Handschriftencensus
Der Handschriftencensus (HSC) ist eine frei zugängliche Online-Datenbank zur deutschsprachiger Handschriftenüberlieferung des Mittelalters (750–1520). Ziel des Projekts ist eine vollständige Bestandsaufnahme des mittelalterlichen Handschriftenerbes des deutschen Sprachraums, der neben Alt- und Mittelhochdeutsch auch Altsächsisch und Mittelniederdeutsch umfasst. Über die Beschreibungen der Textzeugen hinaus enthält die Datenbank Informationen zu literarischen Werken sowie ihren Autoren, Übersetzern und Schreibern.
Aufbau und Funktionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Jeder Textzeuge ist als eigenständiger Datensatz verzeichnet und mit einem Permalink referenziert. Neben dem Inhalt der Textzeugen erfasst der HSC kodikologische Basisdaten zu Überlieferungsform (Fragment, Codex, Rolle, Sonstiges), Umfang, Material, Blattgröße, Schriftraum, Spalten- und Zeilenzahl, Entstehungszeit und Schreibsprache. Zusätzliche Informationen, etwa zu Schreibern, Auftraggebern, Illustrationen oder Provenienz, finden sich in den Datenfeldern ‚Schreibernennung‘, ‚Besonderheiten‘ und ‚Ergänzender Hinweis‘. Als größtes überregionales Nachweisinstrument für Volldigitalisate verzeichnet der HSC außerdem für jede Beschreibung neben relevanter Forschungsliteratur auch Abbildungen des Textzeugen, falls vorhanden. Da der Datenbestand fortwährend gepflegt, aktualisiert und erweitert wird – der Zeitpunkt der letzten Bearbeitung wird zugunsten der Transparenz am Ende jeder Beschreibung angegeben –, kann die Erschließungstiefe der einzelnen Katalogisate variieren und reicht vom einfachen Signaturnachweis mit kurzem weiterführenden bibliografischem Hinweis bis hin zur komplexen Erfassung kodikologischer, paläografischer, sprachlicher und literarhistorischer Daten mit einem umfangreichen Verzeichnis von Sekundärliteratur sowie Verlinkungen zu anderen Online-Ressourcen und Kooperationspartnern.
Um zu den einzelnen Handschriftenbeschreibungen zu gelangen, bietet der HSC verschiedene Zugriffsoptionen, nämlich eine Suchmaske, ein Verzeichnis der Aufbewahrungsorte und der online verfügbaren Handschriftenabbildungen sowie ein Werk- und Personenverzeichnis.
So listet das Verzeichnis Aufbewahrungsorte die Namen aller Orte auf, an denen im HSC verzeichnete Textzeugen aufbewahrt werden. Für die individuellen Orte werden jeweils nach Institutionen (z. B. Staats- und Stadtarchive, verschiedene öffentliche oder universitäre Bibliotheken, Museen) untergliedert die Signaturen aller dort nachgewiesenen Textzeugen angeführt. Grundsätzlich verzeichnet der HSC auch frühere Signaturen und Aufbewahrungsorte von Textzeugen, um ihre Identität sicherzustellen (z. B. bei Erwähnungen von Altsignaturen in älterer Forschungsliteratur), die Aufnahme von Dubletten zu vermeiden und ggf. Wanderbewegungen (etwa durch Verkauf, Kriegsverluste oder Diebstahl) sichtbar zu machen.
Das Werkverzeichnis orientiert sich an der zweiten Auflage des Verfasserlexikons und referenziert im zunehmenden Maße normierte Datensätzen der Gemeinsamen Normdatei (GND). Ein Werkeintrag fasst überblicksartig alle bekannten Überlieferungszeugen zusammen und verweist auf den zugehörigen Eintrag im Verfasserlexikon, Textausgaben sowie in Vorbereitung befindliche Editionsvorhaben. Falls die Werke nicht anonym überliefert sind, verknüpft der HSC die Werkeinträge mit Autoren und Übersetzern.
Außerdem zeigt ein 2025 eingeführtes Tool die Mitüberlieferung des jeweiligen Werks an: Mittelalterliche Texte sind meist nicht alleine, sondern in Textverbünden – also mit anderen Werken z. B. in einer Sammelhandschrift – überliefert. Beispielsweise für Fragen der Rezeptionsgeschichte kann es deshalb aufschlussreich sein, Werke im Kontext ihrer Sammlungskonstellationen zu betrachten. Daher listen die Werkeinträge des HSC unter ‚Mitüberlieferung‘ all jene deutschsprachigen Werke auf, die im Überlieferungsverbund mit dem auf der Übersichtsseite dargestellten Werk auftreten. Diese Auflistung der mitüberlieferten Werke kann entweder alphabetisch oder nach Häufigkeit der gemeinsamen Überlieferung sortiert werden. Wie oft Werke gemeinsam überliefert sind, wird durch eine variierende Schriftgröße abgebildet und ist somit intuitiv erfassbar.
