Internationales Komitee der Vierten Internationale

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Internationales Komitee der Vierten Internationale (Kurzbezeichnung: IKVI) ist eine trotzkistische Organisation, die in den 1950er Jahren bei der Spaltung der Vierten Internationale entstand. Sie betreibt mit dem World Socialist Web Site das weltweit meistbesuchte trotzkistische Online-Portal.[1] In Deutschland gehört ihr die Partei für Soziale Gleichheit (PSG) an, die mit dem Mehring Verlag über den bedeutendsten trotzkistischen Verlag im deutschsprachigen Raum verfügt.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in der pablistischen Mehrheit der Vierten Internationale in den späten 40er und frühen 50er Jahren eine Vorstellung vor, nach kurzer wirtschaftlicher Erholung stünde eine schwere kapitalistische Wirtschaftskrise unmittelbar bevor, die zu einem Dritten Weltkrieg führen müsse.[2] Der Kongress von 1946 betrachtete die Nachkriegszeit lediglich als kurzes Zwischenspiel, währenddessen die USA bereits einen Angriffskrieg auf die UdSSR vorbereiten würden.[3]

Ungeachtet der Einhegung des Kapitalismus durch die Systemkonkurrenz mit den kommunistischen Staaten des Ostblocks sowie Chinas, hielt dieser Alarmismus bis in die fünfziger Jahre an. So wurde auf dem 3. Weltkongress 1951 erneut von konkreten Vorbereitungen zu einem neuen Weltkrieg gesprochen. Da für den Aufbau starker trotzkistischer Parteien nun aber keine Zeit mehr sei, sollten die Mitglieder der IV. Internationale ihr Glück stattdessen im Entrismus suchen, sei es dass sie den existierenden stalinistischen Kommunistischen Parteien beitreten, durchaus auch mit dem Ziel, diese zu beeinflussen, oder dort, wo die Arbeitsbedingungen in den sozialdemokratischen Parteien als besser angesehen wurden, den sozialdemokratischen Parteien.[4].

Abspaltung von der Vierten Internationalen[Bearbeiten]

Sowohl die alarmistische Einschätzung der Lage als auch die geforderte Konsequenz der Aufgabe einer eigenständigen trotzkistischen Organisierung stieß in Teilen der Internationalen auf erwartbaren Widerspruch. Insbesondere die impliziten Hoffnungen auf eine Veränderung der stalinistischen Parteien konnten viele nicht teilen, während der Entrismus in sozialdemokratische Parteien weit weniger kritisch gesehen wurde.[5]

Dennoch stellte sich 1951 zuerst nur die Mehrheit der französischen PCI offen gegen den vorherrschenden Kurs. Erst als 1953 weitere Sektionen auf Konfrontationskurs mit der Internationalen gingen, kam es zum Bruch: Gemeinsam mit der von Pierre Lambert angeführten PCI-Mehrheit (der späteren OCI) spalteten sich die US-amerikanische (SWP), englische („The Club“ unter Führung von Gerry Healy), schweizerische, neuseeländische und argentinische (unter Führung von Nahuel Moreno[6]) Sektion von der Vierten Internationale ab und schlossen sich zum Internationalen Komitee der Vierten Internationalen zusammen.[7] Die abgespaltene Tendenz wird gelegentlich nach dem Führer der SWP, James P. Cannon, „Cannonisten“ genannt.[8]

Teilweise Wiedervereinigung[Bearbeiten]

Im Jahr 1963 vereinigten sich jedoch viele Anhänger des IKVI, unter anderem die SWP[9], wieder mit der IV. Internationale[10], deren neue Leitung nun Vereinigtes Sekretariat der Vierten Internationale genannt wurde. Die führenden Gegner dieser Wiedervereinigung waren Gerry Healy in England und Pierre Lambert in Frankreich.[11]

1971 verließ auch Lamberts Partei OCI das Internationale Komitee[12]. Das verbliebene IKVI zerfiel 1985 in konkurrierende Gruppen.[13]

Verbleibende Sektionen des Internationalen Komitees[Bearbeiten]

