Igelit

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Igelit ist ein ehemals eingetragener Handelsname für Weich-PVC, insbesondere eines Copolymerisates mit z. B. 20 % Acrylsäureester bei 80 % Vinylchlorid. Außerdem wurde noch der Weichmacher Trikresylphosphat (TKP) mit bis 30 % Anteil zugesetzt.

Der Name spielt auf den Inhaber der Namensrechte an, die I.G. Farbenindustrie A. G. Er wurde von den Nachfolgern der I.G.-Farben bis in die Nachkriegszeit benutzt, musste dann aber, wie andere Handelsnamen mit den Anfangsbuchstaben IG-, im Zuge der Liquidation von I.G. Farben aufgegeben werden.

Produktionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1938 nahm das Werk Bitterfeld mit einer Monatsproduktion von 120 Tonnen die Fertigung auf. In der DDR produzierten es die vormaligen I.G.-Farbenwerke VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld und die Buna-Werke Schkopau in großen Mengen.

1939 wurde Igelit beworben als „thermoplastischer Kunststoff von vielseitigem Charakter, in jeder Härte einstellbar durch Weichmacher, in jeder Farbe einfärbbar mit Vulkanechtfarbstoffen, […] zeichnet sich aus durch Korrosionsfestigkeit und Alterungsbeständigkeit, ist verwendbar als Isoliermasse, als Mantel­masse, als Bleimantelersatz.“[1]

Das Material diente u. a. als Lederersatz für Schuhmaterial und Taschen, für Regenmäntel („Hast du Igelit im Haus, kannst du auch bei Regen raus“), als Fußbodenauslegware minderer Qualität und auch als Verpackungsmaterial. In der DDR war es vor allem als Schuhmaterial berüchtigt („Im Sommer heiß, im Winter kalt“). Igelit wurde in den letzten Kriegsjahren und nach dem Zweiten Weltkrieg als Ersatz für Glas in die Fenster genagelt. Hierzu wurde das etwa 3 mm starke, bei Raumtemperatur flexible Tafelmaterial von Glasern vertrieben oder gegen Naturalien getauscht. Im Raum Leipzig erfolgte dieser Vertrieb z. B. durch die damalige Firma Glas-Nebe. Diese Ersatzlösung für Glas beschränkte sich auf Regionen in Nähe der Igelitproduktion (Leuna/Bitterfeld).

Es konnte durch Abgabe von Orthotrikresylphosphat (OTKP) aus seinem Weichmacher Nervenlähmungen verursachen. Daher wurde seine Verwendung in der DDR bereits 1950 durch eine Verordnung stark eingeschränkt, die u. a. ein Verbot der Verwendung im Nahrungsmittel- und Hygienebereich sowie die Verpflichtung einer Gefahrenkennzeichnung an entsprechenden Produkten beinhaltete.

In Zeiten des Kalten Krieges wurde behauptet, dass der Suppenwürze BINO Abfälle der Igelit-Produktion beigefügt wurden.[2] Das entbehrte jeder Grundlage.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kurt Brandenburger: Kunststoff-Ratgeber. Tabellen u. Gestaltungsregeln f. d. Verarbeitg v. Kunststoffen, insbesondere Kunstharzpreßmassen. Essen: Girardet 1939 (2. Auflage 1950).
  • Igelit für die Elektrotechnik. Frankfurt (Main): I. G. Farbenindustrie A. G., Verkaufsgemeinschaft Chemikalien, 1940.
  • Die Verarbeitung von weichmacherhaltigem Igelit nach dem Schlagpreßverfahren. Frankfurt (Main): I. G. Farbenindustrie A. G., 1942
  • Georg Wick und Arnd Iloff: Neue Verarbeitungsverfahren für Igelit PCU. In: Kunststoffe, Jg. 32. 1942, Mai-Heft. München: Lehmann 1942.
  • Igelit-PCU-Pasten. Frankfurt (Main): I.G. Farbenindustrie A. G., 1942.
  • Igelit für die Weichgummi-Industrie. Frankfurt (Main): I.G. Farbenindustrie A. G., 1942.
  • Karl-Heinz Elsaesser: Nervenlähmungen durch Weich-Igelit (Orthotrikresylphosphat-Intoxikation). In: Zeitschrift für Lebensmitteluntersuchung und -Forschung A, Band 90, Nr. 1, Januar 1950.
  • Erika Krüger: Prüfung eines synthetisch hergestellten Materials (Igelit) auf blutgerinnungshemmende Eigenschaften. Dissertation (Medizin) Berlin 1951.
  • Igelit, PCU: [ein Erzeugnis d. chemischen Werke Buna, Schkopau ü. Merseburg]. Schkopau ü. Merseburg: Chemische Werke Buna, 1953.
  • Werner Schrader: Die Kunststoffverarbeitung und Schweissung: PVC (Vinidur, Decelith und Igelit). Probleme d. Praxis u. ihre Lösgn. Halle (Saale): Carl Marhold, 1954.
  • Heinz Jungnickel u. Heinz Wippenhohn: PVC-Kunststoffe für Industrie und Handwerk. Leipzig: Fachbuchverlag 1955 (Titel der 1. Auflage 1952: Die Kunststoffe Vinidur und Igelit. Herstellung, Eigenschaften, Verarbeitung u. Anwendung).
  • Günter Eber: Untersuchungen über gesundheitliche Schädigungen beim Verarbeiten von Igelit, insbesondere beim Schweißen und Kleben. Dissertation (Medizin) Jena 1955.
  • Kohle, Leichtmetall und Igelit. Die Industriestruktur im Raum Bitterfeld. In: Der Bitterfelder Aufstand, (2003), S. 31–34.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kunststoffe für die Kabel-Industrie (Anzeige der I. G. Farbenindustrie). In: Elektrotechnik und Maschinenbau. Zeitschrift des Elektrotechnischen Vereines in Wien. Organ der Vereinigung Österreichischer und Ungarischer Elektrizitätswerke / Elektrotechnik und Maschinenbau. Zeitschrift des Elektrotechnischen Vereines in Wien( und Organ des Zweigvereines Brünn) / E. u. M. (E und M) Elektrotechnik und Maschinenbau. Zeitschrift des Elektrotechnischen Vereines in Wien / E und M Elektrotechnik und Maschinenbau. Zeitschrift des Elektrotechnischen Vereines in Wien von 1883 bis 1938 / E und M Elektrotechnik und Maschinenbau. Organ/Zeitschrift des Elektrotechnischen Vereines Österreichs, Heft 39/1939, S. 863 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/emb
  2. Bild-Zeitung, Ausgabe vom 2. August 1952 Abbildung (am 26. April 2007)
  3. Matter, Günter: „Maggi des Ostens“: Wie es dazu kam, dass „Bino“ zu DDR-Zeiten in Bitterfeld produziert wurde. In: Mitteldeutsche Zeitung. 24. Oktober 2021.