Interpenetration

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Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck wird in der Systemtheorie als aktive „wechselseitige Durchdringung von Systemen mit fremden Leistungsanforderungen“ zum Zwecke beidseitiger Leistungssteigerung verstanden (vgl. Westerbarkey 1995: 154). Dies geschehe, indem Operationsweisen des jeweils anderen Systems teilweise übernommen würden. Westerbarkey verwendet den Ausdruck um das Verhältnis von Politik und Medien zu beschreiben. Das politische System übernehme auf der einen Seite die Operationsweisen des Mediensystems, also beispielsweise spezifische journalistische Selektions- und Gestaltungsregeln; auf der anderen Seite übernehme das Mediensystem Themenvorgaben der Politik.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor der Verabschiedung der Einheitlichen Europäischen Akte zur Einführung des Europäischen Binnenmarktes 1985 war der Warenverkehr von einem nationalen Markt innerhalb der Europäischen Gemeinschaft in einen anderen nationalen Markt innerhalb der EG durch Marktzugangsbeschränkungen reglementiert. Die Durchdringung eines nationalen Marktes wurde durch Quoten der Interpenetration festgelegt. Insbesondere durch die Verträge über die Montanunion war dies auf dem Stahlmarkt von großer Bedeutung.

Politik und Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Interpenetrationszone zwischen Politik und Medien ist ein soziales System, welches sich gleichermaßen vom Funktionssystem Politik und vom Funktionssystem Öffentlichkeit abgrenzen lässt.[1]

Systemtheorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Systemtheorie bezeichnet Interpenetration eine strukturelle Kopplung von Systemen, die sich in wechselseitiger Ko-Evolution entwickeln, d. h. kein System kann ohne das andere existieren. Interpenetration gibt es z. B. im Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen. Dabei stellt jedes interpenetrierende System die eigene Komplexität bei der Konstitution des anderen zur Verfügung. Der Begriff wurde erstmals 1959 von Talcott Parsons gebraucht und ab 1978 von Niklas Luhmann weiterentwickelt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Talcott Parsons: "An approach to psychological theory in terms of the theory of action", in: Koch, S. (hg.) Psychology: a study of a science. McGraw-Hill, New York, S. 612–71.
  • Niklas Luhmann: "Interpénétration bei Parsons", in: Zeitschrift für Soziologie 7 (1978), S. 299–302.
  • Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Kapitel 6 "Interpenetration", S. 286–345. ISBN 3-518-28266-2
  • Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. ISBN 978-3-518-28960-0
    • Bd. 1, Kapitel VI. "Operative Schließung und strukturelle Kopplung", S. 92–120
    • Bd. 2, Kapitel IX. "Autonomie und strukturelle Kopplung", S. 776–788.
  • Jan Künzler: Interpenetration bei Parsons und Luhmann, System Familie (1990) 3, S. 157–171.
  • Joachim Westerbarkey: Journalismus und Öffentlichkeit. Aspekte publizistischer Interdependenz und Interpenetration, in: Publizistik, Jahrgang 1995, S. 152–162.
  • Anna Schriefl: Interpenetration, in: Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Klassiker auslegen (Hg. von D. Horster), Berlin 2013, S. 73–87. ISBN 978-3-05-006492-5

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jochen Hoffmann: Inszenierung und Interpenetration: Das Zusammenspiel von Eliten aus Politik und Journalismus. Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-13889-8 (Dissertation Universität Zürich).