie religiöse Objekte der Heimatvertriebenen und Neubeginn in Wertheim 1946/49
  • 2. Obergeschoss: Stadt- und Grafschaftsgeschichte; Frauen in Wertheim (Wertheimer Frauenzimmer); Münzkabinett; Herrschergeschichte; Bibliothek und Forschungsabteilung für Münzen
  • Dachgeschoss: Kunstgewerbe - Zinn, Keramik, Silber, Waffen, historische Dachziegelsammlungen.

Sammlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grafschaftsmuseum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der ständigen Förderung durch die Zentralstelle für Museumsbetreuung (Renovierung, Ausstattung u. ä.) ist das Museum seit 1985 seitens der Landesregierung als „überregional bedeutsam“ eingestuft worden und erhält dauerhafte Mittel des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst (sog. Lotto- und Toto-Mittel). Neben den ursprünglichen Sammlungsgebieten (u. a. zur Geschichte der Wertheimer Grafen, der Fürsten und des Bürgertums, zu den Wertheimer Zünften, zur Volkskunst und Kleidungsgeschichte der Dörfer in der ehemaligen Grafschaft) haben sich auch neue Themen (Musikhistorische Abteilung, Konfessionsgeschichte, Geschichte der Heimatvertriebenen) entwickelt.

Ursprünglich hat der Historische Verein auch Glasobjekte gesammelt. Mit Gründung des Glasmuseums Wertheim wurde diese Sammlung als Leihgabe dorthin gegeben.

Der Altbestand des Museums wird ständig systematisch ausgebaut, kann in seiner Gesamtheit allerdings keinen ausgewogenen Gang durch alle Jahrhunderte der Wertheimer Stadt- und Grafschaftsgeschichte bringen. Aus den Beständen werden Schwerpunktthemen gesetzt und Sonderausstellungen zu Einzelthemen gezeigt. Das Museum verfügt gegenwärtig über rund 19000 Objekte sowie 1000 Münzprägungen.

Das Museum sieht sich als länderübergreifende Institution, gleichsam als „Landesmuseum für die ehemalige Grafschaft Wertheim“ (Zitat Zoege von Manteuffel, Direktor des württembergischen Landesmuseum in Stuttgart). Als Kunstmuseums sammelt das Haus Werke von Künstlern, die mit Wertheim verbunden sind.

Otto-Modersohn-Kabinett[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Otto-Modersohn-Kabinett

1989 wurde das Otto-Modersohn-Kabinett eröffnet.[4] Den Kern der Sammlung bildet eine Schenkung des Wertheimer Kunstmäzens und Sammlers Wolfgang Schuller von insgesamt 14 Bildern Modersohns aus der Zeit seiner insgesamt sieben Reisen zwischen 1916 und 1927 in die Region Franken.[5] Sie wird ergänzt durch Bilder von Louise Modersohn-Breling sowie befreundeten Wertheimer und Würzburger Künstlerkreisen in wechselnder Zusammenstellung mit Ansichten aus Wertheim, Würzburg und Franken. Modersohns Werke stammen aus der Zeit seiner künstlerischen Wandlung, in welcher der Einfluss von Cézanne, Renoir und Pascin und anderen Franzosen sowie die Formvereinfachung des deutschen Expressionismus zutagetraten. Das Museum baut die Sammlung von Gemälden Modersohns und von Grafiken und Gemälden anderer Künstler, die einen Bezug zur Stadt Wertheim haben, ständig aus.

Dependancen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Schlösschen im Hofgarten am Ortseingang von Wertheim

Wegen des ständig wachsenden Bestandes aus dem ländlichen Bereich wurden in mehreren Ortschaften der Umgebung eigene Museumsdependancen eingerichtet. 1995 wurde eine Außenstelle in der alten Fruchtscheuer des Klosters Bronnbach  eröffnet, in der rund 2000 Objekte landwirtschaftlicher Geräte präsentiert werden. Zur Dokumentation der Wohn- und Arbeitskultur in den Dörfern wurde die dortige Dauerausstellung seit dem Sommer 2005 erweitert.

Das Museum Schlösschen im Hofgarten , dessen Träger eine Stiftung ist, wird wissenschaftlich vom Grafschaftsmuseum kuratiert. Die Sammlung Max Liebermann und Mitglieder der Berliner Secession (Stiftung Wolfgang Schuller) sowie eine Sammlung zu Künstlern aus dem Rhein-Main-Neckar-Raum und die Sammlung Porcelaine de Paris werden in wechselnder Zusammenstellung und in Sonderausstellungen präsentiert.

Auch die volkskundliche Sammlung der Alfred-Prassek-Stiftung in Kreuzwertheim wird wissenschaftlich vom Grafschaftsmuseum beraten.

Museumspädagogik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museum bietet Führungen und didaktische Kurse über bestimmte Kunst- und Kulturtechniken an, darunter der Blaudruck, der Scherenschnitt und die Kunst der Feuererzeugung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marion Diehm: Die Kilianskapelle. Von der Lateinschule zur städtischen Altertümersammlung. In: 625 Jahre Wertheimer Lateinschule. Festschrift. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, Wertheim 1998, S. 73–77.
  • Erich Langguth: Aus Wertheims Geschichte. Historischer Verein Wertheim, Wertheim 2004, S. 106–108, S. 507–513.
  • Jörg Paczkowski: Bemerkungen zur Baugeschichte des alten Rathauses in Wertheim. In: Wertheimer Jahrbuch 1991/92. Historischer Verein Wertheim, Wertheim 1992, S. 161–172.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Grafschaftsmuseum Wertheim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Aufruf von Hofapotheker und Stadtarchivar Dr. Karl Wagner in der Wertheimer Zeitung vom 10. November 1878.
  2. Archivrat Dr. Alexander Kaufmann, zit. in.: Erich Langguth: Aus Wertheims Geschichte. Historischer Verein Wertheim 2004, S. 508.
  3. Vgl. Marion Diehm: Die Kilianskapelle. Von der Lateinschule zur städtischen Altertümersammlung (s. Literatur), S. 73ff.
  4. Modersohn-Sammlung im Grafschaftsmuseum und Otto-Modersohn-Kabinett. Flensburg online, 13. Juni 2011, abgerufen am 6. Dezember 2015.
  5. Kunst ist sein Leben – Wolfgang Schuller wird 85. Main Echo, 30. Oktober 2010, abgerufen am 11. Januar 2016.

Koordinaten: 49° 45′ 34,5″ N, 9° 31′ 5,2″ O