Im Personenverzeichnis sind alle namentlich bekannten Personen aufgelistet, die sich als Autor, Übersetzer oder Schreiber selbst nennen oder durch die Forschung sicher identifiziert wurden. Unter den jeweiligen Personeneinträgen sind assoziierte Werke und/oder Textzeugen verzeichnet; durch Verlinkung kann zudem der entsprechende Personeneintrag in der GND aufgerufen werden.
Darüber hinaus bietet der HSC ein durchsuchbares Literaturverzeichnis, welches die gesamte Forschungsliteratur erfasst, die in den Handschriftenbeschreibungen und Werkeinträgen referenziert wird. Handschriftenkataloge können gesondert angezeigt werden.
Datenbestand
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der HSC enthält (Stand: Oktober 2025) Informationen zu 6.800 Werken in knapp 25.000 Handschriften und -fragmenten, die an mehr als 1.500 Standorten weltweit verwahrt werden (Bibliotheken, Museen, Archive und andere Gedächtnisinstitutionen). Mit diesen Textzeugen und Werken sind mehr als 1.650 Autoren, 75 Übersetzer und knapp 2.000 Schreiber verknüpft.
2007 wurde der Datenbestand des HSC um die ähnlich strukturierten Beschreibungen deutschsprachiger Handschriften bis 1200 im ,Paderborner Repertorium der deutschsprachigen Textüberlieferung des 8. bis 12. Jahrhunderts’ ergänzt. Seit 2020 sind in Personen- und Werkeinträgen Normdaten der GND implementiert.
Alle HSC-Daten können im JSON-Format exportiert werden; Autoren und Werke sind außerdem im BEACON-Format abrufbar. Die Datenbankinhalte stehen unter der Creative Commons Lizenz BY-SA und sind ebenfalls in englischer Sprache und für mobile Endgeräte verfügbar.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hervorgegangen ist der HSC aus den DFG-geförderten, Marburger Repertorien deutschsprachiger Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts’ und dem, Paderborner Repertorium der deutschsprachigen Textüberlieferung des 8. bis 12. Jahrhunderts’. 2006 wurde die Arbeitsgruppe ‚Handschriftencensus’ als ortsunabhängiger Verbund von Forschenden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegründet. Die pflegten und ergänzten die Datenbank trotz ihres großen Umfangs und fachlichen Relevanz bis 2017 in Eigenleistung.
Seit 2017 wird der Handschriftencensus von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz langfristig institutionell getragen. Sitz der Arbeitsstelle ist das Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Philipps-Universität Marburg.[1]
Beteiligungsmöglichkeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Für die Aktualisierung und Ergänzung bereits bestehender Handschriftenbeschreibungen oder für Hinweise auf bisher nicht berücksichtigte Handschriften und Sekundärliteratur können über eine Eingabemaske Mitteilungen an den HSC übermittelt werden. Umfassendere Ergänzungen können außerdem per E-Mail mitgeteilt werden. Nach einer redaktionellen Prüfung und Einarbeitung der Angaben werden die Mitteilenden – im Sinne einer Mikropublikation – am Ende der Beschreibung namentlich aufgeführt. Neue Erkenntnisse können darüber hinaus zuerst in der vom HSC betreuten Online-Zeitschrift Maniculae publiziert und im Anschluss in die Datenbank aufgenommen werden.
Maniculae
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit September 2020 ist der Handschriftencensus Herausgeber einer Online-Zeitschrift für mittelalterliche Handschriften und Überlieferungsforschung, MANICULAE.[2] Die dort veröffentlichten Textbeiträge informieren über Neuigkeiten auf dem Gebiet der Überlieferung mittelalterlicher Texte, unter anderem in Form von Fundberichten, Beschreibungen von Textzeugen, Hinweisen auf Digitalisierungsprojekte, Identifizierung bisher unbekannter Fragmente oder Handschriften und allgemeinen Neuigkeiten im Bereich Überlieferungsforschung, Kodikologie und Paläographie. Die Beiträge werden mittels Peer Review Verfahren geprüft und erscheinen Open Access unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.
