Jerusalemkirche (Brügge)

Die Jerusalemkirche in Brügge wurde im 15. Jahrhundert erbaut. Anselm Adornes, Mitglied einer italienischen Kaufmannsfamilie, die im 13. Jahrhundert von Genua nach Brügge kam, ließ nach seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land im Jahr 1470 die bereits 1428 begonnene Familienkapelle umgestalten, inspiriert von der Grabeskirche von Jerusalem und seinen persönlichen Erinnerungen und spirituellen Eindrücken.[1]
Architektur und Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nördlich des Kirchenschiffes mit einem Satteldach steht der backsteinerne Chorturm auf rechteckigem Grundriss. Über dem Kirchenschiff bildet er einen quergelagerten oktogonalen Zentralbau, der durch Sandsteinquaderungen an den Ecken und acht Spitzbogenfenster im mittleren Geschoss betont wird. Im Süden sind zwei schmale Türme bekrönt jeweils von Sonne und Mond angefügt. Den Abschluss des Chorturmes bildet eine dreigeschossige sich verjüngende Haubenkonstruktion über einem Umgang, dessen erste zwei Geschosse aus Holz unter einer Kupferkugel gearbeitet sind. Auf der Kupferkugel befinden sich ein Windfang mit Katharinenrad und Palmwedel. Die Kirche ist Teil eines Gebäudeensembles. Gegründet wurde auch ein Witwenstift für zwölf arme Frauen und ein Wohnhaus für die Stifterfamilie. Bei dem Umbau durch Anselm Adornes wurde der Hochchor mit dem Wohnpalast und einem privaten Oratorium verbunden. Das Projekt geriet mehrfach ins Stocken, insbesondere als 1477 nach dem Tod Herzogs Karls des Kühnen Anselm Adornes mit anderen der Korruption beschuldigt, verhaftet wurde und an den Hof des schottischen Königs Jakob III. floh. In seinem in Schottland errichteten Testament 1483 legte er die Vollendung der Jerusalemkirche durch seine Kinder fest. Bis dahin waren die Witwenhäuser, Wohnhaus und die untere Kirche mit dem Kalvarienberg Altar fertiggestellt. Nach Anselms Ermordung durch Aufständische in Schottland 1483 führte sein ältester Sohn Jan, der mit ihm auf Pilgerfahrt gewesen war, die Arbeiten fort, insbesondere die Fertigstellung des Hochchores und der Turmhaube.
Kircheninneres
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Der Innenraum der Chorturmkirche ist in zwei Geschosse geteilt. Im Zentrum des ersten Raumes im Erdgeschoss befindet sich ein Grabmal samt einem schwarzen Gisant von Anselm Adornes und seiner Gemahlin Margareta van der Banck. An beiden Seiten des steinernen Kalvarienberg Altars, führen Treppen zum oberen Geschoss, wo sich ein weiterer Altar befindet. Von den Treppen kaschiert werden zwei Durchgänge zum hinteren Raum im Erdgeschoss der Jerusalemkirche, einer Art Krypta, von der man weiter zum Heiligen Grab gelangt. Am Fuße des Kalvarienberg-Altars sind fünf Reliquien eingelassen.
Sonstiges
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Jerusalemkirche ist eine der wenigen Kirchen Belgiens, die sich im privaten Besitz befinden.
Um 1520 gründete sich in Brügge eine Jersalembruderschaft, der auch der Maler Jan Provost angehörte. Dessen Gemälde Kreuzigung aus dem Groeningemuseum in Brügge ist möglicherweise ein heute zerteiltes Triptychon mit zwei Abbildungen aus dem Leben der heiligen Katharina (Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam und Königliches Museum der Schönen Künste (KMSKA), Antwerpen) und ursprünglich bestimmt für den Altar der Jerusalemkirche, die als Reliquien einen Splitter vom Kreuz und ein Stück Seide der heiligen Katharina bewahrt.[2]
Unmittelbar neben der Kirche, in ehemaligen Stiftungshäusern sowie im früheren Wohnhaus der Familie Adornes, befinden sich die Adornesdomein mit einem Museum und einer Kunstausstellung[3] sowie das Kantcentrum, ein Museum zum Thema Spitze sowie Spitzenateliers.
Die Jerusalemkirche ist Drehplatz einer Szene des Films Brügge sehen… und sterben?. Allerdings wird dort der Eindruck erweckt, es handele sich um die Heilig-Blut-Basilika.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mitzi Kirkland-Ives: "Capell nuncapato Jherusalem noviter Brugis": The Adornes Family of Bruges and Holy Land Devotion, in: The Sixteenth Century Journal, Vol. 39, No. 4 (Winter, 2008), pp. 1041–1064, https://doi.org/10.2307/20479137, https://www.jstor.org/stable/20479137
- Véronique Lambert: The Adornes domain and the Jerusalem Chapel in Bruges, AUP: Amsterdam, 2018, ISBN 978-94-6298-992-4
- Nadine Mai: Jerusalem-Transformationen : die Brügger Jerusalemkapelle und die monumentale Nachbildung der Heiligen Stätten um 1500, Schnell & Steiner 2021, 978-3-7954-3657-5
- Bryony Coombs, Jill Harrison, Giovanna Guidicini (Hg.): Anselm Adornes. Travel, Trade, Cultural Exchange, and Intellectual Networks in Scotland, Bruges, and Jerusalem (Late Medieval and Early Modern Studies), Brepols 2026, gebundene Ausgabe ISBN 978-2-503-61007-8, E-book ISBN 978-2-503-61008-5
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Zur Jerusalemskerk in Brügge als Zitatarchitektur der persönlichen Erinnerung vgl. Jan Pieper, Anke Naujokat, Anke Kappler (Hrsg.): Jerusalemskirchen. Mittelalterliche Kleinarchitekturen nach dem Modell des Heiligen Grabes. Katalog zur Ausstellung. Aachen 2011, S. 16 f.
- ↑ Crucifixion collectie.museabrugge.be/en
- ↑ Adornesdomein. Abgerufen am 21. Juli 2022.
Koordinaten: 51° 12′ 44,7″ N, 3° 14′ 1,3″ O