Integrale Theorie

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Die integrale Theorie, integrale Weltsicht oder auch integrale Philosophie ist eine Theorie und Weltanschauung, die versucht, eine umfassende Sicht des Menschen und der Welt zu entwickeln, die natur-, human- und geisteswissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien, prämoderne, moderne und postmoderne, östliche und westliche Weltsichten sowie wissenschaftliches Denken und spirituelle Einsichten vereint. Vertreter der integralen Theorie sind unter anderem Aurobindo Ghose, Jean Gebser und Ken Wilber, nach eigener, umstrittener Auffassung auch Rudolf Bahro. Auch bedeutende Philosophen wie Hermann Lotze, Max Scheler und Nicolai Hartmann und Soziologen wie Pitirim Sorokin sind im oben genannten Sinne als Vertreter einer integralen Weltsicht zu verstehen.

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die integrale Theorie ist ein systematisches Modell für eine holistische Welterklärung. Sie geht davon aus, dass die in der modernen Wissenschaft stark ausdifferenzierten Wirklichkeitsbereiche von Natur, Mensch, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur in der Realität vielfältig verflochten sind. Für eine zukunftsfähige oder nachhaltige Entwicklung braucht es daher neben den Einzel- oder Fachwissenschaften auch die Welt als Ganzes auf neue, moderne integrierende Denkansätze, Forschungen und Theorien.

Einer der wichtigsten gegenwärtigen Vertreter der integralen Theorie, Ken Wilber, vertritt die Auffassung, dass auch mystische und spirituelle Erfahrungen Wissen über die Natur vermitteln können und deshalb in einem umfassenden Weltmodell ebenso wie wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt werden müssen. Mittels geeigneter Übungsmethoden wie der Meditation sei es sogar möglich, diese intersubjektiv zu überprüfen. Dies wird auch mit der Verbreitung dieser spirituellen Erfahrungen quer durch viele Kulturen und Epochen sowie ihrer prinzipiellen Zugänglichkeit durch meditative Praxis begründet. Nach Ken Wilber bestünde die Aufgabe eines integralen Theoretikers nicht darin, alle existierenden Theorien zu betrachten und zu entscheiden, welche davon „richtig“ sei. Vielmehr müsse er erklären, in welchem Kontext die Gesamtheit dieser Ideen „richtig“ sein könne. Denn all diese Theorien in Wissenschaft, Kunst und Spiritualität würden ja tatsächlich praktiziert und man müsse daher nach der Struktur des Kosmos fragen, der ein Aufkommen so vieler grundverschiedener Disziplinen gestatte. Es sei also die Frage nach der Architektur des Universums selbst zu stellen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt integraler Theorie besteht darin, zwischen den verschiedenen Ansätzen zur menschlichen Subjektivität zu vermitteln. So wird einerseits davon ausgegangen, dass das individuelle Ich oder Ego nicht die höchste Qualität menschlicher Handlungsfähigkeit darstellt, sondern in einem komplexeren transpersonalen Selbst aufgehen kann, das auch die anderen Wesen im eigenen Denken, Fühlen und Handeln berücksichtigt. Andererseits wird jedoch die Bedeutung des Ich als zentrale Instanz individueller Handlungsfähigkeit betont und sich damit von spirituellen Ansätzen abgegrenzt, welche das Ich in universeller Einheit auflösen möchten.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Rationalisten bemängeln an der integralen Theorie die Einbeziehung nicht-rationaler Elemente. Esoteriker kritisieren hingegen an dem Ansatz, dass Rationalität und Empirie einen zu hohen Stellenwert haben. Integrale Theoretiker weisen jedoch gerade darauf hin, dass sie die Trennung von rationalen, emotionalen und intuitiven Erkenntnisweisen sowie die Zersplitterung der verschiedenen Wissensdisziplinen überwinden wollen und insoweit Philosophie in einem umfassenden Sinne betrieben. Die wissenschaftliche Rezeption dieses Ansatzes, die Zersplitterung der Disziplinen zu überwinden und sie stattdessen zusammenzuführen, ist in den letzten Jahren gewachsen, so liegen inzwischen Anwendungen u.a. aus dem Bereich des Management[1], der Organisationstheorie[2], der Psychotherapie[3] und der Ökologie[4] vor.

Neben Ken Wilber gelten Don Beck, Jean Gebser, Ervin László und Michael Murphy als neuere Vertreter einer derartigen Weltsicht. Auch der kultur- und sozialökologische Denkansatz von Maik Hosang wird als integral bezeichnet. In seinem Science-Roman „Eves Welt. Liebe in Zeiten des Klimawandels“ entwickelt Hosang die Vision einer überwundenen Spaltung zwischen Rationalität und Gefühl, welche die moderne Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft kennzeichnet, in einer Welt bewusst entwickelter und gelebter Liebe als komplexe Sinn- und Glückserfüllung.[5]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Namen Integrale Politik Schweiz besteht in der Schweiz seit 2011 eine kleine politische Partei, die ein Welt- und Menschenbild gemäß der integralen Theorie vertritt.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Mascha: Das Integrale Management. Verlag Andreas Mascha, München 2009, ISBN 978-3-924404-50-5, S. 30.
  2. Frederic Laloux: Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Vahlen, Leipzig 2015, ISBN 978-3-8006-4913-6, S. 356.
  3. Wulf Mirko Weinreich: Integrale Psychotherapie. Ein umfassendes Therapiemodell auf der Grundlage der Integralen Philosophie nach Ken Wilber. Arak-Verlag, Leipzig 2005, ISBN 3-936149-53-4, S. 402.
  4. Sean Esbjörn-Hargens: Integrale Ökologie. Die Vereinigung verschiedener Perspektiven auf die natürliche Welt. Phänomen-Verlag, 2012, ISBN 978-3-943194-55-5, S. 542.
  5. Maik Hosang: Eves Welt. Liebe in Zeiten des Klimawandels. Phänomen Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-933321-72-5, S. 330.
  6. sda/olsm: Neues Mitglied in der Schweizer Parteienlandschaft. In: Tagesschau. Abgerufen am 7. Oktober 2012 (deutsch).