Der heute von David North geführte Rest des IKVI hatte 2005 Sektionen in sieben Ländern, darunter die Partei für soziale Gleichheit (PSG) in Deutschland.[14] Es publiziert unter anderem die World Socialist Web Site (WSWS)[15] und hat z.Z. folgende nationale Sektionen:

Literatur[Bearbeiten]

  • David North: Das Erbe, das wir verteidigen : ein Beitrag zur Geschichte der 4. Internationale. Arbeiterpresse-Verlag, Essen, 1988. ISBN 3-88634-051-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "Socialist Organizations" auf Alexa.com.
  2. Vgl. speziell hierzu Bensaïd 2002, 58: „Die internationale Konferenz vom April 1946 in […] ging trotz einer kurzen Erholung von einer andauernden Wirtschaftskrise aus.“
  3. Bensaïd 2002, 54, 60, 66: „Die Haltung, die damals unter den Führungsmitgliedern der IV. Internationale […] vorherrschte, war […] die Nachkriegszeit als eine Pause oder ein Zwischenspiel in einem Krieg, der in anderer Form weitergehen würde, zu sehen.“ / „Man meinte, dass Washington einen Krieg gegen die UdSSR vorbereite, […].“ / „Die Orientierung, die sich damals in der Internationale herausbildete, war direkt verbunden mit der Vorhersage eines neuen und unmittelbar bevorstehenden Weltkrieges.“
  4. Bensaïd 2002, 79: „Der tiefgehende Entrismus von 1952/1953 in den kommunistischen Parteien war von einer anderen Art [als der von Trotzki selbst in den 30er Jahren teilweise vertretene Entrismus], sicherlich aus praktischen Gründen, insofern der Monolithismus der Kommunistischen Parteien und ihr virulenter Antitrotzkismus Heimlichkeit erzwangen. Aber er entsprach auch einer langfristigen Entscheidung: Er reagierte nicht auf das Aufkommen von Differenzierungen, die in den Massenorganisationen existierten, sondern antizipierte und setzte auf die Unvermeidbarkeit von Brüchen als Folge des zu erwartenden“ - oder vielmehr: erwarteten! - „Krieges.“
  5. Vgl. Nitzsche 2009, 31: Die „RCP wurde im gleichen Jahr durch Healy und Lawrence gespalten, die mit dem Argument, dass die ökonomische Krise die Arbeiterschaft massenhaft in die Labour Party treiben würde, in diese eintraten und dort den 'Klub' bildeten“. Dieser wurde unter Führung Healys erst 1959, also sechs Jahre nach der Spaltung der IV. Internationale, in die Socialist Labour League (SSL) umgewandelt.
  6. S. speziell zu ihm Bensaïd 2002, 55: „Die Delegierten der britischen Sektion auf dem 2. Weltkongress der IV. Internationale 1948 stellten […] gemeinsame Änderungsanträge mit dem argentinischen Delegierten Nahuel Moreno vor, in denen die Auswirkungen der Marshall-Planes auf die Wiederankurbelung der Produktion und die Stabilisierung des Kräfteverhältnisses in Europa festgehalten wurden.“.
  7. Siehe zum Vorstehenden: Nitzsche 2009, 33 [mit FN 116], 40. Vgl. Bensaïd 2002, 73: „Internationale[s] Komitee, dessen Hauptbestandteile die SWP in den Vereinigten Staaten, die Socialist Labour League in Großbritannien, die Organisation Communiste Internationaliste in Frankreich und die Gruppe von Nahuel Moreno in Argentinien waren“
  8. Nitzsche 2009, 72, 300.
  9. Nitzsche 2009, 34
  10. Bensaïd 2002, 76: „Eine paritätische Kommission bereitete den Vereinigungskongress von 1963 vor (VII. Weltkongress), der die Sektionen von 26 Ländern zusammenführte und ein Dokument über Die Dialektik der Weltrevolution annahm, das die Grundlagen der Einigung festhielt“
  11. Nitzsche 2009, 40.
  12. ebd.
  13. ebd.
  14. ebd.
  15. http://www.wsws.org/de/.