HSC-Neuigkeiten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Februar 2025 wurde die Rubrik ‚HSC-Neuigkeiten‘ in überarbeiteter Form freigeschaltet, um zeitnah und unabhängig von externen Plattformen über die Fortschritte der Projektarbeit und forschungsrelevante Themen zu informieren. Die Neuigkeiten können entweder auf der Startseite über den Newsfeed oder über den Reiter ‚HSC‘ in der Navigationsleiste erreicht oder als RSS-Feed abonniert werden.[3] Aktuell (Stand: Oktober 2025) enthalten die ‚HSC-Neuigkeiten‘ mehr als 400 Nachrichten zu Neuerscheinungen, technischen Ankündigungen, relevanten Terminen oder Funden von Handschriften und Fragmenten.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Jürgen Wolf: Einblicke in das Akademieprojekt 'handschriftencensus.de'. In: Vorträge der Geisteswissenschaftlichen Klasse 2021–2022, hg. von Meinolf Vielberg (Sitzungsberichte der Geisteswissenschaftlichen Klasse der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt 12), Erfurt 2023, S. 191–212.
- Jürgen Wolf: Handschriftencensus (HSC). Von der Handschrift zu den Metadaten. In: Digitale Mediävistik. Perspektiven der Digital Humanities für die Altgermanistik, hg. von Elisabeth Lienert, Joachim Hamm, Albrecht Hausmann, Gabriel Viehhauser (BmE Themenheft 12), Oldenburg 2022, S. 115–136. (online)
- Rudolf Gamper, Christine Glaßner: ‘Handschriftencensus’ – An Inventory of German Medieval Manuscripts. In: Nataša Golob (Hrsg.): Medieval autograph manuscripts. Proceedings of the XVIIth Colloquium. Turnhout 2013, S. 291–295.
- Lara Schwanitz: Auf digitaler Spurensuche im Mittelalter. In: Avenue 7,1 (2019), S. 39–41.
- Jürgen Wolf, Radiobeitrag: Interviewgespräch, WDR3 Mosaik (2/2019). (online)
- Nathanael Busch, Jürgen Wolf: Radiobeitrag Faszination mittelalterliche Manuskripte. SWR2 Kultur neu entdecken (3/2019) (online).
- Nathanael Busch, Jürgen Wolf: Radiobeitrag Kulturelles Erbe – Forscher untersuchen Handschriften aus dem Mittelalter. Deutschlandfunk „Aus Kultur- und Sozialwissenschaften“ (8/2019). (online)
- Bernhard Runzheimer: „Das ist nicht ganz trivial ...“. Die Anpassung gewachsener Projektstrukturen an moderne IT-Standards am Beispiel des Handschriftencensus. In: Martin Huber, Sybille Krämer, Claus Pias (Hrsg.): Forschungsinfrastrukturen in den digitalen Geisteswissenschaften. Wie verändern digitale Infrastrukturen die Praxis der Geisteswissenschaften? (= Symposienreihe Digitalität in den Geisteswissenschaften). Frankfurt a. M. 2019 (urn:nbn:de:hebis:30:3-519416).
- Nathanael Busch, Rudolf Gamper, Christine Glaßner, Jürgen Wolf: Radiobeitrag Kulturelles Erbe aus dem Mülleimer. SRF2 „Kultur Kontext“ (11/2019) (online).
- Jürgen Wolf: Das Portal Handschriftencensus und WZIS. In: Das Wasserzeichen-Informationssystem (WZIS). Bilanz und Perspektiven, hg. von Erwin Frauenknecht, Gerald Maier und Peter Rückert, Stuttgart 2017, S. 151–157.
- Nathanael Busch: www.handschriftencensus.de. Eine Datenbank sammelt Informationen zu deutschsprachigen Handschriften aus Hessen. In: Archiv-Nachrichten aus Hessen. 12/1 (2012), S. 28–30 (online).
- Klaus Klein: Grundlagen auf dem Weg zum Text: www.handschriftencensus.de. In: Wernfried Hofmeister, Andrea Hofmeister-Winter (Hrsg.): Wege zum Text. Überlegungen zur Verfügbarkeit mediävistischer Editionen im 21. Jahrhundert. Grazer Kolloquium 17.–19. September 2008 (= Beihefte zu editio 30). Tübingen 2009, S. 113–119.
- Jürgen Wolf: Handschriftencensus – Eine Bestandsaufnahme. In: ZfdA 138 (2009), S. 279 f. (online).
- Joachim Heinzle, Klaus Klein: Die Marburger Repertorien zur Überlieferung der deutschen Literatur des Mittelalters. In: ZfdA 130 (2001), S. 245 f. (online).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Website des Handschriftencensus
- Maniculae
- Handschriftencensus auf X (ehemals Twitter)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Handschriftencensus (HSC) – Kompentenzentrum Deutschsprachige Handschriften des MittelaltersNeues Vorhaben der Akademie der Wissenschaften und der Literatur im Akademienprogramm, Pressemitteilung der Akademie vom 2. November 2016, abgerufen am 6. Januar 2025 (PDF; 425 kB).
- ↑ Über die Zeitschrift, auf maniculae.de
- ↑ https://handschriftencensus.de/news/hsc.rss